ASTRID
LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN
Jenseits
der Ikone zeichnet Wilfried Haukes „Astrid Lindgren –
Die Menschheit hat den Verstand verloren“ das Porträt einer
Autorin im moralischen Ausnahmezustand des 20. Jahrhunderts. Ausgehend
von den Kriegstagebüchern entsteht ein filmischer Denkraum über
Ambivalenz, Verantwortung und die Fragilität humanistischer Gewissheiten.
Ein Doku-Drama, das Lindgren nicht verklärt, sondern als historisch
verortete, zweifelnde Zeitzeugin neu begreifbar macht.
Mit
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“,
der am 22. Januar in den Kinos startet, unternimmt Regisseur Wilfried
Hauke ein ebenso kluges wie behutsames Unterfangen: Er löst Astrid
Lindgren aus der komfortablen Verklärung der Ikone und rückt
sie zurück in ihre historische, moralisch widersprüchliche
Gegenwart. Der Film ist weniger klassisches Autorenporträt als
vielmehr eine essayistische Zeitdiagnose, die das Bild der weltberühmten
Kinderbuchautorin durch die Linse ihrer eigenen, im Zweiten Weltkrieg
geführten Tagebücher betrachtet. Dabei geht es Hauke nicht
um die längst kanonisierten Figuren – Pippi, Michel oder
Ronja erscheinen höchstens als fernes Echo –, sondern um
die Frau vor dem Ruhm: eine junge Mutter, Angestellte, politische
Beobachterin wider Willen. Die Entscheidung, Lindgrens Kriegstagebücher
als strukturelles Rückgrat des Films zu nutzen, erweist sich
als ebenso konsequent wie produktiv. Diese Aufzeichnungen sind keine
literarischen Kunstwerke, sondern spontane, oft widersprüchliche
Reflexionen einer Zeitgenossin, die versucht, moralisch zu navigieren,
während um sie herum Europa zerfällt. Genau in dieser Unmittelbarkeit
liegt ihre filmische Kraft. Hauke arrangiert das Material chronologisch
und kombiniert Archivaufnahmen, nachgestellte Szenen und dokumentarische
Gegenwartsebenen. Die schwedische Schauspielerin Sofia Pekkari verkörpert
Lindgren nicht als mimetische Kopie, sondern als vermittelnde Instanz
zwischen Text und Bild. Ihr direkter Blick in die Kamera schafft eine
irritierende Nähe: Lindgrens Gedanken werden nicht historisiert,
sondern frontal adressiert. In der Gegenüberstellung mit Wochenschau-Bildern
des Krieges entfaltet sich ein Spannungsfeld zwischen privatem Empfinden
und kollektiver Katastrophe, das den Film prägt. Besonders eindrücklich
ist der Fokus auf Lindgrens Tätigkeit bei der schwedischen Militärzensur.
Diese biografische Episode, selten Teil populärer Lindgren-Narrative,
öffnet den Film für eine komplexe ethische Dimension.
Die
Autorin liest die Feldpost fremder Menschen, wird zur unfreiwilligen
Zeugin von Angst, Hoffnung und Verzweiflung – und reflektiert
diese Grenzüberschreitung mit spürbarem Unbehagen. Hauke
macht daraus keinen Skandal, sondern eine stille Zumutung, die Lindgrens
humanistisches Selbstverständnis auf die Probe stellt. Filmanalytisch
bemerkenswert ist, wie der Film mit Ambivalenzen umgeht. Lindgrens
Gedanken zum Krieg schwanken zwischen Empathie, Naivität und
politischer Furcht. Manche Einschätzungen wirken heute irritierend
oder unbequem, doch Hauke glättet sie nicht. Gerade diese Offenheit
verleiht dem Doku-Drama seine intellektuelle Redlichkeit. Der Film
vertraut darauf, dass historische Figuren nicht moralisch makellos
sein müssen, um relevant zu bleiben. Eine zusätzliche Ebene
erhält der Film durch die Einbindung der Familie Lindgren. Gespräche
mit Tochter, Enkeln und Urenkeln fungieren weniger als biografische
Ergänzung denn als Kommentar zur Wirkungsgeschichte. Besonders
aufschlussreich ist die Deutung des enormen Erfolgs von Pippi Langstrumpf
im Nachkriegsdeutschland: Die Figur erscheint hier als anarchische
Gegenutopie zu autoritären Strukturen, als kindlicher Gegenentwurf
zu Gehorsam und staatlicher Macht. Diese Lesart verbindet die Kriegstagebücher
organisch mit Lindgrens späterem Werk, ohne in simple Kausalität
zu verfallen. Formal bleibt der Film bewusst zurückhaltend. Die
Inszenierung ist illustrativ, manchmal redundant, doch nie effekthascherisch.
Gerade diese Nüchternheit erlaubt es, die fast hundert Minuten
als gedanklichen Raum zu nutzen. Hauke interessiert weniger das große
geopolitische Tableau als das innere Ringen einer Frau, die zwischen
Anpassung und Widerspruch, Angst und Hoffnung oszilliert. „Astrid
Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist
damit ein ebenso kluges wie notwendiges Porträt. Es zeigt Lindgren
nicht als unantastbare Moralinstanz, sondern als Mensch in einer moralisch
entgrenzten Zeit. Der Film lädt dazu ein, Humanismus nicht als
fertige Haltung, sondern als fortwährenden Prozess zu begreifen
– fragil, widersprüchlich und gerade deshalb von bleibender
Bedeutung.
ASTRID LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN