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KINO | 14.01.2026

HAMNET

Chloé Zhaos HAMNET liest die Urszene des kanonischen Dramas radikal neu – als Geschichte weiblicher Erfahrung, Trauer und schöpferischer Selbstbehauptung. Der Film verschiebt den Blick vom genialischen Autor hin zur oft marginalisierten Figur Agnes Hathaway. Ein stilles, feministisches Gegenbild zur Literaturgeschichte, das Verlust als Ursprung von Kunst begreift.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Mit HAMNET, der am 22. Januar in den Kinos startet, unternimmt Chloé Zhao ein ebenso kühnes wie zartfühlendes Unterfangen: Sie entwirft keinen biografischen Film über William Shakespeare im klassischen Sinne, sondern eine poetische Rekonfiguration literarischer Ursprungsmythen. Im Zentrum dieser Neuvermessung steht nicht der Dichter als singuläres Genie, sondern Agnes Hathaway – Ehefrau, Mutter, Heilerin, Außenseiterin. In dieser bewussten Verschiebung der Perspektive entfaltet HAMNET seine eigentliche Kraft als feministisches Werk, das Trauer, Kreativität und Autorschaft neu verhandelt. Ausgangspunkt ist der frühe Tod des Sohnes Hamnet, ein historisch verbürgtes, biografisch jedoch weitgehend stummes Ereignis. Zhao und ihre Ko-Autorin Maggie O’Farrell verweigern sich der Versuchung, diese Leerstelle endgültig zu erklären. Stattdessen machen sie sie produktiv. Der Film behauptet keine Wahrheit, sondern entwirft eine emotionale Möglichkeit: dass aus dem Verlust eines Kindes nicht nur literarische Verarbeitung, sondern ein dauerhaftes inneres Zerreißen entsteht – eines, das insbesondere Agnes’ Existenz prägt. Feministisch gelesen ist HAMNET vor allem eine Rehabilitierung weiblicher Erfahrungsräume, die in der tradierten Shakespeare-Rezeption systematisch ausgeblendet wurden. Agnes ist keine Muse im passiven Sinne, kein Beiwerk zum männlichen Schöpfungsakt, sondern eine eigenständige Figur mit spiritueller, körperlicher und emotionaler Autonomie. Ihre Nähe zur Natur, ihr Wissen um Heilkräuter, ihre intuitiven Wahrnehmungen werden nicht folkloristisch romantisiert, sondern als alternative Formen von Erkenntnis ernst genommen – als epistemische Gegenmodelle zur männlich kodierten Schriftkultur. Jessie Buckleys Darstellung verleiht dieser Figur eine stille Radikalität. Agnes bewegt sich durch Wälder, Felder und Innenräume mit einer Präsenz, die sich der Vereinnahmung entzieht. Ihre Körperlichkeit ist nicht dekorativ, sondern funktional; ihre Mutterschaft nicht idealisiert, sondern ambivalent, erschöpfend und existenziell.


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Gerade in der Darstellung von Geburt und Verlust bricht HAMNET mit patriarchalen Erzählmustern, die weibliches Leiden entweder ästhetisieren oder marginalisieren. Der Tod des Kindes ist kein dramaturgischer Katalysator für männliche Selbstverwirklichung, sondern ein Einschnitt, der Agnes’ Welt irreversibel verändert. William Shakespeare, gespielt von Paul Mescal, erscheint demgegenüber bewusst fragmentarisch. Seine künstlerische Ambition führt ihn nach London, in die Sphäre öffentlicher Anerkennung und ökonomischer Verwertung. Agnes bleibt zurück – nicht als Zurückgelassene im defizitären Sinne, sondern als Trägerin der eigentlichen emotionalen Kontinuität. Der Film liest Shakespeares Werk nicht als sublimierte Selbsttherapie, sondern als unvollständige Übersetzung eines Verlustes, den Agnes unmittelbarer, radikaler und unausweichlicher erfährt. In dieser Umkehrung liegt der feministische Kern des Films: HAMNET fragt, wessen Schmerz erinnerungswürdig ist und wessen Trauer zur Kultur wird. Die berühmte Tragödie Hamlet erscheint hier nicht als singulärer Akt männlicher Genialität, sondern als mögliches Nebenprodukt einer weiblichen Erfahrung, die selbst keinen kanonischen Ausdruck gefunden hat. Agnes wird zur unsichtbaren Mitautorin – nicht im juristischen, wohl aber im existenziellen Sinne. Formal unterstützt Zhao diese Lesart durch eine entschleunigte Erzählweise, die sich dem linearen Fortschrittsdenken verweigert. Die Kamera von Lukasz Zal verweilt, beobachtet, tastet. Naturbilder sind keine bloßen Metaphern, sondern Resonanzräume innerer Zustände. Max Richters Musik verstärkt diese Wahrnehmung, ohne sie zu dominieren. Das Ergebnis ist ein Film, der weniger erzählt als erinnert – bruchstückhaft, kreisend, offen. HAMNET ist damit weniger ein Historienfilm als eine feministische Intervention in die Kulturgeschichte. Er schreibt Frauen nicht nachträglich in den Kanon ein, sondern legt offen, wie sehr dieser Kanon auf Auslassungen beruht. Chloé Zhao gelingt ein Werk von großer Zartheit und intellektueller Kühnheit, das nicht erklärt, sondern befragt – und gerade darin eine neue, weiblich geprägte Form von Autorschaft sichtbar macht.


HAMNET

Start: 22.01.26 | FSK 12
R: Chloé Zhao | D: Paul Mescal, Jessie Buckley, Emily Watson
Großbritannien, USA 2025 | Universal Pictures Germany


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