Humor
als Widerstand, Komik als moralische Schärfe. „Coexistence,
My Ass!“ verwandelt Stand-up in ein politisches Erkenntnisinstrument.
Ein Film, der Lachen nicht als Flucht, sondern als Form der Wahrheit
begreift. Ab dem 05. Februar im Kino: selten war Comedy so dringlich.
Mit
„Coexistence, My Ass!“ legt die Regisseurin Amber Fares
einen Dokumentarfilm vor, der die gängigen Grenzziehungen zwischen
politischem Kino, persönlichem Porträt und performativer
Komödie souverän überschreitet. Der Film, der am 05.
Februar im Kino startet, ist zugleich Charakterstudie, Zeitdiagnose
und gesellschaftskritisches Manifest – getragen von der außergewöhnlichen
Präsenz der Stand-up-Komikerin Noam Shuster Eliassi, deren Biografie
und Bühnenarbeit hier untrennbar ineinandergreifen. Im Zentrum
steht eine Figur, die schon qua Lebensgeschichte die Zumutungen politischer
Vereinfachung unterläuft. Eliassi wächst in einer israelisch-palästinensischen
Gemeinschaft auf, die nicht als symbolisches Feigenblatt, sondern
als gelebtes soziales Experiment existiert. Diese Erfahrung prägt
ihren Blick auf Macht, Sprache und Verantwortung – und bildet
das ethische Fundament ihrer Kunst. Der Film macht eindrucksvoll deutlich,
dass ihre Komik nicht aus Distanz entsteht, sondern aus radikaler
Nähe: Nähe zu Widersprüchen, zu Verletzungen, zu historischen
und gegenwärtigen Zumutungen. Fares strukturiert den Film entlang
eines Stand-up-Programms, das als dramaturgische Achse fungiert. Diese
formale Entscheidung ist mehr als ein Kunstgriff: Sie erlaubt es,
politische Analyse als performativen Akt zu begreifen. Eliassis Auftritte
– mehrsprachig, präzise, bewusst provokant – werden
so zu Orten öffentlicher Verhandlung. Das Lachen, das sie erzeugt,
ist nie entlastend, sondern stets erkenntnisfördernd. Es entsteht
aus dem Offenlegen dessen, was gesellschaftlich verdrängt oder
rhetorisch beschönigt wird. Gesellschaftskritisch entfaltet der
Film seine besondere Kraft dort, wo er die wohlmeinende Rhetorik der
„Koexistenz“ seziert. „Coexistence, My Ass!“
zeigt, wie leer dieser Begriff wird, sobald strukturelle Ungleichheit,
Besatzung und systemische Gewalt ausgeblendet bleiben.
Der
Film argumentiert nicht über Thesen, sondern über Erfahrungen:
über familiäre Prägungen, öffentliche Anfeindungen,
politische Brüche und persönliche Verluste. Gerade darin
liegt seine intellektuelle Redlichkeit. Er verweigert die Illusion
moralischer Neutralität und macht deutlich, dass Gleichberechtigung
keine Verhandlungssache, sondern Voraussetzung jeder Form von Frieden
ist. Besonders eindringlich wird diese Haltung im letzten Drittel
des Films, das die jüngsten Eskalationen im Nahen Osten nicht
als abstrakten Nachrichtenhintergrund behandelt, sondern als existenziellen
Einschnitt. Fares beobachtet ihre Protagonistin in einem Moment emotionaler
Erschütterung, ohne sie je zu entmündigen oder zu heroisieren.
Stattdessen entsteht ein Bild politischer Subjektivität, das
Zweifel, Erschöpfung und Klarheit zugleich zulässt. Eliassis
Beharren auf universellen Menschenrechten erscheint hier nicht als
Idealismus, sondern als historisch informierte Notwendigkeit. Filmisch
überzeugt „Coexistence, My Ass!“ durch eine präzise,
unaufdringliche Inszenierung. Die Montage ist straff, die Dramaturgie
ökonomisch, der Tonfall sensibel austariert zwischen Leichtigkeit
und Schwere. Der Film vertraut auf die Intelligenz seines Publikums
und auf die performative Kraft seiner Protagonistin. Dass er dabei
immer wieder komisch ist, ohne jemals zynisch zu werden, gehört
zu seinen größten Leistungen. So gelingt Fares ein seltenes
Kunststück: Sie zeigt Comedy nicht als Ablenkung von der Realität,
sondern als eine ihrer schärfsten Analyseformen. „Coexistence,
My Ass!“ ist ein Film von großer politischer Dringlichkeit,
der beweist, dass Lachen nicht das Gegenteil von Ernst ist, sondern
dessen vielleicht wirksamster Verbündeter. In einer Zeit, in
der öffentliche Diskurse zunehmend verhärten, erinnert dieser
Film daran, dass Humor eine Form von Mut sein kann – und eine
Methode, die Wahrheit auszusprechen, ohne sie zu vereinfachen.
COXISTANCE, MY ASS!
Start:
05.02.26 | FSK 12
R: Amber Fares | Dokumentation
USA, Frankreich 2025 | UCM.One