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DVD & BLU-RAY | 26.08.2026

EDDINGTON
Die Kleinstadt als politisches Versuchslabor

EDDINGTON nimmt die gesellschaftlichen Verwerfungen der frühen Pandemiezeit zum Ausgangspunkt einer bitteren Satire über Angst, Misstrauen und politische Polarisierung. Ari Aster versammelt Pandemiepolitik, Verschwörungskultur, Rassismus, soziale Medien und Waffenfetischismus in einer zunehmend paranoiden Kleinstadtchronik. Mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal und Emma Stone verfügt der Film über ein herausragendes Ensemble und mit Darius Khondji über einen Kameramann von außergewöhnlichem Rang.

von Franziska Keil


© LEONINE

Mit „Eddington“ unternimmt Ari Aster einen deutlichen Bruch mit den psychologischen Horrorfilmen, durch die er sich international etabliert hat. Statt einer überschaubaren Gruppe traumatisierter Individuen steht nun eine ganze Gemeinde im Zentrum: Eddington, eine fiktive Kleinstadt in New Mexico, wird während des Beginns der Covid-19-Pandemie zum Schauplatz eines gesellschaftlichen Nervenzusammenbruchs. Bürger-meister Ted Garcia und Sheriff Joe Cross geraten über Maskenpflicht, politische Autorität und ein geplantes großes Rechenzentrum aneinander. Was zunächst wie ein lokaler Machtkonflikt erscheint, entwickelt sich zu einem Brennglas für eine Gesellschaft, in der politische Überzeugungen zunehmend über Identität, Zugehörigkeit und digitale Selbstinszenierung vermittelt werden. Asters grundlegender Zugriff ist dabei durchaus interessant: Die Pandemie wird nicht primär als medizinische Katastrophe erzählt, sondern als Katalysator bereits vorhandener gesellschaftlicher Brüche. Der Ausnahmezustand bringt nichts grundsätzlich Neues hervor; er beschleunigt und verschärft, was längst vorhanden war. Genau hier besitzt „Eddington“ seine stärkste filmwissenschaftliche Idee – und zugleich sein zentrales Problem. Denn die Vielzahl der behandelten Konfliktfelder erzeugt nicht automatisch analytische Tiefe.

Der Ausnahmezustand als gesellschaftlicher Spiegel

Die Pandemie ermöglicht Aster eine ungewöhnliche Versuchsanordnung. Masken werden zum politischen Symbol, digitale Kommunikation ersetzt unmittelbare Begegnung, Verschwörungserzählungen konkurrieren mit institutionellen Informationen, und soziale Medien verwandeln private Ängste in öffentliche Identitätsbekundungen. Die Figuren reagieren auf dieselbe Krise mit völlig unterschiedlichen Wirklichkeitsmodellen. Bürgermeister Garcia begreift staatliche Regulierung als notwendige Form kollektiver Verantwortung, während Sheriff Cross die Maßnahmen als unzulässigen Eingriff in individuelle Freiheit interpretiert. Damit greift der Film eine zentrale politische Spannung der Pandemiezeit auf: das Verhältnis zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlicher Fürsorge. Bemerkenswert ist, dass Aster die Konstellation nicht einfach moralisch in Gut und Böse aufteilt. Seine Figuren sind vielmehr in ihren jeweiligen Weltbildern gefangen. Allerdings bleibt die Dialektik dieser Positionen häufig behauptet, anstatt dramatisch entwickelt zu werden. Die Handlung reiht Konfliktfelder aneinander, ohne ihnen immer die notwendige Zeit zu geben, sich gegenseitig zu verändern.

Digitale Räume und paranoide Wirklichkeiten

Das geplante Rechenzentrum besitzt innerhalb der Erzählung eine symbolische Funktion, die über seine konkrete Bedeutung hinausweist. Es steht für eine digitale Infrastruktur, die enorme Ressourcen beansprucht und zugleich jene Kommunikationsräume ermöglicht, in denen gesellschaftliche Polarisierung beschleunigt wird. Der Film verbindet damit materiellen und immateriellen Wandel: Während die Serverfarm physisch in die Landschaft eindringt, verändern soziale Netzwerke die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Eddington wird zu einer Stadt, in der politische Ereignisse zunehmend durch Bildschirme, Clips und algorithmisch verstärkte Erregung vermittelt werden. Aster zeigt damit eine Öffentlichkeit, in der nicht mehr die gemeinsame Wahrnehmung eines Ereignisses entscheidend ist, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Interpretation. Verschwörungstheorien, Aktivismus und politische Propaganda erscheinen innerhalb desselben medialen Raums. Das ist ein zeitdiagnostisch plausibler Ansatz. Allerdings bleibt die Darstellung der digitalen Kultur stellenweise selbst erstaunlich konventionell: Die sozialen Medien fungieren eher als Verstärker bereits bekannter gesellschaftlicher Absurditäten denn als eigenständiges dramaturgisches Medium.

Rassismus als Struktur und Pointe

Die rassistischen Äußerungen innerhalb des Polizeiapparats gehören zu den schärferen Passagen des Films. Aster nutzt den institutionellen Raum der Polizei, um sichtbar zu machen, wie ethnische Hierarchien und stereotype Vorstellungen selbst dort fortbestehen, wo die handelnden Figuren ihre Vorurteile als Normalität betrachten. Die Figur des indigenen Polizisten Butterfly Jimenez macht zugleich deutlich, dass Eddington nicht nur zwischen Schwarz und Weiß oder zwischen liberal und konservativ geteilt ist. Die Geschichte der USA ist von komplexeren Hierarchien geprägt, in denen indigene Bevölkerung, Latino-Community und afroamerikanische Bevölkerung jeweils unterschiedlichen Formen von Ausgrenzung ausgesetzt sind. Diese Erweiterung des Blickwinkels ist analytisch interessant. Allerdings nutzt der Film seine Figuren teilweise eher als Träger politischer Positionen denn als vollständig entwickelte Charaktere. Das kann die satirische Schärfe erhöhen, reduziert aber die emotionale Resonanz.


© LEONINE

Familie, Trauma und Verschwörung

In Louise und ihrer Mutter Dawn verschiebt sich die politische Paranoia ins Private. Dawn ist tief in digitalen Verschwörungserzählungen verstrickt, während Louise psychisch fragil erscheint und sich zunehmend einer charismatischen Figur namens Vernon Jefferson Peak zuwendet. Dieser Kultführer verbindet persönliche Traumaerfahrungen mit einer Gemeinschaft, die ihre eigene Wahrheit erzeugt. Aster greift damit ein Motiv auf, das bereits seine früheren Arbeiten geprägt hat: die Frage, wie individuelle Verletzlichkeit durch kollektive Ideologien vereinnahmt werden kann. Trauma ist hier nicht ausschließlich psychologische Erfahrung, sondern ein soziales Rohmaterial, das in neue Weltbilder übersetzt wird. Vernon Peak fungiert entsprechend weniger als klassischer religiöser Führer denn als Medienfigur einer neuen digitalen Spiritualität. Die Szene zeigt, wie leicht der Wunsch nach Erklärung in ein geschlossenes System von Schuld und Erlösung überführt werden kann. Dennoch bleibt auch dieser Strang dramaturgisch unterentwickelt. Statt die psychologischen Mechanismen des Glaubens näher zu untersuchen, nutzt der Film die Figur vor allem zur weiteren Verdichtung seiner allgemeinen Atmosphäre des Misstrauens.

Joaquin Phoenix, Pedro Pascal und Emma Stone im Korsett der Figuren

Die Besetzung verspricht eine größere psychologische Komplexität, als das Drehbuch letztlich zulässt. Joaquin Phoenix stattet Sheriff Cross mit einer nervösen, zunehmend aggressiven Energie aus, die seine Figur zwischen Selbstgerechtigkeit und Kontrollverlust oszillieren lässt. Pedro Pascal verleiht Bürgermeister Garcia eine bewusst weichere, medienbewusstere Präsenz. Emma Stone wiederum spielt Louise als eine Figur, deren emotionale Instabilität sie besonders empfänglich für die verschiedenen Deutungsangebote ihrer Umwelt macht. Dass diese drei Schauspieler trotz ihrer individuellen Qualitäten nicht immer vollständig zur Entfaltung kommen, ist weniger ein Problem ihrer Darstellung als der Konstruktion der Figuren. Aster scheint ihnen häufig eine bestimmte gesellschaftliche Funktion zuzuweisen, bevor er ihnen die Möglichkeit gibt, daraus als eigenständige Persönlichkeiten hervorzutreten. Das Ensemble wird dadurch zum Bestandteil eines großen satirischen Modells, dessen Mechanik gelegentlich wichtiger ist als die Menschen darin.

Die Ästhetik der Paranoia

Visuell besitzt „Eddington“ dagegen eine bemerkenswerte Geschlossenheit. Darius Khondjis Kameraarbeit verleiht der Kleinstadt eine eigentümlich schwere, zugleich realistische und latent entrückte Atmosphäre. Die Landschaft New Mexicos wird nicht als idyllischer amerikanischer Raum präsentiert, sondern als offene Fläche, in der politische und psychologische Spannungen sichtbar werden. Die Kamera beobachtet die Figuren häufig mit einer Distanz, die ihre Absurdität hervorhebt, ohne sie vollständig zur Karikatur zu machen. Aster nutzt zudem die unterschiedlichen Medienoberflächen – Nachrichten, soziale Netzwerke, Videobotschaften und digitale Kommunikation –, um eine fragmentierte Öffentlichkeit zu konstruieren. Die formale Qualität des Films steht damit in einem produktiven Kontrast zu seiner dramaturgischen Behäbigkeit. „Eddington“ sieht häufig interessanter aus, als es sich erzählt. Gerade die visuelle Kontrolle macht spürbar, dass Aster über ein präzises filmisches Vokabular verfügt, dessen Potenzial nicht immer von der Handlung ausgeschöpft wird.

Ein Film zwischen Diagnose und Überdruss

Ari Aster bleibt mit „Eddington“ ein Regisseur, dessen Ambitionen ausdrücklich ernst zu nehmen sind. Sein Film verweigert die bequeme politische Eindeutigkeit und versucht, die amerikanische Gesellschaft als System konkurrierender Ängste und Wahrheiten zu betrachten. Das ist grundsätzlich produktiver als eine Satire, die ihre Gegner lediglich ausstellt. Gleichzeitig gerät Asters Anspruch auf gesellschaftliche Totaldiagnose zum ästhetischen Problem. Je mehr der Film erklären, kommentieren und verspotten möchte, desto weniger Raum bleibt für jene präzise Figurenbeobachtung, die seine früheren Werke so wirkungsvoll gemacht hat. „Eddington“ ist deshalb weniger ein gescheiterter Film als ein unausgeglichenes Experiment: visuell kontrolliert, schauspielerisch ambitioniert und politisch aufmerksam, aber dramaturgisch überladen und in seinen zentralen Gedanken nicht immer hinreichend zugespitzt.

Ein ambitioniertes, widersprüchliches Porträt Amerikas

„Eddington“ erreicht nicht die formale und emotionale Geschlossenheit, die man von Ari Asters früheren Arbeiten erwarten konnte. Zu häufig ersetzt der Film Entwicklung durch Diskurs, Zuspitzung durch Wiederholung und Erkenntnis durch die bloße Präsentation bereits bekannter gesellschaftlicher Konflikte. Der Film scheitert nicht an mangelndem Interesse an seiner Gegenwart, sondern daran, dieses Interesse in eine ausreichend konzentrierte Dramaturgie zu überführen. Die 4K Ultra HD + Blu-ray Collector’s Edition, die seit dem 21. August 2026 erhältlich ist, gibt nun Gelegenheit, diese visuell ambitionierte, inhaltlich widersprüchliche Arbeit erneut unter die Lupe zu nehmen.


EDDINGTON

ET: 21.08.26: 4K Ultra HD + Blu-ray Collector’s Edition | FSK 16
R: Ari Aster | D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
USA 2024 | LEONINE


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