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KINO | 18.06.2026

BACKROOMS
Die Architektur des Unheimlichen

Aus den Tiefen digitaler Mythologien steigt mit „Backrooms“ ein Film empor, der die Grenze zwischen Internetkultur und Autorenkino auflöst. Kane Parsons transformiert ein virales Phänomen in eine hypnotische Meditation über Orientierungslosigkeit, Erinnerung und existenzielle Angst. Dabei gelingt ihm eines der ungewöhnlichsten Horrorwerke der jüngeren Zeit – ein Film, der weniger erschrecken als verstören will.


© Courtesy of A24

Das Kino hat sich seit seinen Anfängen immer wieder aus den Bildwelten seiner Zeit erneuert. Literatur, Theater, Malerei, Fernsehen, Videospiele – jede Epoche brachte neue ästhetische Einflüsse hervor, die das Medium absorbierte und transformierte. Mit „Backrooms“, der am 18. Juni in die Kinos kommt, vollzieht sich nun ein weiterer bemerkenswerter Entwicklungsschritt: Zum ersten Mal scheint ein Film vollständig aus der Bildsprache, den Ängsten und den Erzählformen des Internets hervorgegangen zu sein. Kane Parsons, dessen auf YouTube veröffentlichte „The Backrooms“-Kurzfilme seit 2019 zu den prägendsten Phänomenen digitaler Horrorkultur zählen, gelingt dabei etwas Außergewöhnliches. Er adaptiert sein virales Ausgangsmaterial nicht einfach für die große Leinwand. Vielmehr erweitert er dessen ästhetische und philosophische Möglichkeiten und erschafft einen Film, der sich gleichermaßen als Horrorwerk, experimentelles Kunstkino und Reflexion über die Wahrnehmungsformen des digitalen Zeitalters verstehen lässt. „Backrooms“ ist dabei weniger eine klassische Geschichte als ein Zustand. Weniger ein Plot als eine Erfahrung.

Vom Internet-Mythos zum Kinofilm

Die kulturelle Bedeutung der „Backrooms“ lässt sich kaum überschätzen. Was ursprünglich als rätselhaftes Foto eines verlassen wirkenden Innenraums begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer der einflussreichsten modernen Netzlegenden. In Foren, sozialen Medien und Videoportalen entstand eine kollektive Mythologie um jene endlosen gelblichen Räume, die gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd wirken. Diese Entwicklung ist kulturhistorisch bemerkenswert. Während frühere urbane Legenden mündlich weitergegeben wurden und klassische Horrorfiguren durch Literatur oder Film entstanden, repräsentieren die Backrooms eine genuin digitale Form der Mythenschöpfung. Sie besitzen keinen eindeutigen Ursprung, keine verbindliche Erzählung und keine feste Ikonographie. Ihre Bedeutung entsteht aus kollektiver Imagination. Parsons erkannte früh das erzählerische Potenzial dieses Phänomens. Seine YouTube-Kurzfilme verwandelten die statische Idee in bewegte Bilder und schufen eine visuelle Sprache, die Millionen Zuschauer faszinierte. Dass daraus nun ein Kinofilm entstanden ist, markiert einen entscheidenden Moment in der Geschichte audiovisueller Medien. Ähnlich wie einst Comics oder Videospiele ihren Weg in das Mainstreamkino fanden, betritt nun die Internetkultur endgültig die Leinwand.

Das Kino der liminalen Räume

Im Zentrum von „Backrooms“ steht die Ästhetik des sogenannten „Liminal Space“. Der Begriff bezeichnet Übergangsräume: Orte zwischen Ankunft und Abreise, zwischen Funktion und Leere, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Flughafenkorridore, Hotelflure, Einkaufszentren nach Geschäftsschluss oder menschenleere Bürolandschaften gehören zu diesen rätselhaften Nicht-Orten. Parsons macht diese Ästhetik zum eigentlichen Protagonisten seines Films. Die titelgebenden Backrooms erscheinen als endlose Abfolge miteinander verbundener Räume. Gelbliche Wände, vergilbte Teppichböden, flackernde Neonbeleuchtung und eine nahezu vollständige Abwesenheit menschlichen Lebens erzeugen ein Gefühl existenzieller Desorientierung. Filmhistorisch steht Parsons damit in einer bemerkenswerten Tradition. Stanley Kubricks „Shining“ nutzte die Architektur des Overlook Hotels als psychologisches Labyrinth. David Lynchs „Eraserhead“ verwandelte industrielle Räume in Manifestationen innerer Zustände. Auch Werke wie „Inland Empire“ oder der jüngere Horrorfilm „Skinamarink“ operieren mit einer ähnlichen Logik des räumlichen Unbehagens. Doch Parsons entwickelt diese Tradition weiter. Seine Räume besitzen keine psychologische Eindeutigkeit. Sie sind weder Traum noch Realität, weder Hölle noch Fegefeuer. Gerade diese Unbestimmtheit macht ihre Wirkung aus.

Die Materialität digitaler Erinnerung

Eine der größten Leistungen des Films liegt in seiner visuellen Gestaltung. Obwohl es sich um eine Studioproduktion handelt, bewahrt „Backrooms“ die Ästhetik der ursprünglichen Kurzfilme. Die Bilder erinnern an beschädigte VHS-Aufnahmen, an Fundstücke aus einer verlorenen Mediengeschichte. Diese Entscheidung besitzt weitreichende Bedeutung. Die digitale Gegenwart produziert täglich unüberschaubare Mengen an Bildern. Gleichzeitig erzeugt sie eine paradoxe Nostalgie nach analogen Medienformen. Parsons nutzt genau diesen Widerspruch. Seine Bilder wirken zugleich zeitgenössisch und geisterhaft vergangen. Dadurch entsteht eine eigentümliche Form visueller Erinnerung. Die Backrooms erscheinen wie Orte, die man nie besucht hat und dennoch zu kennen glaubt. Das Unheimliche entsteht nicht aus Fremdheit, sondern aus einer verstörenden Vertrautheit.

Chiwetel Ejiofor und die Krise der Männlichkeit

Im Zentrum der Handlung steht Clark, eindrucksvoll verkörpert von Chiwetel Ejiofor. Clark ist ein Mann, dessen Lebensentwurf gescheitert scheint. Seine Ehe ist zerbrochen, seine beruflichen Ambitionen haben sich nicht erfüllt, und sein Alltag ist von Resignation geprägt. Die Backrooms erscheinen daher nicht zufällig als Spiegel seines inneren Zustands. Filmanalytisch betrachtet bewegt sich die Figur in einer langen Tradition männlicher Protagonisten, die sich in labyrinthischen Räumen verlieren. Von Kafkas Romanfiguren über Antonionis moderne Entfremdungsdramen bis hin zu den existenziellen Suchbewegungen David Lynchs wird der Raum immer wieder zur Projektion innerer Krisen. Clarks Reise durch die Backrooms ist deshalb weniger eine physische als eine psychologische Bewegung. Die endlosen Korridore und Räume erscheinen wie Manifestationen unerfüllter Hoffnungen, verdrängter Ängste und gescheiterter Identitätsentwürfe. Ejiofor verleiht dieser Figur eine beeindruckende Verletzlichkeit. Sein Spiel vermeidet jede Form melodramatischer Überzeichnung und macht Clark zu einem glaubwürdigen Menschen, dessen Suche nach Sinn das emotionale Zentrum des Films bildet.


© Courtesy of A24

Weibliche Perspektiven und emotionale Intelligenz

Bemerkenswert ist auch die Figur der Therapeutin Dr. Mary Kline, gespielt von Renate Reinsve. Während zahlreiche Horrorfilme weibliche Figuren primär als Opfer oder narrative Katalysatoren einsetzen, entwickelt „Backrooms“ eine differenziertere Dynamik. Mary fungiert nicht als passive Beobachterin von Clarks Krise, sondern als eigenständige Akteurin. Ihre Entscheidung, ihm in die labyrinthartige Parallelwelt zu folgen, transformiert die Handlung in eine Geschichte über Empathie und Verantwortung. Interessanterweise steht diese Figur für eine Form emotionaler Kompetenz, die dem Protagonisten zunächst fehlt. Während Clark von Selbstmitleid und Orientierungslosigkeit geprägt ist, verkörpert Mary die Bereitschaft zur Beziehung und zum Verständnis des Anderen. Gerade dadurch erhält der Film eine humanistische Dimension, die weit über den reinen Horror hinausreicht.

Das Monster als Spiegel

Wie viele bedeutende Horrorfilme interessiert sich auch „Backrooms“ letztlich weniger für seine Monster als für deren Bedeutung. Die deformierten Kreaturen, die Clark begegnen, erscheinen weniger als eigenständige Wesen denn als Manifestationen verdrängter Ängste. Besonders die monströse Verzerrung seiner eigenen Identität verweist auf eine klassische Tradition des Horrorgenres: Das wahre Grauen liegt nicht außerhalb des Menschen, sondern in ihm selbst. Hier zeigt sich erneut die Nähe zu Lynch. Wie in dessen besten Arbeiten bleiben die Bilder offen für Interpretation. Parsons verweigert eindeutige Antworten und setzt stattdessen auf Suggestion. Das Resultat ist ein Horrorfilm, der den Zuschauer nicht mit Erklärungen beruhigt, sondern mit Fragen entlässt.

Das Kino nach dem Internet

Die vielleicht spannendste Frage lautet jedoch, was „Backrooms“ über die Zukunft des Kinos verrät. Kane Parsons gehört zu einer Generation, die nicht mit klassischen Filmkanons sozialisiert wurde, sondern mit YouTube, Foren, Videospielen und sozialen Netzwerken. Seine Bildsprache entsteht aus digitalen Räumen und kollektiven Online-Erfahrungen. Dennoch wirkt „Backrooms“ keineswegs wie ein Produkt algorithmischer Kultur. Im Gegenteil: Der Film besitzt eine erstaunliche cineastische Reife. Parsons verbindet die ästhetischen Innovationen des Internets mit den Traditionen des Autorenkinos und schafft daraus etwas Eigenständiges. Es ist diese Verbindung von digitaler Gegenwart und filmhistorischem Bewusstsein, die „Backrooms“ zu einem so faszinierenden Werk macht.

Fazit

„Backrooms“ ist einer der ungewöhnlichsten und künstlerisch ambitioniertesten Horrorfilme der letzten Jahre. Kane Parsons gelingt das Kunststück, ein Internetphänomen in ernstzunehmendes Kino zu überführen, ohne dessen ursprüngliche Faszination zu verlieren. Der Film überzeugt durch seine hypnotische Atmosphäre, seine herausragende Rauminszenierung, die beeindruckenden Darstellerleistungen von Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve sowie durch seine intelligente Auseinandersetzung mit den Ängsten einer digitalisierten Gegenwart. Vor allem aber beweist „Backrooms“, dass das Kino auch im Zeitalter sozialer Medien weiterhin neue Bilder, neue Formen und neue Mythen hervorbringen kann. Was einst als rätselhaftes Foto in den Untiefen des Internets begann, ist nun zu einem der bemerkenswertesten filmischen Albträume des Jahres geworden – und zu einem eindrucksvollen Beleg dafür, dass die Zukunft des Kinos mitunter an den unerwartetsten Orten entsteht.


BACKROOMS

Start: 18.06.26 | FSK 16
R: Kane Parsons | D: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass
USA 2026 | Constantin Film Verleih


 


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