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DVD & BLU-RAY | 08.04.2026

Sentimental Value

Ein Film über Familie, Erinnerung und die fragile Konstruktion von Identität. Zwischen künstlerischem Anspruch und emotionaler Rekonstruktion entfaltet sich ein vielschichtiges Drama. Joachim Trier erkundet das Verhältnis von Kunst und Leben mit analytischer Präzision. „Sentimental Value“ bleibt dabei bewusst in der Schwebe zwischen Nähe und Distanz.

von Franziska Keil


© KASPER TUXEN

Mit „Sentimental Value“ setzt der norwegische Regisseur Joachim Trier seine fortwährende Auseinandersetzung mit Fragen von Identität, Erinnerung und emotionaler Disposition fort. Der Spielfilm, der am 09. April als DVD und Blu-ray für das Heimkino erscheint, lässt sich als eine vielschichtige Reflexion über das Verhältnis von Kunstproduktion und persönlicher Vergangenheits-bewältigung lesen. Dabei entfaltet sich ein Werk, das weniger auf narrative Eindeutigkeit als auf ambivalente Bedeutungsräume setzt. Im Zentrum der Handlung steht das komplexe Verhältnis zwischen dem Regisseur Gustav Borg, gespielt von Stellan Skarsgård, und seiner Tochter Nora, verkörpert von Renate Reinsve. Die narrative Konstellation basiert auf einem doppelten Spannungsfeld: Einerseits ist da die familiäre Entfremdung, die aus Gustavs jahrzehntelanger Abwesenheit resultiert; andererseits die künstlerische Zusammenarbeit, die als potenzieller Raum der Versöhnung fungiert. Der Film operiert somit auf einer Metaebene, in der das geplante Filmprojekt innerhalb der Handlung selbst zum dramaturgischen Motor wird. Filmanalytisch bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Trier die Grenze zwischen Diegese und Metadiegese verwischt. Das geplante Werk Gustavs bleibt weitgehend unsichtbar; stattdessen richtet sich der Fokus auf die Prozesse seiner Entstehung. Diese Verschiebung lenkt die Aufmerksamkeit auf die performativen und diskursiven Dimensionen von Filmproduktion: Proben, Gespräche, Interpretationsversuche. In diesen Momenten wird deutlich, dass Bedeutung nicht festgeschrieben ist, sondern im Austausch zwischen den Beteiligten entsteht. Die Figur der Nora fungiert dabei als emotionales Zentrum des Films. Ihre psychische Disposition ist von Instabilität und innerer Zerrissenheit geprägt, was sich besonders in Szenen zeigt, die ihre berufliche Tätigkeit als Schauspielerin thematisieren. Trier inszeniert diese Momente mit einer bemerkenswerten Intensität, die an frühere filmische Darstellungen künstlerischer Krisen erinnert, etwa an Birdman. Doch während dort die Selbstreflexivität des Mediums in spektakulären formalen Experimenten kulminiert, bleibt „Sentimental Value“ in seiner Inszenierung zurückhaltender und konzentriert sich stärker auf psychologische Nuancen.


© KASPER TUXEN

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Einführung der Figur Rachel Kemp, gespielt von Elle Fanning. Ihre Funktion innerhalb der Erzählung geht über die eines bloßen Ersatzes für Nora hinaus. Vielmehr fungiert sie als Projektionsfläche für Gustavs künstlerische und emotionale Bedürfnisse. Die Dynamik zwischen Regisseur und Schauspielerin offenbart Mechanismen der Einflussnahme und Interpretation, die grundlegende Fragen nach Autorschaft und Kontrolle im filmischen Prozess aufwerfen. Filmhistorisch lässt sich „Sentimental Value“ in die Tradition eines europäischen Autorenkinos einordnen, das sich durch eine introspektive, häufig selbstreflexive Erzählweise auszeichnet. Zugleich knüpft der Film thematisch und formal an Triers vorheriges Werk an, insbesondere an „Der schlimmste Mensch der Welt“, ohne jedoch dessen stilistische Radikalität zu wiederholen. Stattdessen wählt Trier eine strukturierte, beinahe klassische Form, die Raum für differenzierte Figurenstudien lässt. Die räumliche Dimension spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das Haus der Familie Borg fungiert als zentraler Schauplatz und zugleich als symbolisch aufgeladener Ort, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Die sichtbaren Brüche in seiner Struktur lassen sich als visuelle Metapher für die fragmentierte Familiengeschichte lesen. In diesem Sinne wird der Raum selbst zu einem Träger narrativer Bedeutung. Nicht zuletzt eröffnet der Film eine Reflexion über die therapeutische Funktion von Kunst. Während die Idee, persönliche Konflikte durch künstlerische Arbeit zu verarbeiten, häufig kritisch betrachtet wird, präsentiert „Sentimental Value“ ein differenziertes Bild. Kunst erscheint hier weder als einfache Lösung noch als bloße Selbstinszenierung, sondern als ambivalenter Prozess, der sowohl Heilung als auch neue Konflikte generieren kann. Insgesamt erweist sich „Sentimental Value“ als ein vielschichtiges Werk, das sich durch seine analytische Schärfe und seine Bereitschaft zur Ambiguität auszeichnet. Trier gelingt es, ein narratives Gefüge zu schaffen, das persönliche und künstlerische Ebenen miteinander verschränkt, ohne sie vollständig aufzulösen. Gerade diese Offenheit macht den Film zu einem interessanten Gegenstand filmwissenschaftlicher Betrachtung – und zu einem Werk, das sich einer eindeutigen Interpretation bewusst entzieht.


SENTIMENTAL VALUE

ET: 05.04.26: digital / 09.04.26: DVD & Blu-ray | FSK 12
R: Joachim Trier | D: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning
Frankreich, Norwegen, Deutschland, Schweden, Dänemark 2025 | Plaion Pictures

Bonusmaterial: - Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern; Stellan Skarsård beim Filmfest München;
Trailer; Pressekonferenz Filmfestspiele Cannes


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