DVD & BLU-RAY | 01.10.2025

SWIPE.MATCH.DIE

Zwischen Dating-App-Oberfläche und dämonischer Allegorie seziert „Swipe.Match.Die“ die patriarchalen Imaginationen digitaler Intimität. Der Film verwandelt weibliche Projektionen von Begehren und Angst in eine machtvolle, verstörende Gegenfigur. Eine feministische Horrorerzählung, die weniger über Monster spricht als über männliche Kontrollfantasien im Zeitalter des Swipens.

von Franziska Keil


© Meteor Film GmbH

Mit „Swipe.Match.Die“, der am 25. September für das Heimkino erschienen ist, gelingt Regisseur RJ Daniel Hanna ein bemerkenswertes Genreexperiment: Der Film verknüpft digitalen Horror mit einer präzisen Analyse zeitgenössischer Geschlechterverhältnisse und nutzt dabei die Ästhetik moderner Kommunikationstechnologien nicht bloß als formales Gimmick, sondern als ideologisches Fundament seiner Erzählung. Was auf den ersten Blick wie ein technikaffiner Thriller über Dating-Apps erscheint, entpuppt sich als düstere Reflexion über männliche Verunsicherung, emotionale Anspruchshaltungen und die Dämonisierung weiblicher Autonomie. Zentral ist die Perspektive des Protagonisten Christopher, dessen emotionaler Erschöpfungszustand weniger als individuelles Drama denn als Symptom einer fragilen Männlichkeit gelesen werden muss. Seine Krise speist sich nicht allein aus familiärer Entfremdung, sondern aus dem Verlust jener Selbstverständlichkeiten, mit denen männliche Subjektivität traditionell ausgestattet ist: Kontrolle, Verfügbarkeit und moralische Deutungshoheit. Die Dating-App wird hier zum symbolischen Raum, in dem diese Gewissheiten ins Wanken geraten. Das Wischen über Gesichter reduziert Begegnung auf Auswahlmechanik – ein Akt, der scheinbar Macht verleiht, tatsächlich jedoch die eigene Austauschbarkeit offenlegt. Formal übersetzt der Film diese existenzielle Verunsicherung konsequent in seine Bildsprache. Die Verwendung von Smartphone-Displays, Laptop-Kameras und Überwachungssystemen erzeugt eine klaustrophobische Intimität, die den Blick auf Frauen buchstäblich rahmt, beschneidet und kontrolliert. Gerade darin entfaltet sich die feministische Dimension des Films: Weiblichkeit erscheint zunächst ausschließlich als Projektionsfläche männlicher Bedürfnisse – als Verheißung von Nähe, Rettung und Sinn. Doch diese scheinbare Passivität ist eine Täuschung. Die Figur der Adra fungiert als subversiver Gegenentwurf zu klassischen Opfer- oder Verführungsfiguren des Horrorkinos.


© Meteor Film GmbH

HIhre Inszenierung spielt bewusst mit misogynen Archetypen – der gefährlichen Verführerin, der manipulativen Frau –, nur um diese Zuschreibungen schließlich gegen ihre Urheber zu wenden. Adra ist weniger Monster als Spiegel: Sie materialisiert die Ängste eines Mannes, der weibliche Autonomie nur noch als Bedrohung denken kann. In dieser Umkehrung liegt die eigentliche Radikalität des Films. Nicht die Frau ist das Fremde, sondern der männliche Blick, der sie unablässig zu erklären, zu retten oder zu besitzen versucht. Auch die Figur des selbsternannten Warners, verkörpert von Ron Perlman, fügt sich in dieses Gefüge ein. Er repräsentiert eine patriarchale Wissensinstanz, die vorgibt, Frauen – oder vielmehr das „Gefährliche“ an ihnen – entschlüsselt zu haben. Doch seine Autorität bleibt fragwürdig, sein Gestus letztlich ebenso kontrollierend wie der des Protagonisten. Der Film verweigert es konsequent, eine männliche Figur als moralisches Korrektiv zu etablieren, und legt damit offen, wie tief Misstrauen gegenüber weiblicher Selbstbestimmung in unterschiedlichen Ausprägungen männlicher Identität verankert ist. Besonders wirkungsvoll ist dabei die körperliche Dimension des Horrors. Die gezielt eingesetzten praktischen Effekte entfalten ihre Wirkung nicht durch Quantität, sondern durch symbolische Überzeichnung. Der weibliche Körper wird nicht – wie so oft im Genre – zur reinen Projektionsfläche männlicher Gewalt, sondern erscheint in seiner finalen Transformation als radikale Zurückweisung des konsumierenden Blicks. In dieser Gestalt entzieht sich Adra endgültig jeder Vereinnahmung und behauptet eine erschreckende, aber konsequente Eigenständigkeit. „Swipe.Match.Die“ ist somit weit mehr als ein konventioneller Horrorthriller. Der Film nutzt die Narrative des Genres, um die Mechanismen digitaler Nähe, emotionaler Ausbeutung und geschlechtlicher Machtverhältnisse offenzulegen. Seine feministische Kraft liegt nicht in didaktischen Botschaften, sondern in der präzisen Umkehr vertrauter Perspektiven. Das Unheimliche entsteht hier nicht aus dem Übernatürlichen, sondern aus der Erkenntnis, wie brüchig männliche Selbstbilder werden, sobald Frauen sich der Rolle des emotional verfügbaren Gegenübers entziehen. In dieser Hinsicht markiert der Film einen bemerkenswerten Beitrag zum zeitgenössischen Horrorkino – und einen, der lange nachwirkt.


SWIPE.MATCH.DIE

ET: 25.09.25: DVD, Blu-ray und digital | FSK 16
R: R.J. Daniel Hanna | D: Ron Perlman, Rosanna Arquette, Brendan Bradley
USA 2024 | Meteor Film GmbH


AGB | IMPRESSUM