FACETTENREICH
15.09.2010 | JAHRGANG 20 | Nr.
03
Der Fall Sarrazin
Erst vor kurzem ging ein Ruck durch Deutschland.
Schon seit einigen Monaten hörte man immer wieder unflätige
Bemerkungen eines Partei Mitgliedes der SPD. Seine bevorzugte Themen:
Migranten, Hartz IV und Unzulänglichkeiten der Regierung. Mit Distanz
schauten sich die Partei Genossen dieses Treiben an und versuchten wohl,
es zu überhören. Die Rede ist von Thilo Sarrazin.
Als dann das neue Buch dieses pöbelnden SPD Mitgliedes
„Deutschland schafft sich ab“ auf den Markt kam, war das Geschrei
groß. Nun konnte sich keiner aus der deutschen Führungselite
auf den Sitzen halten und sie verkündeten lautstark ihren Unmut,
über diese Frechheiten. Angefangen hatte alles mit Aussprüchen
wie diesen: „“Wer nicht lernt, bleibt unwissend. Wer zu viel
isst, wird dick.” Solche Wahrheiten auszusprechen, gilt als politisch
inkorrekt, ja als lieblos und eigentlich unmoralisch – zumindest
aber ist es unklug, wenn man in politische Ämter gewählt werden
möchte.“ Und weiter heißt es: „Die Tendenz des
politisch korrekten Diskurses geht dahin, die Menschen von der Verantwortung
für ihr Verhalten weitgehend zu entlasten, indem man auf die Umstände
verweist, durch die sie zu Benachteiligten oder gar zu Versagern werden.“
Mit diesen und ähnlichen Zitaten thematisierte Thilo Sarrazin unbequeme
Wahrheiten der Politik. Von Kollegen erhält er dafür scharfe
Kritik aber sein Buch war bereits am ersten Tag des Erscheinens ausverkauft.
Die Bevölkerung Deutschlands scheint begeistert über so viel
Ehrlichkeit. Unzensiert und ungeschönt. Aber woher kommt dieser Wunsch
nach politischer Kritik? Hauptthema des Buches ist Deutschland das Einwandererland.
Sarrazin wettert über zunehmend ausländische Bevölkerung
und mangelnde Bildung von Personen mit Migrationshintergrund. Vor allem
muslimische Einwanderer sind ihm ein Dorn im Auge, da sie durch ihre Population
den Deutschen in Zukunft den Rang im eigenen Land ablaufen würden.
Außerdem seien viele muslimische Migranten integrationsressistent.
Wahrlich keine netten Aussagen, vor allem über ein so heikles Thema
wie Ausländer. Aber warum gerade dann eine so enorme Resonanz? Um
all diesen Unklarheiten auf den Grund zu gehen, habe ich mich also hingesetzt
und recherchiert. Über die Person Sarrazin, sein Buch, über
Integration und Migranten in Deutschland. Dabei wurde mir klar, was vielleicht
bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Denn in der Integrationspolitik
Deutschlands wurde in der Vergangenheit mehr falsch als richtig gemacht.
Und auch heute bekleckert sich die Regierung nicht mit Ruhm, was den Integrationsprozess
angeht. Denn Lösungen wurden in diesem Bereich weder wirklich gesucht
noch gefunden. Nein, über dieses Thema schweigt man am Liebsten in
der Politik und dieses Schweigen hat gewissermaßen schon Tradition.
Denn nach dem 2. Weltkrieg warb Deutschland Millionen Gastarbeiter aus
Mittelmeerländern an, die halfen das zerstörte Land wieder in
blühende Landschaften zu verwandeln. Doch aus Gastarbeitern wurden
Mitbürger, denn nach der eigentlichen Frist gingen viele nicht mehr
in ihr Heimatland zurück, sondern holten ihre Familien und blieben
in Deutschland. Das machte Deutschland vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland.
Dazu kamen Aussiedler aus Ostmittel- und Südosteuropa, sowie Asylsuchende
bis in die 90er Jahre nach Deutschland. Doch die Politik schien sich zu
weigern, diesen Zustand zu akzeptieren, beziehungsweise ihn wahr haben
zu wollen. So geschah lange Zeit nichts. 1979 wurde ein Dringlichkeitskonzept
zur Akzeptanz der Einwanderungs-situation vorgelegt aber so richtig ernst
schien es wohl niemand zu nehmen. 1980 schwappte noch eine Welle von Asylsuchenden
ins Land was zu Arbeitslosigkeit und Unbehagen in Bezug auf eine konzeptlose
Ausländerpolitik führte. 1982 mit dem Regierungswechsel führte
Bundeskanzler Kohl ein Dringlichkeitsprogramm betreffend der Ausländerpolitik
ein. 1983 trat das Rückforderungsgesetz in Kraft was kaum Erfolg
hatte. Bis 1989 wurde eher milde versucht, als etwas zu bewegen. Erst
als 1989-90 vermehrt rechtsextreme Parteien ins Parlament rückten
wurde das Thema Ausländerpolitik zunehmend zum Mittelpunkt. Erst
dann kam der politische Apparat in Sachen Migration in Bewegung. 40 Jahre
lang wurde geschwiegen, verdrängt, bestenfalls lamentiert über
die Ausländersituation in Deutschland.
2010: 20 Jahre nachdem Integrationspolitik in Deutschland begonnen hat,
scheint die Politik noch nicht klüger geworden zu sein. Denn Thema
ist Migration nur, wenn es um positive Meldungen geht. Negative Meldungen
gibt es in diesem Zusammenhang anscheinend nicht. Die NPD erhält
zwar schon seit einigen Jahren regen Zuspruch aber beim gleichzeitigen
Wachsen der Linkspartei muss man sich darüber ja keine Sorgen machen.
Das gleicht sich schon aus. Es gibt ja auch wirklich wichtigere Themen,
der sich die Kanzlerin stellen muss. Griechenland zum Beispiel oder ganz
aktuell, ihre persönliche Meinung zur Bücherverbrennung in den
USA. Ja, das sind Themen, die machen populär!
Ärgerlich nur, dass sich in unmittelbarer Nähe ein Mann aufhält,
der das alles ganz anders sieht. Dem genau diese Migrationspolitik Gedanken
macht. Aber Gedanken an sich schaden ja noch keinem. Doch mit der Zeit
wird dieser Mann immer frecher. Öffentlich äußert er sich
über den Zustand, der in Einwanderungsdeutschland herrscht. Und das
tut er nicht leise und mit Bedacht, nein er platzt es einfach heraus.
Und schwups hat es auch die Presse mitgekriegt und wirft es allen, die
es noch nicht vernommen hatten, um die Ohren: „Sarrazin: Über
Familienpolitik: „Je niedriger die Schicht, um so höher die
Geburtenrate.“ Oder „Ich muss niemanden anerkennen, der vom
Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder
nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen
produziert.“ Mein Gott, Skandal, was erdreistet der sich? Aber wenn
wir jetzt alle still sind dann denken vielleicht alle, dass es nur ein
Witz war, ha ha. Jaa, so wird’s gemacht! Nicht aufregen einfach
aussitzen. Das schien auch erst zu klappen. Doch plötzlich schallte
es von überall her: „Deutschland schafft sich ab“ das
neue Buch von Thilo Sarrazin. Und das Ganze ging so schnell dass, bevor
es irgendwer gelesen haben konnte, alle schon wussten was drin steht.
Die Presse hatte ja die wichtigen Punkte schnell zusammengefasst. Das
war genug um sich eine Meinung zu bilden.

Und das was die Presse so auf den Punkt brachte reichte aus, um ganz Deutschland
in Aufregung zu bringen. Die Kanzlerin persönlich setzte sich gegen
dieses Schandwerk und den rüpelhaften Schreiberling ein. Aus der
SPD musste er raus, umgehend. Und diesen Posten bei der Deutschen Bank,
nein unmöglich, den konnte er auch nicht behalten.
Flux steht sie ebenfalls vor der Presse, um weltweiblich gekonnt zu verkünden,
dass sie über alles bescheid weiß und sich umgehend darum kümmern
werde. Ziel erkannt und Ziel gebannt!
Aber so schnell wollen sich die Gemüter trotz Angies weiser Worte
nicht beruhigen. Zu aufgewiegelt sind sie jetzt und müssen ja auch
irgendwo hin mit ihrer Wut und ihrem Zorn. Dankbar stellt sich Thilo Sarrazin
selbst zur Verfügung in der Sendung „hart aber fair“.
Bis auf den Moderator und Sarrazin scheinen alle Gäste zu brodeln.
Vor allem natürlich Michel Friedmann und seine Interessen-Nachbarin
Aydan Sevindim. Die schenken dem Schriftsteller nichts aber müssen
feststellen, dass der ruhige fast schüchtern wirkende Mann mit dem
Schnauzbart sich so gar nicht aus der Ruhe bringen ließ. In aller
Ausführlichkeit berichtet er über seine inneren Beweggründe,
führt einzelne Thesen aus und trotzdem man ihm kein großes
rhetorisches Talent zutraut, schafft er es sogar Michel Friedmann auf
seinen Platz zu verweisen.
Man weiß nicht so recht was man von ihm halten soll. Wirklich sympathisch
sieht er nicht aus und richtig gescheit erscheint er einem auch nicht.
Er redet stockend, nuschelt fast und man fühlt sich schnell gelangweilt.
Auch die Belege für seine Ausführungen scheinen nicht wirklich
fundiert. Fast tut er einem leid. Denn nicht nur einmal wird er an diesem
Abend der Unwahrheit seiner Ausführungen überführt. Das
„Juden-Gen“ zum Beispiel. „Völliger Humbug“
sagt er selbst schnell. Er hatte sich da in was hinein geschrieben. Das
habe aber nichts mit der Aussage des Buches zu tun. Und dann seine mit
Eifer verteidigte Aussage, Intelligenz sei zu 50-80% erblich. Das stamme
immerhin von Elsbeth Stern einer renommierten Psychologin. Doch die Redakteure
der Sendung hatten ihre Hausaufgaben gemacht. In einem Einspieler sagte
Elsbeth Stern persönlich, dass Thilo Sarrazin wesentliches über
Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden habe. Aber Sarrazin lässt
sich nicht beirren und bleibt dabei. Das hatte sie gesagt. Punkt.
Was bei dieser Sendung für mich das einzig Wahre zu sein schien,
war seine Aussage über den Grund des Buches. Er habe es zu seinem
eigenen Verständnis aufgeschrieben und anschließend einem Verlag
angeboten. Es mag nicht stimmen aber das habe ich ihm geglaubt. Das habe
ich dieser Person, die da saß genau so abgenommen. Er hat seine
Meinung, vielleicht einen Hang zu wissenschaftlichen Ausführungen
(die wohl nur auf einer laienhaften Grundausbildung beruhen) und wollte
seine Gedanken zu einem Schluss bringen. Es ist das Buch über die
Gedanken eines Menschen, der sich aufregt und genau deshalb ist es meiner
Meinung wichtig. Denn damit hat Thilo Sarrazin die Stimme des Volkes gefunden.
Mit diesem Buch hat er aufgeschrieben und ausgesprochen, was so viele
Bürger schon so viele Jahre denken. Egal ob sie wirklich recht haben,
mit dem was sie behaupten. Aber diese Themen beschäftigen einen großen
Teil der deutschen Bevölkerung. Es macht ihnen Sorgen und sie fühlen
sich nicht ernst genommen. Denn von der Regierung ist zu diesem Thema
keine Stellungnahme zu erwarten. Das war ja schon immer so. Die lässt
geschehen, bis sie etwas wachrüttelt, wie damals 1990. Da mussten
auch erst die Rechtsextremen in den Bundestag einziehen, bis sich was
bewegt hat.
Thilo Sarrazin zielt mit seinem Buch in einen wunden Punkt der deutschen
Bevölkerung, egal welcher Nation. Denn Integration hat von Staatsseite
her nie statt gefunden. Das es mittlerweile zu Missständen gekommen
ist, war unter diesen Umständen unvermeidlich. Die Politik aber scheint
das wenig zu kümmern, dort merkt man davon auch mit Sicherheit nicht
viel. Denn die Betroffenen sind das Volk. Stillschweigend wurde vom Volk
und den Einwandernden erwartet das hin zukriegen. Und das nach einer Ära
des Antisemitismus und des Rassenwahns! Als wäre das die gerechte
Strafe für ein Volk, dass Hitler und die Nazis geduldet hat. Vielleicht
wurde gerade deshalb so lange nichts unternommen in Sachen Integration.
Man hatte ja wieder etwas gut zu machen, der Welt gegenüber und was
könnte besser helfen, als sich als kulantes Einwanderungsland zu
zeigen. Das wäre auch nicht das Problem, sondern es in ungelenkten
Bahnen geschehen zu lassen. Jetzt, über 50 Jahre später versteht
keiner mehr, was denn eigentlich der Grund ist für diesen Unmut.
Es wird nur noch Fremdenfeindlichkeit gesehen und Menschen mit Migrations-hintergrund,
die sich nicht vollständig integriert haben. An das Volk, dass ungewollt
in diesen Zustand gebracht wurde ohne eine Ahnung zu habe, wie mit all
dem zu verfahren ist, denkt niemand.
Und jetzt ist da eben ein Herr Sarrazin der genau diesen Unmut, den so
viele in sich tragen, ausspricht. Ungefiltert und über deutlich.
Viele Bürger jubeln über diese Ehrlichkeit aber die Politik
steht da und tut was sie schon so oft getan hat. Verdrängen und sich
davon distanzieren. Damit haben wir nichts zu tun. Das ist nur ein fehl
geleitetes Schaf unserer Herde und das wird jetzt entsorgt. Zu meiner
großen Enttäuschung hat Sarrazin jetzt tatsächlich das
Handtuch geworfen (jedenfalls bei der Deutschen Bank hat er sein Amt nieder
gelegt). Abgeschoben in eine Schublade des Fremdenhasses und des Märtyrertums.
Und alle atmen auf, schließlich wurde so wieder ein Zeichen gesetzt,
dass solche Ansichten nicht toleriert werden. Den Grund aber hat wieder
einmal keiner erkannt und das Volk wird erneut weder gehört noch
verstanden.
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