RAUMFAHRT - 15. Juli 2009

Ein Leben für die Raumfahrt
Interview mit Jesco von Puttkamer

Wie kaum ein anderer Mensch hat Jesco von Puttkamer die Raumfahrt weltweit geprägt und beeinflusst. Er war an vorderster Linie beteiligt am Aufbruch der Menschheit zum Mond und ist aktuell für den Bau und den Betrieb der Internationalen Raumstation ISS zuständig. Zuletzt war er maßgeblich an einer ZDF-Dokumentation zum Thema Raumfahrt beteiligt und hat ein Buch zum 40jährigen Jubiläum der ersten bemannten Mondlandung veröffentlicht.

Herr von Puttkamer, was hat Sie bewogen, an der ZDF-Dokumentation mitzuarbeiten?

Ich hatte vorher aufgrund von vielfältigen Erfahrungen berechtigte Zweifel am Interesse der deutschen Medien an der Raumfahrt. Ich wurde diesbezüglich oft enttäuscht. Es wurde vordergründig immer nur betont, die Raumfahrt sei viel zu teuer und zu gefährlich. Aber das Menschliche kam nie zur Sprache. In Interviews sollte ich immer rechtfertigen, wieso Deutschland nicht dabei ist. Ich sollte solche Fragen beantworten, die dieser Position den Rücken stärken würden. Das war polemisch. Und dann habe ich eines Tages Frau Werth vom ZDF in Cape Kennedy kennen gelernt. Da dachte ich nur „Donnerwetter – Es gibt auch andere Journalisten.“. So entstand die Idee, dass wir vielleicht einmal Menschen die in der Raumfahrt tätig sind, zu Wort kommen lassen, damit dadurch vielleicht etwas herübergetragen wird. Keine Politiker, keine Manager, sondern Menschen zeigen, die etwas tun, damit der Zuschauer sich eine objektive Meinung gegenüber der Raumfahrt bilden kann. Es ist eine Art „Graswurzelbewegung“ von Unten, um Sensibilität für dieses wichtige Thema zu erzeugen.

Was macht für Sie persönlich den Reiz der Raumfahrt aus?

Ich stamme aus der Kriegsgeneration und sah als Kind das brennende München. Ich habe damals viel SF gelesen und dachte, dass es auch positive Zukunftsvisionen gibt und die hängen von einem selber ab. In jeder positiven Zukunftsvision kam die Raumfahrt vor. Die Raumfahrt war eine Systemöffnung. Das geschlossene System, die Box, in der wir sitzen, besteht aus Land, Wasser und Luft. Doch dieses System muss man öffnen, um nicht in Stagnation zu verfallen. Wir können uns weiter um unsere Kinder und die Umwelt kümmern, aber wir stagnieren geistig. So hat mir die Idee der Raumfahrt die geistige Befreiung gegeben. Es ist ganz simpel. Wenn ich die Tausenden Menschen sehe, die beim Shuttle Start vor Begeisterung jubeln, dann habe ich mich gefragt wieso. Das ist so, weil der Mensch darin einen Akt der Selbstbefreiung sieht. Heraus aus der ganzen Misere. Wir können es, wenn wir es nur wollen. Man sieht, es sind ja ganz normale Menschen, die da mitarbeiten, vielleicht später auch einmal meine Kinder. Da dachte ich mir, da muss ich einsteigen. Wenn ich mich heute so sehr in Deutschland für dieses Thema engagiere, so ist es für mich auch eine Art Bringschuld.

Ich habe eine gute Ausbildung in Deutschland genossen. Dann wanderte ich in die U.S.A. aus, wurde Amerikaner. Jetzt komme ich zurück und möchte hier, bevor ich von Dannen ziehe, wie der Psalmist sagt, vielleicht auf diesem Gebiet noch einen kleinen Erfolg sehen. Gerade in Deutschland. Deutschland ist das Zugpferd in Europa welches die anderen Länder mitziehen kann. Deutschland könnte federführend wirken und den anderen Ländern sagen: „Wir machen was. Es tut nicht weh, aber wir führen in unseren Kulturen den Begriff der Raumfahrt, vor allem die Ikone Mars, als salonfähig ein. Das kann sich auch auf die Werbung beziehen. Da kann der „Bäcker an der Ecke“ ein großes Bild des Mars im Schaufenster hängen haben. Wenn dann die Kinder daran vorbeigehen und das Bild sehen, dann sagen sie: „Mama, lass und unser Brot bei diesem Bäcker kaufen, dieser Mann ist zukunftsfreudig.“ Nur so, mit diesen kleinen Schritten, kann es anfangen.


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Prof. Dr. Diplom.-Ing. Jesco von Puttkamer, geb. 1933, arbeitet als Raumfahrtwissenschaftler an der Realisierung der Internationalen Raumstation ISS und seit 2004 am langfristig angelegten Mond-Mars-Programm der NASA. Für seine Tätigkeit hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. für seine Mitwirkung an der Saturn-V-Mondrakete und an dem Apollo- und Skylab-Programmen. Er ist erfolgreicher Autor zahlreicher Sachbücher zum Thema Raumfahrt.

Herr von Puttkamer, Sie sind ein ausgewiesener Experte für den Planeten Mars und haben bereits zahlreiche Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Worin liegt die Bedeutung dieses roten Planeten für die Zukunft der Menschheit?

Wir hatten das große Glück, in unserem Sonnensystem eine Welt zu finden, die eine Lebensmöglichkeit bietet. Der Mars hat eine dynamische Oberfläche mit Formationen, die darauf hinweisen, das sich dort einstmals enorme Mengen von Wasser befunden haben. Die Frage ist immer gewesen, wo das Wasser hingegangen ist. Diese Frage haben wir nun beantwortet. Das Wasser befindet sich gefroren unter Erde und vielleicht sogar flüssig auf dem Mars. Wir sehen neuentstandene Stromformationen. Also hat der Mars Wasser. Und wo Wasser ist, da ist auch Leben. Vielleicht nur in Form von alten Fossilien. Doch wenn wir diese finden, dann wirkt dies auf alle unsere Wissenschaften erneuernd. Es werden neue Ideen und wissenschaftliche Disziplinen geboren, neue Berufe entstehen. Nicht nur Biologie, sondern Marsbiologie. Studenten werden weltweit neue Aufgaben bekommen. Die Wirtschaft wird expandieren.

Es wird genauso befruchtend wirken wie damals das Apollo-Programm damals in den U.S.A. Allerdings in einem viel größeren Maßstab. Es wird die Welt beeinflussen und für sich einnehmen. Deswegen ist der Mars ein Jahrtausendprojekt., an welchem sich die Menschheit über Jahrzehnte und Jahrhunderte orientieren wird. Der Mars ist ein ferner Leitstern. Dorthin gehen wir. Es muss kein Crashprogramm sein. Vielmehr bedarf es der Idee, das wir eines Tages dort sein werden und der Frage, was wir heute bereits dafür tun können. Damit gibt man der Jugend weltweit eine Perspektive. Dadurch entsteht für die Jugend die Möglichkeit, eines Tages selber in die Raumfahrt zu gehen und daran mitzuarbeiten. Aus diesen Gründen ist der Mars wichtig für mich. Der Mars ist ein Zugpferd, ein Magnet, ein strahlender Leitstern. Der Mond ist tot Aber trotzdem ist es gut, dass wir den Mond haben. Wir wären unter Kennedy niemals direkt zum Mars geflogen. Der Mond war genau richtig. Es wäre schön, wenn wir zwei Monde hätten. Dann könnten wir jetzt zum zweiten Mond fliegen.

Nun wird es vor der bemannten Mission zum Mars zunächst zum Mond gehen.

Eine Zwischenstation ist schon etwas gutes und sinnvolles. Nehmen wir nur die Ingenieure, mit denen ich heute zusammenarbeite. Es sind alles junge Ingenieure, deren Selbstvertrauen durch das Mondprogramm entscheidend gestärkt würde. Sie werden dann in der Folge das Jahrtausendprojekt Mars viel besser angehen können. Zudem kann man beim Mond den eher ängstlichen Nationen zeigen, dass es nicht viel kostet und sich eine Teilnahme lohnt und der Mars im Hintergrund lockt. Der Mond ist ein „Türöffner“.

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden immer wieder Stimmen laut, die sich dafür aussprechen, die bemannte Raumfahrt zugunsten der unbemannten Raumfahrt abzuschaffen. Schließlich könnte man die Entdeckung des Weltraums auch mit unbemannten Sonden und Robotern erledigen.

Zuerst einmal sind die Kosten der Raumfahrt gar nicht so ungeheuer hoch, wie immer kolportiert wird. Zum zweiten sind auch die Kosten der unbemannten Raumfahrt hoch, da man teure Roboter entwickeln und bauen muss. Nehmen wir einen Wissenschaftler auf dem Mars, der Untersuchungen und Experimente durchführt. Wenn ich einen Roboter entwickle und baue, der die gleichen Aufgaben durchführen soll, wäre das technisch gar nicht machbar. Niemand kann ein Gehirn entwickeln, dass so gut ist wie das menschliche Gehirn. Ferner wäre für die Erkundung des Mars nicht nur eine Sonde notwendig, sondern eine Vielzahl von Sonden. Das bedeutet in der Praxis, der Preis geht sofort hoch und es wird genauso teuer. Es ist heutzutage nicht mehr ein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“. Es gibt Dinge, die man unbemannt besser machen kann. Es gibt jedoch auch Dinge, die man nur mit einer bemannten Mission leisten kann. Man denke nur an die Mission zum Hubble-Teleskop. Das hätte ohne Menschen gar nicht gemacht werden können. So profitiert die unbemannte Raumfahrt von der bemannten Raumfahrt und umgekehrt.

Zum Schluss eine Frage zur Zukunft der Raumfahrt. Die VR China hat verfügt über ein sehr ambitioniertes Raumfahrtprogramm. Wie sehen Sie da die zukünftigen Entwicklungen?

Die Lage gestaltet sich folgendermaßen. Die VR China ist bereits bezüglich einer Zusammenarbeit inoffiziell an uns herangetreten. Sie sind jedoch bemüht, aus eigenem Ehrgeiz heraus erst einmal selber eigene Grundlagen in der Raumfahrt zu schaffen und sich zu erarbeiten. Damit sie später nicht am Verhandlungstisch sitzen und sich wie der „kleine Bruder“ fühlen müssen. Deswegen wollen sie jetzt zeigen, was sie können. Aber in der Zukunft, früher oder später, kommen sie zu uns. Daran besteht kein Zweifel.

Also steht der Menschheit kein neuer Wettlauf zum Mond bevor?

Nein, auf keinen Fall. Mann kann sich heute nichts mehr damit beweisen, dass man etwas besser kann. Bei Ideologien schon, aber diese Zeiten sind längst vorbei.

Herr von Puttkamer, wir bedanken uns für das Gespräch –
und wünschen Ihnen viel Erfolg für die Zukunft.

Das Gespräch führte Richard-Heinrich Tarenz

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