Nia DaCostas
28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE radikalisiert die postapokalyptische
Narration, indem sie die ontologische Bedrohung durch Untote zugunsten
einer existenzialistischen Sezierung menschlicher Deformation in den
Hintergrund rückt. Im Spannungsfeld zwischen Ralph Fiennes’
asketischer Humanität und Jack O’Connells psychopathischer
Theologie entfaltet sich ein intergenerationelles Machtspiel von beispielloser
schauspielerischer Gravitation.
Wenn
am 15. Januar die Kinoleinwände bundesweit von der düsteren
Ästhetik Nia DaCostas erobert werden, markiert dies weit mehr
als nur die Fortführung einer langlebigen Horror-Saga. Mit „28
Years Later: The Bone Temple“ ist ein cineastisches Werk entstanden,
das die Fesseln seines Genres nicht nur sprengt, sondern sie in einem
Akt künstlerischer Transzendenz vollkommen hinter sich lässt.
In einer Ära, in der Sequels oft nur noch als blasse Schatten
ihrer Vorgänger fungieren, erweist sich dieser vierte Teil der
Reihe als ein Monument der narrativen Erneuerung. Die erzählerische
Kraft des Films entfaltet sich in der Nachfolge der visionären
Grundlagen von Danny Boyle und Alex Garland, doch unter der Regie
von DaCosta gewinnt das Szenario eine beklemmende Intimität.
Im Zentrum der Handlung steht der junge Spike, dessen Aufbruch von
der vermeintlichen Sicherheit der Holy Island in das verwüstete
britische Festland als klassische Heldenreise getarnt ist, sich jedoch
schnell zu einer existenzialistischen Odyssee wandelt. Sein Ziel ist
eine mythische Gestalt, Dr. Ian Kelson, verkörpert durch einen
phänomenalen Ralph Fiennes. Kelson fungiert in dieser Dystopie
als ein letzter Bewahrer der Humanität, ein einsamer Architekt
der Erinnerung, der mit seinem „Bone Temple“ – einem
sakral anmutenden Ossuarium für die gefallene Menschheit –
ein Zeichen gegen das Vergessen setzt. Fiennes spielt diesen Mediziner
mit einer asketischen Intensität; seine durch Jodbehandlungen
verfärbte Haut und seine fast schon christusähnliche Sanftmut
verleihen der Figur eine metaphysische Tiefe, die im modernen Genrekino
ihresgleichen sucht. Die eigentliche Genialität des Films liegt
jedoch in der bewussten Marginalisierung der untoten Bedrohung. Während
das „Zombie-Dasein“ in früheren Iterationen oft als
redundantes Spektakel fungierte, reduziert DaCosta die Infizierten
auf ein atmosphärisches Hintergrundrauschen. Der wahre Horror
entspringt hier nicht dem Fleischverzehr, sondern der zwischenmenschlichen
Perversion.
Dies
manifestiert sich in der Einführung von Sir Lord Jimmy Crystal,
einer von Jack O'Connell mit beängstigendem Charisma gespielten
Figur. O’Connell verkörpert das Zerrbild eines psychopathischen
Führerkultes. Seine Gruppe, eine an die Ästhetik von „A
Clockwork Orange“ erinnernde Bande nicht-infizierter Nihilisten,
illustriert die moralische Regression in einer Welt ohne soziale Leitplanken.
Die Konfrontation zwischen Kelsons altruistischem Konservatismus und
Crystals soziopathischer Theologie entwickelt eine dramaturgische
Gravitation, die den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann zieht. Besonders
bemerkenswert ist hierbei die schauspielerische Interaktion zwischen
Fiennes und O’Connell – ein intergenerationelles Duell,
das an schierer Leinwandpräsenz kaum zu überbieten ist.
Ein Höhepunkt, der bereits jetzt als ikonographischer Moment
der Filmgeschichte gelten darf, ist eine Sequenz dionysischer Ekstase,
in der Fiennes zu den Klängen von Iron Maiden eine Performance
darbietet, die jegliche bisherige Charakterzeichnung des Mimen in
den Schatten stellt. Es ist ein Moment roher, fast schon animalischer
Vitalität inmitten der Totenstarre der Welt, der das Publikum
in eine euphorische Headbanging-Trance versetzt. Selbst die Figur
des „Samson“, eines Alpha-Zombies, wird unter Kelsons
Obhut zu einem Studienobjekt der Transformation und verliert dadurch
seinen Status als bloßes Monster. Dies unterstreicht die zentrale
Prämisse des Essays: „The Bone Temple“ ist deshalb
so brillant, weil er den Fokus weg vom Biologischen hin zum Psychologischen
verschiebt. Die filmische Analyse macht deutlich, dass die größte
Gefahr nicht in der Infektion, sondern in der Deformation der menschlichen
Seele liegt. Abschließend lässt sich konstatieren, dass
dieser Film die seltene Gabe besitzt, sowohl viszerales Spektakel
als auch intellektuelle Provokation zu sein. Ab dem 15. Januar wird
„The Bone Temple“ unter Beweis stellen, dass das postapokalyptische
Kino dann am stärksten ist, wenn es den Blick vom Übernatürlichen
abwendet und
stattdessen tief in den Abgrund der menschlichen Natur schaut.
28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE
Start:
15.01.26 | FSK 18
R: Nia DaCosta | D: Ralph Fiennes, Alfie Williams, Jack O'Connell
Großbritannien, USA 2026 | Sony Pictures Germany