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DVD & BLU-RAY | 12.08.2026

Palästina 36
Gegen das koloniale Bild

Annemarie Jacirs „Palästina 36“ ist weit mehr als ein historisches Drama über den palästinensischen Aufstand von 1936. Der Film betreibt eine dekoloniale Neuordnung des filmischen Blicks, indem er koloniale Herrschaft nicht aus der Perspektive ihrer Archive, sondern aus der Erfahrung der Beherrschten rekonstruiert. Zwischen Gegenarchiv, territorialer Erinnerung und weiblicher Gegenöffentlichkeit entsteht ein Kino, das die vermeintliche Neutralität historischer Bilder grundsätzlich infrage stellt.

von Franziska Keil


© Philistine Films

Die Dekolonisierung beginnt beim Blick

Historische Filme werden häufig danach beurteilt, wie überzeugend sie eine vergangene Welt rekonstruieren: Ausstattung, Kostüme, Fahrzeuge, Architektur, Dialoge und militärische Uniformen sollen eine möglichst geschlossene Illusion von Vergangenheit erzeugen. Annemarie Jacirs „Palästina 36“ interessiert sich hingegen für eine wesentlich unbequemere Frage: Wer besitzt die Autorität, Vergangenheit überhaupt sichtbar zu machen? Diese Frage verschiebt den Film aus dem vertrauten Terrain des historischen Dramas in jenes der postkolonialen Bildkritik. Denn koloniale Herrschaft ist niemals ausschließlich eine materielle Ordnung. Sie produziert zugleich Wissensordnungen, Kategorien, Archive und Bilder, durch die die Beherrschten beschrieben, klassifiziert und repräsentiert werden. Edward Saids Analyse des Orientalismus hat diese Verbindung zwischen politischer Macht und visueller beziehungsweise diskursiver Repräsentation grundlegend beschrieben: Der koloniale Blick erzeugt den Anderen nicht lediglich als Bild, sondern als Gegenstand eines Wissens, das seine eigene Autorität aus der Machtposition des Beobachtenden bezieht. Jacirs entscheidender Schritt besteht nun darin, dieses Blickregime umzudrehen. „Palästina 36“ erzählt die britische Mandatszeit nicht primär als Verwaltungs- oder Militärgeschichte des Empire, sondern als Erfahrungsgeschichte der palästinensischen Bevölkerung. Das ist keine bloße Perspektiv-verschiebung, sondern eine epistemologische Intervention. Der Film fragt nicht zuerst, was die britische Verwaltung über Palästina wusste, sondern was die Menschen, die dort lebten, über ihre eigene Situation wussten – und was ihnen zunehmend verunmöglicht wurde, über diese Situation selbst zu bestimmen. Damit wird der palästinensische Körper vom Objekt kolonialer Verwaltung zum Subjekt filmischer Wahrnehmung. Das ist die vielleicht wichtigste dekoloniale Bewegung des Films.

1936 als Gegenarchiv

Die Wahl des Jahres 1936 ist in diesem Zusammenhang von außerordentlicher Bedeutung. Jacir setzt nicht erst bei der Nakba von 1948 an, sondern bei jenem historischen Prozess, in dem sich die politischen und territorialen Bedingungen der späteren Katastrophe bereits verdichteten. Der Film weigert sich damit, Geschichte als Abfolge isolierter Ereignisse zu organisieren. 1936 wird zum Gegenarchiv. Ein Gegenarchiv ist dabei nicht einfach eine Sammlung bislang unbekannter Dokumente. Es bezeichnet vielmehr eine Praxis der Erinnerung, die sich gegen die epistemische Hierarchie etablierter Archive richtet: gegen jene Vorstellung, dass Geschichte primär aus staatlichen Akten, diplomatischen Protokollen und militärischen Entscheidungen besteht. Jacirs Film setzt dieser offiziellen Dokumentation die Körper, Stimmen, Wege, Häuser und Beziehungen seiner Figuren entgegen. Das ist von besonderer Bedeutung, weil koloniale Archive keineswegs neutrale Speicher sind. Sie dokumentieren Herrschaft aus der Perspektive jener Institutionen, die Herrschaft ausüben. Was ein britischer Verwaltungsbericht als „Sicherheitsproblem“ oder „Aufstandsbekämpfung“ kategorisiert, kann aus der Perspektive der Betroffenen die Zerstörung einer Lebensgrundlage, die Verhaftung eines Familienmitglieds oder die Einschränkung elementarer Bewegungsfreiheit bedeuten. „Palästina 36“ übersetzt diese abstrakten Verwaltungsbegriffe zurück in menschliche Erfahrung. Gerade darin liegt die politische Qualität seiner historischen Rekonstruktion.

Das Empire als Infrastruktur

Bemerkenswert ist, dass Jacir die britische Kolonialmacht nicht lediglich als Ansammlung sadistischer Individuen darstellt. Vielmehr interessiert sie sich für die Infrastruktur der Herrschaft: für Verwaltung, Militär, Eigentum, Mobilität und politische Kontrolle. Das Empire erscheint dadurch weniger als spektakuläres Böse denn als System der Normalisierung. Die Gewalt des Kolonialismus muss nicht permanent explodieren, um wirksam zu sein. Sie kann in Formularen, Verordnungen, Grenzkontrollen und Landtransaktionen ebenso präsent sein wie in Gefängnissen und Exekutionen. Gerade diese administrative Dimension ist aus postkolonialer Perspektive zentral, weil sie verdeutlicht, dass koloniale Gewalt nicht erst dort beginnt, wo der Staat sichtbar Gewalt ausübt. Sie beginnt bereits mit der institutionellen Fähigkeit, Menschen unterschiedlich zu klassifizieren und ihren Zugang zu Land, Mobilität und politischer Teilhabe ungleich zu regulieren. Jacirs Film visualisiert damit, was Achille Mbembe in seiner Theorie der „Nekropolitik“ als die politische Verfügungsmacht über Leben und Tod beschrieben hat: Koloniale Herrschaft entscheidet nicht nur darüber, wer regiert wird, sondern zunehmend darüber, wessen Leben geschützt, wessen Bewegungsfreiheit eingeschränkt und wessen Tod politisch akzeptabel gemacht werden kann. Dass diese Entscheidungen in „Palästina 36“ in britischen Büros ebenso vorbereitet werden wie auf den Straßen Palästinas, ist kein Zufall. Die koloniale Gewalt besitzt eine Topografie. Und Jacir filmt diese Topografie.

Territorium ist keine Kulisse

Hier unterscheidet sich „Palästina 36“ fundamental von einem konventionellen Kostümfilm. Die Landschaft ist nicht Hintergrund, sondern politischer Akteur. Dörfer, Straßen, Felder und Städte werden als Räume gezeigt, deren Bedeutung durch die politischen Kräfteverhältnisse permanent verändert wird. Yusuf bewegt sich zwischen ländlicher und urbaner Welt; seine Wege durch die Landschaft sind niemals lediglich Übergänge zwischen zwei Schauplätzen. Mobilität selbst wird zum politischen Privileg. Damit dekonstruiert Jacir eine der zentralen Illusionen des klassischen Landschaftskinos: die Vorstellung, Landschaft sei ein unberührter, ästhetisch verfügbarer Raum. Dekoloniales Kino muss dagegen sichtbar machen, dass Land immer auch Eigentum, Erinnerung, Arbeit und Zugehörigkeit bedeutet. Der Boden unter den Füßen der Figuren ist deshalb niemals nur Boden. Er ist Geschichte. Und mehr noch: Er ist ein umkämpftes Archiv. Wenn koloniale Macht Territorium vermisst, kategorisiert und neu verteilt, dann wird Kartografie zu einem Instrument der Herrschaft. Jacirs Kamera setzt dieser abstrakten Kartierung eine körperliche Geografie entgegen. Menschen gehen über Wege, die sie kennen; Familien leben auf Land, dessen Bedeutung über Generationen vermittelt wurde; Grenzen werden nicht nur auf Karten, sondern am eigenen Körper erfahren. Die dekoloniale Ästhetik des Films besteht somit auch darin, Raum wieder zu verkörpern.


© Philistine Films

Khouloud und die Politik des Sprechens

Die Figur Khouloud führt diese Logik vom Territorium in den Bereich der Sprache. Als Journalistin verfügt sie über eine Ressource, die koloniale Macht besonders schwer kontrollieren kann: die Fähigkeit, Gegenwissen zu produzieren. Dass ihre publizistische Tätigkeit unter einem männlichen Namen stattfinden muss, macht die Verschränkung von Kolonialismus und Patriarchat sichtbar. Die Öffentlichkeit ist nicht geschlechtsneutral; sie besitzt ihre eigenen Zugangskontrollen. Khouloud muss nicht nur gegen eine koloniale Informationsordnung anschreiben, sondern zugleich gegen eine patriarchale Ordnung, die weibliche Autorschaft als weniger legitim behandelt. Hier lässt sich Gayatri Chakravorty Spivaks berühmte Frage nach der Möglichkeit des „Subalternen“, überhaupt gehört zu werden, produktiv auf den Film beziehen. Khouloud ist zwar keineswegs vollständig subaltern – ihre Bildung und soziale Position verleihen ihr erhebliche Ressourcen –, doch gerade ihre prekäre Autorität zeigt, dass Sprechen und Gehörtwerden zwei verschiedene politische Vorgänge sind. Der Film interessiert sich folglich nicht nur für die Produktion von Sprache, sondern für deren Zirkulation. Wer darf veröffentlichen? Wer wird gelesen? Wer gilt als glaubwürdige Quelle? Wer besitzt die Macht, die Erfahrung eines anderen Menschen als „objektiv“ oder „subjektiv“ zu klassifizieren? Khoulouds journalistische Arbeit ist deshalb nicht dekoratives Charakterdetail, sondern Teil der politischen Architektur des Films. Sie führt einen Kampf um Deutungshoheit. Und dieser Kampf ist zutiefst dekolonial.

Die Frau als Gegenarchiv

Noch konsequenter wird diese Perspektive in der weiblichen Genealogie des Films. Hanan und Afra bilden eine Verbindung zwischen Erinnerung und Zukunft, die sich von den klassischen genealogischen Strukturen des politischen Historienfilms unterscheidet. Traditionelle Geschichtserzählungen bevorzugen häufig eine männliche Genealogie: Vater, Sohn, Kämpfer, Revolutionär, politischer Führer. Jacir erweitert diese Genealogie um eine andere Form der historischen Weitergabe. Wissen wird zwischen Frauen vermittelt; Erinnerung wird nicht nur in Dokumenten konserviert, sondern in Gesten, Erzählungen, Fähigkeiten und Beziehungen. Das ist eine bemerkenswert konkrete Form feministischer Dekolonisierung. Denn koloniale Macht versucht nicht ausschließlich, Menschen zu beherrschen. Sie kann auch die Kontinuität ihrer Erinnerung beschädigen. Wenn Land enteignet, Familien auseinandergerissen und soziale Strukturen zerstört werden, entsteht eine Unterbrechung kultureller Überlieferung. Die Weitergabe von Wissen wird damit selbst zu einer Form des Widerstands. Hanan besitzt kein staatliches Archiv. Sie besitzt keine institutionelle Macht. Aber sie verfügt über Erinnerung. Und Erinnerung ist in „Palästina 36“ eine politische Ressource. Wenn sie Afra Wissen vermittelt, entsteht eine weibliche Gegen-Genealogie, in der Vergangenheit nicht als abgeschlossene Epoche, sondern als Verpflichtung gegenüber der Zukunft erscheint. Afra wird dadurch nicht zum passiven Symbol eines „unschuldigen palästinensischen Kindes“, sondern zu einem Subjekt, das in eine Geschichte hineinwächst, deren Bedeutung es erst noch selbst bestimmen wird.

Dekoloniales Kino und die Kritik des Opferbildes

Eine der größten Gefahren politischen Kinos besteht darin, die Beherrschten ausschließlich als Opfer zu repräsentieren. Eine solche Darstellung kann zwar Empathie erzeugen, reproduziert aber unter Umständen genau jene Asymmetrie, die sie kritisieren möchte: Die Macht liegt weiterhin beim Blickenden, während die dargestellten Menschen auf ihr Leiden reduziert werden. Jacir widersteht dieser Reduktion. Ihre Figuren leiden, aber sie sind nicht nur Leidende. Sie streiten, begehren, arbeiten, lieben, schreiben, lügen, hoffen und irren sich. Sie verfügen über politische Urteilskraft und individuelle Widersprüche. Ihre Würde entsteht nicht dadurch, dass sie moralisch makellos wären, sondern dadurch, dass sie als vollständige Subjekte erscheinen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Ein kolonial geprägtes Bild kann den kolonisierten Menschen zum „Opfer“ machen und ihn damit paradoxerweise erneut entmündigen. Ein dekoloniales Bild muss dagegen seine Handlungsmacht sichtbar machen, ohne die strukturelle Gewalt zu romantisieren. „Palästina 36“ findet hierfür eine überzeugende Balance. Auch der bewaffnete Widerstand wird nicht als romantische Erlösung inszeniert. Gewalt erscheint als Konsequenz einer politischen Situation, nicht als magische Lösung ihrer Widersprüche. Gerade diese Ambivalenz verhindert, dass der Film in eine simplistische Heroisierung kippt.


© Philistine Films

Die Kamera gegen den kolonialen Blick

Auch formal lässt sich diese Politik der Repräsentation weiterverfolgen. Jacirs Kamera arbeitet nicht primär mit der Distanz des ethnografischen Beobachters, der eine fremde Welt betrachtet und dem Publikum zur Begutachtung überlässt. Sie bindet die Zuschauerinnen und Zuschauer stärker an die Erfahrung der Figuren. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Blick auf und Blick aus einer Welt. Die Frage lautet nicht: Wie sieht Palästina aus? Sie lautet: Wie fühlt es sich an, in diesem politischen Palästina zu leben? Diese Verschiebung verändert die Funktion der Landschaft ebenso wie jene der Körper. Das Dorf ist nicht exotischer Schauplatz. Die Kleidung ist keine Folklore. Die arabische Sprache ist kein atmosphärisches Ornament. Häuser sind keine Produktionsdesign-Objekte. Alles erhält historische Materialität. Gerade hierin liegt die dekoloniale Kraft des Films: Er macht die Lebenswelt der palästinensischen Bevölkerung nicht zum dekorativen „Anderen“, sondern zum epistemischen Zentrum der Erzählung.

Archiv und Fiktion

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Verwendung von Archivmaterial. Die Integration historischer Aufnahmen in die fiktionale Handlung erzeugt keine einfache Beglaubigungsstrategie nach dem Muster: „So sah es wirklich aus.“ Vielmehr entsteht eine Reibungsfläche zwischen verschiedenen Modi historischer Wahrheit. Das Archiv besitzt Autorität, weil es scheinbar direkt aus der Vergangenheit spricht. Doch auch Archivbilder sind Produkte spezifischer Machtverhältnisse: Sie wurden von jemandem aufgenommen, ausgewählt, beschriftet, katalogisiert und erhalten. Ein dekolonialer Umgang mit Archivmaterial muss daher nicht nur fragen, was ein Bild zeigt, sondern auch, wer die Kamera hielt und unter welchen institutionellen Bedingungen es entstand. Indem Jacir Archivbilder neben ihre fiktionale Rekonstruktion stellt, erzeugt sie eine produktive Spannung zwischen dokumentierter Geschichte und erinnerter Geschichte. Die Vergangenheit wird dadurch nicht transparenter. Sie wird komplizierter. Und genau das ist ihr Gewinn.

Gegenwart ohne Gleichsetzung

Die historische Konstruktion des Films besitzt eine weitere, besonders heikle Dimension: Wer über „Palästina 1936“ erzählt, kann sich der Gegenwart nicht vollständig entziehen. Die Geschichte wird unter dem Wissen um spätere Vertreibungen, Kriege und Besatzung gesehen. Doch Jacir begeht nicht den Fehler, 1936 einfach mit der Gegenwart gleichzusetzen. Stattdessen macht sie historische Kontinuitäten sichtbar. Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine dekoloniale Geschichtsschreibung behauptet nicht, jede historische Situation sei identisch; sie fragt danach, welche Machtstrukturen sich transformieren, welche verschwinden und welche in neuen Formen wiederkehren. Der Film fordert damit eine andere Vorstellung von Zeit. Koloniale Zeit ist häufig linear organisiert: Vergangenheit, Modernisierung, Fortschritt. Die kolonialisierte Gesellschaft erscheint darin als etwas, das sich von einer vermeintlich rückständigen Vergangenheit in eine von außen definierte Zukunft bewegen soll. „Palästina 36“ verweigert diese Teleologie. Seine Figuren leben nicht in einer „Vorstufe“ der Geschichte. Sie leben in ihrer eigenen Gegenwart. Und diese Gegenwart besitzt ihre eigene politische Rationalität.


© Philistine Films

Die weibliche Zukunft

Dass Afra gegen Ende des Films eine besondere Bedeutung erhält, ist deshalb mehr als dramaturgische Symbolik. In ihrer Figur verdichten sich die Fragen nach Erinnerung, Geschlecht und Zukunft. Das Mädchen ist nicht einfach die Zukunft, weil es jung ist. Es wird zur Zukunft, weil die Erwachsenenwelt versucht, ihm eine bestimmte Vergangenheit zu übergeben – und weil es diese Vergangenheit zugleich transformieren muss. Damit entsteht eine für den Film zentrale Spannung: Wie kann Erinnerung bewahrt werden, ohne dass sie zur Gefangenschaft wird? Die Antwort liegt nicht in Vergessen. Sie liegt in Aneignung. Afra muss die Geschichte nicht unverändert wiederholen. Sie muss die Möglichkeit erhalten, mit ihr zu leben und sie weiterzuschreiben. Das ist eine ausgesprochen feministische Vorstellung von politischer Kontinuität. Die Zukunft wird nicht ausschließlich durch militärische Siege oder staatliche Institutionen garantiert, sondern durch die Fähigkeit einer Gesellschaft, Wissen, Sprache, Beziehungen und Erinnerung weiterzugeben. Der politische Körper ist damit zugleich ein reproduktiver Körper – nicht im biologischen Sinne allein, sondern im kulturellen und sozialen Sinne. Frauen reproduzieren hier nicht lediglich eine Gesellschaft. Sie reproduzieren deren Erinnerungsfähigkeit.

Ein Film gegen die Neutralitätsillusion

Gerade deshalb ist es müßig, „Palästina 36“ vorzuwerfen, er sei „zu politisch“. Jeder historische Film ist politisch, auch derjenige, der seine Politik unsichtbar macht. Die vermeintlich neutrale Perspektive ist häufig lediglich die Perspektive derjenigen, deren Position bereits als universell gilt. Dekoloniales Kino macht diese Universalitätsillusion sichtbar. Jacirs Film sagt nicht: Dies ist die einzige mögliche Geschichte Palästinas. Er sagt vielmehr: Diese Geschichte wurde zu lange nicht aus dieser Perspektive erzählt. Das ist etwas anderes. Und es ist gerade deshalb mit journalistischer und filmwissenschaftlicher Redlichkeit vereinbar, weil Perspektivität nicht dasselbe ist wie Propaganda. Ein Werk kann eine klare politische Position besitzen und dennoch komplexe Figuren, widersprüchliche Interessen und historische Ambivalenzen zulassen. „Palästina 36“ tut genau das. Seine Stärke besteht nicht darin, jede Perspektive gleich zu behandeln, sondern darin, die Asymmetrie der Ausgangslage sichtbar zu machen.

Ein dekoloniales Historienkino

Am Ende erweist sich „Palästina 36“ deshalb als ein Film über mehr als den Aufstand von 1936. Er handelt von der Macht, Geschichte zu erzählen, und von den Konsequenzen, die entstehen, wenn diese Macht ungleich verteilt ist. Jacir verschiebt den historischen Blick vom kolonialen Zentrum an die Peripherie – und entdeckt dort kein passives Objekt, sondern eine Gesellschaft voller widersprüchlicher Subjekte. Ihre Frauen sind dabei von besonderer Bedeutung, weil sie die koloniale und patriarchale Ordnung an einer Stelle destabilisieren, an der klassische politische Historiografie besonders blind ist: bei der Produktion von Wissen, Erinnerung und sozialer Kontinuität. Khouloud schreibt gegen die epistemische Autorität der Herrschenden an. Hanan bewahrt Wissen außerhalb institutioneller Archive. Afra empfängt dieses Wissen und macht daraus eine noch offene Zukunft. Drei Generationen, drei Formen des Widerstands. Und drei Antworten auf die Frage, wem Geschichte gehört. Vielleicht ist das die eigentliche politische Zumutung dieses Films: Er verlangt nicht lediglich, Palästina anders zu sehen. Er verlangt, darüber nachzudenken, wer uns überhaupt beigebracht hat, Palästina auf eine bestimmte Weise zu sehen. Damit wird „Palästina 36“ zu einem exemplarischen Werk dekolonialer Filmästhetik. Nicht weil seine Form vollständig frei von den Konventionen des klassischen Historienfilms wäre – im Gegenteil, Jacir bedient sich dieser Konventionen ausgesprochen souverän –, sondern weil sie deren Blickrichtung verändert. Sie nimmt die Instrumente des historischen Kinos und richtet sie gegen die epistemische Bequemlichkeit, aus der Geschichte häufig erzählt wird. Der Film macht aus dem Archiv keinen Richter. Aus der Landschaft keine Kulisse. Aus den Frauen keine Nebenfiguren. Und aus den Palästinenserinnen und Palästinensern keine Objekte fremder Geschichte. Er gibt ihnen etwas zurück, das koloniale Macht immer wieder zu kontrollieren versucht: die Autorität, ihre eigene Geschichte zu erzählen.


PALÄSTINA 36

ET: 06.08.26: DVD / 13.08.26: digital
R: Annemarie Jacir | D: Hiam Abbass, Kamel El Basha, Jalal Altawil
Frankreich, Katar, Palästinia, Saudi-Arabien, Großbritannien, Jordanien 2025
Alamode Filmdistribution | FSK 16


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