Chloé
Zhaos HAMNET liest die Urszene des kanonischen Dramas radikal neu
– als Geschichte weiblicher Erfahrung, Trauer und schöpferischer
Selbstbehauptung. Der Film verschiebt den Blick vom genialischen Autor
hin zur oft marginalisierten Figur Agnes Hathaway. Ein stilles, feministisches
Gegenbild zur Literaturgeschichte, das Verlust als Ursprung von Kunst
begreift.
Mit
HAMNET, der am 22. Januar in den Kinos startet, unternimmt Chloé
Zhao ein ebenso kühnes wie zartfühlendes Unterfangen: Sie
entwirft keinen biografischen Film über William Shakespeare im
klassischen Sinne, sondern eine poetische Rekonfiguration literarischer
Ursprungsmythen. Im Zentrum dieser Neuvermessung steht nicht der Dichter
als singuläres Genie, sondern Agnes Hathaway – Ehefrau,
Mutter, Heilerin, Außenseiterin. In dieser bewussten Verschiebung
der Perspektive entfaltet HAMNET seine eigentliche Kraft als feministisches
Werk, das Trauer, Kreativität und Autorschaft neu verhandelt.
Ausgangspunkt ist der frühe Tod des Sohnes Hamnet, ein historisch
verbürgtes, biografisch jedoch weitgehend stummes Ereignis. Zhao
und ihre Ko-Autorin Maggie O’Farrell verweigern sich der Versuchung,
diese Leerstelle endgültig zu erklären. Stattdessen machen
sie sie produktiv. Der Film behauptet keine Wahrheit, sondern entwirft
eine emotionale Möglichkeit: dass aus dem Verlust eines Kindes
nicht nur literarische Verarbeitung, sondern ein dauerhaftes inneres
Zerreißen entsteht – eines, das insbesondere Agnes’
Existenz prägt. Feministisch gelesen ist HAMNET vor allem eine
Rehabilitierung weiblicher Erfahrungsräume, die in der tradierten
Shakespeare-Rezeption systematisch ausgeblendet wurden. Agnes ist
keine Muse im passiven Sinne, kein Beiwerk zum männlichen Schöpfungsakt,
sondern eine eigenständige Figur mit spiritueller, körperlicher
und emotionaler Autonomie. Ihre Nähe zur Natur, ihr Wissen um
Heilkräuter, ihre intuitiven Wahrnehmungen werden nicht folkloristisch
romantisiert, sondern als alternative Formen von Erkenntnis ernst
genommen – als epistemische Gegenmodelle zur männlich kodierten
Schriftkultur. Jessie Buckleys Darstellung verleiht dieser Figur eine
stille Radikalität. Agnes bewegt sich durch Wälder, Felder
und Innenräume mit einer Präsenz, die sich der Vereinnahmung
entzieht. Ihre Körperlichkeit ist nicht dekorativ, sondern funktional;
ihre Mutterschaft nicht idealisiert, sondern ambivalent, erschöpfend
und existenziell.
Gerade
in der Darstellung von Geburt und Verlust bricht HAMNET mit patriarchalen
Erzählmustern, die weibliches Leiden entweder ästhetisieren
oder marginalisieren. Der Tod des Kindes ist kein dramaturgischer
Katalysator für männliche Selbstverwirklichung, sondern
ein Einschnitt, der Agnes’ Welt irreversibel verändert.
William Shakespeare, gespielt von Paul Mescal, erscheint demgegenüber
bewusst fragmentarisch. Seine künstlerische Ambition führt
ihn nach London, in die Sphäre öffentlicher Anerkennung
und ökonomischer Verwertung. Agnes bleibt zurück –
nicht als Zurückgelassene im defizitären Sinne, sondern
als Trägerin der eigentlichen emotionalen Kontinuität. Der
Film liest Shakespeares Werk nicht als sublimierte Selbsttherapie,
sondern als unvollständige Übersetzung eines Verlustes,
den Agnes unmittelbarer, radikaler und unausweichlicher erfährt.
In dieser Umkehrung liegt der feministische Kern des Films: HAMNET
fragt, wessen Schmerz erinnerungswürdig ist und wessen Trauer
zur Kultur wird. Die berühmte Tragödie
Hamlet erscheint hier nicht als singulärer Akt männlicher
Genialität, sondern als mögliches Nebenprodukt einer weiblichen
Erfahrung, die selbst keinen kanonischen Ausdruck gefunden hat. Agnes
wird zur unsichtbaren Mitautorin – nicht im juristischen, wohl
aber im existenziellen Sinne. Formal unterstützt Zhao diese Lesart
durch eine entschleunigte Erzählweise, die sich dem linearen
Fortschrittsdenken verweigert. Die Kamera von Lukasz Zal verweilt,
beobachtet, tastet. Naturbilder sind keine bloßen Metaphern,
sondern Resonanzräume innerer Zustände. Max Richters Musik
verstärkt diese Wahrnehmung, ohne sie zu dominieren. Das Ergebnis
ist ein Film, der weniger erzählt als erinnert – bruchstückhaft,
kreisend, offen. HAMNET ist damit weniger ein Historienfilm als eine
feministische Intervention in die Kulturgeschichte. Er schreibt Frauen
nicht nachträglich in den Kanon ein, sondern legt offen, wie
sehr dieser Kanon auf Auslassungen beruht. Chloé Zhao gelingt
ein Werk von großer Zartheit und intellektueller Kühnheit,
das nicht erklärt, sondern befragt – und gerade darin eine
neue, weiblich geprägte Form von Autorschaft sichtbar macht.