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DVD & BLU-RAY | 04.03.2026

KRAKEN

Ein archaisches Ungeheuer erwacht im ewigen Eis – und mit ihm das Versprechen großen Spektakels. KRAKEN entfaltet ein maritimes Katastrophenszenario zwischen Abenteuertradition und digitalem Blockbusterkino. Unter der Oberfläche aus Stahl und Salzwasser verhandelt der Film Männlichkeitsbilder, Heroismus und Maßstabslosigkeit. Ein bildgewaltiges Creature Feature, das zwischen Faszination und dramaturgischer Überdehnung oszilliert.

von Franziska Keil


© Busch Media Group

Mit KRAKEN reiht sich das zeitgenössische russische Genrekino in die Traditionslinie maritimer Monsterfilme ein, die seit jeher die Tiefsee als Projektionsraum kollektiver Ängste begreifen. Ausgangspunkt ist ein Akt technischer Hybris: Geologische Sprengungen im arktischen Ozean, gedacht zur Vermessung des Meeresbodens, setzen ein gigantisches Wesen frei. Binnen weniger Minuten verwandelt sich wissenschaftlicher Erkenntnisdrang in eine Katastrophe, als eine Forschungsstation vernichtet und ein militärisches U-Boot spurlos ausgelöscht wird. Die narrative Konstellation folgt dabei einem klassischen Rettungsmuster. Vitya, Offizier einer russischen U-Boot-Besatzung, erhält den Auftrag, das Verschwinden des Militärschiffs aufzuklären – eine Mission, die durch familiäre Verstrickungen emotional aufgeladen wird, da sein Bruder das verschollene Boot kommandierte. Die zusätzliche Präsenz eines skeptischen Onkels etabliert ein Konfliktfeld zwischen Generationen und Autoritätsansprüchen, das jedoch eher behauptet als wirklich durchdrungen wird. Formal operiert der Film in zwei klar unterscheidbaren Registern: dem Entdeckungsmodus und dem Spektakelmodus. Zunächst wird das Ungeheuer lediglich in Fragmenten sichtbar – gewaltige Tentakel, die sich durch das Wasser winden, Erschütterungen, die technische Konstruktionen bersten lassen. Diese Strategie der partiellen Enthüllung knüpft an die klassische Suspense-Dramaturgie an und erzeugt eine produktive Leerstelle, in der das Imaginäre des Publikums die Lücken füllt. Die Zerstörung einer norwegischen Ölplattform fungiert hierbei als visuelles Kulminationsereignis: Hier demonstriert der Film seine Fähigkeit zur Inszenierung großformatiger Destruktionstableaus, die in ihrer digitalen Präzision und choreographierten Wucht beeindrucken. Gleichzeitig verortet sich KRAKEN explizit im Abenteuerkanon. Die intertextuelle Referenz auf Jules Vernes Unterwasserodyssee markiert selbstbewusst die literarische Genealogie des Stoffes. Die Tiefsee erscheint nicht primär als realistischer Raum geopolitischer Konflikte, sondern als mythischer Ort des Staunens, in dem sich Mensch und Natur in archaischer Konfrontation begegnen. Dass der Film seine Realität nicht naturalistisch beglaubigen will, sondern sich als eskapistisches Spektakel begreift, ist ihm hoch anzurechnen. In ästhetischer Hinsicht überzeugt insbesondere das Produktionsdesign.


© Busch Media Group

Das Interieur des U-Bootes – mit seinem modernen, funktionalen Leitstand – vermittelt eine glaubwürdige technologische Umgebung. Metallisches Knarzen, flackernde Displays, berstende Nähte und eindringendes Wasser zitieren die Ikonographie des U-Boot-Films in bewusster Überdeutlichkeit. Diese motivischen Versatzstücke mögen vertraut sein, werden jedoch mit handwerklicher Sorgfalt umgesetzt. Die Unterwasseraufnahmen nutzen die Dunkelheit der Tiefe nicht nur zur Kaschierung digitaler Übergänge, sondern als atmosphärisches Stilmittel, das dem Film eine dichte, beinahe klaustrophobische Textur verleiht. Das titelgebende Ungeheuer selbst ist visuell eindrucksvoll modelliert. Seine schier endlos scheinenden Fangarme, die sich über Meeresgrund und Stahlhüllen legen, erzeugen eine organische Bedrohlichkeit, die das Potential des Creature Features voll ausschöpft. Die Materialität des Körpers – schleimig, massiv, zugleich geschmeidig – vermittelt physische Präsenz. Gleichwohl offenbart sich hier eine zentrale Ambivalenz des Films: Das Monster ist ästhetisch gelungen, dramaturgisch jedoch unterausgeschöpft. Gerade im finalen Akt tritt es überraschend in den Hintergrund, während ausgedehnte Rettungssequenzen die narrative Dynamik verlangsamen. Diese strukturelle Überdehnung verweist auf ein grundlegendes Problem des Films: die Disbalance zwischen Spektakel und Figurenzeichnung. Die Besatzungsmitglieder bleiben weitgehend funktionale Typen; psychologische Vertiefung wird zugunsten permanenter Vorwärtsbewegung vernachlässigt. Alexander Petrov gestaltet Vitya zurückhaltend, beinahe entrückt, was der Figur eine gewisse stoische Kühle verleiht, jedoch Identifikationsangebote einschränkt. Die familiären Konfliktlinien – insbesondere das Spannungsverhältnis zum Onkel – entwickeln mehr Irritationspotenzial als dramatische Notwendigkeit. Hinzu kommt eine inszenatorische Herausforderung, die dem maritimen Setting inhärent ist: Größe ist im offenen Ozean schwer zu skalieren. Ohne feste Vergleichsarchitektur verliert das Gigantische an relationaler Evidenz. Zwar wird wiederholt betont, dass der Kraken das U-Boot um ein Vielfaches überragt, doch bleibt die tatsächliche Dimension abstrakt. Hier verschenkt der Film Möglichkeiten, die Relation zwischen menschlicher Technik und monströser Naturgewalt noch radikaler auszustellen. Dennoch gelingt KRAKEN in weiten Teilen als audiovisuelle Erfahrung. Die orgelgetragene Filmmusik unterstreicht mit pathetischem Nachdruck die epische Dimension des Geschehens und verleiht selbst konventionellen Szenen einen Hauch opernhafter Gravität. Technisch bewegt sich der Film auf hohem Niveau; gravierende ästhetische Brüche bleiben aus, einzelne digitale Effekte – etwa eine Wal-Sequenz – wirken zwar weniger organisch, beeinträchtigen jedoch nicht das Gesamtbild.


KRAKEN

ET: 26.02.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 12
R: Nikolay Lebedev | D: Alexander Petrov, Diana Pozharskaya
Russland 2025 | Busch Media Group


 


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