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KINO | 14.01.2026

28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE

Nia DaCostas 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE radikalisiert die postapokalyptische Narration, indem sie die ontologische Bedrohung durch Untote zugunsten einer existenzialistischen Sezierung menschlicher Deformation in den Hintergrund rückt. Im Spannungsfeld zwischen Ralph Fiennes’ asketischer Humanität und Jack O’Connells psychopathischer Theologie entfaltet sich ein intergenerationelles Machtspiel von beispielloser schauspielerischer Gravitation.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2024 CTMG, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Wenn am 15. Januar die Kinoleinwände bundesweit von der düsteren Ästhetik Nia DaCostas erobert werden, markiert dies weit mehr als nur die Fortführung einer langlebigen Horror-Saga. Mit „28 Years Later: The Bone Temple“ ist ein cineastisches Werk entstanden, das die Fesseln seines Genres nicht nur sprengt, sondern sie in einem Akt künstlerischer Transzendenz vollkommen hinter sich lässt. In einer Ära, in der Sequels oft nur noch als blasse Schatten ihrer Vorgänger fungieren, erweist sich dieser vierte Teil der Reihe als ein Monument der narrativen Erneuerung. Die erzählerische Kraft des Films entfaltet sich in der Nachfolge der visionären Grundlagen von Danny Boyle und Alex Garland, doch unter der Regie von DaCosta gewinnt das Szenario eine beklemmende Intimität. Im Zentrum der Handlung steht der junge Spike, dessen Aufbruch von der vermeintlichen Sicherheit der Holy Island in das verwüstete britische Festland als klassische Heldenreise getarnt ist, sich jedoch schnell zu einer existenzialistischen Odyssee wandelt. Sein Ziel ist eine mythische Gestalt, Dr. Ian Kelson, verkörpert durch einen phänomenalen Ralph Fiennes. Kelson fungiert in dieser Dystopie als ein letzter Bewahrer der Humanität, ein einsamer Architekt der Erinnerung, der mit seinem „Bone Temple“ – einem sakral anmutenden Ossuarium für die gefallene Menschheit – ein Zeichen gegen das Vergessen setzt. Fiennes spielt diesen Mediziner mit einer asketischen Intensität; seine durch Jodbehandlungen verfärbte Haut und seine fast schon christusähnliche Sanftmut verleihen der Figur eine metaphysische Tiefe, die im modernen Genrekino ihresgleichen sucht. Die eigentliche Genialität des Films liegt jedoch in der bewussten Marginalisierung der untoten Bedrohung. Während das „Zombie-Dasein“ in früheren Iterationen oft als redundantes Spektakel fungierte, reduziert DaCosta die Infizierten auf ein atmosphärisches Hintergrundrauschen. Der wahre Horror entspringt hier nicht dem Fleischverzehr, sondern der zwischenmenschlichen Perversion.


© 2024 CTMG, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Dies manifestiert sich in der Einführung von Sir Lord Jimmy Crystal, einer von Jack O'Connell mit beängstigendem Charisma gespielten Figur. O’Connell verkörpert das Zerrbild eines psychopathischen Führerkultes. Seine Gruppe, eine an die Ästhetik von „A Clockwork Orange“ erinnernde Bande nicht-infizierter Nihilisten, illustriert die moralische Regression in einer Welt ohne soziale Leitplanken. Die Konfrontation zwischen Kelsons altruistischem Konservatismus und Crystals soziopathischer Theologie entwickelt eine dramaturgische Gravitation, die den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann zieht. Besonders bemerkenswert ist hierbei die schauspielerische Interaktion zwischen Fiennes und O’Connell – ein intergenerationelles Duell, das an schierer Leinwandpräsenz kaum zu überbieten ist. Ein Höhepunkt, der bereits jetzt als ikonographischer Moment der Filmgeschichte gelten darf, ist eine Sequenz dionysischer Ekstase, in der Fiennes zu den Klängen von Iron Maiden eine Performance darbietet, die jegliche bisherige Charakterzeichnung des Mimen in den Schatten stellt. Es ist ein Moment roher, fast schon animalischer Vitalität inmitten der Totenstarre der Welt, der das Publikum in eine euphorische Headbanging-Trance versetzt. Selbst die Figur des „Samson“, eines Alpha-Zombies, wird unter Kelsons Obhut zu einem Studienobjekt der Transformation und verliert dadurch seinen Status als bloßes Monster. Dies unterstreicht die zentrale Prämisse des Essays: „The Bone Temple“ ist deshalb so brillant, weil er den Fokus weg vom Biologischen hin zum Psychologischen verschiebt. Die filmische Analyse macht deutlich, dass die größte Gefahr nicht in der Infektion, sondern in der Deformation der menschlichen Seele liegt. Abschließend lässt sich konstatieren, dass dieser Film die seltene Gabe besitzt, sowohl viszerales Spektakel als auch intellektuelle Provokation zu sein. Ab dem 15. Januar wird „The Bone Temple“ unter Beweis stellen, dass das postapokalyptische Kino dann am stärksten ist, wenn es den Blick vom Übernatürlichen abwendet und
stattdessen tief in den Abgrund der menschlichen Natur schaut.


28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE

Start: 15.01.26 | FSK 18
R: Nia DaCosta | D: Ralph Fiennes, Alfie Williams, Jack O'Connell
Großbritannien, USA 2026 | Sony Pictures Germany


 


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