Ein Film
wie aus einer vergessenen Videothekenhölle der siebziger Jahre
– roh, schmutzig und kompromisslos inszeniert. Doch hinter der
sorgfältig rekonstruierten Grindhouse-Ästhetik offenbaren
sich überraschende Brüche und Widersprüche. „Dolly“
beschwört die Geister des amerikanischen Horrorkinos herauf,
ohne deren subversive Kraft wirklich zu erreichen.
Mit
dem am 11. Juni in die Kinos kommenden Horrorfilm „Dolly“
unternimmt Regisseur Rod Blackhurst den Versuch, an eine Tradition
anzuschließen, die seit Jahrzehnten zu den mythisch aufgeladenen
Ursprüngen des amerikanischen Horrorkinos gehört. Sein Film
versteht sich unverkennbar als Rückgriff auf jene Periode des
Genres, in der Werke wie „The Texas Chain Saw Massacre“
das Publikum weniger durch explizite Gewalt als durch atmosphärische
Verwahrlosung, existenzielle Bedrohung und soziale Abgründe erschütterten.
„Dolly“ präsentiert sich dabei zunächst als
bewusste Gegenbewegung zu jenen zeitgenössischen Horrorproduktionen,
die ihre Wirkung vor allem aus Meta-Kommentaren, narrativen Spielereien
oder intellektuellen Konzepten beziehen. Blackhurst sucht stattdessen
die unmittelbare physische Erfahrung des Horrors. Sein Film möchte
schmutzig wirken, unangenehm, aggressiv und archaisch. Doch gerade
in diesem Anspruch offenbart sich die zentrale Schwäche des Films:
Er reproduziert die Oberflächen seiner Vorbilder mit großer
Hingabe, ohne deren ästhetische oder gesellschaftliche Radikalität
wirklich zu verstehen.
Die
Ästhetik des Verfalls
Formal
betrachtet ist „Dolly“ zunächst beeindruckend konsequent.
Die Entscheidung, auf 16-Millimeter-Material zu drehen, verleiht dem
Film eine körnige Materialität, die sofort Assoziationen
an das amerikanische Exploitation-Kino der siebziger Jahre hervorruft.
Das Bild besitzt jene raue Textur, die modernen digitalen Produktionen
häufig fehlt. Schmutz, Kratzer, Unschärfen und die sichtbare
Körnung erzeugen den Eindruck eines physischen Objekts. Die Welt
von „Dolly“ wirkt nicht konstruiert, sondern verfallen.
Der Wald, die verrottende viktorianische Behausung der Titelfigur
und die von Puppen dominierte Innenarchitektur erscheinen wie Überreste
einer längst kollabierten Zivilisation. Gerade hierin liegt zunächst
eine beträchtliche Stärke des Films. Blackhurst versteht
die Bedeutung filmischer Oberflächen. Er weiß, dass Horror
oft weniger aus dem Gezeigten entsteht als aus der Art und Weise,
wie Bilder beschaffen sind. Allerdings sabotiert der Film seine eigene
ästhetische Strategie wiederholt. Moderne Luftaufnahmen und andere
visuelle Mittel durchbrechen die historische Illusion. Dadurch entsteht
ein merkwürdiger Schwebezustand zwischen authentischer Rekonstruktion
und zeitgenössischer Stilübung. Die sorgfältig erzeugte
Grindhouse-Atmosphäre wird immer wieder daran erinnert, dass
sie letztlich nur ein nachträglich erzeugtes Konstrukt bleibt.
Gewalt
als Spektakel und Problem
Besonders
deutlich wird diese Ambivalenz in der Inszenierung der Gewalt. Die
Eröffnungsphase des Films besitzt eine bemerkenswerte Wucht.
Bereits früh setzt Blackhurst einen Schockmoment, der den Zuschauer
in eine Welt körperlicher Zerstörung stößt. Die
Effekte sind handwerklich überzeugend umgesetzt und erinnern
an die Hochphase praktischer Make-up-Effekte im amerikanischen Horrorfilm.
Vor allem die groteske Verletzung der von Seann William Scott gespielten
Figur entwickelt eine verstörende Körperlichkeit. Das Gesicht
wird zum deformierten Schauplatz des Überlebenskampfes. Hier
gelingt dem Film für kurze Zeit jene Form des Body Horrors, die
den Körper nicht lediglich verletzt, sondern seine Integrität
grundsätzlich infrage stellt. Doch nach diesem starken Auftakt
verliert „Dolly“ zunehmend an Intensität. Die Gewaltspirale
steigert sich nicht, sondern erschöpft sich. Was zunächst
schockiert, beginnt sich zu wiederholen. Die Inszenierung produziert
keine neuen Variationen des Schreckens, sondern verwaltet lediglich
den einmal etablierten Effekt. Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied
zu den großen Vorbildern des Genres. Filme wie „Blutgericht
in Texas“ lebten nicht von einer Aneinanderreihung blutiger
Bilder, sondern von der permanenten Eskalation psychischer Belastung.
„Dolly“ verwechselt häufig Brutalität mit Bedrohung.
Die
Krise des Final Girls
Im
Zentrum der Handlung steht Macy, gespielt von Fabianne Therese. Zu
Beginn erscheint sie als moderne Variante des klassischen Final Girls.
Sie wirkt selbstbestimmt, intelligent und emotional glaubwürdig.
Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker untergräbt
das Drehbuch die innere Logik ihrer Figur. Ihre Entscheidungen werden
zunehmend irrational. Handlungen, die der Dramaturgie dienen sollen,
wirken konstruiert und widersprechen dem zuvor etablierten Charakterprofil.
Dadurch verliert der Film einen wesentlichen Teil seiner Spannung.
Denn Horror entsteht nicht allein aus der Existenz einer Bedrohung.
Er entsteht aus der Glaubwürdigkeit jener Figuren, die dieser
Bedrohung ausgesetzt sind. Wenn das Publikum die Handlungen der Protagonistin
nicht mehr nachvollziehen kann, verwandelt sich Angst in Distanz.
Genau dieser Prozess vollzieht sich im letzten Drittel von „Dolly“.
Die
vielleicht interessanteste Dimension des Films besteht in seinem Verhältnis
zum Klassiker von Tobe Hooper. „Dolly“ ist weniger von
„Blutgericht in Texas“ inspiriert als von ihm besessen.
Die narrative Struktur, die Bewegung aus der Zivilisation in einen
Raum des Wahnsinns, die Konzeption der monströsen Täterfigur
und selbst einzelne visuelle Motive erinnern unverkennbar an Hoopers
Meisterwerk. Filmhistorisch betrachtet bewegt sich Blackhurst damit
in einer langen Tradition des Horrorfilms, die von Zitat, Variation
und Wiederholung lebt. Das Problem besteht jedoch darin, dass „Dolly“
kaum eigene Akzente setzt. Während Hoopers Film eine verstörende
Allegorie auf gesellschaftlichen Zerfall, ökonomische Krisen
und familiäre Dysfunktion darstellte, bleibt Blackhursts Werk
weitgehend auf der Ebene der Nachahmung stehen. Der Film rekonstruiert
die Form seines Vorbildes, ohne dessen gesellschaftliche Tiefenschichten
neu zu interpretieren.
Weiblichkeit
als Horrorbild
Die
problematischste Ebene von „Dolly“ liegt jedoch in seiner
Darstellung von Weiblichkeit. Die Titelfigur erscheint als groteske
Karikatur eines deformierten Mutter- und Familienwunsches. Während
Macy als konventionell attraktive, unabhängige Frau inszeniert
wird, verkörpert Dolly deren scheinbar monströses Gegenbild.
Hier entsteht eine symbolische Struktur, die weit über die eigentliche
Handlung hinausweist. Der Film verbindet körperliche Abweichung,
soziale Isolation und den Wunsch nach familiärer Zugehörigkeit
mit Monstrosität. Zwar lässt sich argumentieren, dass Horrorfilme
traditionell mit Überzeichnungen arbeiten. Dennoch bleibt auffällig,
wie konsequent „Dolly“ bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit
ästhetisch kodiert. Besonders problematisch wird dies dadurch,
dass der Film diese Implikationen offenbar nicht reflektiert. Die
Inszenierung reproduziert Bilder und Wertungen, ohne sie kritisch
zu hinterfragen. Was möglicherweise als Hommage an die transgressiven
Grenzüberschreitungen des Exploitation-Kinos gedacht ist, wirkt
dadurch häufig unfreiwillig entlarvend.
Zwischen
Hommage und Regression
Viele
zeitgenössische Genrefilme arbeiten mit Nostalgie. Doch die interessantesten
Vertreter dieser Entwicklung nutzen historische Vorbilder als Ausgangspunkt
für neue Perspektiven. „Dolly“ hingegen bleibt zu
oft im Modus der Rekonstruktion gefangen. Der Film kennt die Bilder
des klassischen Horrorkinos. Er kennt dessen Oberflächen, dessen
Ikonografie und dessen visuelle Sprache. Was ihm weitgehend fehlt,
ist das Verständnis dafür, weshalb diese Bilder einst eine
solche Wirkung entfalten konnten. So entsteht ein Werk, das technisch
kompetent, atmosphärisch stellenweise wirkungsvoll und gelegentlich
durchaus verstörend ist, dessen ästhetische Ambitionen jedoch
immer wieder durch narrative Schwächen und ideologische Blindstellen
unterlaufen werden.
Fazit
„Dolly“
ist kein misslungener Film. Seine kompromisslose Schmutzigkeit, die
überzeugende analoge Bildästhetik und einzelne Momente körperlichen
Horrors besitzen durchaus Reiz. Rod Blackhurst beweist Gespür
für Atmosphäre und die visuelle Tradition des amerikanischen
Genrekinos. Als eigenständiges Werk bleibt der Film jedoch hinter
seinen Ambitionen zurück. Zu offensichtlich orientiert er sich
an seinen Vorbildern, zu wenig entwickelt er daraus eine eigene Handschrift.
Hinzu kommt eine problematische Geschlechterdarstellung, die unbeabsichtigt
mehr über die Perspektive des Films verrät als über
seine Figuren. So hinterlässt „Dolly“ letztlich einen
widersprüchlichen Eindruck: ein technisch versierter und atmosphärisch
dichter Horrorfilm, der seine Inspirationsquellen leidenschaftlich
verehrt, deren kreative Radikalität jedoch kaum erreicht. Gerade
deshalb ist er weniger als Wiedergeburt des siebzigerjährigen
Horrorkinos interessant als vielmehr als Symptom einer Gegenwart,
die sich zunehmend in den Geistern ihrer filmischen Vergangenheit
verliert.
DOLLY
Start:
11.06.26 | FSK 18
R: Rod Blackhurst | D: Fabianne Therese, Seann William Scott
USA 2025 | Tiberius Film