Zwischen
Stroboskop und Selbstzweifel entfaltet sich ein kluges Spiel mit der
Pop-Ikone. „The Moment“ seziert die Mechanismen weiblicher
Stardom-Inszenierung mit satirischer Schärfe. Ein Mockumentary-Experiment
über kreative Autonomie im Würgegriff der Verwertungslogik.
Wenn
„The Moment“ am 19. Februar in den Kinos anläuft,
betritt kein klassischer Konzertfilm die Leinwand, sondern eine selbstreflexive
Versuchsanordnung über weibliche Autorschaft im spätkapitalistischen
Popbetrieb. Aidan Zamiris Regiearbeit, entwickelt aus einer Idee von
Charli xcx selbst, verabschiedet sich demonstrativ vom gängigen
Format der musikdokumentarischen Hagiografie. Statt Backstage-Authentizität
und triumphaler Bühnenmomente entfaltet sich ein Mockumentary-Setting,
das die Zumutungen des Ruhms und die Ökonomisierung weiblicher
Kreativität satirisch zuspitzt. Im Zentrum steht eine überzeichnete
Version der Popkünstlerin, deren jüngste Ära von grellen
Farbwelten und omnipräsenter Markenästhetik geprägt
war. Der Film eröffnet mit einer visuellen Überwältigungsstrategie:
pulsierende Lichter, ein Körper im Rhythmus, eine Atmosphäre
permanenter Gegenwärtigkeit. Doch kaum ist der ekstatische Auftakt
verklungen, setzt die Dekonstruktion ein. Der Rausch weicht Erschöpfung,
die Euphorie einem Terminkalender aus Fotoshootings, Videocalls und
strategischen Besprechungen. Der „Moment“, der vermeintlich
endlos dauern soll, erweist sich als prekäre Konstruktion. Diese
Verschiebung ist entscheidend für den erkenntnistheoretischen
Zugang zu dieser Mockumentary. „The Moment“ thematisiert
die Spannung zwischen Selbstinszenierung und Fremdbestimmung, zwischen
künstlerischer Vision und marktwirtschaftlicher Verwertungslogik.
Die Protagonistin sieht sich umgeben von einem Geflecht aus Label-Vertretern,
Management, Kreativdirektion und einem Filmregisseur, der ihr Werk
in ein konsumierbares Narrativ pressen möchte. Die Frage, wem
ein weiblicher Popstar „gehört“ – sich selbst
oder der Industrie –, durchzieht den Film wie ein subkutanes
Leitmotiv. Charli xcx spielt diese Figur mit kalkulierter Ambivalenz.
Ihre Darstellung oszilliert zwischen Coolness und Kontrollverlust,
zwischen strategischem Kalkül und impulsiver Volatilität.
Gerade diese Ambiguität unterläuft das stereotype Bild der
„launischen Diva“, das der Popkultur so vertraut ist.
Der Film exponiert vielmehr, wie schnell weibliche Entschiedenheit
als Egozentrik codiert wird, während männliche Exzentrik
als Genie firmiert. Indem die Künstlerin ihre eigene Persona
karikiert, eignet sie sich die Deutungshoheit über das Bild zurück,
das von ihr zirkuliert. Formästhetisch wählt Zamiri eine
Pseudo-Direct-Cinema-Ästhetik, die Nähe suggeriert und zugleich
ihre eigene Konstruiertheit offenlegt.
Die
Kamera ist anwesend und doch scheinbar beiläufig; sie beobachtet
Meetings, Limousinenfahrten, Partys, ohne je vollständig transparent
zu werden. Diese Strategie erzeugt eine produktive Irritation: Authentizität
erscheint als performativer Akt, nicht als ontologischer Zustand.
Gerade in der zweiten Filmhälfte, wenn die Dramaturgie sich zusehends
zerfasert und der narrative Drive nachlässt, wird diese Fragmentierung
selbst zum Kommentar auf die Überdehnung eines Hypes, der künstlich
perpetuiert werden soll. Besonders treffsicher sind jene satirischen
Elemente, die die Kommodifizierung des „Moments“ auf die
Spitze treiben: Merchandising-Ideen, Markenkooperationen, absurde
Werbeformate. In der Überzeichnung einer Pop-Ära, die sich
in Kreditkarten-Branding und Lifestyle-Produkte übersetzt, legt
der Film die enge Verzahnung von weiblicher Körperlichkeit und
Konsum offen. Der weibliche Star wird zur Projektionsfläche und
Verkaufsfläche zugleich – eine Doppelrolle, die „The
Moment“ mit ironischer Schärfe freilegt. Zugleich positioniert
sich der Film intertextuell im Spannungsfeld zwischen fingierter Dokumentation
und Selbstparodie. Die Anspielungen auf frühere Mockumentaries
und selbstmythologisierende Künstlerporträts sind unübersehbar,
doch Zamiri und sein Team transformieren diese Referenzen in ein genuin
gegenwärtiges Statement über Social-Media-Kultur und Dauerpräsenz.
Cameo-Auftritte aus dem Celebrity-Kosmos verstärken den Eindruck
einer Welt, in der Selbstvermarktung zur zweiten Natur geworden ist.
Trotz struktureller Unebenheiten – insbesondere einer gewissen
dramaturgischen Ermüdung im Mittelteil – überzeugt
„The Moment“ als feministisches Meta-Pop-Statement. Der
Film verweigert die simple Erfolgsgeschichte und ersetzt sie durch
eine Untersuchung jener Kräfte, die Erfolg definieren und instrumentalisieren.
Indem Charli xcx die Mechanismen ihrer eigenen Ikonisierung offenlegt,
betreibt sie eine Form der künstlerischen Selbstermächtigung.
Am Ende steht kein finaler Triumph, sondern ein Abschied von einer
Ära – und die Einsicht, dass jeder „Moment“
ein Konstrukt ist, das sich nicht endlos konservieren lässt.
Gerade darin liegt die emanzipatorische Geste dieses Films: Er akzeptiert
die Vergänglichkeit des Hypes und behauptet die Autonomie der
Künstlerin jenseits seiner Vermarktung. „The Moment“
ist somit weniger Konzertfilm als kulturkritische Intervention –
ein kluger, selbstironischer Beitrag zur Frage, wie weibliche Kreativität
im 21. Jahrhundert sichtbar wird und sichtbar gemacht wird.