Ein
Filmfest für das eigene Zuhause
Der
Herbst ist, kulturgeschichtlich betrachtet, eine eigentümliche
Übergangszeit: Das Licht wird sparsamer, die Abende gewinnen
an Gewicht, und aus dem beiläufigen Medienkonsum kann wieder
ein bewusstes Ritual werden. Genau hier setzt Filmfest@home
an, das vom 21. August bis zum 3. September eine breite Auswahl an
Filmen über verschiedene Anbieter hinweg zu Aktionspreisen zum
digitalen Kauf bündelt. Die Idee dahinter ist so einfach wie
zeitgemäß: Wer einen Film digital kauft, erwirbt nicht
lediglich einen einzelnen Abend Unterhaltung, sondern kann sich sukzessive
eine eigene, jederzeit verfügbare Filmbibliothek aufbauen. Das
unterscheidet den Kauf fundamental vom flüchtigen Streamingzugriff,
dessen Verfügbarkeit stets an Katalogpolitik, Lizenzfenster und
Plattformökonomie gebunden bleibt. Filmfest@home
macht aus dieser digitalen Infrastruktur gewissermaßen eine
private Cinémathèque – und lädt dazu ein,
nicht einfach irgendeinen Film anzuklicken, sondern aus der Fülle
ein persönliches Programm zu komponieren. Die Titelliste reicht
dabei von großen Hollywoodklassikern und populären Franchise-Filmen
über zeitgenössisches Arthouse-Kino bis zu Genreperlen,
Anime, Dokumentarfilmen und europäischen Produktionen. Das eigentlich
Interessante ist deshalb weniger der einzelne Aktionspreis als die
kuratorische Freiheit: Man kann sich einen Regisseur-Abend zusammenstellen,
ein Jahrzehnt rekonstruieren, eine Filmreihe nach Genre anlegen oder
– vielleicht die schönste Variante – einfach dem
eigenen Herbstgefühl folgen. Es folgen drei persönliche
Filmreihen zur Inspiration:
Herbstkino
– Wenn draußen die Welt leiser wird
Es
gibt Filme, die man nicht unbedingt „schaut“, sondern
in die man sich hineinbegibt. Für diese erste Herbstliste eignen
sich Werke, deren Atmosphäre stärker nachwirkt als ihr Plot
und die jene besondere Mischung aus Melancholie, Fremdheit und Schönheit
besitzen, die dem Kinoabend im Oktober oder November seine eigentliche
Würde verleiht. Ganz oben steht „In the Mood for Love“,
Wong Kar-wais nahezu schwereloses Meisterwerk über Begehren,
Verzicht und die Architektur einer verpassten Möglichkeit. Kaum
ein anderer Film versteht es, Räume, Farben, Blicke und Bewegungen
so konsequent in emotionale Zustände zu übersetzen. Danach
„Chungking Express“, ebenfalls von Wong Kar-wai: urbaner,
verspielter und nervöser, aber gleichfalls ein Film über
Menschen, die inmitten einer überfüllten Stadt aneinander
vorbeileben und dennoch für kurze Zeit eine Form von Nähe
finden. Mit „Arrival“ kommt ein Science-Fiction-Film hinzu,
der sein Genre nicht primär über Spektakel, sondern über
Sprache, Erinnerung und die philosophische Frage nach der Struktur
von Zeit erweitert. „Call Me by your Name“ führt
diese melancholische Linie in einen sommerlichen Erinnerungsraum,
dessen Wärme gerade deshalb so intensiv wirkt, weil der Film
von der Vergänglichkeit des Glücks erzählt. Als bewusst
dunklere Ergänzung folgt „The Card Counter“, Paul
Schraders lakonische Studie über Schuld, Selbstdisziplin und
die Unmöglichkeit, eine beschädigte Vergangenheit einfach
abzuschütteln. Den Abschluss bildet „Blade Runner 2049“,
dessen futuristische Melancholie beinahe wie ein Gegenstück zum
klassischen Herbstfilm funktioniert: eine Welt aus Neon, Nebel, Erinnerung
und Einsamkeit, in der die Frage nach dem Menschlichen wichtiger ist
als die Frage nach dem bloßen Überleben. Diese Liste ist
das Programm für einen Abend, an dem das Smartphone ausgeschaltet
bleibt, die Beleuchtung gedimmt wird und man sich daran erinnert,
dass Kino nicht immer Eskapismus bedeuten muss – manchmal ist
es gerade die Kunst, der eigenen Melancholie eine Form zu geben.
Herbst
nach Mitternacht – Wenn der Filmabend gefährlich werden
darf
Der
Herbst hat allerdings auch eine andere Seite: Nach Mitternacht darf
das heimische Kino unheimlich, exzessiv und ein wenig geschmacklos
werden. Die zweite Liste folgt deshalb keinem Prestigeprinzip, sondern
der alten Lust am Genrekino, jenem Kino also, das seine Wirkung nicht
zuletzt daraus bezieht, dass es die Grenzen zwischen Spannung, Gewalt,
schwarzem Humor und purem Vergnügen lustvoll ignoriert. Den Auftakt
macht „Hereditary“, Ari Asters radikal klaustrophobisches
Familiendrama, das den Horror nicht in erster Linie aus Monstern,
sondern aus Vererbung, Trauer und familiärer Determination gewinnt.
Danach „Train to Busan“, ein bemerkenswert dynamischer
Zombie-Thriller, der seine Genremechanik mit einer überraschend
präzisen emotionalen Dramaturgie verbindet. Wer anschließend
noch nicht genug Adrenalin besitzt, wechselt zu „The Raid“
und „The Raid 2“ – zwei Filme, die Action nicht
als dekorative Unterbrechung der Handlung verstehen, sondern als regelrechte
Choreografie des Körpers, des Raumes und der kinetischen Gewalt.
„High Tension“ führt anschließend in französische
Territorien des Horrors und erinnert daran, dass das europäische
Genrekino seine ästhetische Radikalität keineswegs hinter
Hollywood verstecken muss. Mit „Speak No Evil“ wird der
Horror schließlich sozialpsychologisch: Aus höflichen Konventionen,
peinlicher Rücksichtnahme und der Angst vor dem gesellschaftlichen
Fauxpas entsteht eine Bedrohung, die gerade deshalb so unangenehm
wirkt, weil sie an alltägliche Verhaltensregeln anschließt.
Und wer danach noch eine Zugabe braucht, kann mit „Sleepy Hollow“
in Tim Burtons gotisch stilisierte Welt wechseln, in der Nebel, Dekadenz
und morbider Humor eine ideale spätherbstliche Allianz eingehen.
Diese Zusammenstellung ist mithin weniger eine klassische „Best-of“-Liste
als ein Plädoyer für das Genre als cineastische Erfahrungsform:
für Filme, die den Puls erhöhen, die Grenzen des guten Geschmacks
austesten und gerade deshalb daran erinnern, dass Kino nicht immer
ehrwürdig sein muss, um ernst genommen werden zu dürfen.
Die
private Cinémathèque – Filme, die man besitzen
möchte
Die
dritte Liste folgt einer anderen Logik: Hier geht es um jene Filme,
bei denen der digitale Kauf tatsächlich seine eigentliche Berechtigung
erhält – Werke, die man nicht nur einmal sehen, sondern
irgendwann wiedersehen, weiterempfehlen oder spontan in den eigenen
Abend integrieren möchte. An erster Stelle steht „The Godfather“,
ein Film, dessen kulturelle Präsenz beinahe so groß ist
wie seine filmhistorische Bedeutung. Ergänzt wird er durch „The
Godfather Part II“, jene seltene Fortsetzung, die den ersten
Film nicht lediglich fortschreibt, sondern dessen zeitliche und moralische
Architektur erweitert. „No Country for Old Men“ führt
in eine andere Form amerikanischer Dunkelheit: ein lakonischer Neo-Western
über Gewalt, Zufall und den Verlust moralischer Übersicht,
dessen formale Präzision auch bei wiederholter Betrachtung nichts
von ihrer Kälte verliert. „Whiplash“ wiederum ist
das ideale Gegenstück – ein Film über Ehrgeiz, Obsession
und die gefährliche Verwechslung von Exzellenz mit Selbstzerstörung,
dessen rhythmische Montage den Zuschauer beinahe körperlich in
den Leistungsdruck seiner Hauptfigur hineinzieht. Mit „Parasite“
kommt ein Werk hinzu, das Unterhaltung, Gesellschaftsanalyse und formale
Virtuosität so selbstverständlich miteinander verschränkt,
dass sich seine Bedeutungen bei jeder Wiederholung verschieben können.
Und schließlich darf „The Truman Show“ nicht fehlen:
Peter Weirs scheinbar leichtfüßige Mediensatire ist längst
zu einer erstaunlich prophetischen Parabel über Überwachung,
Inszenierung und die kommerzielle Verwertung von Intimität geworden.
Wer diese sechs Filme besitzt, besitzt damit keine bloße Ansammlung
prominenter Titel, sondern gewissermaßen sechs verschiedene
Zugänge zum Kino: Mafiaepos, amerikanischer Neo-Western, Psychodrama,
Gesellschaftssatire, Klassenfilm und Medienphilosophie. Genau hier
zeigt sich die vielleicht schönste Idee hinter Filmfest@home:
Eine private Filmsammlung muss kein Archiv nach enzyklopädischen
Kriterien sein. Sie darf subjektiv, widersprüchlich und idiosynkratisch
sein – und gerade dadurch etwas über den Menschen erzählen,
der sie zusammengestellt hat.
Ein
Herbst voller Kino
Filmfest@home
kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem das Kino zuhause nicht gegen
das Kino im Kinosaal ausgespielt werden muss, sondern eine andere
kulturelle Funktion übernehmen kann. Der Kinobesuch bleibt das
soziale und immersive Ereignis; die eigene digitale Bibliothek hingegen
ist ein persönliches Gedächtnis, auf das man jederzeit zurückgreifen
kann. Die umfangreiche Aktionsauswahl eröffnet dafür reichlich
Material: von „Indiana Jones“ über „Mission:
Impossible“ und „Scream“ bis zu „A Beautiful
Mind“, „Catch Me If You Can“, „Chocolat“,
„Roman Holiday“ und „Once Upon a Time in the West“.
Dazu kommen internationale Arthouse-Titel wie „Anatomy of a
Fall“, „In the Mood for Love“, „Benedetta“
oder „The Handmaiden“ sowie eine Vielzahl von Genre- und
Entdeckungsfilmen. Gerade diese Heterogenität macht den Reiz
der Initiative aus: Man muss sich nicht für das vermeintlich
richtige Kino entscheiden. Man kann sich seinen eigenen Kanon bauen,
ihn im Laufe eines langen Herbstes wieder verwerfen, ergänzen
und neu ordnen. Vielleicht ist das die zeitgemäßeste Form
von Filmsammeln: nicht mehr das Regal voller DVDs, sondern eine digitale
Bibliothek, die gleichwohl denselben alten Wunsch erfüllt –
die Lieblingsfilme nicht bloß gesehen zu haben, sondern sie
ein Stück weit zu den eigenen zu machen.