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DVD & BLU-RAY | 17.04.2026

Die jüngste Tochter

Zwischen Glaube, Begehren und Selbstbestimmung entfaltet sich eine leise Revolution. Ein Film, der queere Identität nicht als Tragödie, sondern als Prozess begreift. Zärtlich, präzise und politisch: das Porträt einer jungen Frau im Übergang. Dieser Film verschiebt die Koordinaten des Coming-of-Age-Kinos.

von Franziska Keil


© Kathu studio Arte France mk2

Mit „Die jüngste Tochter“ gelingt der Regisseurin Hafsia Herzi ein bemerkenswert fein austariertes Werk des zeitgenössischen Autorenkinos, das sich den Konventionen des queeren Coming-of-Age-Films bewusst entzieht. Der Spielfilm, der am 23. April als DVD und online für das Heimkino erscheint, entfaltet seine Kraft gerade in der Verweigerung jener dramatischen Eskalationen, die das Genre lange Zeit geprägt haben. Stattdessen entsteht ein intimes, nahezu kontemplatives Porträt weiblicher Selbstfindung im Spannungsfeld von Religion, kultureller Zugehörigkeit und sexueller Identität. Im Zentrum steht Fatima, verkörpert von Nadia Melliti, deren zurückgenommene, aber hochgradig präzise Performance die emotionale Architektur des Films trägt. Fatima ist eine junge Frau aus einer algerischstämmigen Familie in Paris, deren Identitätsfindung nicht entlang spektakulärer Brüche verläuft, sondern sich in kleinen, oft widersprüchlichen Bewegungen vollzieht. Gerade hierin liegt die radikale Qualität des Films: Er verschiebt den Fokus von äußerer Konfliktdramaturgie hin zu inneren Aushandlungsprozessen. Selbstakzeptanz erscheint nicht als kathartischer Endpunkt, sondern als fragiler, fortlaufender Prozess. Aus feministischer Perspektive ist diese narrative Entscheidung von besonderer Relevanz. „Die jüngste Tochter“ unterläuft die tradierten Erzählmuster eines Kinos, das weibliche – und insbesondere queere weibliche – Subjektivität häufig über Leid, Ausgrenzung und Viktimisierung definiert. Zwar sind die strukturellen Zwänge, denen Fatima ausgesetzt ist, jederzeit präsent – familiäre Erwartungen, religiöse Normen, heteronormative Zuschreibungen –, doch verweigert der Film eine Reduktion dieser Erfahrung auf reine Opferpositionen. Stattdessen wird Fatima als handelndes Subjekt sichtbar, das sich tastend, mitunter widersprüchlich, aber stets eigensinnig seinen Weg bahnt. Formal spiegelt sich diese Haltung in einer Inszenierung wider, die auf Intimität und Beobachtung setzt. Die Kamera verweilt häufig in Nahaufnahmen, die weniger auf expressive Ausbrüche als auf minimale Verschiebungen im Ausdruck der Protagonistin reagieren. Diese ästhetische Strategie erzeugt eine bemerkenswerte Nähe, die jedoch nie in Voyeurismus kippt. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem weibliche Erfahrung als etwas Eigenständiges, nicht vollständig Zugängliches respektiert wird – ein zentraler Gedanke feministischer Filmtheorie.


© Kathu studio Arte France mk2

Besonders eindrücklich ist die Art und Weise, wie der Film Sexualität inszeniert. Fatimas erste Annäherungen an gleichgeschlechtliches Begehren sind geprägt von Unsicherheit, Scham und Neugier – Emotionen, die hier weder sensationalisiert noch moralisch bewertet werden. In der Begegnung mit erfahreneren Frauen eröffnet sich ihr ein neuer Erfahrungsraum, der zugleich befreiend und irritierend wirkt. Diese Szenen zeichnen sich durch eine seltene Sensibilität aus: Sexualität erscheint nicht als Spektakel, sondern als Kommunikationsprozess, als Aushandlung von Nähe, Grenzen und Selbstverständnis. Eine weitere zentrale Dimension des Films liegt in der Verhandlung von Religion. Fatimas muslimischer Glaube wird nicht als bloßes Hindernis für ihre queere Identität inszeniert, sondern als integraler Bestandteil ihres Selbst. Der Film verweigert damit eine binäre Gegenüberstellung von Tradition und Moderne. Stattdessen zeigt er, wie religiöse Zugehörigkeit und sexuelle Selbstbestimmung in ein spannungsreiches, aber nicht unvereinbares Verhältnis treten können. Diese differenzierte Darstellung hebt sich wohltuend von vereinfachenden Narrativen ab, die Religion pauschal als repressiv markieren. Gleichwohl bleibt der Film nicht frei von strukturellen Begrenzungen. Die Konzentration auf Fatimas Innenleben führt mitunter dazu, dass ihr soziales Umfeld – insbesondere familiäre Beziehungen – nur skizzenhaft ausgearbeitet erscheint. Doch auch diese Reduktion lässt sich produktiv lesen: Sie verschiebt den Fokus konsequent auf die subjektive Wahrnehmung der Protagonistin und verweigert eine umfassende Kontextualisierung, die ihre Erfahrung zu stark determinieren würde. Insgesamt erweist sich „Die jüngste Tochter“ als ein leises, aber politisch hochgradig relevantes Werk. Es ist ein Film, der nicht laut argumentiert, sondern durch seine Form überzeugt – durch Zurückhaltung, Präzision und eine tief empfundene Empathie für seine Figur. Gerade in dieser stillen Beharrlichkeit liegt seine subversive Kraft: Er erweitert das Spektrum filmischer Darstellungen queerer weiblicher Identität und plädiert für ein Kino, das Differenz nicht vereinfacht, sondern aushält. So wird „Die jüngste Tochter“ zu einem wichtigen Beitrag innerhalb eines sich wandelnden filmischen Diskurses – einem Diskurs, der beginnt, weibliche und queere Lebensrealitäten nicht länger als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit zu begreifen.


DIE JÜNGSTE TOCHTER

ET: 23.04.26: DVD & digital | FSK 12
R: Hafsia Herzi | D: Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed
Frankreich, Deutschland 2025 | Alamode Film


 


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