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DVD & BLU-RAY | 07.10.2026

MOTHER MARY
Pop als Traum, Kunst als Wunde

David Lowery verwandelt mit „Mother Mary“ die Geschichte eines Popstars und einer Modedesignerin in ein entrücktes Drama über Kunst, Ruhm und verdrängte Verletzungen. Anne Hathaway und Michaela Coel verkörpern zwei Frauen, deren einstige künstlerische Symbiose in eine schmerzhafte Konfrontation mit Vergangenheit und Identität umschlägt. Zwischen Popästhetik, Musical, Gothic-Horror und surrealem Beziehungsdrama entsteht ein Film, der weniger einer klassischen Handlung folgt als emotionalen und visuellen Assoziationen.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LEONINE Studios / Eric Zachanowich

Popstar und Modedesignerin: Eine Beziehung als künstlerische Urszene

Im Zentrum von „Mother Mary“ stehen zwei Frauen, deren Verbindung weit über eine gewöhnliche Freundschaft hinausreicht. Mother Mary (Anne Hathaway) ist ein globaler Popstar, eine Figur, deren öffentliche Erscheinung längst größer geworden ist als die Person dahinter. Sam Anselm (Michaela Coel) ist Modedesignerin und zugleich eine der entscheidenden Architektinnen jener visuellen Identität, die Mary einst zur Ikone machte. Jahre nach ihrem Zerwürfnis begegnen sich beide wieder, als Mary vor einem großen Comeback steht und Sam um die Gestaltung ihres entscheidenden Bühnenkostüms bittet. Aus diesem zunächst professionellen Auftrag entwickelt David Lowery ein Kammerspiel über eine zerstörte künstlerische Partnerschaft. Das Kostüm wird zum materiellen Ausdruck einer Beziehung, die nie vollständig beendet wurde. Sam hat Marys öffentliche Gestalt miterschaffen, wurde dafür jedoch nicht in gleichem Maße sichtbar wie der Star selbst. Darin steckt eine präzise Beobachtung der Popindustrie: Berühmtheit erscheint als individuelle Leistung, obwohl hinter der Ikone ein komplexes Geflecht aus Designerinnen, Musikerinnen, Choreografen und Produzenten steht. „Mother Mary“ interessiert sich folglich für die Frage, wem ein Star eigentlich gehört – dem Publikum, der eigenen Persona oder jenen Menschen, die diese Persona ursprünglich miterschaffen haben.

David Lowery und das Kino der emotionalen Überhöhung

Lowery, der mit „A Ghost Story“ und „The Green Knight“ bereits Filme geschaffen hat, in denen Realität, Erinnerung und Mythos ineinander übergehen, erzählt auch „Mother Mary“ nicht nach den Regeln eines konventionellen Musikdramas. Die Handlung ist weniger kausal organisiert als von Stimmungen, Erinnerungen und visuellen Motiven bestimmt. Dialoge können in Traumsequenzen übergehen, Räume scheinen ihre physische Stabilität zu verlieren und die Grenzen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und innerer Vorstellung werden zunehmend porös. Diese Form verlangt vom Publikum, dass Bilder, Geräusche und Gesten selbst Bedeutung erzeugen. „Mother Mary“ möchte nicht einfach erklären, warum seine Figuren leiden, sondern versucht, diesen Zustand formal erfahrbar zu machen. Dadurch nähert sich der Film eher der Logik eines Konzeptalbums oder einer visuellen Installation als der klassischen Dramaturgie eines Musikfilms. Das Publikum soll nicht sämtliche metaphorischen Verbindungen entschlüsseln, sondern sich in einem Geflecht aus Wiederholungen, Spiegelungen und emotionalen Resonanzen bewegen.

Anne Hathaway und Michaela Coel: Star und verdrängte Autorin

Anne Hathaway spielt Mother Mary nicht als realistische Musikerin, sondern als bewusst überhöhte Popfigur. Ihre Persona erinnert an jene Ikonen, bei denen die Grenze zwischen Star und sakraler Erscheinung aufgehoben scheint. Lowery untersucht damit die quasi-spirituelle Dimension moderner Popkultur: Stars werden nicht nur bewundert, sondern verehrt; ihre Musik kann Erinnerungen, Identität und Gemeinschaft stiften. Hathaway macht die Diskrepanz zwischen öffentlicher Größe und privater Erschöpfung körperlich sichtbar. Besonders eindrucksvoll ist eine Tanzsequenz, in der Mary eine Choreografie ohne Musik probt. Der Körper, der auf der Bühne durch Licht, Sound und Inszenierung zur perfekten Oberfläche wird, erscheint plötzlich ungeschützt. Atem, Aufprall und körperliche Anstrengung treten an die Stelle des Pop-Spektakels. Der Moment erinnert beinahe an körperliche Besessenheit und macht sichtbar, was die Bühnenpersona gewöhnlich verdeckt: Kunst entsteht nicht aus müheloser Inspiration, sondern aus Disziplin, Schmerz und physischer Verausgabung. Hathaway überzeugt dabei stärker in den körperlichen als in den rein dialogischen Passagen. Michaela Coel findet für Sam einen anderen Zugang. Ihre Figur wurde an der Entstehung von Marys Image beteiligt, blieb hinter dem Star jedoch unsichtbar. Coel spielt diesen Konflikt nicht als bloße Verbitterung. Ihr Gesicht wird zum zentralen Ausdrucksmittel einer Figur, die gleichzeitig Zuneigung, Enttäuschung, Begehren und Wut empfindet. Sam steht damit für eine alternative Vorstellung von künstlerischer Autorschaft: Während Mary das Ergebnis gemeinsamer Arbeit verkörpert, ohne deren Ursprung sichtbar zu machen, steht Sam für die unsichtbare Arbeit hinter der Ikone. Ihre Entfremdung ist deshalb zugleich persönliche Tragödie und Geschichte über Sichtbarkeit, Anerkennung und die ungleiche Verteilung von Ruhm.


© LEONINE Studios / Eric Zachanowich

Mode und Musik als zwei Formen derselben Kunst

Eine der interessantesten Ideen des Films liegt in der Verbindung von Musik und Mode. Beide Kunstformen erzeugen Identität, bevor ein einziges Wort gesprochen wurde. Ein Song kann eine Person verwandeln, ein Kleid kann aus einer Person eine Figur machen. Sam versteht Mode nicht als dekorative Oberfläche, sondern als Visualisierung einer inneren Welt. Mary wiederum hat gelernt, ihren Körper und ihre Stimme als öffentliches Medium einzusetzen. Zwischen beiden entsteht deshalb eine künstlerische Symbiose, deren Trennung einem Identitätsverlust gleichkommt. Das neue Bühnenkostüm wird zum Versuch, diese Verbindung wiederherzustellen. Lowery macht daraus keine konventionelle „Kunst rettet den Menschen“-Erzählung. Vielmehr zeigt er Kunst als ambivalente Kraft, die Menschen verbinden und zugleich verletzen kann. Wer an der Erschaffung einer Ikone beteiligt ist, kann sich selbst in dieser Ikone verlieren. Wer einen Menschen zur Projektionsfläche eines Millionenpublikums macht, erschafft zugleich eine Figur, hinter der die reale Person verschwinden kann.

Zwischen „A Ghost Story“ und „The Exorcist“: Das Gespenstische im Pop

Im weiteren Verlauf öffnet sich „Mother Mary“ zunehmend dem Übernatürlichen. Eine rote Stoffbahn wird zum wiederkehrenden visuellen Motiv und verbindet die beiden Frauen über eine Ebene, die sich rational kaum noch erklären lässt. Erinnerungen werden zu Erscheinungen, Emotionen zu physischen Kräften. Lowery interessiert sich dabei weniger für Horror im konventionellen Sinn als für die Idee, dass verdrängte Vergangenheit irgendwann eine eigene Materialität gewinnt. Das Gespenstische ist psychologisch und metaphysisch zugleich. In dieser Hinsicht erinnert „Mother Mary“ an eine Verbindung aus Popfilm und Geistergeschichte: Die Bühnenwelt der Popikone wird zunehmend von Bildern bevölkert, die wirken, als hätte jemand die Oberfläche einer perfekt kontrollierten Show aufgerissen. Diese Entwicklung gehört zu den faszinierendsten, aber auch problematischsten Entscheidungen des Films. Wo die surrealen Elemente als Verdichtung innerer Zustände funktionieren, erweitern sie das Drama; wo Lowery ihre Logik zu weit ausdehnt, droht der Film jedoch seine emotionale Orientierung zu verlieren. Aus produktiver Mehrdeutigkeit kann dann bloße Unübersichtlichkeit werden.

Das Musical als Gegenmodell zum Realismus

Bemerkenswert ist zudem, wie Lowery die musikalischen Passagen behandelt. „Mother Mary“ ist kein klassisches Musical, in dem Figuren ihre Gefühle regelmäßig in klar abgegrenzten Gesangsnummern ausdrücken. Musik besitzt vielmehr eine strukturelle Funktion. Die Songs von Jack Antonoff, Charli xcx und FKA twigs erweitern die Innenwelt der Figuren und verwandeln psychische Zustände in Klang und Bewegung. Dadurch entsteht eine Form des Musikfilms, die stärker an das Konzeptalbum als an das Broadway-Musical erinnert. Die Songs illustrieren nicht einfach die Handlung, sondern erzeugen eine zweite Erzählebene. Popmusik wird zur emotionalen Architektur des Films. Gerade dadurch gewinnt „Mother Mary“ seine eigentümliche Geschlossenheit, obwohl seine Handlung immer wieder auseinanderzufallen scheint. Der Film erzählt nicht ausschließlich durch Dialog und Handlung, sondern auch durch Klangfarbe, Rhythmus, Kostüm, Choreografie und Bildkomposition. Wer diese Elemente als gleichberechtigte narrative Ebenen akzeptiert, erkennt eine präzise konstruierte audiovisuelle Form. Wer dagegen eine klassisch entwickelte Geschichte erwartet, dürfte die langen Passagen atmosphärischer Verdichtung als überdehnt empfinden.

Die Grenzen der Metapher

Diese Spannung bestimmt letztlich die gesamte Rezeption von „Mother Mary“. Lowery arbeitet mit einer hohen Dichte an Symbolen und Motiven: religiöse Ikonografie, Mode, Popmusik, Körper, Stoff, Spiegel, Erinnerungen und geisterhafte Erscheinungen bilden ein semantisches Netz, dessen Bestandteile nicht immer eindeutig miteinander verbunden werden. Genau darin liegt die Stärke und zugleich die Schwäche des Films. Seine Bilder besitzen eine suggestive Eigenständigkeit, doch nicht jede Metapher findet eine überzeugende narrative Entsprechung. Der Film verlangt vom Publikum eine Bereitschaft zur Interpretation und verweigert bewusst die vollständige Entschlüsselung. Das kann als künstlerische Konsequenz verstanden werden, weil ein Film über Kunst nicht zwangsläufig alles erklären muss. Es kann aber ebenso als dramaturgische Unentschlossenheit erscheinen, wenn die emotionalen Konflikte hinter der Symbolik zurücktreten. „Mother Mary“ ist deshalb am überzeugendsten, wenn seine Überhöhung unmittelbar aus den Figuren hervorgeht, und weniger zwingend, wenn die Inszenierung ihre eigene Rätselhaftigkeit zum Selbstzweck macht.

Ein Popmärchen über Ruhm, Freundschaft und künstlerische Abhängigkeit

Trotz dieser Einwände besitzt „Mother Mary“ eine ungewöhnliche Konsequenz. Lowery weigert sich, aus der Geschichte einen konventionellen Film über einen gefallenen Popstar zu machen. Stattdessen entwickelt er ein Popmärchen, in dem Ruhm eine beinahe religiöse Funktion besitzt und Kunst sowohl Erlösung als auch Fluch sein kann. Die Beziehung zwischen Mary und Sam ist dabei das emotionale Zentrum. Ihre gemeinsame Vergangenheit wird nicht einfach rekonstruiert, sondern kehrt in Fragmenten, Bildern und Körpererinnerungen zurück. Dass der Film dabei nicht sämtliche Widersprüche auflöst, ist folgerichtig. Eine beschädigte Beziehung lässt sich nicht wie ein dramaturgisches Rätsel lösen. Sie kann nur neu gelesen werden.


MOTHER MARY

Start: 02.10.26: DVD, Blu-ray & Digital | FSK 12
R: David Lowery | D: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer
USA, Deutschland 2026 | LEONINE


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