FACETTENREICH

15.12.2010 | JAHRGANG 20 | Nr. 16
Pennyroyal Tea

Habe mich in meiner Höhle verkrochen. Nur hier fühl ich mich sicher. Draußen tobt das Leben, es schreit mir regelrecht zu. Ich will´s nicht hör´n! Kann´s nicht mehr hör´n!
Vollkommen allein. Nur so will´s mir recht sein. Menschen.
Familie. Freunde. Sie widern mich an! Was aller Welt Halt gibt, bietet mir nur den Strick.
Lügen, Intrigen, Verrat, Neid, Macht, Gier, Faulheit, all diese Homo Faber. Hab´s satt deren Defizite auszugleichen! Hab´s satt für sie zu fühlen! Könnt kotzen, wenn ich bloß an sie alle denk´! Bin wie ein Junkie, der sein Verderben kennt und es sich jeden Tag auf´s neue holen muss.
Verhungere, verdurste, erfriere, erstarre, verliere alles was mal
schön war im Leben. Hab´s schon längst verloren!
Kauernd in meiner Ecke. Heißer Pennyroyal Tee. Von hier schau
ich raus. Friedlich ist´s da. Natur lebt vor sich hin. Von all dem Leid nichts wissend erschlägt sie mich mit unbändigem Leben. Erinnert mich wieder an meine Schmach. An mein unstillbares Leben. Pumpendes Blut in meinen Adern, gehorsame Synapsen führen jeden Befehl aus. Sehn mich nach Ruhe, nach Schlaf, unendlich viel Schlaf. Das die Verantwortlichkeit endlich aufhört! All dieses Elend, wer soll´s ertragen? Wer könnt´s ertragen? Wann nur ist´s überstanden?
Hät so schön sein können. Hät fleißig sein können, hät´s zu was gebracht. ´s hat nur die Richtung gefehlt. Die Hand, die mich ein Stück führt. Anstatt lauf ich durch Scherben. Verwand fühl ich mich dem Mob, nicht dem braven Bürger.

Das weitet den Blick, doch Wert hat´s keinen. Verstehen kann man dann, nur satt wird man nicht von. Leonard Cohen kann´s, aber den gibt´s schon.
Schwer sind mir die Augen und die Glieder. Schwer liegt mir der Kopf auf den Schultern. Sehn mich nach tiefem Schlaf!
Mein Körper dürstet danach, doch mein Geist dreht sich wie wild. Ein Gedanke jagt den nächsten. Der Verstand versucht zu schlichten, aber es ist unmöglich. Er will am Leben erhalten was längst zum Tode verdammt ist. Der alte Ego ist schlauer, war er schon immer. Hat die besten Argumente, da machst de nix! Im Kopf ist´s düster, schwärzeste Nacht. Kein Licht scheint mehr durch, alle sind sich einig. Noch tut´s weh, ja es zerreist mich schier. Tonlos reiß ich den Mund zum Schrei auf. Es erstickt mich, steckt zu tief, steckt zu fest. Mir versagen die Knie. Fall zu Boden. Kraftlos hock ich da. Tränen füllen meinen Kopf. Noch schwerer
fällt er mir nach vorn.
Hau die Fäuste auf den Stein, den Kopf im Takt mit. Erst kraftlos und zart. Dann übermannt die Wut die Trauer und die Kraft kehrt zurück. Immer härter werden die Schläge, immer öfter schlag ich auf. Es dröhnt im Kopf wie in ´ner Kirchenglocke. Der Druck wird unerträglich. Stärker schlag ich die Fäuste. Die Hände längst Blut überströmt angeschwollen gebrochen. Stärker knallt mein Kopf auf den Stein. Spür nix mehr außer dem Dröhnen im Hirn. Es pocht und trommelt. ´s Leben will raus, endlich raus aus diesem Kerker.
Wut ist ein dankbarer Antreiber. Ihr ist´s egal wenn der Körper rebelliert. Sie peitscht dich weiter. Kurz vor´m Bersten löst sich auch der Schrei. Die Tränen schießen in Fontänen aus den Augen. Unendlich scheint dieser Schrei. Als
könnt er neues Leben entfachen. Weiter hämmer ich auf den Boden bis der Druck endlich entweicht! Üeberglücklich strömt´s Leben aus ihm raus. Endlich erlöst! Endlich hab ich gefunden, was ´s Leben mir wollt vorenthalten!
Nun liegt dort ein Körper, hingestreckt auf dem kalten Stein. Uebersät mit Blut, Hautfetzen, Knochenteilchen. Hände kann man
nicht mehr erkennen. Geschwollene Armstümpfe in denen Knochen stecken.
Der Schädel ist gespalten. Hirn quillt raus, Blut sickert draus hervor. Ein Gesicht ist kaum noch zu erkennen. Doch man erahnt wo Mund und Augen saßen. Ein Lächeln zieht sich über das zersprungene Antlitz, in den Augen der Glanz von schwarzen Sternen.