Das
Kino hat sich seit seinen Anfängen immer wieder aus den Bildwelten
seiner Zeit erneuert. Literatur, Theater, Malerei, Fernsehen, Videospiele
– jede Epoche brachte neue ästhetische Einflüsse hervor,
die das Medium absorbierte und transformierte. Mit „Backrooms“,
der am 18. Juni in die Kinos kommt, vollzieht sich nun ein weiterer
bemerkenswerter Entwicklungsschritt: Zum ersten Mal scheint ein Film
vollständig aus der Bildsprache, den Ängsten und den Erzählformen
des Internets hervorgegangen zu sein. Kane Parsons, dessen auf YouTube
veröffentlichte „The Backrooms“-Kurzfilme seit 2019
zu den prägendsten Phänomenen digitaler Horrorkultur zählen,
gelingt dabei etwas Außergewöhnliches. Er adaptiert sein
virales Ausgangsmaterial nicht einfach für die große Leinwand.
Vielmehr erweitert er dessen ästhetische und philosophische Möglichkeiten
und erschafft einen Film, der sich gleichermaßen als Horrorwerk,
experimentelles Kunstkino und Reflexion über die Wahrnehmungsformen
des digitalen Zeitalters verstehen lässt. „Backrooms“
ist dabei weniger eine klassische Geschichte als ein Zustand. Weniger
ein Plot als eine Erfahrung.
Vom
Internet-Mythos zum Kinofilm
Die
kulturelle Bedeutung der „Backrooms“ lässt sich kaum
überschätzen. Was ursprünglich als rätselhaftes
Foto eines verlassen wirkenden Innenraums begann, entwickelte sich
innerhalb weniger Jahre zu einer der einflussreichsten modernen Netzlegenden.
In Foren, sozialen Medien und Videoportalen entstand eine kollektive
Mythologie um jene endlosen gelblichen Räume, die gleichzeitig
vertraut und vollkommen fremd wirken. Diese Entwicklung ist kulturhistorisch
bemerkenswert. Während frühere urbane Legenden mündlich
weitergegeben wurden und klassische Horrorfiguren durch Literatur
oder Film entstanden, repräsentieren die Backrooms eine genuin
digitale Form der Mythenschöpfung. Sie besitzen keinen eindeutigen
Ursprung, keine verbindliche Erzählung und keine feste Ikonographie.
Ihre Bedeutung entsteht aus kollektiver Imagination. Parsons erkannte
früh das erzählerische Potenzial dieses Phänomens.
Seine YouTube-Kurzfilme verwandelten die statische Idee in bewegte
Bilder und schufen eine visuelle Sprache, die Millionen Zuschauer
faszinierte. Dass daraus nun ein Kinofilm entstanden ist, markiert
einen entscheidenden Moment in der Geschichte audiovisueller Medien.
Ähnlich wie einst Comics oder Videospiele ihren Weg in das Mainstreamkino
fanden, betritt nun die Internetkultur endgültig die Leinwand.
Das
Kino der liminalen Räume
Im
Zentrum von „Backrooms“ steht die Ästhetik des sogenannten
„Liminal Space“. Der Begriff bezeichnet Übergangsräume:
Orte zwischen Ankunft und Abreise, zwischen Funktion und Leere, zwischen
Vergangenheit und Zukunft. Flughafenkorridore, Hotelflure, Einkaufszentren
nach Geschäftsschluss oder menschenleere Bürolandschaften
gehören zu diesen rätselhaften Nicht-Orten. Parsons macht
diese Ästhetik zum eigentlichen Protagonisten seines Films. Die
titelgebenden Backrooms erscheinen als endlose Abfolge miteinander
verbundener Räume. Gelbliche Wände, vergilbte Teppichböden,
flackernde Neonbeleuchtung und eine nahezu vollständige Abwesenheit
menschlichen Lebens erzeugen ein Gefühl existenzieller Desorientierung.
Filmhistorisch steht Parsons damit in einer bemerkenswerten Tradition.
Stanley Kubricks „Shining“ nutzte die Architektur des
Overlook Hotels als psychologisches Labyrinth. David Lynchs „Eraserhead“
verwandelte industrielle Räume in Manifestationen innerer Zustände.
Auch Werke wie „Inland Empire“ oder der jüngere Horrorfilm
„Skinamarink“ operieren mit einer ähnlichen Logik
des räumlichen Unbehagens. Doch Parsons entwickelt diese Tradition
weiter. Seine Räume besitzen keine psychologische Eindeutigkeit.
Sie sind weder Traum noch Realität, weder Hölle noch Fegefeuer.
Gerade diese Unbestimmtheit macht ihre Wirkung aus.
Die
Materialität digitaler Erinnerung
Eine
der größten Leistungen des Films liegt in seiner visuellen
Gestaltung. Obwohl es sich um eine Studioproduktion handelt, bewahrt
„Backrooms“ die Ästhetik der ursprünglichen
Kurzfilme. Die Bilder erinnern an beschädigte VHS-Aufnahmen,
an Fundstücke aus einer verlorenen Mediengeschichte. Diese Entscheidung
besitzt weitreichende Bedeutung. Die digitale Gegenwart produziert
täglich unüberschaubare Mengen an Bildern. Gleichzeitig
erzeugt sie eine paradoxe Nostalgie nach analogen Medienformen. Parsons
nutzt genau diesen Widerspruch. Seine Bilder wirken zugleich zeitgenössisch
und geisterhaft vergangen. Dadurch entsteht eine eigentümliche
Form visueller Erinnerung. Die Backrooms erscheinen wie Orte, die
man nie besucht hat und dennoch zu kennen glaubt. Das Unheimliche
entsteht nicht aus Fremdheit, sondern aus einer verstörenden
Vertrautheit.
Chiwetel
Ejiofor und die Krise der Männlichkeit
Im
Zentrum der Handlung steht Clark, eindrucksvoll verkörpert von
Chiwetel Ejiofor. Clark ist ein Mann, dessen Lebensentwurf gescheitert
scheint. Seine Ehe ist zerbrochen, seine beruflichen Ambitionen haben
sich nicht erfüllt, und sein Alltag ist von Resignation geprägt.
Die Backrooms erscheinen daher nicht zufällig als Spiegel seines
inneren Zustands. Filmanalytisch betrachtet bewegt sich die Figur
in einer langen Tradition männlicher Protagonisten, die sich
in labyrinthischen Räumen verlieren. Von Kafkas Romanfiguren
über Antonionis moderne Entfremdungsdramen bis hin zu den existenziellen
Suchbewegungen David Lynchs wird der Raum immer wieder zur Projektion
innerer Krisen. Clarks Reise durch die Backrooms ist deshalb weniger
eine physische als eine psychologische Bewegung. Die endlosen Korridore
und Räume erscheinen wie Manifestationen unerfüllter Hoffnungen,
verdrängter Ängste und gescheiterter Identitätsentwürfe.
Ejiofor verleiht dieser Figur eine beeindruckende Verletzlichkeit.
Sein Spiel vermeidet jede Form melodramatischer Überzeichnung
und macht Clark zu einem glaubwürdigen Menschen, dessen Suche
nach Sinn das emotionale Zentrum des Films bildet.