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DIGITAL | 23.07.2026

VICIOUS - Ein teuflisches Geschenk
Zwischen Paranoia und Prädestination

Mit „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“ kehrt Bryan Bertino zu jenem psychologischen Horrorkino zurück, das ihn einst mit „The Strangers“ zu einer der interessantesten Stimmen des Genres machte. Zwischen existenzieller Bedrohung, übernatürlicher Symbolik und blutiger Körperlichkeit entfaltet sich ein Film, dessen atmosphärische Qualitäten ebenso überzeugen wie seine erzählerischen Schwächen irritieren.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Paramount

Seit den frühen 2000er Jahren hat sich der Horrorfilm zunehmend von einer primär schockorientierten Genrekonvention zu einem vielschichtigen Reflexionsraum gesellschaftlicher und psychologischer Ängste entwickelt. Filme wie „The Ring“, „Drag Me to Hell“, „It Follows“, „Hereditary“ oder „Smile“ demonstrieren, dass das Genre längst nicht mehr ausschließlich von monströsen Antagonisten oder spektakulären Gewaltmomenten lebt, sondern vielmehr von abstrakten Bedrohungsszenarien, deren eigentliche Kraft aus ihrer metaphorischen Offenheit resultiert. Bryan Bertino gehört zu jenen Regisseuren, die diese Entwicklung früh mitprägten. Bereits „The Strangers“ entwickelte seinen nachhaltigen Schrecken nicht durch komplexe Mythologien oder elaborate Erklärungsmodelle, sondern durch die erschütternde Erfahrung einer grundlosen Gewalt, deren Irrationalität das Sicherheitsversprechen des modernen Alltags radikal infrage stellte. Mit „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“, der nach seiner ausgebliebenen Kinoauswertung nun als Download und Video on Demand veröffentlicht wird, versucht Bertino sichtbar, an jene Qualitäten anzuknüpfen, die sein Frühwerk zu einem Referenzpunkt des modernen Home-Invasion-Horrors machten. Allerdings verfolgt er diesmal einen anderen erzählerischen Ansatz. An die Stelle realistischer Bedrohung tritt eine zunehmend metaphysische Konstruktion, deren Zentrum ein geheimnisvolles Kästchen bildet, das seiner Besitzerin während einer einzigen Nacht existenzielle Entscheidungen abverlangt. Aus dieser Konstellation entwickelt sich kein klassischer Haunted-House-Film, sondern vielmehr eine Versuchsanordnung über Schuld, Verlust und die Fragilität menschlicher Identität.

Das Horrorkino als moralisches Experiment

Filmwissenschaftlich betrachtet bewegt sich „Vicious“ innerhalb jener Spielart des Horrorgenres, die den Schrecken weniger aus der Präsenz eines konkreten Monsters als aus der Instabilität ontologischer Gewissheiten erzeugt. Das rätselhafte Objekt fungiert dabei als klassischer MacGuffin und zugleich als allegorischer Katalysator, dessen eigentliche Funktion weniger in seiner materiellen Existenz als in den ethischen Entscheidungen besteht, die es provoziert. Bertino interessiert sich erkennbar weniger für die Herkunft oder Funktionsweise des Kästchens als für dessen Wirkung auf seine Protagonistin. Gerade hierin liegt zunächst die größte Stärke des Films. Die ersten Minuten entfalten mit bemerkenswerter Ruhe jene latente Irritation, die den Zuschauer kontinuierlich auf einen Zustand permanenter Unsicherheit vorbereitet. Bertino beweist erneut sein ausgeprägtes Gespür für räumliche Inszenierung. Dunkle Vorstadtsiedlungen, scheinbar vertraute Einfamilienhäuser und menschenleere Straßen verwandeln sich durch minimale Verschiebungen der Wahrnehmung in Orte permanenter Bedrohung. Die Inszenierung erinnert dabei weniger an klassische Haunted-House-Filme als an das paranoide Vorstadtkino eines David Lynch oder an die existenzielle Trostlosigkeit zeitgenössischer amerikanischer Independent-Horrorfilme. Gleichzeitig offenbart sich jedoch früh eine strukturelle Problematik. Während Bertinos Inszenierung Atmosphäre mit bemerkenswerter Präzision erzeugt, bleibt die narrative Architektur des Films überraschend vage. Die Regeln des übernatürlichen Spiels werden nur fragmentarisch angedeutet, ohne dass ihre innere Logik überzeugend entwickelt würde. Ambiguität gehört zweifellos zu den produktivsten Stilmitteln des modernen Horrorkinos; sie erzeugt Interpretationsräume und erweitert die metaphorische Dimension des Erzählten. Vicious überschreitet jedoch mehrfach jene feine Grenze, an der produktive Mehrdeutigkeit in dramaturgische Beliebigkeit umzuschlagen droht. Nicht jede erzählerische Leerstelle erzeugt automatisch Mysterium; bisweilen verhindert sie vielmehr die emotionale Bindung an das Geschehen.

Dakota Fanning zwischen Verletzlichkeit und Resilienz

Im Zentrum des Films steht Dakota Fanning, deren Darstellung maßgeblich dazu beiträgt, dass „Vicious“ trotz seiner dramaturgischen Schwächen eine bemerkenswerte emotionale Erdung behält. Ihre Polly verkörpert keine klassische Horrorheldin, sondern eine Frau, deren Lebensentwurf bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Finanzielle Unsicherheit, persönliche Orientierungslosigkeit und die Erfahrung biografischer Stagnation verleihen der Figur eine psychologische Glaubwürdigkeit, die weit über genretypische Charakterzeichnungen hinausgeht. Fanning entscheidet sich erfreulicherweise gegen expressive Überzeichnung. Ihre Darstellung lebt von kontrollierter Zurückhaltung, kleinen Gesten und einer permanent spürbaren inneren Anspannung. Gerade diese Reduktion verhindert, dass Polly zur bloßen Projektionsfläche des Horrors wird. Vielmehr entwickelt sich ihre Figur zu einer modernen Variante der sogenannten „Final Girl“-Tradition, deren Überlebenskampf nicht primär physischer Natur ist, sondern zunehmend zu einer existenziellen Auseinandersetzung mit Schuld, Angst und Selbstwahrnehmung wird. Kathryn Hunter hingegen verfolgt den entgegengesetzten darstellerischen Ansatz. Ihre geheimnisvolle Besucherin oszilliert zwischen grotesker Exzentrik und dämonischer Überhöhung. Zwar besitzt ihre Performance zweifellos eine eigentümliche Faszination, doch droht ihre expressive Spielweise bisweilen die subtile Atmosphäre des Films zu dominieren. Gerade in den frühen Szenen entsteht dadurch ein interessantes Spannungsverhältnis zwischen realistischer Figurenzeichnung und beinahe expressionistischer Überzeichnung, das jedoch nicht durchgängig produktiv aufgelöst wird.


© Paramount

Atmosphäre als ästhetische Qualität

Wie bereits in seinen früheren Arbeiten beweist Bertino eine außerordentliche Sensibilität für audiovisuelle Raumgestaltung. Die Kamera arbeitet mit langen Einstellungen, vorsichtigen Bewegungen und einer kontrollierten Kadrierung, welche die Architektur des Hauses kontinuierlich als potenziellen Gefahrenraum etabliert. Türen, Fenster, Flure und Schattenzonen erhalten eine fast autonome Präsenz innerhalb der Mise-en-scène und erinnern daran, dass der Horrorfilm seit jeher von der Transformation vertrauter Räume lebt. Bemerkenswert ist dabei insbesondere der Verzicht auf permanente Überreizung. Bertino vertraut über weite Strecken auf Stille, Dunkelheit und das Prinzip der Erwartung. Dadurch entstehen Momente authentischer Spannung, die sich wohltuend von der oft hektischen Reizökonomie zeitgenössischer Studiohorrorfilme unterscheiden. Erst im weiteren Verlauf verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend zugunsten expliziter Gewaltdarstellungen. Die handwerklich überzeugend inszenierten Gore-Sequenzen besitzen zwar eine unmittelbare körperliche Wirkung, vermögen jedoch die nachlassende dramaturgische Stringenz nicht dauerhaft zu kompensieren. Gerade hierin offenbart sich eine interessante Verschiebung innerhalb von Bertinos filmischem Schaffen. Wo „The Strangers“ seine größte Kraft aus der radikalen Reduktion bezog, setzt „Vicious“ zunehmend auf visuelle Eskalation. Dadurch verändert sich die Qualität des Schreckens. Die anfänglich diffuse Paranoia weicht einer deutlich konkreteren Körperlichkeit, welche zwar intensive Einzelmomente hervorbringt, jedoch den psychologischen Nachhall der frühen Sequenzen nicht vollständig erreicht.

Zwischen Genrekonvention und verlorener Radikalität

Bryan Bertino bleibt ein Regisseur, dessen Arbeiten sich konsequent der Frage widmen, wie sich alltägliche Räume in Orte existenzieller Unsicherheit verwandeln lassen. Auch „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“ trägt unverkennbar seine Handschrift. Die sorgfältige Atmosphäre, die präzise Inszenierung räumlicher Bedrohung und die Konzentration auf psychologische Prozesse zeigen einen Filmemacher, der das Horrorkino weiterhin als Medium existenzieller Erfahrung begreift. Dennoch bleibt der Film hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurück. Seine erzählerische Konstruktion entwickelt die vielversprechende Ausgangsidee nicht mit jener Konsequenz weiter, die erforderlich gewesen wäre, um aus einem stimmungsvollen Genrefilm ein nachhaltig verstörendes Kinoerlebnis zu machen. Zu häufig ersetzt Unbestimmtheit dramaturgische Präzision, zu selten erhalten die moralischen Fragestellungen jene philosophische Tiefe, die der Film wiederholt andeutet. Gleichwohl verdient „Vicious“ Aufmerksamkeit, gerade weil er sich dem gegenwärtigen Trend einer permanenten Reizüberbietung nicht vollständig unterordnet. Bertino interessiert sich weiterhin für die langsame Erosion von Sicherheit, für das Eindringen des Unheimlichen in den Alltag und für jene psychologischen Zwischenräume, in denen Horror seine nachhaltigste Wirkung entfaltet. Dass nicht alle erzählerischen Entscheidungen dieses ambitionierte Konzept einlösen, schmälert zwar den Gesamteindruck, mindert jedoch nicht den filmwissenschaftlichen Reiz eines Werkes, das sich sichtbar um eine eigenständige Weiterentwicklung des psychologischen Horrorkinos bemüht. „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“ ist daher weniger als makelloser Genrefilm denn als bemerkenswerter Versuch zu verstehen, vertraute Motive des modernen Horrors mit existenziellen Fragestellungen zu verbinden. Zwischen atmosphärischer Raffinesse und dramaturgischer Unentschlossenheit entsteht ein Werk, das seine größten Qualitäten nicht im Schockeffekt, sondern in seiner Reflexion über Angst als Zustand permanenter Verunsicherung entfaltet – und gerade deshalb eine differenzierte Betrachtung verdient.


VICIOUS - EIN TEUFLISCHES GESCHENK

Start: 10.07.26: Paramount+ (Download & VoD)
R: Bryan Bertino | D: Dakota Fanning, Kathryn Hunter
USA 2025 | Paramount Pictures Germany
| FSK 16


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