Zwischen
Trauerarbeit und ironischer Selbstvergewisserung tastet sich dieser
Film durch die Abgründe eines empfindsamen Lebens. „Ach,
diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ erzählt
vom Verlust als ästhetischem und gesellschaftlichem Erfahrungsraum.
Leichtfüßig, doch nicht frei von Blindstellen, verhandelt
er Erinnerung, Herkunft und Selbstbeobachtung.
Mit
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“,
der am 29. Januar im Kino gestartet ist, setzt Regisseur und Drehbuchautor
Simon Verhoeven Joachim Meyerhoffs autobiografischen Romanzyklus fort
und wagt sich an einen Stoff, der gleichermaßen von existenzieller
Leichtigkeit wie von tiefer Verunsicherung lebt. Der Film bewegt sich
dabei bewusst auf dem schmalen Grat zwischen humorvoller Anekdote
und melancholischer Selbstbefragung – ein Balanceakt, der nicht
immer aufgeht, aber gerade in seiner Unvollkommenheit aufschlussreich
ist. Im Zentrum steht der junge Joachim, der nach dem plötzlichen
Tod seines Bruders einen biografischen Bruch erlebt, den der Film
weniger psychologisch ausbuchstabiert als atmosphärisch umkreist.
Die Entscheidung, sich an einer renommierten Schauspielschule zu bewerben
und bei den exzentrischen Großeltern in München zu leben,
wirkt weniger wie ein zielgerichteter Lebensentwurf denn als tastender
Versuch, dem Verlust eine Form zu geben. Der Film macht daraus kein
klassisches Trauernarrativ, sondern eine episodische Bewegung zwischen
Ritualen, Erinnerungen und sozialen Milieus. Gesellschaftskritisch
interessant ist dabei vor allem die Konstellation der Großeltern,
die als Repräsentanten eines bildungsbürgerlichen, kultivierten
Lebensentwurfs erscheinen. Ihr Alltag, geprägt von festen Abläufen,
kultivierter Exzentrik und einer selbstverständlichen Nähe
zur Kunst, steht in deutlichem Kontrast zu der Unsicherheit der jüngeren
Generation, für die Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung
und ökonomische wie emotionale Stabilität längst keine
Gewissheiten mehr sind. Der Film feiert diese Welt mit sichtbarer
Zuneigung, ohne sie jedoch grundsätzlich infrage zu stellen –
und genau hier beginnt seine Ambivalenz.
Während
die Schauspielschule als Ort normierter Kreativität und institutionalisierter
Selbstoptimierung durchaus satirisch gebrochen wird, bleibt die privilegierte
Ausgangsposition des Protagonisten weitgehend unhinterfragt. Trauer,
Selbstzweifel und Beobachterhaltung erscheinen als ästhetisch
veredeltes Lebensproblem, weniger als soziale Zumutung. In dieser
Hinsicht ist der Film, ähnlich wie seine literarische Vorlage,
eine Form der autobiografischen Nabelschau, die ihre gesellschaftlichen
Voraussetzungen eher voraussetzt als reflektiert. Filmisch überzeugt
Verhoeven durch eine elegante, fast beiläufige Inszenierung.
Wiederkehrende Bildkompositionen, eine betont nahe Kamera und eine
warme, farbintensive Gestaltung verleihen selbst schmerzhaften Momenten
eine gewisse Heiterkeit. Diese ästhetische Entscheidung unterstützt
den Ton der Vorlage, birgt jedoch auch die Gefahr, Brüche zu
glätten und Konflikte zu harmonisieren, die eigentlich nach Schärfe
verlangen würden. Getragen wird der Film maßgeblich von
Bruno Alexander, der Joachim mit feiner Zurückhaltung und präziser
Beobachtungsgabe verkörpert. Seine Darstellung vermeidet große
Gesten und verleiht der Figur eine stille Komplexität, die den
episodischen Charakter des Films zusammenhält. Die prominenten
Nebenrollen fügen sich nahtlos in dieses Ensemble ein und verstärken
den Eindruck eines liebevoll ausgestatteten, fast schon theatralischen
filmischen Kosmos. So ist „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche
Lücke“ ein Film, der mehr über eine bestimmte Haltung
zur Welt erzählt als über die Welt selbst. Er reflektiert
Trauer, Erinnerung und künstlerische Selbstfindung mit Charme
und Sensibilität, bleibt dabei jedoch oft auf der Ebene des Persönlichen
verhaftet. Gerade darin liegt seine Stärke – und zugleich
seine Begrenzung. Als gesellschaftskritisches Werk ist er eher implizit
als offensiv, als filmisches Erlebnis jedoch berührend, unterhaltsam
und von einer eigentümlichen, melancholischen Schönheit.
ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE
Start:
29.01.26 | FSK 6
R: Simon Verhoeven | D: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn
Deutschland 2025 | Warner Bros. GmbH