Ein Film
voller Licht und Schatten: Mascha Schilinskis „In die Sonne
schauen“, am 15. Januar für das Heimkino erschienen, wagt
eine poetische Erkundung familiärer Abgründe. Trotz erzählerischer
Schwächen überzeugt der Film durch seine eindringliche Bildsprache
und markiert einen wichtigen Schritt in der künstlerischen Entwicklung
der Regisseurin.
Seit
dem 15. Januar ist Mascha Schilinskis neuer Spielfilm „In die
Sonne schauen“ für das Heimkino erschienen – ein
Werk, welches ebenso eindringlich wie problematisch wirkt. Der Film
möchte eine poetische Auseinandersetzung mit familiären
Verstrickungen, unausgesprochenen Konflikten und dem Begehren nach
Nähe sein. Doch gerade dort, wo er Intensität entfalten
will, zeigt er zugleich die Bruchstellen einer Inszenierung, die nicht
immer die Balance zwischen psychologischer Feinzeichnung und künstlerischer
Verdichtung zu halten vermag. Schilinski, die an der Deutschen Film-
und Fernsehakademie Berlin (DFFB) Regie studierte und mit ihren Filmen
früh Aufmerksamkeit auf Festivals erlangte, gilt als eine der
spannendsten Stimmen einer jungen, weiblich geprägten Autor:innenregie
in Deutschland. Ihr Spielfilmdebüt „Die Tochter“
(2017) bewies ihr Gespür für brisante Stoffe: das Porträt
einer Familie, die in der Begegnung mit Vergangenheit und Gegenwart
zu zerfallen droht. Schon damals zeigte sich ihre Affinität zum
Kammerspielhaften, zur Verdichtung auf enge Räume, zur psychischen
Reibung. „In die Sonne schauen“ knüpft in gewisser
Weise daran an, indem er das Intime ins Zentrum rückt –
doch diesmal scheitert die Konzentration stellenweise an einer Überlastung
der Metaphern. Die Geschichte entfaltet sich im Spannungsfeld von
familiären Erwartungen, unterdrückten Sehnsüchten und
einer unheilvollen Dynamik zwischen Nähe und Abstoßung.
Formal wählt Schilinski eine Bildsprache, die gleichermaßen
von Wärme wie von Bedrückung erzählt: Das Sonnenlicht,
titelgebend und durchgängig präsent, wird nicht nur als
visuelle Metapher, sondern als ambivalentes Leitmotiv eingesetzt –
einmal verheißt es Trost, dann wiederum blendet und zerstört
es. Diese konsequente Symbolik ist kraftvoll, gerät aber gelegentlich
in Gefahr, ins Illustrative abzugleiten. Überzeugend sind die
Momente, in denen Schilinski den Schauspieler:innen Raum lässt.
In
langen beinahe kontemplativen Einstellungen entfaltet sich eine Intensität,
die den Figuren Tiefe verleiht. Gerade hier zeigt sich ihre Herkunft
aus dem Autorenkino, das auf Gesichter vertraut, auf minimale Gesten,
auf ein Kino der leisen Andeutung. Doch sobald die Inszenierung zu
sehr in die emblematische Bildsprache kippt – etwa, wenn Sonnenuntergänge
den emotionalen Höhepunkt allzu plakativ rahmen –, verliert
der Film an Schärfe. Erzählerisch bleibt „In die Sonne
schauen“ zwiespältig. Einerseits gelingt es, familiäre
Muster sichtbar zu machen, die über das konkrete Setting hinausweisen
und allgemeine Fragen nach Verantwortung, Schuld und Versöhnung
verhandeln. Andererseits verliert sich die Dramaturgie in Wiederholungen,
die eher ermüden als vertiefen. Schilinskis Anspruch, eine universelle
Geschichte im Gewand einer intimen Familienchronik zu erzählen,
wirkt an manchen Stellen wie eine Überforderung der eigenen Erzählmittel.
Für die Filmgeschichte der Gegenwart bleibt dennoch bemerkenswert,
dass Schilinski mit „In die Sonne schauen“ einen genuin
weiblichen Blick auf familiäre Machtverhältnisse etabliert,
ohne in die Falle der rein psychologisierenden „Problemgeschichte“
zu geraten. Ihre filmische Handschrift – tastend, insistierend,
von starkem Vertrauen in die Bildsprache geprägt – ist
unverkennbar. Doch gerade, weil sie ein solch hohes Niveau an ästhetischem
Anspruch setzt, fallen die dramaturgischen Schwächen schärfer
ins Gewicht. „In die Sonne schauen“ ist somit ein Werk,
das polarisiert: ein mutiger, aber nicht gänzlich gelungener
Versuch, Licht und Dunkel in einer Familiengeschichte zu verdichten.
Er zeigt eine Regisseurin, die in ihrer Entwicklung weiter nach einer
Form sucht, die die Kraft ihrer Motive trägt. Dass Mascha Schilinski
diesen Weg mit Konsequenz und Beharrlichkeit geht, ist unbestreitbar
– und macht neugierig auf das, was noch kommt von einem der
größten Talente im deutschen Film.
IN DIE SONNE SCHAUEN
ET:
15.01.26: VoD / 22.01.26: DVD & Blu-ray | FSK 16
R: Mascha Schilinski | D: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler
Deutschland 2025 | NEUE VISIONEN