FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


KINO | 11.02.2026

ONCE UPON A TIME IN GAZA

Ein Film aus Gaza, der nicht das Spektakel des Krieges, sondern die Imagination des Alltags ins Zentrum rückt. Die Nasser-Brüder verbinden Thriller, Satire und Selbstreflexion zu einem Akt filmischer Selbstbehauptung. „Once Upon A Time In Gaza“ ist Kino über Kino – und über das Überleben von Bildern.

von Richard-Heinrich Tarenz


© DULAC DISTRIBUTION

Mit „Once Upon A Time In Gaza“ legen Arab und Tarzan Nasser einen Film vor, der sich der dominanten Bildpolitik über den Gazastreifen entschieden widersetzt. Während internationale Medien Gaza fast ausschließlich als Ort der Zerstörung und der permanenten Krise zeigen, insistiert dieser Film auf etwas grundlegend anderem: auf dem Recht einer Gesellschaft, sich selbst zu erzählen. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges, formal reflektiertes Werk, das am 12. Februar seinen Kinostart feiert und weit über den unmittelbaren politischen Kontext hinausweist. Der Film entfaltet seine Erzählung in zwei klar voneinander getrennten, aber kunstvoll verschränkten Bewegungen. Zunächst folgt er Osama, einem massigen Falafelverkäufer mit zwielichtigem Nebengeschäft, und seinem schüchternen Gehilfen Yahya in einem Gaza des Jahres 2007 – geprägt von Blockade, Korruption und latenter Gewalt. Dieser erste Teil ist als urbaner Thriller angelegt, von nächtlicher Dichte und moralischer Ambivalenz durchzogen. Die Kamera bleibt nah an den Körpern, an Räumen, die keinen Ausweg zu kennen scheinen, und an Figuren, die zwischen Anpassung und Widerstand zerrieben werden. Nach einer abrupten zeitlichen Zäsur vollzieht der Film jedoch einen radikalen Moduswechsel. Yahya taucht zwei Jahre später in einer filmischen Metaebene wieder auf: Er soll in einem staatlich geförderten Actionfilm einen gefallenen Kämpfer verkörpern. Was zunächst wie eine absurde Farce wirkt – Dreharbeiten ohne Spezialeffekte, echte Waffen statt Requisiten –, entwickelt sich zu einer präzisen Reflexion über die Macht und Gefährdung von Bildern. Filmwissenschaftlich betrachtet operiert „Once Upon A Time In Gaza“ hier mit selbstreflexiven Strategien, die das Verhältnis von Realität, Inszenierung und politischer Instrumentalisierung offenlegen. Bemerkenswert ist, wie konsequent der Film Gewalt indirekt darstellt. Der Konflikt mit Israel bleibt weitgehend außerhalb des Bildes und erscheint nur in medialen Fragmenten, beiläufigen Zeitungsschlagzeilen oder in der grotesken Verdopplung: palästinensische Schauspieler, die israelische Soldaten spielen und dabei für reale gehalten werden.


© DULAC DISTRIBUTION

Diese Verschiebung macht deutlich, dass der eigentliche Gegenstand des Films nicht militärische Auseinandersetzung ist, sondern die Durchdringung des Alltags durch politische Narrative. Formal überzeugt der Film durch seine strenge Ökonomie. Die reduzierte Figurenkonstellation erlaubt eine genaue psychologische Entwicklung, insbesondere in der Figur Yahyas, der sich vom ängstlichen Mitläufer zum gebrochenen, aber unbeugsamen Zentrum der Erzählung wandelt. Seine Transformation ist weniger heroisch als existenziell – ein Spiegel für die Erfahrung, sich nur noch in fremden Rollen behaupten zu können. Majd Eid und Ramzi Maqdisi ergänzen dieses Figurenensemble mit präzisen, körperlich verankerten Darstellungen, die das Machtgefüge des Films glaubhaft strukturieren. Visuell knüpft Kameramann Christophe Graillot an die nächtliche Melancholie früherer Nasser-Arbeiten an, variiert sie jedoch durch bewusste Stileinschübe, die zwischen Realismus und filmischer Zitatlust changieren. Die Musik von Amine Bouhafa unterstreicht diese Ambivalenz, indem sie regionale Klangfarben mit Anklängen an den italienischen Genrefilm verbindet – ein weiterer Hinweis darauf, dass „Once Upon A Time In Gaza“ stets auch über Kino selbst nachdenkt. Dass der Film im letzten Akt dramaturgisch eher auf Verdichtung als auf Eskalation setzt, ist keine Schwäche, sondern Teil seiner Haltung. Er verweigert den kathartischen Ausbruch und bleibt stattdessen bei der Frage, was es bedeutet, Bilder zu produzieren, wenn Realität kaum noch Spielraum lässt. In diesem Sinne ist der Film nicht nur ein politisches Statement, sondern eine poetische Untersuchung der Bedingungen filmischer Existenz. „Once Upon A Time In Gaza“ ist ein klug komponiertes, mutiges Werk, das zeigt, wie Kino selbst unter extremen Umständen zu einem Ort der Selbstbehauptung werden kann. Sein Kinostart am 12. Februar markiert nicht nur die Ankunft eines neuen Films, sondern eines seltenen Blicks: auf Gaza als imaginativen, widersprüchlichen, lebendigen Raum – und auf das Kino als Mittel, diesen Raum sichtbar zu machen.


ONCE UPON A TIME IN GAZA

Start: 12.02.26 | FSK 12
R: Tarzan Nasser, Arab Nasser | D: Nader Abd Alhay, Majd Eid, Ramzi Maqdisi
Palästinia, Frankreich, Deutschland, Portugal 2025 | ImmerGuteFilme


AGB | IMPRESSUM