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Melancholisches
Rap-Spektakel Viele hatten es schon vermutet: durch das neue Album konnte man es sogar erahnen und vor dem Konzert hatte Samy Deluxe es auch noch einmal betont. Die neue Tour ist etwas ganz besonderes und wird viele Fans zum Nachdenken anregen. Doch eins ist unverändert geblieben: Live hat Samy Deluxe einfach richtig Power!
Über zwei Stunden verwöhnten „Samy Deluxe“, „Afrob“ und die „Tsunami Band“ ihre Rap-Fans vom Rhein. Der zweite Teil der Tour 2009 „Dis wo ich hinkomm“ startete am 25.11.09 in der gut gefüllten „Live Music Hall“ in Köln. Den Support von „Samy Deluxe“ übernahm, wie während der gesamten Tour, „Afrob“. Der Stuttgarter Rapper, aus dem Schoß der „Kolchose“, hat sich ebenfalls schon vor 10 Jahren mit dem Album „Rolle mit Hip Hop“ in der Szene etabliert. Mittlerweile ist es etwas ruhiger um den Schwaben geworden. Sein Support während der Tour ist aber kein Zufall: „Afrob kenne ich ja schon lange und wir sind gute Freunde und haben auch schon ein Album gemeinsam gemacht. Da habe ich ihn gefragt, ob er Bock darauf hat. Und er hat sofort JA gesagt. So kamen wir dann für diese Tour zusammen“, erklärt Samy im Gespräch vor dem Konzert. Doch wer „Afrob“ aus seinen alten Zeiten kennt, weiss das es nicht nur bei einem Support bleiben wird. Dieser heizte die Menge über 30 Minuten an und gab schon fast sein eigenes Konzert. Die Fans waren überwältigt und als der gebürtige Italiener „Reimemonster“ zum Besten gab, waren sie endgültig bereit für „Samy Deluxe“ . Zum ersten Mal kam in Köln, bei einem Konzert von „Samy Deluxe“, eine Live-Band auf die Bühne, bevor sie der Künstler selbst betrat. Die „Tsunami Band“, eine zumindest optisch gesehen, Mischung unterschiedlichster Charaktere - unterschiedlicher könnten sie fast nicht sein - zeigte den Fans schon mit den ersten Tönen, worauf sie sich an diesem Abend freuen durften. Der Einstieg war gewaltig. Samy kam mit „Dis wo ich herkomm“, dem Titel des gleichnamigen Albums, auf die Bühne und haute die Fans gleich vollkommen aus den Socken. Das Arrangement mit der Live-Band schien zu 100% bei den Rap-Fans anzukommen. Es deutete alles darauf hin, ein toller Abend, voller Power, harten Reimen und geilem Sound zu werden. Doch die Party-Stimmung kippte.
„Das ganze Album ist ja sehr thematisch, und ich finde es irgendwie komisch, in so einem Thema-Album, bei dem es wirklich auch um die Texte und die musikalische Umsetzung geht, zwischendurch so einen Party-Song reinzubringen“, gab Samy Deluxe vor dem Konzert schon einmal selbst den Rahmen für den heutigen Abend vor. Und er hielt, was er versprochen hatte. Mit den tiefgründigen Songs über Steuerpolitik, deutschen Kontroll-wahn, seine Mutter, seine Oma oder „Superheld“, das von seinem Sohn handelt, schienen einige Fans live nur schwer umgehen zu können. Sie wollten abgehen und zusammen mit Samy durch den Abend rocken. Doch Samy wiederholte auf der Bühne noch einmal für alle: „Das Ding hier ist dafür da, dass ihr etwas mit nach Hause nehmt und drüber nachdenkt.“ Doch seine Fans schienen sich schon in der Halle schwer über die politischen, gesellschaftlichen und sehr emotionalen Texte ihre Gedanken zu machen. Sie sangen zwar alle, einige sogar mit geschlossenen Augen, lautstark mit, aber die Hände der HipHop-Fans waren kaum noch zu sehen. Es war ein ganz neues Gefühl, was die Fans von „Samy Deluxe“, hier scheinbar vermittelt bekamen.
Eine Erfahrung, die sie auf einem Konzert von dem selbsternannten „besten Rapper Deutschlands“ wohl nicht erwartet hätten. Keine Songs über Joints und Heineken auf der Bühne der Live Music Hall. Dagegen Gesangseinlagen vom Rapper selbst, melancholische Gitarrensoli und einen Weckruf an alle Leute da draußen. „Samy Deluxe“ ist aufgrund seiner Einstellung scheinbar ein neuer Mensch: „Ich kann in der Öffentlichkeit nicht mehr solche Texte promoten. Ich fühle mich dabei einfach nicht mehr wohl. Über die Jahre kamen immer mehr Menschen auf mich zu und haben gesagt, dass sie wegen Songs, wie Grüne Brille angefangen haben zu kiffen. Das war nicht nur meine Schuld, sondern die Schuld der ganzen damaligen Hip Hop-Szene. Ich will aber nicht mehr dafür stehen. Ich finde Gras rauchen ist nichts Schlimmes, aber dieses Kiffer-Image, dass man den Leuten anhängt, das bin einfach nicht Ich. Von einem Kiffer erwartest du einfach, dass er nur abhängt. Und ich habe dieses Jahr alleine so viele Projekte gemacht, dass das nicht das Werk eines Kiffers sein kann. Ich habe einfach keinen Bock mehr, das Ganze auf diesem Level zu promoten und deshalb spiele ich nie wieder Grüne Brille live!“
Und er hielt sich auch daran. Die Fans forderten, nachdem es nach dem melancholischen Zwischenteil, mit fetten Reimen, schnellem Sound und dem lang ersehnten Handtuch-Helikopter weiter ging, immer wieder „alte Sachen“ von ihm, unter anderem auch „Grüne Brille“. Da am Eingang der „Live Music Hall“ aber kein Poster hing, auf dem Wunschkonzert stand, spielte „Samy Deluxe“ eben das, worauf er Bock hatte. Anstelle von „Grüne Brille“ gab es eine atemberaubende Freestyle-Session mit Samy und dem Publikum. Er baute das Publikum so gekonnt ein, dass danach keiner mehr im Raum an seinen oftmals bewiesenen Rap-Qualitäten zweifelte. Nach zwei Stunden Rap auf höchstem Niveau schien der Abend ein Ende zu nehmen. Doch wer „Samy Deluxe“ live schon einmal gesehen hat, weiß, dass es beim regulären Programm nicht bleibt. Zwei Zugaben, eine Soloeinlage der „Tsunami Band“ und ein gemeinsamer Auftritt von Samy und Afrob zum Schluss machten den Abend zu einem unglaublichen Rap-Spektakel. Ob die Rap-Fans einige Gedanken von Samy mit nach
Hause nehmen und sich durch seine Musik „therapieren“
lassen, sei dahingestellt. Aber seine Einstellung hat sich geändert
und dies spürt man nicht nur an seiner neuen Textvielfalt im
Album, sondern auch durch seinen Live-Auftritt, der zu 100% das wiedergibt,
was „Samy Deluxe“ mit seinen neuen Projekten sagen will:
Macht die Augen auf! Bildet euch eure eigene Meinung. Denn einiges
muss sich in Deutschland ändern. Hoffen wir, er ändert seine
Einstellung zur „Grünen Brille“ nicht!
Roman Przibylla
(btb-reporter) |
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