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KINO | 14.01.2026

ASTRID LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN

Jenseits der Ikone zeichnet Wilfried Haukes „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ das Porträt einer Autorin im moralischen Ausnahmezustand des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von den Kriegstagebüchern entsteht ein filmischer Denkraum über Ambivalenz, Verantwortung und die Fragilität humanistischer Gewissheiten. Ein Doku-Drama, das Lindgren nicht verklärt, sondern als historisch verortete, zweifelnde Zeitzeugin neu begreifbar macht.

von Richard-Heinrich Tarenz


© IDA Film und TV Produktion GmbH

Mit „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“, der am 22. Januar in den Kinos startet, unternimmt Regisseur Wilfried Hauke ein ebenso kluges wie behutsames Unterfangen: Er löst Astrid Lindgren aus der komfortablen Verklärung der Ikone und rückt sie zurück in ihre historische, moralisch widersprüchliche Gegenwart. Der Film ist weniger klassisches Autorenporträt als vielmehr eine essayistische Zeitdiagnose, die das Bild der weltberühmten Kinderbuchautorin durch die Linse ihrer eigenen, im Zweiten Weltkrieg geführten Tagebücher betrachtet. Dabei geht es Hauke nicht um die längst kanonisierten Figuren – Pippi, Michel oder Ronja erscheinen höchstens als fernes Echo –, sondern um die Frau vor dem Ruhm: eine junge Mutter, Angestellte, politische Beobachterin wider Willen. Die Entscheidung, Lindgrens Kriegstagebücher als strukturelles Rückgrat des Films zu nutzen, erweist sich als ebenso konsequent wie produktiv. Diese Aufzeichnungen sind keine literarischen Kunstwerke, sondern spontane, oft widersprüchliche Reflexionen einer Zeitgenossin, die versucht, moralisch zu navigieren, während um sie herum Europa zerfällt. Genau in dieser Unmittelbarkeit liegt ihre filmische Kraft. Hauke arrangiert das Material chronologisch und kombiniert Archivaufnahmen, nachgestellte Szenen und dokumentarische Gegenwartsebenen. Die schwedische Schauspielerin Sofia Pekkari verkörpert Lindgren nicht als mimetische Kopie, sondern als vermittelnde Instanz zwischen Text und Bild. Ihr direkter Blick in die Kamera schafft eine irritierende Nähe: Lindgrens Gedanken werden nicht historisiert, sondern frontal adressiert. In der Gegenüberstellung mit Wochenschau-Bildern des Krieges entfaltet sich ein Spannungsfeld zwischen privatem Empfinden und kollektiver Katastrophe, das den Film prägt. Besonders eindrücklich ist der Fokus auf Lindgrens Tätigkeit bei der schwedischen Militärzensur. Diese biografische Episode, selten Teil populärer Lindgren-Narrative, öffnet den Film für eine komplexe ethische Dimension.


© IDA Film und TV Produktion GmbH

Die Autorin liest die Feldpost fremder Menschen, wird zur unfreiwilligen Zeugin von Angst, Hoffnung und Verzweiflung – und reflektiert diese Grenzüberschreitung mit spürbarem Unbehagen. Hauke macht daraus keinen Skandal, sondern eine stille Zumutung, die Lindgrens humanistisches Selbstverständnis auf die Probe stellt. Filmanalytisch bemerkenswert ist, wie der Film mit Ambivalenzen umgeht. Lindgrens Gedanken zum Krieg schwanken zwischen Empathie, Naivität und politischer Furcht. Manche Einschätzungen wirken heute irritierend oder unbequem, doch Hauke glättet sie nicht. Gerade diese Offenheit verleiht dem Doku-Drama seine intellektuelle Redlichkeit. Der Film vertraut darauf, dass historische Figuren nicht moralisch makellos sein müssen, um relevant zu bleiben. Eine zusätzliche Ebene erhält der Film durch die Einbindung der Familie Lindgren. Gespräche mit Tochter, Enkeln und Urenkeln fungieren weniger als biografische Ergänzung denn als Kommentar zur Wirkungsgeschichte. Besonders aufschlussreich ist die Deutung des enormen Erfolgs von Pippi Langstrumpf im Nachkriegsdeutschland: Die Figur erscheint hier als anarchische Gegenutopie zu autoritären Strukturen, als kindlicher Gegenentwurf zu Gehorsam und staatlicher Macht. Diese Lesart verbindet die Kriegstagebücher organisch mit Lindgrens späterem Werk, ohne in simple Kausalität zu verfallen. Formal bleibt der Film bewusst zurückhaltend. Die Inszenierung ist illustrativ, manchmal redundant, doch nie effekthascherisch. Gerade diese Nüchternheit erlaubt es, die fast hundert Minuten als gedanklichen Raum zu nutzen. Hauke interessiert weniger das große geopolitische Tableau als das innere Ringen einer Frau, die zwischen Anpassung und Widerspruch, Angst und Hoffnung oszilliert. „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist damit ein ebenso kluges wie notwendiges Porträt. Es zeigt Lindgren nicht als unantastbare Moralinstanz, sondern als Mensch in einer moralisch entgrenzten Zeit. Der Film lädt dazu ein, Humanismus nicht als fertige Haltung, sondern als fortwährenden Prozess zu begreifen – fragil, widersprüchlich und gerade deshalb von bleibender Bedeutung.


ASTRID LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN

Start: 22.01.26 | FSK 12
R: Wilfried Hauke | Dokumentation
Deutschland, Schweden 2024 | Farbfilm


 


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