23. September 2009
Antinormisten
Depressionen
Als erste Interview-Partnerin möchte ich Euch Sabine Engelhardt vorstellen. Bei meiner Recherche zu diesem Thema bin ich auf ihre Homepage atari-frosch gestoßen, die ich allen ans Herz legen möchte, die sich für das Thema interessieren. In Anlehnung an meine letzte Kolumne, greife ich mit Ihr das Thema Depression noch einmal auf. Neben meinen Fragen hatte Sabine zwei sehr wichtige Vorbemerkungen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.
1. „Ich habe aus Kontakten zu anderen Betroffenen die Erkenntnis gewonnen, dass keine Depression wie die andere ist. Die Symptome können sich bei unterschiedlichen Leuten teils massiv unterscheiden. Das kann man sich wie ein modulares System vorstellen: Der Kern ist die Krankheit Depression mit vielleicht noch ein paar wenigen Symptomen, die (fast) alle Patienten früher oder später kennen lernen. Je nach psychischer / physischer / genetischer Anfälligkeit und sozialem Umfeld sowie Erziehung bekommt jeder sozusagen eine andere Modul-Kombination und reagiert außerdem anders auf Therapien und Medikamente. Somit sind meine Antworten, die sich direkt auf die Depressionen beziehen, nicht generalisierbar!“
2. „Chronische Depressionen scheinen üblicherweise in Phasen aufzutreten. Bei mir sieht das mittlerweile so aus, dass die Krankheit irgendwie immer "da" ist, aber sich die Symptome je nach Phase verändern, verstärken oder abschwächen. Gleiches sehe ich auch bei anderen Menschen mit chronischen Depressionen.
Zu welcher Zeit sind die Depressionen in Dein Leben getreten, kannst Du Dich daran erinnern?
Schwer zu sagen. Die akute Version habe ich seit Februar 2002, insofern gibt es da schon einen konkreten Zeitraum. Allerdings vermute ich aufgrund von Symptomen, dass ich schon wesentlich früher mit leichteren Versionen zu tun hatte, ohne davon zu wissen. Ich gehe für die weiteren Fragen jetzt aber mal von der Depression ab 2002 aus.
Gab es Vorboten der Depression?
Nein.
Kannst/möchtest Du uns einen Auslöser nennen?
Kurz vorher hatte ich nach längerer Arbeitslosigkeit ein Angebot für eine selbständige Beratertätigkeit bekommen, für die ich auch geschult werden sollte und teilweise wurde. Aber noch während der Schulung hieß es, man halbiert die Gruppe, und ich war bei denen, die gehen mussten. Eine Begründung gab es nicht. Nahezu zeitgleich erklärte mein Noch-Ehemann, von dem ich mich knapp anderthalb Jahre vorher getrennt hatte, dass er keinen Unterhalt mehr zahlen könne. Um diesen Unterhalt hatte ich hart gekämpft und war dann noch vom eigenen Anwalt über den Tisch gezogen und gepfändet worden. Direkt nach der Trennung und meinem Umzug nach Düsseldorf hatte mir ein Angestellter des Sozialamtes bereits offen und explizit die Grundrechte abgesprochen, und ich hatte auch sonst nicht gerade Freude an der Arbeit dieser Behörde. Ich habe richtige Angst-Attacken bekommen, als klar wurde, dass ich mit dem Laden wieder zu tun haben würde. Das Arbeitsamt war dagegen harmlos; die sagten mir nur, dass sie mich bereits abgeschrieben haben. Das ist zwar nicht sonderlich tröstlich, aber wenigstens verlangten sie nicht übermäßig (und teils unrechtmäßig oder mehrfach) Unterlagen wie das Sozialamt.
Wie bist Du anfangs damit umgegangen?
Anfangs ist es eher mit mir umgegangen. Ich war fast drei Monate lang wie innerlich gelähmt; obwohl ich neue Anträge hätte stellen müssen, war ich zu nichts fähig. Und auch danach war es erstmal schwierig wieder am Leben teilzunehmen. Ich habe versucht, Erklärungen zu finden; dass der Zustand trotz der Situation nicht normal ist, war mir schon klar aber ich hatte kein Worte dafür. Teilweise fühlte ich mich schuldig, weil ich nichts mehr auf die Reihe bekam.
Wie sind Deine Mitmenschen damit umgegangen, dass Du depressiv bist?
Die meisten haben sich leider gar nicht die Mühe gemacht zu begreifen, dass ich da ein großes Problem habe. Sie merkten nur, ich kann nicht mehr so wie vorher, ich werde unzuverlässig, brauche länger, bin oft nur schwer zu erreichen (weil ich in sehr schweren Phasen in einen späten Tagesrhythmus falle) und habe "schlechte Laune". Besonders in einer Organisation fiel das auf, in welcher ich einige ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen hatte. Als Arbeitslose hatte ich ja genug Zeit dafür. Plötzlich funktionierte ich halt nicht mehr so, wie man das vorher von mir gewohnt war und das gab teilweise richtig Stunk. Einige Wenige akzeptierten einfach, dass ich ein Problem habe, ohne dass sie helfen konnten.
In den Jahren 2002 bis 2005 habe ich meinen Bekanntenkreis erheblich umgekrempelt. Diejenigen, die mir aus Ignoranz noch mehr weh taten, habe ich aus Selbstschutz schlicht aus meinem Leben gekickt. Nur beim Sozialamt, das sich wirklich alle Mühe gab die Situation noch wesentlich zu verschlimmern, ging das leider nicht.
Nur ein paar Stichworte: Unterlassene Hilfeleistung, keine Informationen über zusätzliche Hilfsmöglichkeiten, zwei über Monate verschleppte Verfahren, davon einmal komplett "verschwundene" Akte (auf dem Amtsweg vom 5. in den 3. Stock desselben Gebäudes, wer's glaubt ...), vier Monate ohne Strom und Warmwasser sowie Telefonanschluß, schließlich Verlust der Wohnung und durch all das aufgehäufte Schulden. Sie müssen gleich gemerkt haben, dass ich mich nicht wehren kann und zeitweise völlig handlungsunfähig war und haben das voll ausgenutzt. Dass ich nicht auf der Straße gelandet bin, habe ich Freunden zu verdanken; dem Amt war völlig egal, was aus mir wird.
Welche Einschränkungen im Leben hast Du wahrgenommen?
- Die sogenannte "Antriebsschwäche" (ich finde
den Ausdruck viel zu harmlos, ich sage da lieber "innere Lähmung");
zeitweise geht das so weit, dass ich meinen Haushalt nicht mehr führen
kann. Wenn es so heftig
kommt, dann kann ich auch keine Hilfe mehr holen, niemanden anrufen etc.
Allerdings gibt es da mittlerweile mit einen guten Freund, der ebenfalls
betroffen ist, eine Vereinbarung: Wenn sich einer von uns eine gewisse Zeit
lang nicht online gemeldet hat, ruft der jeweils andere an.
- Konzentrationsstörungen. Das geht in schwereren Phasen so weit, dass ich von einem Text einen Absatz lese und spätestens wenn ich beim nächsten Absatz bin, vom Inhalt des vorherigen nichts mehr weiß.
- Mangel an ... hm, wie nenne ich das am besten? -- mentaler Kondition. Ich kann an einer Sache nur eine gewisse Zeit "dranbleiben", dann bricht mir die Konzentration weg. In guten Zeiten kann ich auch an anspruchsvolleren Aufgaben durchaus bis zu fünf Stunden lang arbeiten, aber häufig habe ich leider nicht so viel Energie.
- Ich habe nahezu völlig die Fähigkeit verloren, Leistungs- oder Zeitdruck auszuhalten. Unter Druck breche ich schlicht weg.
Durch die obigen Einschränkungen bin ich auch nicht mehr erwerbsfähig, was das negative Selbstbild und damit die Krankheit natürlich noch verstärkt. Die Gesellschaft macht mir damit klar, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Auch wenn mir der Effekt bewusst ist und ich rational sagen kann: doch, ich bin noch etwas wert, haut das emotional doch ziemlich rein.
- Emotionale Mängel. Freude empfinden oder Lob/Komplimente annehmen zu können, ist zu einer absoluten Seltenheit geworden. In schwereren Phasen gibt es dazu noch einen bösen Effekt: Lob oder Komplimente bereiten mir psychische Schmerzen. Es ist ganz schwer, diese Wirkung anderen Leuten verständlich zu machen.
- Umgekehrt kann ich negative Erfahrungen praktisch nicht abfangen. Drohbriefe von einer Behörde oder von Gläubigern etc. genügen, um mich völlig fertig zu machen.
- 2004 war ich monatelang suizidal. Das ist ein wirklich grauenhafter Zustand, den man niemandem wünschen möchte. Zum Glück habe ich das seitdem nicht nochmal durchleben müssen.
- Je nach Phase kann ich keine Menschen um mich ertragen. Ein Einkauf im Supermarkt wird dann zur psychischen Schwerstarbeit.
- Schwere Phasen machen sich auch körperlich bemerkbar. Ich wohne derzeit im 5. Stock ohne Aufzug, und in den schweren Phasen komme ich kaum die Treppen rauf.
- Schlafstörungen. Einschlafen dauert lange, und ich schlafe kaum eine Nacht durch. Der Tagesrhythmus ändert sich mit der Schwere der Depressionen: Je schlimmer es ist, desto weiter komme ich in die Nacht. Zwangsweise Umstellungsversuche auf einen "normalen" Tagesrhythmus gehen kurzfristig scheinbar gut, aber nach ein paar Tagen wird es umso schlimmer. Wenn es mir besser geht, pendelt sich der Tagesrhythmus wieder von alleine ein; die Schlafunterbrechungen jedoch bleiben.
Insgesamt bedeutet die Depression für mich einen wesentlichen Verlust an Lebensqualität.
Wie bist Du Dir bewusst geworden, dass Du Depressionen hast?
In diesem Punkt hatte ich wirklich Glück gehabt: Ich administrierte damals gelegentlich den Praxis-PC einer psychologischen Psychotherapeutin und die habe ich dann einfach mal gefragt, ob sie mir sagen kann was mit mir los ist. Das müsste dann so im Mai 2002 gewesen sein. Sie war dazu bereit sich meine Probleme anzuhören, und von ihr bekam ich die Diagnose Depression, "vermutlich mittelgradig". Später wurde das dann durch Ärzte auf chronische mittelgradige bis schwere Depression konkretisiert.
Das hat mich in gewisser Weise erleichtert, für meinen Zustand einen Begriff zu haben. Zu wissen, es ist eine Krankheit, vielleicht sogar eine behandelbare und nicht Faulheit oder was auch immer. Mit einer Diagnose, so dachte ich damals, gibt es vielleicht auch einen Weg der Sache nachzugehen, etwas dagegen zu unternehmen. Vorher hatte ich überhaupt keinen Ansatzpunkt.
Andere Leute haben da weniger Glück. Sie gehen mit ständigen Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Magenproblemen zum Hausarzt, und der verschreibt entsprechende Mittelchen. Auf diese Weise können Depressionen über Jahre unerkannt bleiben.
Was hast Du getan um damit umgehen zu können?
In den ersten Jahren habe ich einfach versucht mich allein durchzuschlagen, soweit ich dazu überhaupt in der Lage war. Ich wußte nicht, wo ich ansetzen sollte. Eine Gesprächstherapie mit der oben erwähnten Psychotherapeutin verlief ergebnislos, weil ich mit ihr diesbezüglich nicht warm wurde; ein guter Draht zwischen Therapeut und Patient ist extrem wichtig, wichtiger sogar noch als die Art der Therapie. Es blieb dann bei der PC-Administration.
Ich rief hier und da bei anderen Psychotherapeuten an und erfuhr von Wartezeiten zwischen drei und zwölf Monaten -- um dann vielleicht festzustellen, dass sie auch nichts für mich sind. Konkret habe ich es dann bei gar keinem probiert; in solchen Zeiträumen konnte ich in dieser Zeit überhaupt nicht vorausdenken oder gar -planen.
Waren Ärzte oder Tabletten ein Thema für Dich?
Ja, beides. Leider.
Zuerst probierte ich es im Herbst 2003 bei einem niedergelassenen Psychiater. Der verschrieb mir ein Medikament und warf mich dann so halb wieder raus; für mehr habe er keine Zeit. Ich böse Kassenpatientin muss wohl sehr gestört haben. Das Medikament verschaffte mir sechs Wochen lang, bis ich es absetzte, nichts weiter als massive Verstopfungen.
Im Juni 2004, also als ich schon ein paar Monate lang suizidal gewesen war, hatte ich mich in einer Klinik in der Nähe von Düsseldorf um einen Therapieplatz auf einer speziellen Depressionsstation beworben, aber die Aufnahmeärztin dort wollte mich unbedingt in eine Abteilung für allgemeine Psychiatrie stecken. Von einem Arzt dieser Station wurde ich aber bereits vorab telefonisch dermaßen schlecht behandelt, dass ich die Idee wieder fallenließ.
Nach dieser Abfuhr am Telefon war ich so fertig, dass mich ein Freund direkt in eine Düsseldorfer Psychiatrie brachte. Dort wurde ich mit Beruhigungsmitteln abgefüttert und quasi in einer Akut-Abteilung geparkt. Gekümmert hat sich außer mal dem Seelsorger keiner, es war den ganzen Tag über laut, die Station war zu 50 % überbelegt, und ich war wirklich kurz vorm Abschuss. Erst nach 14 Tagen auf dieser unmöglichen Station und nach einem Wochenende im Hungerstreik (ich wollte einfach nichts mehr essen, die psychischen Schmerzen waren unerträglich) wurde ich auf eine ruhigere Station verlegt und nach etwa sechs Wochen dort auf eine offene.
In dieser Zeit bekam ich erst eines, dann zwei und schließlich drei teure Medikamente, die mir nichts weiter brachten als heftige Nebenwirkungen: Verstopfung, Gewichtszunahme (ich bin schon so kein Leichtgewicht, aber das war dann doch zu viel), und emotionale Abgestorbenheit. Dass die erwünschte Hauptwirkung auch nach Monaten nie eintrat, hat die Ärzte nicht interessiert bzw. nur zu Dosis-Steigerungen animiert. Die Pharma-Industrie hat aber bestimmt gut dran verdient.
Gegen das süchtig machende Sedativum (Beruhigungsmittel) Tavor musste ich mich immer wieder wehren, das wurde mir angeboten wie sauer Bier, als ob sie dafür Provision kassieren würden. Ich bekam zu hören, wegen der Abhängigkeit bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen, "wir haben auch eine gute Entzugsabteilung". Na danke.
Monate nach der Entlassung und etwa ein Jahr nach der Einlieferung setzte ich alle Medikamente ab, weil ich des Übergewichts nicht mehr Herr wurde. Knöchel, Knie und Hüfte schmerzten nach wenigen Schritten. Nach dem Absetzen dauerte es etwa nochmal ein Jahr, bis ich mein vorheriges Gewicht wieder erreicht hatte; ich hatte von dem Zeug 17 kg zugenommen. Kommentar der Ärzte: "Machen Sie halt mehr Sport." Oder zu deutsch: "Interessiert uns einen Dreck."
Ach ja, und ansonsten gab es in der Klinik seltsame Gruppentherapien, deren Zweck mir keiner erklären konnte und der mir auch sonst verborgen blieb (außer vielleicht das Training von Befehl und Gehorsam, das klappt bei mir aber schon prinzipiell nicht). Die Ergotherapie beispielsweise bot ausschließlich Basteleien, die mich an den Kindergarten erinnerten. Andere Interessen wurden abgebügelt: "Das geht hier nicht."
Später probierte ich es dann mal noch bei einem niedergelassenen Psychiater und Psychotherapeuten aber der hatte nichts besseres zu tun, als mir ein paar seiner Visitenkarten in die Hand zu drücken und mir zu sagen, ich solle ihm gut zahlende Privatpatienten "besorgen".
Bei einer zufälligen Gelegenheit erfuhr ich von einem Psychotherapeuten, dass er keine Kassenpatienten mehr haben wolle, "weil die nur über ihre Armut jammern". Ohne Worte.
Wenn ja, was hältst Du heute davon?
Weiträumigen Abstand.
Psychiatrische Kliniken sind für mich tabu. Wer versucht, mich da nochmal reinzubringen, muss damit rechnen, dass ich mich mit aller Gewalt wehre und in der Klinik den größtmöglichen Schaden anrichte. Da kenne ich kein Gewissen.
Medikamente haben sich bei mir als nutzlos erwiesen, und ich halte nichts davon, weiter damit herum zuprobieren. Ich bin kein Versuchskaninchen der Pharma-Industrie.
Psychiater sind gut für Diagnosen und Atteste, aber auf keinen Fall für Therapien irgendwelcher Art. Atteste sind ansonsten ja so ein Hobby vom Sozialamt. Nichts geht ohne Attest, man lügt ja sonst bestimmt.
Was bedeutet die Depression heute für Dich?
Eine krankhafte Auswirkung dessen, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die sie nicht verwerten kann (oder glaubt, nicht verwerten zu können). Wer keine regulär bezahlte Arbeit bekommt, wird mit Repressionen überzogen und bekommt klargemacht, dass er keine Grundrechte mehr hat und somit nur noch gesellschaftlicher Abfall ist. Da können Menschen ja nur noch krank werden.
Die Depression für sich genommen wäre für mich mittlerweile ertragbar. Ich habe meine eigenen Methoden gefunden, mit den schwereren Phasen fertig zuwerden, abseits von allen seltsamen Therapien und Medikamenten.
Das Problem sehe ich jedoch in der Wechselwirkung zwischen willkürlichen Maßnahmen des Repressions-, ähm 'tschuldigung, Sozialamtes und der Krankheit bzw. den Auswirkungen der Repressionen auf meinen Zustand. Dadurch, dass ich von dort immer wieder Druck bekomme und doch auf diese Behörde nicht verzichten kann, weil ich dann sofort wieder meine Wohnung verlieren würde, komme ich da nicht mehr raus.
Kannst Du ihr irgend etwas nicht negatives abgewinnen?
Wenn man das so sehen will ...
Ich habe dadurch ein paar Erkenntnisse gewonnen.
Jeder Mensch hat aus sich heraus einen Wert. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass Politik und Massenmedien den Menschen, die keinen Arbeitsplatz haben, diesen Wert aberkennen. Dazu haben sie kein Recht. Indem sie das tun, brechen sie das Grundgesetz.
In unserem Wirtschaftssystem kann man seine Grundrechte nur wahrnehmen, wenn und solange man dazu in der Lage ist, ein gewisses Einkommen zu generieren (womit auch immer). Damit Grundrechte wirklich für alle da sind, muss es meiner Meinung nach ein staatliches bedingungsloses Grundeinkommen geben. Ohne ein solches gelten die Grundrechte nicht für alle, und das geht einfach mal gar nicht.
Das heißt nicht, dass Arbeit nicht anständig bezahlt werden sollte, im Gegenteil! Aber von Vollbeschäftigung im klassischen Sinne sollte heute wirklich keiner mehr träumen, wohl aber davon, die Kreativität aller Menschen zu nutzen und alle soweit wie nur möglich in die Gesellschaft einzubinden -- und zwar ohne Zwang. Jeder kann etwas tun, und es gibt genug zu tun. Aber nicht alles wird bezahlt. Warum? Weil es keinen finanziellen Gewinn abwirft. Gesellschaftlicher und sozialer Gewinn spielen heute keine Rolle mehr, Geld geht vor Menschen. Die Existenzangst derer, die aussortiert wurden und werden, zerstört erst ihre Kreativität, dann ihre Gesundheit. Das muss sich ändern.
Ich danke Dir für diese ausführlichen Antworten und dass Du den Lesern einen Einblick in die Depression gegeben hast. Sicher sind Depressionen nicht generalisierbar, wie Du ja anfangs bemerkt hast. Für jene aber, die sich unter dieser Krankheit nichts vorstellen konnten wird sich jetzt ein Bild abzeichnen und jene, die Depressionen aus eigener Erfahrung kennen, werden sich in deiner Erzählung wieder finden.
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