Ein Mythos
wird neu belichtet – nicht als Kitschfigur von Las Vegas, sondern
als elektrisierender Bühnenkünstler von singulärer
Wucht. Baz Luhrmann destilliert aus Archivmaterial ein Filmerlebnis
von geradezu physischer Intensität. „EPiC: Elvis Presley
in Concert“ zeigt den King in seiner vielleicht radikalsten
Phase: als Meister der zweiten Geburt.
Mit
„EPiC: Elvis Presley in Concert“, der ab dem 18. Juni
als DVD, Blu-ray und 4K-UHD+Blu-ray erhältlich ist, legt Baz
Luhrmann keine bloße Ergänzung zu seinem Spielfilm ELVIS
vor, sondern eine eigenständige ästhetische Intervention
in die Ikonografie des King. Der Dokumentarfilm ist weniger ein historiografisches
Projekt als eine sinnliche Rekonstruktion – eine filmische Versuchsanordnung,
die die eruptive Bühnenenergie von Elvis Presley in den frühen
Las-Vegas-Jahren erfahrbar macht. Luhrmann gelingt hier etwas Seltenes:
Er befreit das Bild des späten Elvis aus der Erstarrung des Klischees.
Über Jahrzehnte haftete der Las-Vegas-Phase ein Geruch des Provinziellen
an – überbordende Kostüme, bombastische Einmärsche,
martialische Pathosgesten. Der weiße Jumpsuit mit Cape, die
funkelnden Ringe, die Sonnenbrillen im Kühlergrill-Design –
sie galten als Symbole einer Selbstparodie. Rock gehörte ins
Stadion oder in die Arena, nicht in die klimatisierte Glitzerwelt
des Strip. Luhrmanns Film zeigt hingegen, wie radikal modern diese
Residency war. In einer Zeit, in der Popstars mehrjährige Aufenthalte
in Vegas als kreative Plattform begreifen, erscheint Elvis’
Engagement ab 1969 nicht als Abstieg, sondern als Vorwegnahme einer
neuen Ökonomie des Live-Entertainments. Die kulturelle Verschiebung
unserer Wahrnehmung wird im Film nicht explizit behauptet –
sie ereignet sich im Akt des Sehens. Grundlage des Films ist ein beeindruckender
Fundus bislang kaum genutzter Aufnahmen aus den frühen 1970er-Jahren:
Probenmaterial, Outtakes der Konzertfilme jener Zeit, Interviewtonspuren.
Ein erheblicher Teil des Materials lag stumm vor und musste technisch
aufwendig mit existierenden Tonaufnahmen synchronisiert werden –
ein restauratorischer Kraftakt, der dem Film eine auratische Qualität
verleiht. Die Montage – präzise strukturiert, rhythmisch
atmend – erzeugt kein museales Dokument, sondern eine unmittelbare
Präsenz. Der Film dauert knapp anderthalb Stunden, doch er entfaltet
die dramaturgische Intensität eines perfekt kuratierten Sets.
Elvis fungiert über Interviewfragmente selbst als Erzähler
– ein kluger Kniff, der Subjektivität und Selbstreflexion
integriert, ohne in Hagiografie zu verfallen. Die vielleicht größte
Überraschung liegt in der stimmlichen Kraft dieser Phase. Elvis’
Timbre besitzt eine fast perlmuttartige Qualität: Jede Note schwingt
mit einem charakteristischen Vibrato, das zwischen Zärtlichkeit
und Autorität changiert. Die Stimme steigt, gleitet, bricht und
fängt sich – stets getragen von technischer Kontrolle.
Vergleicht
man diese Bühnenpräsenz mit der oft beschworenen elektrischen
Aura von Freddie Mercury, wird deutlich: Elvis’ Energie speist
sich weniger aus expliziter Exzentrik als aus einer souveränen
Verdichtung von Körper und Klang. Er flirtet mit dem Publikum,
spielt mit Ironie, parodiert sich selbst – und bleibt doch stets
Herr der Situation. Seine Gesten sind ökonomischer geworden als
in den 1950ern, aber nicht weniger erotisch aufgeladen. Ein entscheidender
Faktor ist die TCB Band – „Taking Care of Business“
–, deren Spielweise die Songs mit neuer Dringlichkeit versieht.
Gitarrenlinien schneiden scharf durch den Raum, das Schlagzeug treibt
mit fast proto-punkiger Geschwindigkeit. Ein „Hound Dog“,
das hier in atemberaubendem Tempo vorgetragen wird, wirkt weniger
retrospektiv als futuristisch. Wenn Elvis „Burning Love“
erstmals auf der Bühne probiert – noch mit Textblatt in
der Hand –, entsteht jener seltene Moment, in dem Popgeschichte
im Entstehen begriffen ist. Man spürt das Risiko, die Unsicherheit,
die explosive Möglichkeit des Scheiterns – und genau daraus
erwächst die Magie. Der Film eröffnet mit einer komprimierten,
visuell fulminanten Rückschau auf Elvis’ Karriere –
einschließlich der oft geschmähten Hollywood-Produktionen.
Luhrmann behandelt sie nicht als peinlichen Irrweg, sondern als Bestandteil
eines kulturellen Systems, das Kitsch und Charisma miteinander verschränkt.
Entscheidend ist jedoch die Zäsur von 1968: Mit dem legendären
Comeback-Special begann die zweite Geburt des King. Er war kein jugendlicher
Revoluzzer mehr; er hatte die kulturelle Landschaft bereits transformiert.
In Vegas tritt er nun als gereifter Performer auf – nicht als
Revolutionär, sondern als Meister seines Handwerks. Das Politische
weicht nicht, es verschiebt sich: von der Subversion zur Souveränität.
Die finale Interpretation von „Suspicious Minds“ wirkt
wie eine Hymne auf die fragile Institution der Ehe im Zeitalter wachsender
Scheidungsraten – eine Popballade als Kommentar zur emotionalen
Architektur Amerikas. Luhrmann inszeniert diesen Höhepunkt ohne
überflüssigen Zierrat. Die Kamera vertraut auf das Gesicht,
den Schweiß, den Atem. Bemerkenswert ist, dass Luhrmann –
bekannt für visuelle Exzesse – hier eine unerwartete Disziplin
zeigt. Der Schnitt ist dynamisch, aber nie selbstverliebt; die Montage
feiert Elvis, nicht den Regisseur. Das Resultat ist ein Konzertfilm
von frappierender Klarheit. „EPiC: Elvis Presley in Concert“
ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Re-Lektüre.
Er zeigt Elvis nicht als Karikatur einer untergehenden Ära, sondern
als Künstler auf dem Höhepunkt seiner performativen Intelligenz.