Ein Überlebensfilm
als bitterböse Arbeitsparabel: „Send Help“ verlegt
Machtkämpfe dorthin, wo keine Hierarchien mehr gelten. Sam Raimi
verbindet Groteske, Körperkomik und Sozialkritik zu einem kalkulierten
Grenzgang. Zwischen Katharsis und Unbehagen entfaltet sich ein präzises
Spiel über Arbeit, Geschlecht und Kontrolle.
Mit
„Send Help“, der am 29. Januar im Kino gestartet ist,
meldet sich Sam Raimi eindrucksvoll in jenem Grenzbereich zurück,
den er wie kaum ein anderer Filmemacher beherrscht: dort, wo Horror,
Komödie und moralische Zumutung ineinander greifen. Was auf den
ersten Blick wie eine reduzierte Survival-Groteske erscheint, entpuppt
sich als überraschend präzise Allegorie auf spätkapitalistische
Arbeitsverhältnisse, Geschlechterhierarchien und die fragile
Natur gesellschaftlicher Macht. Der narrative Kern ist denkbar einfach:
Zwei Menschen überleben einen Flugzeugabsturz auf einer einsamen
Insel. Doch schon diese Reduktion wirkt wie ein ideologisches Experiment.
Linda, eine seit Jahren übersehene Angestellte, und Bradley,
ihr frisch gekürter Vorgesetzter, werden aus der vertrauten Ordnung
des Konzerns herausgerissen und in einen Raum versetzt, in dem Titel,
Status und institutionelle Absicherung keine Gültigkeit mehr
besitzen. Raimi nutzt dieses Setting nicht für ein klassisches
Heldennarrativ, sondern für eine radikale Umwertung sozialer
Kompetenzen. Gesellschaftskritisch besonders aufschlussreich ist,
wie der Film Arbeit sichtbar macht. Linda verkörpert jene unsichtbare,
oft weiblich konnotierte Kompetenz des Funktionierens: Organisation,
Improvisation, Fürsorge, Pragmatismus. Fähigkeiten, die
im Büroalltag als selbstverständlich konsumiert werden,
werden auf der Insel plötzlich existenziell. Bradley hingegen,
der sich zuvor über Autorität, Sprache und Kontrolle definiert
hat, kollabiert in dem Moment, in dem Kapitalismus, Delegation und
Mikromanagement nicht mehr greifen. „Send Help“ zeigt
damit, wie sehr Macht an Systeme gebunden ist – und wie schnell
sie sich entleert, wenn diese Systeme verschwinden. Raimi inszeniert
diese Umkehrung bewusst als groteskes Schauspiel. Körperlicher
Verfall, Erniedrigung und slapstickhafte Qualen sind keine bloßen
Effekte, sondern dramaturgische Mittel, um soziale Rollen zu dekonstruieren.
Der Film bewegt sich dabei stets auf einem schmalen Grat zwischen
gerecht empfundener Katharsis und potenzieller Grausamkeit.
Dass
er nicht ins Zynische kippt, liegt an der präzisen Figurenführung:
Bradley bleibt kein dämonisches Monster, sondern ein unangenehm
realistischer Typus – selbstgerecht, passiv-aggressiv, emotional
parasitär. Gerade diese Alltäglichkeit macht ihn zum gesellschaftlichen
Problemfall. Rachel McAdams’ Starpersona spielt dabei eine zentrale
Rolle. Ihre Präsenz widerspricht der traditionellen Vorstellung
von der gedemütigten Untergebenen und erzeugt eine produktive
Spannung zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Zuschreibung.
„Send Help“ reflektiert damit implizit, wie sehr gesellschaftliche
Urteile über Kompetenz, Attraktivität und Wert an Bildern
hängen – und wie systematisch Frauen unterschätzt
werden, gerade wenn sie Anpassungsfähigkeit zeigen. Lindas Transformation
ist weniger eine Rachefantasie als eine Korrektur eines lang verzerrten
Blicks. Formal bleibt Raimi seinem Stil treu: Die Inszenierung ist
präzise, rhythmisch und von einer Lust an physischer Komik getragen,
die das Leiden nie ganz naturalistisch werden lässt. Gleichzeitig
sorgt die glatte Ästhetik stellenweise für Distanz –
das Körperliche wirkt manchmal kalkuliert statt roh. Auch einige
narrative Zuspitzungen erscheinen bewusst konstruiert, fast fabelhaft.
Doch gerade diese Künstlichkeit unterstreicht den parabolischen
Charakter des Films. In seiner gesellschaftlichen Dimension ist „Send
Help“ erstaunlich zeitgenössisch. Der Film spiegelt eine
Arbeitswelt, in der Loyalität einseitig eingefordert wird, emotionale
Arbeit entwertet bleibt und Macht sich hinter Höflichkeit tarnt.
Dass Raimi daraus kein didaktisches Lehrstück, sondern ein genüsslich
ambivalentes Genreexperiment formt, ist seine größte Stärke.
So bleibt „Send Help“ ein Film, der zugleich befreit und
irritiert. Er lädt zur Identifikation ein, verweigert aber einfache
moralische Absolution. In dieser Spannung liegt seine filmwissenschaftliche
Relevanz: als bitterkomische Studie über Arbeit, Macht und das
fragile Fundament gesellschaftlicher Ordnung – verpackt in ein
Survival-Szenario, das mehr über unsere Gegenwart erzählt,
als es auf den ersten Blick preisgibt.
SEND HELP
Start:
29.01.26 | FSK 16
R: Sam Raimi | D: Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Edyll Ismail
USA 2025 | Walt Disney Germany