Ein archaisches
Ungeheuer erwacht im ewigen Eis – und mit ihm das Versprechen
großen Spektakels. KRAKEN entfaltet ein maritimes Katastrophenszenario
zwischen Abenteuertradition und digitalem Blockbusterkino. Unter der
Oberfläche aus Stahl und Salzwasser verhandelt der Film Männlichkeitsbilder,
Heroismus und Maßstabslosigkeit. Ein bildgewaltiges Creature
Feature, das zwischen Faszination und dramaturgischer Überdehnung
oszilliert.
Mit
KRAKEN reiht sich das zeitgenössische russische Genrekino in
die Traditionslinie maritimer Monsterfilme ein, die seit jeher die
Tiefsee als Projektionsraum kollektiver Ängste begreifen. Ausgangspunkt
ist ein Akt technischer Hybris: Geologische Sprengungen im arktischen
Ozean, gedacht zur Vermessung des Meeresbodens, setzen ein gigantisches
Wesen frei. Binnen weniger Minuten verwandelt sich wissenschaftlicher
Erkenntnisdrang in eine Katastrophe, als eine Forschungsstation vernichtet
und ein militärisches U-Boot spurlos ausgelöscht wird. Die
narrative Konstellation folgt dabei einem klassischen Rettungsmuster.
Vitya, Offizier einer russischen U-Boot-Besatzung, erhält den
Auftrag, das Verschwinden des Militärschiffs aufzuklären
– eine Mission, die durch familiäre Verstrickungen emotional
aufgeladen wird, da sein Bruder das verschollene Boot kommandierte.
Die zusätzliche Präsenz eines skeptischen Onkels etabliert
ein Konfliktfeld zwischen Generationen und Autoritätsansprüchen,
das jedoch eher behauptet als wirklich durchdrungen wird. Formal operiert
der Film in zwei klar unterscheidbaren Registern: dem Entdeckungsmodus
und dem Spektakelmodus. Zunächst wird das Ungeheuer lediglich
in Fragmenten sichtbar – gewaltige Tentakel, die sich durch
das Wasser winden, Erschütterungen, die technische Konstruktionen
bersten lassen. Diese Strategie der partiellen Enthüllung knüpft
an die klassische Suspense-Dramaturgie an und erzeugt eine produktive
Leerstelle, in der das Imaginäre des Publikums die Lücken
füllt. Die Zerstörung einer norwegischen Ölplattform
fungiert hierbei als visuelles Kulminationsereignis: Hier demonstriert
der Film seine Fähigkeit zur Inszenierung großformatiger
Destruktionstableaus, die in ihrer digitalen Präzision und choreographierten
Wucht beeindrucken. Gleichzeitig verortet sich KRAKEN explizit im
Abenteuerkanon. Die intertextuelle Referenz auf Jules Vernes Unterwasserodyssee
markiert selbstbewusst die literarische Genealogie des Stoffes. Die
Tiefsee erscheint nicht primär als realistischer Raum geopolitischer
Konflikte, sondern als mythischer Ort des Staunens, in dem sich Mensch
und Natur in archaischer Konfrontation begegnen. Dass der Film seine
Realität nicht naturalistisch beglaubigen will, sondern sich
als eskapistisches Spektakel begreift, ist ihm hoch anzurechnen. In
ästhetischer Hinsicht überzeugt insbesondere das Produktionsdesign.
Das
Interieur des U-Bootes – mit seinem modernen, funktionalen Leitstand
– vermittelt eine glaubwürdige technologische Umgebung.
Metallisches Knarzen, flackernde Displays, berstende Nähte und
eindringendes Wasser zitieren die Ikonographie des U-Boot-Films in
bewusster Überdeutlichkeit. Diese motivischen Versatzstücke
mögen vertraut sein, werden jedoch mit handwerklicher Sorgfalt
umgesetzt. Die Unterwasseraufnahmen nutzen die Dunkelheit der Tiefe
nicht nur zur Kaschierung digitaler Übergänge, sondern als
atmosphärisches Stilmittel, das dem Film eine dichte, beinahe
klaustrophobische Textur verleiht. Das titelgebende Ungeheuer selbst
ist visuell eindrucksvoll modelliert. Seine schier endlos scheinenden
Fangarme, die sich über Meeresgrund und Stahlhüllen legen,
erzeugen eine organische Bedrohlichkeit, die das Potential des Creature
Features voll ausschöpft. Die Materialität des Körpers
– schleimig, massiv, zugleich geschmeidig – vermittelt
physische Präsenz. Gleichwohl offenbart sich hier eine zentrale
Ambivalenz des Films: Das Monster ist ästhetisch gelungen, dramaturgisch
jedoch unterausgeschöpft. Gerade im finalen Akt tritt es überraschend
in den Hintergrund, während ausgedehnte Rettungssequenzen die
narrative Dynamik verlangsamen. Diese strukturelle Überdehnung
verweist auf ein grundlegendes Problem des Films: die Disbalance zwischen
Spektakel und Figurenzeichnung. Die Besatzungsmitglieder bleiben weitgehend
funktionale Typen; psychologische Vertiefung wird zugunsten permanenter
Vorwärtsbewegung vernachlässigt. Alexander Petrov gestaltet
Vitya zurückhaltend, beinahe entrückt, was der Figur eine
gewisse stoische Kühle verleiht, jedoch Identifikationsangebote
einschränkt. Die familiären Konfliktlinien – insbesondere
das Spannungsverhältnis zum Onkel – entwickeln mehr Irritationspotenzial
als dramatische Notwendigkeit. Hinzu kommt eine inszenatorische Herausforderung,
die dem maritimen Setting inhärent ist: Größe ist
im offenen Ozean schwer zu skalieren. Ohne feste Vergleichsarchitektur
verliert das Gigantische an relationaler Evidenz. Zwar wird wiederholt
betont, dass der Kraken das U-Boot um ein Vielfaches überragt,
doch bleibt die tatsächliche Dimension abstrakt. Hier verschenkt
der Film Möglichkeiten, die Relation zwischen menschlicher Technik
und monströser Naturgewalt noch radikaler auszustellen. Dennoch
gelingt KRAKEN in weiten Teilen als audiovisuelle Erfahrung. Die orgelgetragene
Filmmusik unterstreicht mit pathetischem Nachdruck die epische Dimension
des Geschehens und verleiht selbst konventionellen Szenen einen Hauch
opernhafter Gravität. Technisch bewegt sich der Film auf hohem
Niveau; gravierende ästhetische Brüche bleiben aus, einzelne
digitale Effekte – etwa eine Wal-Sequenz – wirken zwar
weniger organisch, beeinträchtigen jedoch nicht das Gesamtbild.
KRAKEN
ET:
26.02.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 12
R: Nikolay Lebedev | D: Alexander Petrov, Diana Pozharskaya
Russland 2025 | Busch Media Group