FACETTENREICH

09.02.2011 | JAHRGANG 20 | Nr. 24
Besser leben

Die bessere Gesellschaft! Man sollte wohl eher sagen die so genannte bessere Gesellschaft. Denn was macht einen Menschen denn besser? Das er mehr Geld hat, das er ein teureres Auto fährt, in einem Golf Club ist? Hat man dann ein besseres Leben? Weniger Sorgen? Die Medien suggerieren das, aber man kann das wohl ausschließen. Aber was macht denn nun ein Leben besser?

Noch immer wird uns eingebläut, dass Wohlstand ein guter Job, eine Familie das Leben erst lebenswert machen. Und das soll man auch möglichst schnell erreichen. Also am Besten schon, wenn man das 30. Lebensjahr erreicht. Jene die 30 werden und weder das eine noch das andere erreicht haben, fühlen schon schnell mal ausgegrenzt oder nicht vollständig. Manche verzweifeln schier daran, nur weil sie nicht der gängigen Konvention eines besseren Lebens entsprechen. Manche erkennen durch diese gesellschaftliche Norm auch erst sehr spät was ihr Leben wirklich besser macht.
Was heißt "besser leben" denn nun eigentlich in unseren Breiten? Im Internet finde ich dazu Seiten von Fernsehsendern, die unter "besser leben" eigene Sparten anbieten. Die Themen dazu sind Wohnen, Fitness, Schönheit, Kultur, Basteln und Gesundheit. Auch Seiten die sich "besser leben" nennen. Diese bestehen meist aus Vereinigungen zur Änderung der Lebensweise zu gesunden Leben von Körper und Umwelt oder auch solchen, die dazu aufrufen anders zu leben, was die Einstellung angeht. Um es überspitzt zu sagen geht es ihnen darum, dass man sein Leben der Gesundheit oder der Spiritualität widmet. Dann käme der Rest von ganz alleine.
Man lebt also besser, wenn man einem Ideal folgt. Diese Ideale entsprechen bestimmten Grundsätzen, die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts festgesetzt haben in unserer Kultur. Die Definition von "besser" im Duden ist der Komparativ von gut. Als die erste Steigerung von gut. Der Superlativ wäre "am besten". Hieße dann "am besten leben", wenn man die perfekte Wohnung hat, kerngesund oder gänzlich verwurzelt mit Spiritualität ist? Oder sollen mir all diese Infos nur zeigen, womit ich mein Leben anfüllen kann? Was ich gegen meine Langeweile oder meine Unzufriedenheit tun kann?
Ich muss ja gestehen, dass ich mich durch all diese Infos gemaßregelt fühle! Nur wenn ich mindestens eins dieser Dinge befolge, kann ich ein besseres leben führen. Oder ist es einfach so, dass man besser lebt wenn man eins dieser Dinge befolgt?
Ich glaube ja, das mit diesem "besser leben" der Medien vor allem das sich widmen einer Tätigkeit gemeint ist. Wenn man eine Aufgabe hat, dann hat man einen Sinn im Leben. Und dieser Sinn geht über den Sinn der Arbeit hinaus. Er ist mit mehr Persönlichkeit verbunden, macht uns individueller. Das letzte Jahrhundert war wohl das Zeitalter der Individuation, in dem jeder Mensch unserer Kultur zum Individuum wurde. Das will heutzutage eben auch so gut wie jeder zeigen. Das er individuell ist. Ein besseres Leben heißt also auch, durch Individualität besser zu leben. Man kann sich aussuchen, ob man seine Zeit der Gesundheit, der Spiritualität oder materiellen Dingen widmet. Es muss nur eine Aufgabe sein. Die einen bevorzugen kurzweilige Aufgaben, die anderen langzeitige. Ich glaube man kann also auch sagen, ein Hobby macht ein Leben besser, wenn man es nach diesem Maßstab misst. Denn ein Hobby gibt der Zeit ein bisschen mehr Sinn.
Was mir bei den Internet Anzeigen wohl vor allem aufstößt, ist die Ausschließlichkeit der Darstellungen! Nur wenn, dann! Es kommt wohl daher, dass man dazu neigt seine Art des Lebens als die Beste zu empfinden. Also ist das auch für jeden anderen so! So weit ist die Individuation anscheinend doch noch nicht, dass man sie nicht nur sich selbst, sondern auch jedem anderen zugesteht. So kann man vielleicht auch begründen, warum das Leben der Reichen und Schönen als "besseres" Leben gilt. Denn das Reichtum das höchste Gut ist, in unserer Gesellschaft werden die Wenigsten abstreiten. Wie auch? Unser Leben ist nach wie vor maßgeblich bestimmt vom Geld. Nur wer welches hat kann mitreden, ist jemand, hat wonach sich alle anderen die Finger lecken. Statussymbole bestimmen unser Leben, wer keine hat versucht sich seine Geltung über seinen Körper oder über seine Einstellung zu verschaffen. Doch nur weil man viel Geld hat, heißt das nicht, dass man nicht auch nach anderer Geltung verlangt! Im Gegenteil. Auch begüterte Menschen suchen nach Geltung, wollen eine Aufgabe und brauchen einen Sinn. Denn aller Luxus erfüllt nicht! Die Seele eines reichen Menschen ist nicht glücklicher als die eines armen Menschen! Im Leben geht es darum, zu wissen warum man aufsteht, warum sich das Leben lohnt und darum Erfolgsmomente zu haben.
Was meiner Meinung nach ein Leben besser macht, ist zu wissen was man selbst will. Nicht was die Gesellschaft von einem verlangt, sondern was dem eigenen Naturell entspricht. Und wenn man das weiß, wird das Leben am besten. Wenn man danach strebt, zu verwirklichen wonach das Selbst verlangt!