FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


DVD & BLU-RAY | 28.05.2026

I COULD NEVER GO VEGAN
Gegen die Normalisierung der Gewalt

Mit kluger Leichtigkeit und bemerkenswerter emotionaler Offenheit zerlegt I COULD NEVER GO VEGAN die kulturellen Mythen rund um Ernährung, Konsum und Identität. Die Dokumentation begreift Veganismus nicht als moralische Pose, sondern als gesellschaftspolitische Herausforderung an eine Industrie der systematischen Verdrängung. Zwischen Körperpolitik, Klimakrise und kapitalistischer Tierverwertung entsteht das Porträt einer Gesellschaft, die ihre Gewaltmechanismen alltäglich normalisiert hat.

von Franziska Keil


© I COULD NEVER GO VEGAN LIMITED

Dokumentarfilme über Ernährung bewegen sich häufig auf einem schmalen Grat zwischen investigativer Analyse und missionarischem Gestus. Viele scheitern daran, ihre politische Haltung filmisch produktiv zu gestalten, weil sie ihre Zuschauer:innen eher belehren als herausfordern. I COULD NEVER GO VEGAN gelingt das Kunststück, diese Falle weitgehend zu umgehen. Die Dokumentation der Brüder Thomas und James Pickering entwickelt aus ihrem dezidiert subjektiven Blick keine dogmatische Anklageschrift, sondern eine bemerkenswert zugängliche Reflexion über die ideologischen Strukturen westlicher Konsumgesellschaften. Dass der Film dabei klar Position bezieht, wird nie verschleiert. Bereits der Titel operiert mit jener rhetorischen Abwehrhaltung, die Veganismus bis heute begleitet: als vermeintlich unrealistische, lustfeindliche oder gar elitär codierte Lebensweise. Doch statt moralischer Überlegenheit setzt die Dokumentation auf Nähe, Selbstironie und kommunikative Offenheit. Gerade diese niedrigschwellige Tonlage macht den Film politisch so wirkungsvoll. Seit dem 07. Mai ist I COULD NEVER GO VEGAN auf DVD erhältlich — und erscheint damit in einem historischen Moment, in dem Fragen nach Ernährung, Klimapolitik und industrieller Tierhaltung längst keine Randthemen mehr darstellen, sondern ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten gerückt sind.

Die Politisierung des Alltäglichen

Formal arbeitet die Dokumentation mit einer bewusst dynamischen, beinahe essayistischen Struktur. Regisseur Thomas Pickering übernimmt nicht nur die Funktion des Beobachters, sondern positioniert sich selbst als vermittelnde Figur innerhalb der Erzählung. Dadurch entsteht eine subjektive Perspektive, die weniger journalistische Neutralität simulieren will als vielmehr Transparenz über die eigene Haltung herstellt. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Stärke des Films. I COULD NEVER GO VEGAN begreift Objektivität nicht als emotionslose Distanz, sondern als ehrliche Offenlegung ideologischer Voraussetzungen. Das Werk macht keinen Hehl daraus, dass es den Veganismus verteidigt. Doch statt plakativer Vereinfachung entfaltet sich eine differenzierte Auseinandersetzung mit den kulturellen Mechanismen, die Fleischkonsum bis heute mit Normalität, Stärke und sozialer Zugehörigkeit verknüpfen. Besonders interessant ist hierbei die Analyse hegemonialer Männlichkeitsbilder. Der Film zeigt, wie tief die Vorstellung vom Fleisch als Symbol physischer Potenz in westliche Gesellschaften eingeschrieben ist. Sportler:innen und körperlich aktive Menschen fungieren dabei nicht bloß als illustrative Beispiele, sondern als Gegenbilder zu tradierten Ernährungsmythen. Der vegane Körper erscheint hier nicht als Verzichtskörper, sondern als widerständiger Körper — leistungsfähig, gesund und autonom gegenüber industriell erzeugten Konsumnormen. Diese Verschiebung besitzt erhebliche gesellschaftspolitische Tragweite. Denn der Film dekonstruiert die kulturelle Verknüpfung von Dominanz, Körperlichkeit und Tierkonsum als patriarchale Erzählung spätkapitalistischer Identitätspolitik.

Tierindustrie und die Ästhetik verdrängter Gewalt

Die stärksten Momente von I COULD NEVER GO VEGAN entstehen dort, wo die Dokumentation ihre freundlich-lockere Oberfläche kurzzeitig verlässt und die Realität industrieller Tierhaltung sichtbar macht. Die Bilder aus Massentierhaltungen entfalten eine beklemmende Wirkung gerade deshalb, weil sie nicht sensationsheischend inszeniert werden. Der Film vertraut auf die Kraft dokumentarischer Evidenz. Insbesondere die Sequenzen über Schweinezucht, Milchproduktion und sogenannte Freilandhaltung machen deutlich, wie erfolgreich moderne Konsumgesellschaften Gewalt ästhetisch unsichtbar gemacht haben. Tiere erscheinen im Supermarkt nicht mehr als Lebewesen, sondern als abstrahierte Warenkörper. Die industrielle Lebensmittelproduktion funktioniert deshalb auch als System organisierter Entfremdung: Konsument:innen sollen die Bedingungen der Herstellung gerade nicht sehen. Hier entwickelt der Film eine politische Analyse, die weit über klassische Ernährungsdebatten hinausreicht. Denn die Frage nach Veganismus wird letztlich zur Frage nach der moralischen Infrastruktur kapitalistischer Gesellschaften. Welche Formen von Gewalt gelten als akzeptabel, solange sie effizient organisiert und ökonomisch profitabel bleiben? Gerade aus feministischer Perspektive ist diese Dimension hochrelevant. Die Ausbeutung tierlicher Körper weist strukturelle Parallelen zu anderen Formen kapitalistischer Verwertungslogik auf: Kontrolle über Reproduktion, systematische Objektivierung und die Reduktion lebendiger Subjekte auf ökonomische Funktionalität. I COULD NEVER GO VEGAN deutet diese Zusammenhänge zwar eher implizit an, entfaltet dadurch aber umso größere analytische Tiefe.


© I COULD NEVER GO VEGAN LIMITED

Klima, Konsum und die Krise neoliberaler Verantwortung

Bemerkenswert ist zudem die Art, wie der Film ökologische Fragen mit individuellen Konsummustern verknüpft, ohne dabei in simplifizierende Schuldnarrative zu verfallen. Die Klimakrise erscheint hier nicht als abstrakte Zukunftsbedrohung, sondern als unmittelbare Konsequenz eines globalisierten Ernährungssystems, dessen Ressourcenverbrauch längst destruktive Dimensionen angenommen hat. Besonders die Rinderindustrie wird als Symbol eines ökologisch ruinösen Wachstumsmodells dargestellt. Veganismus fungiert dabei weniger als moralische Reinheitslehre denn als politische Praxis der Reduktion struktureller Schäden. Der Film insistiert darauf, dass Ernährung immer auch eine Form gesellschaftlicher Teilhabe ist. Interessant bleibt hierbei, dass I COULD NEVER GO VEGAN trotz seiner klaren Agenda nie vollständig in agitatorische Eindeutigkeit kippt. Zwar geraten manche Passagen etwas redundant, einige narrative Wiederholungen hätten gestrafft werden können, doch genau diese emotionale Beharrlichkeit verleiht dem Werk zugleich seine Überzeugungskraft. Der Film argumentiert nicht aus akademischer Distanz, sondern aus persönlicher Dringlichkeit.

Dokumentarfilm als kulturelle Intervention

In einer Medienlandschaft, die Ernährung häufig entweder als Lifestyle-Accessoire oder als moralisches Minenfeld behandelt, wirkt I COULD NEVER GO VEGAN erstaunlich reflektiert. Die Dokumentation versteht sich nicht bloß als Plädoyer für pflanzliche Ernährung, sondern als Kritik einer Gesellschaft, die systematisch zwischen Konsumkomfort und ethischer Verantwortung trennt. Gerade deshalb besitzt der Film eine Wirkung, die über sein konkretes Thema hinausreicht. Er zwingt dazu, alltägliche Routinen neu zu betrachten: Essen nicht als private Nebensache, sondern als politischen Akt innerhalb globaler Macht- und Produktionsverhältnisse. Die Pickerings gelingt dabei ein bemerkenswert zugänglicher Dokumentarfilm, dessen größte Qualität in seiner Verbindung aus emotionaler Nahbarkeit und analytischer Schärfe liegt. I COULD NEVER GO VEGAN mag eindeutig Partei ergreifen — doch gerade diese Offenheit macht ihn glaubwürdig. Der Film versteckt seine Haltung nicht hinter falscher Neutralität, sondern begreift Kino als Raum gesellschaftlicher Intervention. Damit gehört I COULD NEVER GO VEGAN zu jenen zeitgenössischen Dokumentationen, die politische Bildung nicht über akademische Distanz, sondern über empathische Konfrontation erzeugen. Ein engagierter, intelligenter und filmisch ausgesprochen lebendiger Beitrag zur Debatte über Ernährung, Ethik und ökologische Verantwortung im 21. Jahrhundert.


I COULD NEVER GO VEGAN

ET: 30.03.26: TVoD / 07.05.26: DVD | FSK 12
R: Thomas Pickering | Dokumentation
USA 2024 | FreeWind Media


 


AGB | IMPRESSUM