Die
Kamera als Zeugin historischer Schuld
Bemerkenswert
ist dabei die visuelle Konstruktion des Massakers. Nelson inszeniert
die Gewalt nicht als abstrahiertes Actionereignis, sondern als körperliche
Erfahrung. Die Kamera verweilt auf den Konsequenzen militärischer
Aggression und zwingt den Zuschauer zur Konfrontation mit Bildern,
die der klassische Western systematisch ausgeblendet hatte. Gerade
hierin offenbart sich die politische Modernität des Films. Während
traditionelle Western die Perspektive der weißen Siedlergesellschaft
privilegierten, versucht Das Wiegenlied vom Totschlag, den Blick auf
die Opfer kolonialer Gewalt zu lenken. Zwar bleibt auch Nelsons Film
in Teilen den Begrenzungen des damaligen Hollywoodkinos verhaftet
– insbesondere in der starken Zentrierung weißer Figuren
–, doch der entscheidende Perspektivwechsel ist unverkennbar.
Der Film markiert damit einen Übergang zwischen zwei Epochen
amerikanischer Repräsentationspolitik: einerseits noch geprägt
von den Konventionen des klassischen Studiosystems, andererseits bereits
beeinflusst vom kritischen Bewusstsein des New Hollywood. Seine Ambivalenz
ist deshalb weniger ein Makel als vielmehr Ausdruck eines kulturellen
Umbruchmoments.
Candice
Bergen und die Krise liberaler Moral
Besonders
interessant erscheint heute die Figur der Cresta Lee, gespielt von
Candice Bergen. Sie verkörpert eine Form liberal-humanistischer
Kritik, die typisch für das amerikanische Kino jener Zeit war.
Ihre Figur fungiert gewissermaßen als moralisches Gewissen des
Films, artikuliert Kritik an patriarchaler Gewalt und weist auf die
Verbrechen gegenüber der indigenen Bevölkerung hin. Zugleich
macht der Film sichtbar, wie stark selbst progressive Hollywoodproduktionen
jener Jahre noch an weiße Perspektiven gebunden blieben. Die
indigene Erfahrung wird häufig durch die Wahrnehmung weißer
Figuren vermittelt. Aus heutiger Sicht lässt sich darin eine
deutliche Grenze der damaligen politischen Imagination erkennen. Doch
gerade diese Widersprüchlichkeit macht den Film historisch interessant.
„Das Wiegenlied vom Totschlag“ dokumentiert nicht nur
den Versuch Hollywoods, sich kritisch mit amerikanischer Gewaltgeschichte
auseinanderzusetzen; der Film offenbart zugleich die strukturellen
Schwierigkeiten dieses Unterfangens innerhalb eines von weißen
Erzähltraditionen dominierten Studiosystems.
Das
Ende des unschuldigen Amerika
Filmhistorisch
gehört Nelsons Werk zu jenen Filmen, die das Ende des klassischen
amerikanischen Selbstbildes markieren. Der Western hatte jahrzehntelang
eine zentrale Funktion innerhalb der kulturellen Mythologie der Vereinigten
Staaten erfüllt: Er legitimierte Expansion, Militarismus und
nationale Identität durch narrative Heroisierung. „Das
Wiegenlied vom Totschlag“ zerstört diese Gewissheiten.
Die amerikanische Nation erscheint nicht mehr als Träger moralischer
Ordnung, sondern als Produzent historischer Schuld. Damit steht der
Film exemplarisch für das politische Klima der frühen 1970er-Jahre,
in denen sich das amerikanische Kino zunehmend von patriotischen Erzählmustern
entfernte und stattdessen gesellschaftliche Traumata sichtbar machte.
Die Bedeutung des Films liegt deshalb weniger in seiner narrativen
Geschlossenheit als in seiner historischen Funktion. Nelsons Werk
ist ein Symptom jener kulturellen Selbstbefragung, die das New Hollywood
entscheidend prägte. Der Film zeigt ein Amerika, das beginnt,
seine eigenen Ursprungsmythen zu misstrauen – und genau darin
liegt seine nachhaltige Relevanz.
Die
Wiederentdeckung eines unbequemen Klassikers
Heute
wirkt „Das Wiegenlied vom Totschlag“ wie ein Bindeglied
zwischen klassischem Studiowestern und politischem Autorenkino. Seine
ästhetischen Brüche, seine moralische Unruhe und seine aggressive
Desillusionierung verleihen ihm eine eigentümliche Modernität.
Die Veröffentlichung auf 4K UHD ermöglicht nun eine längst
überfällige Neubewertung dieses Films. Denn jenseits aller
zeitbedingten Begrenzungen bleibt Ralph Nelsons Werk ein zentraler
Beitrag zur politischen Revision des Westerns – ein Film, der
den amerikanischen Gründungsmythos nicht feiert, sondern seziert.
Gerade deshalb besitzt Das Wiegenlied vom Totschlag bis heute jene
verstörende Kraft, die nur Werke entfalten, die den Mut haben,
gegen die ideologischen Gewissheiten ihrer eigenen Kultur anzutreten.