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KINO | 04.02.2026

COXISTANCE, MY ASS!

Humor als Widerstand, Komik als moralische Schärfe. „Coexistence, My Ass!“ verwandelt Stand-up in ein politisches Erkenntnisinstrument. Ein Film, der Lachen nicht als Flucht, sondern als Form der Wahrheit begreift. Ab dem 05. Februar im Kino: selten war Comedy so dringlich.

von Franziska Keil


© Sharon Avraham

Mit „Coexistence, My Ass!“ legt die Regisseurin Amber Fares einen Dokumentarfilm vor, der die gängigen Grenzziehungen zwischen politischem Kino, persönlichem Porträt und performativer Komödie souverän überschreitet. Der Film, der am 05. Februar im Kino startet, ist zugleich Charakterstudie, Zeitdiagnose und gesellschaftskritisches Manifest – getragen von der außergewöhnlichen Präsenz der Stand-up-Komikerin Noam Shuster Eliassi, deren Biografie und Bühnenarbeit hier untrennbar ineinandergreifen. Im Zentrum steht eine Figur, die schon qua Lebensgeschichte die Zumutungen politischer Vereinfachung unterläuft. Eliassi wächst in einer israelisch-palästinensischen Gemeinschaft auf, die nicht als symbolisches Feigenblatt, sondern als gelebtes soziales Experiment existiert. Diese Erfahrung prägt ihren Blick auf Macht, Sprache und Verantwortung – und bildet das ethische Fundament ihrer Kunst. Der Film macht eindrucksvoll deutlich, dass ihre Komik nicht aus Distanz entsteht, sondern aus radikaler Nähe: Nähe zu Widersprüchen, zu Verletzungen, zu historischen und gegenwärtigen Zumutungen. Fares strukturiert den Film entlang eines Stand-up-Programms, das als dramaturgische Achse fungiert. Diese formale Entscheidung ist mehr als ein Kunstgriff: Sie erlaubt es, politische Analyse als performativen Akt zu begreifen. Eliassis Auftritte – mehrsprachig, präzise, bewusst provokant – werden so zu Orten öffentlicher Verhandlung. Das Lachen, das sie erzeugt, ist nie entlastend, sondern stets erkenntnisfördernd. Es entsteht aus dem Offenlegen dessen, was gesellschaftlich verdrängt oder rhetorisch beschönigt wird. Gesellschaftskritisch entfaltet der Film seine besondere Kraft dort, wo er die wohlmeinende Rhetorik der „Koexistenz“ seziert. „Coexistence, My Ass!“ zeigt, wie leer dieser Begriff wird, sobald strukturelle Ungleichheit, Besatzung und systemische Gewalt ausgeblendet bleiben.


© Coexistence My Ass

Der Film argumentiert nicht über Thesen, sondern über Erfahrungen: über familiäre Prägungen, öffentliche Anfeindungen, politische Brüche und persönliche Verluste. Gerade darin liegt seine intellektuelle Redlichkeit. Er verweigert die Illusion moralischer Neutralität und macht deutlich, dass Gleichberechtigung keine Verhandlungssache, sondern Voraussetzung jeder Form von Frieden ist. Besonders eindringlich wird diese Haltung im letzten Drittel des Films, das die jüngsten Eskalationen im Nahen Osten nicht als abstrakten Nachrichtenhintergrund behandelt, sondern als existenziellen Einschnitt. Fares beobachtet ihre Protagonistin in einem Moment emotionaler Erschütterung, ohne sie je zu entmündigen oder zu heroisieren. Stattdessen entsteht ein Bild politischer Subjektivität, das Zweifel, Erschöpfung und Klarheit zugleich zulässt. Eliassis Beharren auf universellen Menschenrechten erscheint hier nicht als Idealismus, sondern als historisch informierte Notwendigkeit. Filmisch überzeugt „Coexistence, My Ass!“ durch eine präzise, unaufdringliche Inszenierung. Die Montage ist straff, die Dramaturgie ökonomisch, der Tonfall sensibel austariert zwischen Leichtigkeit und Schwere. Der Film vertraut auf die Intelligenz seines Publikums und auf die performative Kraft seiner Protagonistin. Dass er dabei immer wieder komisch ist, ohne jemals zynisch zu werden, gehört zu seinen größten Leistungen. So gelingt Fares ein seltenes Kunststück: Sie zeigt Comedy nicht als Ablenkung von der Realität, sondern als eine ihrer schärfsten Analyseformen. „Coexistence, My Ass!“ ist ein Film von großer politischer Dringlichkeit, der beweist, dass Lachen nicht das Gegenteil von Ernst ist, sondern dessen vielleicht wirksamster Verbündeter. In einer Zeit, in der öffentliche Diskurse zunehmend verhärten, erinnert dieser Film daran, dass Humor eine Form von Mut sein kann – und eine Methode, die Wahrheit auszusprechen, ohne sie zu vereinfachen.


COXISTANCE, MY ASS!

Start: 05.02.26 | FSK 12
R: Amber Fares | Dokumentation
USA, Frankreich 2025 | UCM.One


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