FACETTENREICH
26.01.2011 | JAHRGANG 20 | Nr.
22
Adieu
Was für den Vogel die Kraft
der Schwingen, das ist für den Menschen die Freundschaft: Sie erhebt
ihn über den Staub der Erde. Zenta Maurina
In eben diesem Sinne, hatte auch ich
eine Freundin. Zwischen dem 13. Und 21. Lebensjahr war sie wohl die wichtigste
Person in meinem Leben! Aus einer Teeny-Freundschaft, die sich aufgrund
von gemeinsamen Interessen und Gedanken aufbaute, wurde im Laufe der Jahre
eine Seele die in 2 Körpern wohnte. Und selbst die trennten sich
nur wenige Meter voneinander. In unserem Wesen grundverschieden, schweißte
uns vielleicht gerade das zu einem grandiosen Team zusammen. Sie war die
Toughe, die abends von zuhause weg lief um ins Jugendzentrum zu gehen
und ich die Brave, die gern früh ins Bett ging. Dazu war ich unheimlich
schüchtern, dass mich kaum einer kannte. Sie dagegen war der Liebling
von allen, die den Jungs reihenweise den Kopf verdrehte. Ihre Eltern waren
sehr streng, meine hatten sich eher für die antiautoritäre Erziehung
entschieden. Kurz, viel gegensätzlicher hätten wir nicht sein
können. Im Laufe der Zeit änderten wir uns unseren Persönlichkeiten
entsprechend aber an unserer Freundschaft änderte sich nichts.
Dieses Gefühl einer Freundschaft, gerade in diesen schwierigen Jahren
der Pubertät, war für mich mit das Schönste was ich erlebt
hatte. Wahre Zuneigung, grenzenloses Verständnis, tiefe Geborgenheit
und nie enden wollender Spaß sind nur einige Worte, die versuchen
diese Beziehung zu beschreiben.
Ich selbst stamme aus einer eher gefühlskalten, rationalen Familie,
in der Wärme und Aufmerksamkeit ein Fremdwort sind. Außer meiner
Oma hatte ich wirkliche, bedingungslose Zuneigung noch nicht spüren
dürfen. Anne zeigte mir, dass selbst ich es Wert war geliebt zu werden.
In diesen Jahren war ich für jemanden wichtig. Ich hatte einen Lebenssinn,
der über meine eigenen Interessen hinaus reichte. Ich erfuhr was
es heißt, nicht allein zu sein!
Mit 18 änderte sich diese ohnehin schon innige Freundschaft. Ich
hielt es zuhause immer weniger aus und blieb einfach immer öfter
bei ihr. Bis ich mehr bei ihr, als in meinem Zuhause war. In ihrem 12
qm Zimmer wohnten wir, schliefen jede Nacht in einem Bett und der einzige
Zeitraum der uns wirklich voneinander trennte, war die Zeit auf der Toilette.
Durch Klassen Kameraden, die ihre Nachbarn waren begannen wir uns von
unserer Mädels Clique zu entfernen. Wir feierten andere Partys und
hatten andere Ideale. Schließlich kam es zum Bruch und so standen
Anne und ich gegen den Rest der Welt. Aber das kümmerte uns nicht.
Im Rückblick erlebe ich diese Zeit wie in einem Märchen. Verklärt
aber wunderschön! Für mich hätte es zu diesem Zeitpunkt
ewig so weiter gehen können.
Aber das tat es nicht! Anne lernte ihren Freund kennen und innerhalb kürzester
Zeit schlief ich alleine in ihrem Bett. Das war nun der Anfang vom Ende!
Wir schworen uns zwar nach wie vor ewige Freundschaft aber wir merkten
beide, wie sehr wir uns voneinander entfernten. Nach einer solchen Innigkeit
ist der Versuch sich nur ein bisschen voneinander zu lösen, fast
utopisch. Vor allem unter diesen Vorraussetzungen! So entfernten wir uns
mehr und mehr voneinander. Später zog sie nach Marburg, ich nach
Köln. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gab es für uns keine
Schnittpunkte mehr.
Vergessen habe ich diese Zeit nie! Auch sie war irgendwie nie weg, sie
lebte nur in mir weiter. In meinem Herzen. Jedenfalls die Anne, mit der
ich einst meine Seele teilte. Die wirkliche Anne war für mich zu
einer Fremden geworden. Nur über Freunde hörte ich ab und an
die Eckdaten ihres weiteren Lebens.
Vor ca. 2 Monaten saß ich im Auto und hörte noch einige Sekunden
eines Liedes, dass ich immer bei Anne gehört hatte. Ich hatte es
seit vielleicht 10 Jahren nicht mehr gehört. Abends setzte ich mich
vor´s Internet und suchte dieses Lied. Ich habe 2 volle Nächte
damit zugebracht, dieses Lied zu suchen und ich behaupte mal von mir,
dass ich ganz gut im recherchieren bin. Doch es half alles nichts, ich
fand es einfach nicht. Auch alle folgenden Versuche blieben ohne Ergebnis.
Irgendwann gab ich es auf, aber vergessen konnte ich es nicht. Somit auch
Anne nicht. Mir fielen wieder all die schönen Dinge ein, die wir
erlebt hatten. Alles mögliche erinnerte mich jetzt wieder an sie.
Für ein paar Wochen war sie wieder mein ständiger Begleiter,
wie vor 8 Jahren. Ein bisschen wunderte ich mich über ihre plötzliche
Allgegenwärtigkeit.
Jetzt erscheint es mir ganz logisch, dass ich mich so mit ihr beschäftigt
habe. Vor 2 Wochen, ich chattete mal wieder mit einem Kumpel aus der Heimat,
fragte er mich nach ihr. Ich konnte ihm nur sagen, dass ich nichts Neues
von ihr wusste. 2 sec. später rief er mich an.
„Ella, die Anne hat sich das Leben genommen gestern Abend.“
Seit dem geht mein Leben zwar nahtlos weiter, aber das tut es nur nach
außen hin. Es ist nicht, dass ich mich gräme oder vor Trauer
zerfließe. Nein gar nicht. Denn so drastisch dieser Schritt ist,
ein Leben gehört immer nur dem Menschen der es besitzt. Und jeder
Mensch hat das Recht, das aus seinem Leben zu machen, was er für
richtig und angemessen hält. Ich finde es unglaublich traurig, dass
sie keinen anderen Weg mehr gesehen hat. Das alles keinen Sinn mehr für
sie gemacht haben muss. Das es nichts Schönes mehr für sie im
Leben gegeben haben muss. Es fällt mir unglaublich schwer mir vorzustellen,
wie aus dem kämpferischen jungen Mädchen ein Mensch werden konnte,
dem sein junges Leben nichts mehr bedeutet. Ein bisschen schäme ich
mich, dass wir keinen Kontakt mehr hatten. Fast fühle ich mich schuldig.
Vielleicht, wenn unsere Freundschaft weiter Bestand gehabt hätte,
wäre alles anders verlaufen. Aber vielleicht auch nicht! Ludwig Binswanger,
ein Schweizer Psychiater und Begründer der Daseinsanalyse, beschreibt
in seinem Buch „Wahrheit und Existenz“ einen Kranken, der
den Sinn des Lebens verloren hat. Dieser sagte:
„Man ist auf der Welt, um den Sinn des Lebens zu finden; das Leben
ist aber sinnlos deswegen will ich mich befreien vom Leben, um zu der
Urkraft zurückzukehren. Ich glaube zwar nicht an ein persönliches
Leben nach dem Tod, sondern an eine Auflösung in die Urkraft.“
Wenn ich es so sehe, dann kann ich es etwas verstehen. Dann fällt
es nicht ganz so schwer Adieu zu sagen, zu einem Menschen, der mir mein
Leben um so viele schöne Stunden, Tage, Wochen, Jahre reicher gemacht
hat!
Anne ich werde Dich immer in meinem Herzen und meinen Gedanken tragen.
Dein Leben ist vergangen aber Deine Energie ist weiterhin hier. Ich hoffe,
dass Dir diese Art des Seins das Glück beschert, was Du Dir gewünscht
hast!
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