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KINO | 28.08.2026

Das Ende der Sterne
Die Müdigkeit nach dem Untergang

Ridley Scott kehrt mit „Das Ende der Sterne“ in eine Welt zurück, in der die Menschheit beinahe verschwunden ist – und findet darin erstaunlich wenig, was noch wirklich fremd wirkt. Zwischen postapokalyptischer Einsamkeit, archaischer Gewalt und vorsichtiger Hoffnung entwirft der Film ein Endzeitszenario von beträchtlicher atmosphärischer Schönheit. Doch wo die Vorlage innere Zerrissenheit und existenzielle Ungewissheit verspricht, bleibt die Verfilmung häufig an der Oberfläche ihrer vertrauten Genremuster.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Die Welt nach der Welt

Postapokalyptische Filme leben von einer paradoxen Aufgabe: Sie müssen eine Welt zeigen, die dem Publikum vertraut ist, und sie zugleich so radikal verfremden, dass in ihren Ruinen noch eine neue filmische Wirklichkeit entstehen kann. „Das Ende der Sterne“, nach Peter Hellers Roman „The Dog Stars“, gelingt dies nur teilweise. Eine Pandemie hat den größten Teil der Menschheit ausgelöscht, die Überlebenden kämpfen um Nahrung, Sicherheit und die letzten Reste einer verlorenen Zivilisation. Mechaniker Hig lebt mit seinem Hund Jasper und dem ehemaligen Marine Bangley in einer abgelegenen Anlage in Colorado. Es ist ein Leben aus Routinen, Wachsamkeit und Mangel. Gerade die Reduktion hätte eine große Stärke des Films sein können: Statt die Katastrophe spektakulär auszustellen, könnte er ihre psychischen Nachwirkungen untersuchen. Doch ausgerechnet dort, wo der Film still werden möchte, wirkt er häufig erstaunlich leer.

Das vertraute Ende der Welt

Denn das postapokalyptische Kino hat inzwischen selbst eine lange Geschichte seiner eigenen Erschöpfung. Von „The Walking Dead“ über „The Last of Us“ bis zu zahlreichen Kinofilmen sind die visuellen und dramaturgischen Chiffren des Genres längst etabliert: verlassene Landschaften, improvisierte Befestigungen, knappe Ressourcen, traumatisierte Überlebende und bewaffnete Gruppen, die aus dem Zusammenbruch der Ordnung ihre eigene Herrschaft errichten. „Das Ende der Sterne“ variiert diese Motive, ohne sie grundsätzlich neu zu codieren. Seine Welt sieht überzeugend zerstört aus, fühlt sich aber selten wirklich unbekannt an. Gerade darin liegt die eigentliche Schwäche: Der Film erzählt vom Ende einer Zivilisation und vermittelt dabei gelegentlich den Eindruck, als habe er lediglich eine bereits bestens eingerichtete Genrekulisse bezogen.

Hig und Bangley: Zwei Philosophien des Überlebens

Interessanter ist die Konstellation seiner beiden zentralen Männerfiguren. Hig steht für eine Form von Hoffnung, die fast schon irrational wirkt: Er weigert sich, die Zukunft vollständig preiszugeben. Bangley hingegen hat sich dem Misstrauen verschrieben; für ihn ist Überleben zunächst eine Frage der Abschottung und Gewaltbereitschaft. In dieser Gegenüberstellung hätte der Film eine politische und philosophische Dimension entwickeln können. Was bleibt vom Menschen, wenn gesellschaftliche Regeln verschwinden? Ist Moral unter Bedingungen des Mangels Luxus oder Überlebensstrategie? Und wie viel Brutalität darf ein Mensch zulassen, um selbst menschlich zu bleiben? Das Drehbuch formuliert diese Gegensätze jedoch häufig so explizit, dass aus charakterlicher Spannung didaktische Erklärung wird. Die Figuren sprechen zuweilen nicht miteinander, sondern für das Publikum.

Jacob Elordi und die Last des Schweigens

Jacob Elordi trägt als Hig die schwierige Aufgabe, einen Mann zu verkörpern, dessen Leben fast vollständig aus Beobachten, Warten und Erinnern besteht. Sein zurückgenommenes Spiel besitzt durchaus eine passende physische Präsenz: Der Schauspieler wirkt wie jemand, der seine Gefühle tief unter einer Schicht aus Erschöpfung und Selbstdisziplin verschlossen hält. Doch Zurückhaltung ist nur dann interessant, wenn darunter etwas arbeitet. Das Drehbuch gibt Elordi zu wenig Material, um aus Higs Schweigen eine wirkliche innere Landschaft entstehen zu lassen. Sein stoischer Blick wiederholt sich, wo psychologische Nuancierung erforderlich wäre. Das ist weniger ein Versagen des Schauspielers als ein Symptom eines Drehbuchs, das seine Figuren auf archetypische Funktionen reduziert: der junge Hoffende, der alte Skeptiker, die fürsorgliche junge Frau.


© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Der Hund und die Erinnerung

Dabei besitzt der Film einen emotionalen Schlüssel, den er nur unvollständig nutzt: Jasper, Higs Hund. In einer Welt, deren soziale Ordnung zerfallen ist, wird die Beziehung zwischen Mensch und Tier zu einem letzten Rest unvermittelter Nähe. Jasper erinnert Hig daran, dass Fürsorge noch existiert, dass Bindung nicht vollständig dem Prinzip des Nutzens unterworfen werden muss. Der Hund ist zugleich Gedächtnisobjekt und Gegenwartspartner. In solchen Momenten findet „Das Ende der Sterne“ zu einer stilleren Sprache, die dem Film besser steht als die späteren Erklärungen und Actionelemente. Das Ende der Welt wird dann nicht zur Kulisse für Abenteuer, sondern zu einer Frage danach, welche Beziehungen ein Mensch unter den Bedingungen des Verlusts überhaupt noch aufrechterhalten kann.

Von der Einsamkeit zur Bedrohung

Higs Entscheidung, den geschützten Ort zu verlassen und einer rätselhaften Spur nachzugehen, verändert die Dramaturgie. Begegnungen mit einem Vater und seiner Tochter erweitern die zunächst isolierte Figurenkonstellation; zugleich treten bewaffnete Gruppen auf, die das ohnehin prekäre Gleichgewicht endgültig zerstören. Prinzipiell ist dieser Übergang vom kontemplativen Überlebensdrama zum Thriller nicht problematisch. Im Gegenteil: Der Kontrast hätte die zuvor entwickelte Einsamkeit sogar intensivieren können. Doch die Bedrohung besitzt zu wenig Eigenständigkeit. Die sogenannten Reaper erscheinen weniger als glaubwürdige soziale Formation denn als vertraute Chiffre für das postapokalyptische Böse. Wo der Film konkrete Menschen zeigen müsste, setzt er auf Typen.

Ridley Scott und die Müdigkeit des Meisters

Dass hinter der Kamera Ridley Scott steht, verleiht diesem Befund eine besondere Schärfe. Scott gehört zu den Regisseuren, die das visuelle Vokabular des Science-Fiction- und Endzeitkinos entscheidend geprägt haben. „Alien“, „Blade Runner“ und später „Gladiator“ haben gezeigt, wie selbstverständlich er Weltentwurf, Atmosphäre und monumentale Bildkomposition miteinander verbinden kann. Gerade deshalb ist „Das Ende der Sterne“ eine eigentümliche Erfahrung. Scott beherrscht seine Landschaften weiterhin souverän, doch die Inszenierung vermittelt selten jene Besessenheit, die seine großen Filme ausgezeichnet hat. Es ist, als wäre die Katastrophe längst geschehen und der Regisseur selbst nur noch zu Besuch.

Schönheit ohne Bedrohung

Besonders eindrucksvoll sind die Landschaften, die das italienische Umland als amerikanische Provinz erscheinen lassen. Weite Felder, verlassene Straßen und das warme, fast bukolische Licht erzeugen Bilder von eigentümlicher Schönheit. Diese ästhetische Attraktivität besitzt jedoch eine Kehrseite. Eine postapokalyptische Welt sollte nicht nur schön aussehen, sondern ihre Schönheit als etwas Unheimliches erfahren lassen. Hier aber wirkt die Natur gelegentlich weniger wie ein überlebender Organismus als wie eine besonders gelungene Produktionsentscheidung. Das Verhältnis zwischen Bild und Erzählung bleibt dadurch eigentümlich distanziert. Selbst dort, wo Gefahr droht, scheint die Kamera gelegentlich eher an der Landschaft als an der existenziellen Bedrohung interessiert.


© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Das große Budget und die kleinen Bilder

Umso auffälliger ist die Diskrepanz zwischen den Produktionsmitteln und dem filmischen Ergebnis. „Das Ende der Sterne“ ist kein bewusst reduzierter Low-Budget-Film, sondern eine aufwendige Studioadaption. Dennoch wirken manche Effekte überraschend uneinheitlich. Einzelne digitale Elemente besitzen nicht die physische Überzeugungskraft, die man von Scott erwarten würde. Das Problem ist weniger technischer Perfektionismus als eine Frage der filmischen Materialität: In einem Film, der von einer zerstörten, körperlich spürbaren Welt handelt, müssen Feuer, Schmutz, Gebäude und Landschaften glaubhaft miteinander interagieren. Wo digitale Bilder sichtbar vom Realen abfallen, verliert auch die behauptete Wirklichkeit an Gewicht.

Die stille Apokalypse

Die stärksten Passagen sind deshalb paradoxerweise jene, in denen „Das Ende der Sterne“ am wenigsten geschieht. Wenn Hig durch eine entleerte Landschaft fliegt, wenn die Beziehung zu Jasper den Tagesablauf strukturiert oder wenn Bangley und Hig über die Möglichkeit einer Zukunft streiten, entsteht ein melancholisches Porträt einer Gesellschaft, die nicht nur Menschen, sondern auch ihre Selbstverständlichkeiten verloren hat. Hier wäre der Film seinem Genre sogar voraus. Er könnte von der Frage erzählen, wie Menschen nach dem Ende der Geschichte überhaupt noch Geschichte denken. Doch sobald die Handlung ihre konventionelle Thrillermechanik aktiviert, verliert sich diese fragile Qualität.

Ein Film zwischen Hoffnung und Erschöpfung

Das Bemerkenswerte an „Das Ende der Sterne“ ist deshalb nicht sein Scheitern, sondern die Nähe zu einem besseren Film, die es immer wieder erkennen lässt. In seiner Grundidee steckt ein stilles Drama über Erinnerung, Bindung und die psychologische Schwierigkeit, nach einer Katastrophe überhaupt noch an Zukunft zu glauben. Scott besitzt die Erfahrung und die visuellen Mittel, daraus ein elegisches Endzeitkino von großer Kraft zu machen. Was fehlt, ist die erzählerische Präzision. Das Drehbuch erklärt, wo es andeuten müsste, und dramatisiert, wo es seine Figuren länger beobachten sollte. Die Schauspieler versuchen, die Leerstellen mit Präsenz zu füllen, doch nicht jede Leerstelle wird dadurch zum Geheimnis.

Fazit: Die Apokalypse ohne Erschütterung

„Das Ende der Sterne“ ist kein misslungener Film, aber ein erstaunlich müder. Seine Bilder besitzen Eleganz, seine Grundkonstellation philosophisches Potenzial, und einzelne stille Momente erreichen jene melancholische Intensität, die der Stoff verspricht. Doch die Verfilmung bleibt zu häufig in den Routinen des postapokalyptischen Kinos gefangen. Jacob Elordi findet für Hig eine angemessene körperliche Fragilität, kann aber gegen die begrenzte Figurenzeichnung kaum anspielen; Ridley Scott wiederum liefert weiterhin eindrucksvolle Bilder, lässt jedoch jene innere Unruhe vermissen, die seine großen Genrearbeiten einst so nachhaltig machte. So erzählt „Das Ende der Sterne“ vom Überleben, ohne selbst den Eindruck zu vermitteln, unbedingt überleben zu müssen. Vielleicht liegt darin seine unfreiwillig treffendste Qualität: Am Ende der Welt herrscht nicht das große Spektakel, sondern Müdigkeit. Nur schade, dass diese Müdigkeit weniger als existenzielle Aussage denn als Zustand des Films selbst erscheint.


DAS ENDE DER STERNE

Start: 27.08.26 | FSK 16
R: Ridley Scott | D: Jacob Elordi, Margaret Qualley, Josh Brolin
USA 2026 | Walt Disney Germany

 

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