Ein
Kriegsepos von unerhörter Körperlichkeit: „Warfare“
zwingt sein Publikum mitten hinein in die Staubwolken, den Pulsschlag
und die Düsternis eines realen Einsatzes im Irakkrieg. Garland
und Mendoza entwerfen ein Kino der unmittelbaren Erfahrung, fern jeder
Heroisierung, nah an der existenziellen Wahrheit des Kampfes. Ein
formal radikaler Ausnahmefilm, der den Krieg nicht erklärt –
sondern fühlbar macht.
Mit
„Warfare“, ab dem 1. August auf DVD, Blu-ray, 4K UHD Blu-ray
und digital erhältlich, gelingt Alex Garland und Ray Mendoza
ein seltenes Kunststück: ein Kriegsfilm, der sich nicht auf das
Genre, sondern auf den Krieg selbst konzentriert. Was sie erschaffen,
ist ein Werk, das an die Grenzen filmischer Darstellbarkeit vordringt
– ein Film, der den Zuschauer nicht einfach konfrontiert, sondern
in die psychophysische Realität des Kampfes hineinpresst. Es
ist ein Kino, das den Atem beschleunigt, die Muskeln anspannt und
die Sinne übersteuert. In seiner unmittelbaren Wucht steht „Warfare“
in der Tradition jener wenigen Kriegsfilme, die mehr sind als dramatische
Rekonstruktionen – Werke wie „Saving Private Ryan“,
„Come and See“ oder „Im Westen nichts Neues“.
Doch Garland und Mendoza gehen einen Schritt weiter: Sie verzichten
nahezu vollständig auf emotionale Entlastung, politischen Kontext
oder klassische Figurenentwicklung. Diese Absage an die etablierten
Narrative des Kriegsfilms ist nicht nur mutig, sondern programmatisch.
„Warfare“ erzählt von einer Mission, nicht von einer
Botschaft.
In den meisten Kriegsdramen existiert ein unausgesprochenes
Versprechen: Dass die Grausamkeit des Kampfes am Ende durch Sinngebung
oder patriotische Vision abgefedert wird. Garland und Mendoza verweigern
diese Entlastung radikal. Sie bieten weder Heldenmythos noch historisches
Urteil. Ihr Film basiert auf einer realen Operation im Jahr 2006 in
Ramadi – aber er erklärt sie nicht. Er zeigt sie. Diese
Reduktion auf den Moment erzeugt eine ungewöhnliche, beinahe
dokumentarische Intensität. Ohne erklärende Rückblenden
oder biografische Ankerpunkte werden die Navy Seals nicht zu erzählerischen
Figuren, sondern zu Instrumenten der militärischen Logistik –
und damit zu Teilchen in einem System permanenter Bedrohung. Das Ergebnis
ist ein Film, der nicht über Krieg spricht, sondern Krieg erfahren
lässt.
Obwohl
„Warfare“ seine Protagonisten kaum charakterisiert, wirkt
das Ensemble erstaunlich lebendig. Die Darsteller – darunter
D’Pharaoh Woon-A-Tai, Will Poulter, Joseph Quinn, Cosmo Jarvis,
Kit Connor und Charles Melton – entsprechen nicht traditionellen
Figurenprofilen, sondern fungieren wie Bausteine einer funktionierenden
Kriegsmaschine. Diese Männer leben über Rhythmen, Routinen
und Reflexe – und der Film bildet genau diese Mechanik ab. Der
Krieg wird zur Choreografie der Anspannung, zur Kunst des koordinierten
Überlebens. Garland und Mendoza entfesseln eine filmische Direktheit,
die sich fast vollständig auf Körperlichkeit und Tonspur
konzentriert. Die visuelle Sprache nähert sich dem sensorischen
Realismus von Dokumentarfilmen wie „Restrepo“ an. Dass
der Film auf klassische Dramaturgie verzichtet, verstärkt seine
Wirkung: Er dauert, er wühlt, er wiederholt – ganz wie
der echte Einsatz, den er rekonstruiert.
Bemerkenswert ist die Abwesenheit politischer
Positionierung. „Warfare“ meidet Syrien, Irakpolitik,
US-Außenpolitikkritik oder moralische Urteile. Diese Leerstelle
wird zur präzisen künstlerischen Entscheidung: Der Krieg
selbst steht im Zentrum, nicht seine Rechtfertigung. Der Schluss des
Films verdichtet diese Leere in einer einzigen Frage. Eine irakische
Frau, deren Haus als Einsatzbasis missbraucht wurde, fragt einen amerikanischen
Soldaten: Warum? Er schweigt. Der Film schweigt mit ihm. Die Ohnmacht
dieses Moments beschreibt den Kern von „Warfare“: ein
Krieg, der nicht erklärt werden kann, weil er als Erfahrung jede
Erklärung überschattet.
FAZIT
„Warfare“ ist ein filmisches Experiment, das zu den eindrucksvollsten
Kriegsdarstellungen der letzten Jahrzehnte gehört. Garland und
Mendoza gelingt ein Werk, das jede heroische Pose abschafft und damit
die existenzielle, rohe Wahrheit des Kampfes freilegt. Der Film ist
unbequem, atemberaubend, rhythmisch, brutal – und gerade dadurch
ein Meilenstein. Er bietet keine Deutung, keine Erlösung, keine
moralische Belehrung. Er zeigt, was Krieg ist, wenn alles andere abgezogen
wurde: eine Erfahrung, die man überleben muss, um sie überhaupt
erzählen zu können.
WARFARE
ET:
01.08.25: DVD, Blu-ray, 4K UHD Blu-ray und digital | FSK 16
R: Ray Mendoza, Alex Garland | D: D'Pharaoh Woon-A-Tai, Charles
Melton, Joseph Quinn
USA 2025 | LEONINE