Ein Film
aus Gaza, der nicht das Spektakel des Krieges, sondern die Imagination
des Alltags ins Zentrum rückt. Die Nasser-Brüder verbinden
Thriller, Satire und Selbstreflexion zu einem Akt filmischer Selbstbehauptung.
„Once Upon A Time In Gaza“ ist Kino über Kino –
und über das Überleben von Bildern.
Mit
„Once Upon A Time In Gaza“ legen Arab und Tarzan Nasser
einen Film vor, der sich der dominanten Bildpolitik über den
Gazastreifen entschieden widersetzt. Während internationale Medien
Gaza fast ausschließlich als Ort der Zerstörung und der
permanenten Krise zeigen, insistiert dieser Film auf etwas grundlegend
anderem: auf dem Recht einer Gesellschaft, sich selbst zu erzählen.
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges, formal reflektiertes Werk, das
am 12. Februar seinen Kinostart feiert und weit über den unmittelbaren
politischen Kontext hinausweist. Der Film entfaltet seine Erzählung
in zwei klar voneinander getrennten, aber kunstvoll verschränkten
Bewegungen. Zunächst folgt er Osama, einem massigen Falafelverkäufer
mit zwielichtigem Nebengeschäft, und seinem schüchternen
Gehilfen Yahya in einem Gaza des Jahres 2007 – geprägt
von Blockade, Korruption und latenter Gewalt. Dieser erste Teil ist
als urbaner Thriller angelegt, von nächtlicher Dichte und moralischer
Ambivalenz durchzogen. Die Kamera bleibt nah an den Körpern,
an Räumen, die keinen Ausweg zu kennen scheinen, und an Figuren,
die zwischen Anpassung und Widerstand zerrieben werden. Nach einer
abrupten zeitlichen Zäsur vollzieht der Film jedoch einen radikalen
Moduswechsel. Yahya taucht zwei Jahre später in einer filmischen
Metaebene wieder auf: Er soll in einem staatlich geförderten
Actionfilm einen gefallenen Kämpfer verkörpern. Was zunächst
wie eine absurde Farce wirkt – Dreharbeiten ohne Spezialeffekte,
echte Waffen statt Requisiten –, entwickelt sich zu einer präzisen
Reflexion über die Macht und Gefährdung von Bildern. Filmwissenschaftlich
betrachtet operiert „Once Upon A Time In Gaza“ hier mit
selbstreflexiven Strategien, die das Verhältnis von Realität,
Inszenierung und politischer Instrumentalisierung offenlegen. Bemerkenswert
ist, wie konsequent der Film Gewalt indirekt darstellt. Der Konflikt
mit Israel bleibt weitgehend außerhalb des Bildes und erscheint
nur in medialen Fragmenten, beiläufigen Zeitungsschlagzeilen
oder in der grotesken Verdopplung: palästinensische Schauspieler,
die israelische Soldaten spielen und dabei für reale gehalten
werden.
Diese
Verschiebung macht deutlich, dass der eigentliche Gegenstand des Films
nicht militärische Auseinandersetzung ist, sondern die Durchdringung
des Alltags durch politische Narrative. Formal überzeugt der
Film durch seine strenge Ökonomie. Die reduzierte Figurenkonstellation
erlaubt eine genaue psychologische Entwicklung, insbesondere in der
Figur Yahyas, der sich vom ängstlichen Mitläufer zum gebrochenen,
aber unbeugsamen Zentrum der Erzählung wandelt. Seine
Transformation ist weniger heroisch als existenziell – ein Spiegel
für die Erfahrung, sich nur noch in fremden Rollen behaupten
zu können. Majd Eid und Ramzi Maqdisi ergänzen dieses Figurenensemble
mit präzisen, körperlich verankerten Darstellungen, die
das Machtgefüge des Films glaubhaft strukturieren. Visuell knüpft
Kameramann Christophe Graillot an die nächtliche Melancholie
früherer Nasser-Arbeiten an, variiert sie jedoch durch bewusste
Stileinschübe, die zwischen Realismus und filmischer Zitatlust
changieren. Die Musik von Amine Bouhafa unterstreicht diese Ambivalenz,
indem sie regionale Klangfarben mit Anklängen an den italienischen
Genrefilm verbindet – ein weiterer Hinweis darauf, dass „Once
Upon A Time In Gaza“ stets auch über Kino selbst nachdenkt.
Dass der Film im letzten Akt dramaturgisch eher auf Verdichtung als
auf Eskalation setzt, ist keine Schwäche, sondern Teil seiner
Haltung. Er verweigert den kathartischen Ausbruch und bleibt stattdessen
bei der Frage, was es bedeutet, Bilder zu produzieren, wenn Realität
kaum noch Spielraum lässt. In diesem Sinne ist der Film nicht
nur ein politisches Statement, sondern eine poetische Untersuchung
der Bedingungen filmischer Existenz. „Once Upon A Time In Gaza“
ist ein klug komponiertes, mutiges Werk, das zeigt, wie Kino selbst
unter extremen Umständen zu einem Ort der Selbstbehauptung werden
kann. Sein Kinostart am 12. Februar markiert nicht nur die Ankunft
eines neuen Films, sondern eines seltenen Blicks: auf Gaza als imaginativen,
widersprüchlichen, lebendigen Raum – und auf das Kino als
Mittel, diesen Raum sichtbar zu machen.
ONCE UPON A TIME IN GAZA
Start:
12.02.26 | FSK 12
R: Tarzan Nasser, Arab Nasser | D: Nader Abd Alhay, Majd Eid, Ramzi
Maqdisi
Palästinia, Frankreich, Deutschland, Portugal 2025 | ImmerGuteFilme