EDDINGTON
Die Kleinstadt als politisches Versuchslabor
EDDINGTON
nimmt die gesellschaftlichen Verwerfungen der frühen Pandemiezeit
zum Ausgangspunkt einer bitteren Satire über Angst, Misstrauen
und politische Polarisierung. Ari Aster versammelt Pandemiepolitik,
Verschwörungskultur, Rassismus, soziale Medien und Waffenfetischismus
in einer zunehmend paranoiden Kleinstadtchronik. Mit Joaquin Phoenix,
Pedro Pascal und Emma Stone verfügt der Film über ein herausragendes
Ensemble und mit Darius Khondji über einen Kameramann von außergewöhnlichem
Rang.
Mit
„Eddington“ unternimmt Ari Aster einen deutlichen Bruch
mit den psychologischen Horrorfilmen, durch die er sich international
etabliert hat. Statt einer überschaubaren Gruppe traumatisierter
Individuen steht nun eine ganze Gemeinde im Zentrum: Eddington, eine
fiktive Kleinstadt in New Mexico, wird während des Beginns der
Covid-19-Pandemie zum Schauplatz eines gesellschaftlichen Nervenzusammenbruchs.
Bürger-meister Ted Garcia und Sheriff Joe Cross geraten über
Maskenpflicht, politische Autorität und ein geplantes großes
Rechenzentrum aneinander. Was zunächst wie ein lokaler Machtkonflikt
erscheint, entwickelt sich zu einem Brennglas für eine Gesellschaft,
in der politische Überzeugungen zunehmend über Identität,
Zugehörigkeit und digitale Selbstinszenierung vermittelt werden.
Asters grundlegender Zugriff ist dabei durchaus interessant: Die Pandemie
wird nicht primär als medizinische Katastrophe erzählt,
sondern als Katalysator bereits vorhandener
gesellschaftlicher Brüche. Der Ausnahmezustand bringt nichts
grundsätzlich Neues hervor; er beschleunigt und verschärft,
was längst vorhanden war. Genau hier besitzt „Eddington“
seine stärkste filmwissenschaftliche Idee – und zugleich
sein zentrales Problem. Denn die Vielzahl der behandelten Konfliktfelder
erzeugt nicht automatisch analytische Tiefe.
Der Ausnahmezustand
als gesellschaftlicher Spiegel
Die Pandemie ermöglicht Aster eine ungewöhnliche
Versuchsanordnung. Masken werden zum politischen Symbol, digitale
Kommunikation ersetzt unmittelbare Begegnung, Verschwörungserzählungen
konkurrieren mit institutionellen Informationen, und soziale Medien
verwandeln private Ängste in öffentliche Identitätsbekundungen.
Die Figuren reagieren auf dieselbe Krise mit völlig unterschiedlichen
Wirklichkeitsmodellen. Bürgermeister Garcia begreift staatliche
Regulierung als notwendige Form kollektiver Verantwortung, während
Sheriff Cross die Maßnahmen als unzulässigen Eingriff in
individuelle Freiheit interpretiert. Damit greift der Film eine zentrale
politische Spannung der Pandemiezeit auf: das Verhältnis zwischen
individueller Autonomie und gesellschaftlicher Fürsorge. Bemerkenswert
ist, dass Aster die Konstellation nicht einfach moralisch in Gut und
Böse aufteilt. Seine Figuren sind vielmehr in ihren jeweiligen
Weltbildern gefangen. Allerdings bleibt die Dialektik dieser Positionen
häufig behauptet, anstatt dramatisch entwickelt zu werden. Die
Handlung reiht Konfliktfelder aneinander, ohne ihnen immer die notwendige
Zeit zu geben, sich gegenseitig zu verändern.
Digitale Räume
und paranoide Wirklichkeiten
Das geplante Rechenzentrum besitzt innerhalb
der Erzählung eine symbolische Funktion, die über seine
konkrete Bedeutung hinausweist. Es steht für eine digitale Infrastruktur,
die enorme Ressourcen beansprucht und zugleich jene Kommunikationsräume
ermöglicht, in denen gesellschaftliche Polarisierung beschleunigt
wird. Der Film verbindet damit materiellen und immateriellen Wandel:
Während die Serverfarm physisch in die Landschaft eindringt,
verändern soziale Netzwerke die Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Eddington wird zu einer Stadt, in der politische Ereignisse zunehmend
durch Bildschirme, Clips und algorithmisch verstärkte Erregung
vermittelt werden. Aster zeigt damit eine Öffentlichkeit, in
der nicht mehr die gemeinsame Wahrnehmung eines Ereignisses entscheidend
ist, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Interpretation.
Verschwörungstheorien, Aktivismus und politische Propaganda erscheinen
innerhalb desselben medialen Raums. Das ist ein zeitdiagnostisch plausibler
Ansatz. Allerdings bleibt die Darstellung der digitalen Kultur stellenweise
selbst erstaunlich konventionell: Die sozialen Medien fungieren eher
als Verstärker bereits bekannter gesellschaftlicher Absurditäten
denn als eigenständiges dramaturgisches Medium.
Rassismus als Struktur
und Pointe
Die rassistischen Äußerungen innerhalb
des Polizeiapparats gehören zu den schärferen Passagen des
Films. Aster nutzt den institutionellen Raum der Polizei, um sichtbar
zu machen, wie ethnische Hierarchien und stereotype Vorstellungen
selbst dort fortbestehen, wo die handelnden Figuren ihre Vorurteile
als Normalität betrachten. Die Figur des indigenen Polizisten
Butterfly Jimenez macht zugleich deutlich, dass Eddington nicht nur
zwischen Schwarz und Weiß oder zwischen liberal und konservativ
geteilt ist. Die Geschichte der USA ist von komplexeren Hierarchien
geprägt, in denen indigene Bevölkerung, Latino-Community
und afroamerikanische Bevölkerung jeweils unterschiedlichen Formen
von Ausgrenzung ausgesetzt sind. Diese Erweiterung des Blickwinkels
ist analytisch interessant. Allerdings nutzt der Film seine Figuren
teilweise eher als Träger politischer Positionen denn als vollständig
entwickelte Charaktere. Das kann die satirische Schärfe erhöhen,
reduziert aber die emotionale Resonanz.
In
Louise und ihrer Mutter Dawn verschiebt sich die politische Paranoia
ins Private. Dawn ist tief in digitalen Verschwörungserzählungen
verstrickt, während Louise psychisch fragil erscheint und sich
zunehmend einer charismatischen Figur namens Vernon Jefferson Peak
zuwendet. Dieser Kultführer verbindet persönliche Traumaerfahrungen
mit einer Gemeinschaft, die ihre eigene Wahrheit erzeugt. Aster greift
damit ein Motiv auf, das bereits seine früheren Arbeiten geprägt
hat: die Frage, wie individuelle Verletzlichkeit durch kollektive
Ideologien vereinnahmt werden kann. Trauma ist hier nicht ausschließlich
psychologische Erfahrung, sondern ein soziales Rohmaterial, das in
neue Weltbilder übersetzt wird. Vernon Peak fungiert entsprechend
weniger als klassischer religiöser Führer denn als Medienfigur
einer neuen digitalen Spiritualität. Die Szene zeigt, wie leicht
der Wunsch nach Erklärung in ein geschlossenes System von Schuld
und Erlösung überführt werden kann. Dennoch bleibt
auch dieser Strang dramaturgisch unterentwickelt. Statt die psychologischen
Mechanismen des Glaubens näher zu untersuchen, nutzt der Film
die Figur vor allem zur weiteren Verdichtung seiner allgemeinen Atmosphäre
des Misstrauens.
Joaquin
Phoenix, Pedro Pascal und Emma Stone im Korsett der Figuren
Die
Besetzung verspricht eine größere psychologische Komplexität,
als das Drehbuch letztlich zulässt. Joaquin Phoenix stattet Sheriff
Cross mit einer nervösen, zunehmend aggressiven Energie aus,
die seine Figur zwischen Selbstgerechtigkeit und Kontrollverlust oszillieren
lässt. Pedro Pascal verleiht Bürgermeister Garcia eine bewusst
weichere, medienbewusstere Präsenz. Emma Stone wiederum spielt
Louise als eine Figur, deren emotionale Instabilität sie besonders
empfänglich für die verschiedenen Deutungsangebote ihrer
Umwelt macht. Dass diese drei Schauspieler trotz ihrer individuellen
Qualitäten nicht immer vollständig zur Entfaltung kommen,
ist weniger ein Problem ihrer Darstellung als der Konstruktion der
Figuren. Aster scheint ihnen häufig eine bestimmte gesellschaftliche
Funktion zuzuweisen, bevor er ihnen die Möglichkeit gibt, daraus
als eigenständige Persönlichkeiten hervorzutreten. Das Ensemble
wird dadurch zum Bestandteil eines großen satirischen Modells,
dessen Mechanik gelegentlich wichtiger ist als die Menschen darin.
Die
Ästhetik der Paranoia
Visuell
besitzt „Eddington“ dagegen eine bemerkenswerte Geschlossenheit.
Darius Khondjis Kameraarbeit verleiht der Kleinstadt eine eigentümlich
schwere, zugleich realistische und latent entrückte Atmosphäre.
Die Landschaft New Mexicos wird nicht als idyllischer amerikanischer
Raum präsentiert, sondern als offene Fläche, in der politische
und psychologische Spannungen sichtbar werden. Die Kamera beobachtet
die Figuren häufig mit einer Distanz, die ihre Absurdität
hervorhebt, ohne sie vollständig zur Karikatur zu machen. Aster
nutzt zudem die unterschiedlichen Medienoberflächen – Nachrichten,
soziale Netzwerke, Videobotschaften und digitale Kommunikation –,
um eine fragmentierte Öffentlichkeit zu konstruieren. Die formale
Qualität des Films steht damit in einem produktiven Kontrast
zu seiner dramaturgischen Behäbigkeit. „Eddington“
sieht häufig interessanter aus, als es sich erzählt. Gerade
die visuelle Kontrolle macht spürbar, dass Aster über ein
präzises filmisches Vokabular verfügt, dessen Potenzial
nicht immer von der Handlung ausgeschöpft wird.
Ein
Film zwischen Diagnose und Überdruss
Ari
Aster bleibt mit „Eddington“ ein Regisseur, dessen Ambitionen
ausdrücklich ernst zu nehmen sind. Sein Film verweigert die bequeme
politische Eindeutigkeit und versucht, die amerikanische Gesellschaft
als System konkurrierender Ängste und Wahrheiten zu betrachten.
Das ist grundsätzlich produktiver als eine Satire, die ihre Gegner
lediglich ausstellt. Gleichzeitig gerät Asters Anspruch auf gesellschaftliche
Totaldiagnose zum ästhetischen Problem. Je mehr der Film erklären,
kommentieren und verspotten möchte, desto weniger Raum bleibt
für jene präzise Figurenbeobachtung, die seine früheren
Werke so wirkungsvoll gemacht hat. „Eddington“ ist deshalb
weniger ein gescheiterter Film als ein unausgeglichenes Experiment:
visuell kontrolliert, schauspielerisch ambitioniert und politisch
aufmerksam, aber dramaturgisch überladen und in seinen zentralen
Gedanken nicht immer hinreichend zugespitzt.
Ein
ambitioniertes, widersprüchliches Porträt Amerikas
„Eddington“
erreicht nicht die formale und emotionale Geschlossenheit, die man
von Ari Asters früheren Arbeiten erwarten konnte. Zu häufig
ersetzt der Film Entwicklung durch Diskurs, Zuspitzung durch Wiederholung
und Erkenntnis durch die bloße Präsentation bereits bekannter
gesellschaftlicher Konflikte. Der Film scheitert nicht an mangelndem
Interesse an seiner Gegenwart, sondern daran, dieses Interesse in
eine ausreichend konzentrierte Dramaturgie zu überführen.
Die 4K Ultra HD + Blu-ray Collector’s Edition, die seit dem
21. August 2026 erhältlich ist, gibt nun Gelegenheit, diese visuell
ambitionierte, inhaltlich widersprüchliche Arbeit erneut unter
die Lupe zu nehmen.
EDDINGTON
ET:
21.08.26: 4K Ultra HD + Blu-ray Collector’s Edition | FSK
16
R: Ari Aster | D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
USA 2024 | LEONINE