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KINO | 14.01.2026

EXTRAWURST

Ein Tennisverein als Mikrokosmos der Gegenwart: EXTRAWURST seziert mit satirischer Schärfe die Zerreißproben demokratischer Gemeinschaft. Zwischen Wortgefecht und Stillstand entfaltet der Film ein präzises Bild gesellschaftlicher Ermüdung, getragen von einem herausragenden Ensemble. Eine Komödie, die zum Lachen verführt – und im Nachhall die schmerzhafte Fragilität des sozialen Konsenses offenlegt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk

Mit EXTRAWURST, der am 15. Januar in die Kinos startet, wagt sich Marcus H. Rosenmüller an die filmische Transformation eines der erfolgreichsten deutschen Bühnenstücke der vergangenen Jahre – und stellt sich damit unweigerlich der Frage, wie viel Gegenwartsdiagnose und wie viel musealisierte Satire ein solcher Stoff im Kino noch entfalten kann. Das Ergebnis ist eine bewusst ambivalente Komödie: handwerklich solide, schauspielerisch hochklassig, in ihrer gesellschaftlichen Analyse jedoch zugleich treffsicher und stellenweise erstaunlich vorsichtig. Ausgangspunkt ist ein Ort, der seit jeher als soziologisches Brennglas fungiert: der Verein. Der Tennisclub Langenheide wird zum Modellraum bundesrepublikanischer Selbstverständigung, in dem sich Machtstrukturen, Konformismus, Konfliktvermeidung und moralische Selbstvergewisserung auf engstem Raum verdichten. Die dramaturgische Idee ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: Eine scheinbar nebensächliche Sachfrage – die Anschaffung eines zusätzlichen Grills – setzt eine Eskalationskette in Gang, in deren Verlauf sich zeigt, dass es nie um Würstchen, sondern immer um Zugehörigkeit, Identität und Deutungshoheit geht. Rosenmüllers Inszenierung bleibt dabei auffällig nahe an den theatralen Ursprüngen des Stoffes. Der Film vertraut weniger auf cineastische Öffnung als auf das Wort, auf das Gespräch, auf die dialogische Zuspitzung. Schauplätze wechseln zwar vom Vereinslokal über Tennishalle und Werkraum bis hin zur symbolisch aufgeladenen Einfahrt des Clubs, doch bleibt die räumliche Bewegung funktional, nicht expressiv. Kino wird hier nicht als Erweiterung, sondern als Behauptungsraum des Theaters begriffen – eine Entscheidung, die der Textschärfe zugutekommt, der filmischen Dynamik jedoch gelegentlich Grenzen setzt. Getragen wird Extrawurst vor allem von seinem Ensemble. Im Zentrum steht Hape Kerkeling als langjähriger Vereinspräsident, dessen autoritärer Pragmatismus von einer leisen Melancholie unterlaufen wird. Kerkeling verleiht der Figur eine überraschende emotionale Tiefe: Sein Präsident ist kein Karikatur-Machtmensch, sondern ein Hüter brüchiger Gemeinschaft, der ahnt, dass Ordnung oft nur um den Preis des Wegsehens aufrechterhalten werden kann.


© Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk

Diese Ambivalenz macht ihn zur vielleicht komplexesten Figur des Films. Die übrigen Vereinsmitglieder fungieren weniger als psychologisch ausformulierte Charaktere denn als diskursive Positionen, die sich je nach Themenlage neu formieren. Besonders interessant ist dabei, dass EXTRAWURST sich weigert, einfache Schuldzuweisungen vorzunehmen. Der rechtsaffine Ordnungshüter ist ebenso Ziel der Satire wie die moralisch überlegene Liberalität, die sich im Verlauf der Diskussion als latent paternalistisch entlarvt. Auch die Figur Erols wird nicht auf eine Opferrolle reduziert, sondern erhält Momente widersprüchlicher Selbstpositionierung, die gerade durch ihre Irritation produktiv sind. Der Film zeigt damit, wie schnell progressive Zuschreibungen selbst zu Vorurteilen gerinnen können. Formal folgt die Dramaturgie einer klassischen Eskalationslogik, die an Sartres Geschlossene Gesellschaft ebenso erinnert wie an zeitgenössische Diskurskomödien. Jede neue Wortmeldung verschiebt die Fronten, jede moralische Setzung produziert neue Bruchlinien. Sympathie wird zunehmend verweigert, bis sich ein Unbehagen einstellt, das den Kern der filmischen Aussage markiert. Gesellschaftlicher Zusammenhalt basiert weniger auf Konsens als auf der stillschweigenden Akzeptanz von Unterschieden, die man nicht bis ins Letzte ausleuchtet. Gerade hierin liegt die eigentliche Stärke von EXTRAWURST. Unter der Oberfläche boulevardesker Komik entfaltet der Film eine erstaunlich ernüchternde Diagnose demokratischer Öffentlichkeit. Vereine, so suggeriert er, sind nur funktionsfähig, solange nicht jede Überzeugung restlos sichtbar wird. Transparenz, als Ideal oft beschworen, erscheint hier als potenziell destruktive Kraft. Das versöhnliche Finale mag dem Genre geschuldet sein, doch bleibt der Nachhall bitter: Das Lachen ist erleichtert, aber nicht ungetrübt. So ist EXTRAWURST weniger ein radikaler Zeitkommentar als eine präzise Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Erschöpfung im Modus der Komödie. Der Film nutzt seine Bühne, um zu zeigen, wie fragil das soziale Gefüge selbst dort ist, wo man sich traditionell als Gemeinschaft versteht. Dass man darüber noch lachen kann, ist sein Trost – dass man darüber lachen muss, seine leise Warnung.


EXTRAWURST

Start: 15.01.26 | FSK 12
R: Marcus H. Rosenmüller | D: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim
Deutschland 2026 | StudioCanal Deutschland


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