FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


KINO | 14.02.2026

CRIME 101
Asphalt, Angst und Ambition

Kein klassischer Heist-Thriller, sondern eine Studie verlorener Existenzen. Zwischen Asphaltpoesie und moralischer Erosion entfaltet sich ein vielschichtiges Großstadtpanorama. Chris Hemsworth brilliert in einer Rolle jenseits ikonischer Heldenpose.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 Amazon MGM Studios Content Services LLC

Mit „Crime 101“, der am 12. Februar in den Kinos gestartet ist, legt Bart Layton eine bemerkenswert nuancierte Variation des Gangsterfilms vor. Was zunächst wie ein routinierter Heist-Thriller erscheinen mag, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein vielschichtiges Figurenensemble, das die Mechanik des Verbrechens weniger spektakulär ausstellt als vielmehr psychologisch unterfüttert. Der Film adaptiert eine literarische Vorlage und transformiert sie in eine atmosphärisch dichte Großstadterzählung, die sich dem Genre verpflichtet fühlt, ohne ihm zu verfallen. Im Zentrum steht Davis, ein auf hochpräzise Juwelenraube spezialisierter Dieb. Seine Coups entlang der titelgebenden Autobahn sind kalkuliert, ritualisiert, fast asketisch in ihrer Durchführung. Gewalt meidet er – nicht aus Sentimentalität, sondern aus einem ethisch-pragmatischen Kodex, der Ordnung in ein biografisch fragmentiertes Leben bringen soll. Chris Hemsworth verleiht dieser Figur eine irritierende Doppelbödigkeit. Hinter der kontrollierten Fassade schimmert eine latente Unruhe, ein kaum artikuliertes Fremdsein in der eigenen Haut. Diese Spannung zwischen äußerer Souveränität und innerer Prekarität trägt den Film weit über die Oberfläche routinierter Coolness hinaus. Hemsworth spielt nicht den glamourösen Outlaw, sondern einen Mann, der Disziplin als Bollwerk gegen das Chaos benötigt. Layton inszeniert die Raubzüge mit einer bemerkenswerten Unmittelbarkeit. Die Verfolgungsfahrten durch Los Angeles wirken nicht wie choreografierte Spektakel, sondern wie improvisierte Fluchtbewegungen, in denen jede Abbiegung eine Entscheidung unter Zeitdruck markiert. Dadurch entsteht eine Form von Realismus, die weniger dokumentarisch als vielmehr existenziell anmutet: Das Verbrechen ist hier kein ästhetisches Ornament, sondern eine riskante Navigation durch urbane Unübersichtlichkeit. Dem Dieb gegenüber steht Lou Lubesnick, ein Ermittler, der als Relikt einer aussterbenden Integrität erscheint. Mark Ruffalo verkörpert ihn als müden Idealisten in einem Polizeiapparat, der zunehmend nach betriebs-wirtschaftlicher Logik funktioniert. Der institutionelle Druck, Fälle effizient abzuschließen, ersetzt das Streben nach Wahrheit durch Kennzahlen und Erfolgsquoten. In dieser Konstellation wird der Polizeifilm zur Systemanalyse: Korruption manifestiert sich weniger in Bestechung als in der schleichenden Ökonomisierung von Moral. Lou ist ein Anachronismus – und gerade darin tragisch. Eine dritte Achse bildet Sharon Coombs, eine erfolgreiche Versicherungsmaklerin, die trotz fachlicher Kompetenz an gläserne Hierarchien stößt.


© 2025 Amazon MGM Studios Content Services LLC

Halle Berry gestaltet diese Figur mit einer vibrierenden Mischung aus Eleganz und unterdrückter Wut. Sharon bewegt sich in den klimatisierten Räumen der Wohlstandsgesellschaft, doch auch dort herrscht eine subtile Form von Gewalt: die strukturelle Marginalisierung. Ihre Verbindungen sowohl zur kriminellen als auch zur polizeilichen Sphäre mögen konstruiert erscheinen, gewinnen jedoch durch Berrys emotionale Präzision an Glaubwürdigkeit. In ihr bündelt sich das Motiv der Ambition im falschen System – eine Parallele zu Davis’ Versuch, im Untergrund eine eigene Ordnung zu etablieren. Das Ensemble wird komplettiert durch Ormon, einen von Barry Keoghan mit minimalistischem Furor gespielten Vollstrecker. Oft hinter Helm und Leder verborgen, artikuliert sich seine Präsenz in abrupten Bewegungen und einer aggressiven Körperlichkeit. Er fungiert als destruktiver Kontrapunkt zu Davis’ kontrollierter Professionalität – als Inkarnation des ungebändigten Risikos, das jedes kriminelle Kalkül unterläuft. Formal überzeugt „Crime 101“ durch seine räumliche Sensibilität. Los Angeles erscheint nicht als ikonische Skyline, sondern als Geflecht aus anonymen Betonlandschaften, Durchgangsräumen und Zwischen-zonen. Layton nimmt sich Zeit – die ausgedehnte Laufzeit von über zwei Stunden ermöglicht es, Motivationen auszuleuchten, Beziehungen atmen zu lassen. Szenen wie ein unscheinbares erstes Date oder ein angespanntes Gespräch im Büro erhalten dadurch narrative Gravität. Das Verbrechen wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Symptom biografischer und gesellschaftlicher Dispositionen. Der finale Coup in einer Luxushotelsuite verdichtet schließlich die zuvor angelegten Spannungen. Täuschungen überlagern sich, Rollen werden gewechselt, Identitäten maskiert. In dieser Sequenz erreicht der Film eine fast klassische Thriller-Intensität, ohne seine psychologische Grundierung preiszugeben. Das Verbrechen fungiert hier als Prüfstein: In der Extremsituation offenbart sich der Kern jeder Figur. „Crime 101“ ist kein Film, der sich mit schnellen Katharsen begnügt. Er verlangt Aufmerksamkeit für Nuancen, für das Unausgesprochene zwischen Blicken und Gesten. Seine Raffinesse könnte sich als kommerzielles Risiko erweisen; als filmisches Statement jedoch überzeugt er durch seine intellektuelle Ambition und seine darstellerische Präzision. Seit dem 12. Februar lädt dieser Film dazu ein, das Genre nicht als bloßes Spannungsvehikel zu begreifen, sondern als Reflexionsraum über Integrität, Ehrgeiz und die fragilen Konstruktionen von Ordnung in einer korruptionsanfälligen Welt. „Crime 101“ ist damit weniger eine Lektion im perfekten Verbrechen als ein fortgeschrittener Kurs über die Sehnsüchte, die es antreiben.


CRIME 101

Start: 05.02.26 | FSK 12
R: Judith Angerbauer | D: Seyneb Saleh, Trystan Pütter, Sebastian Urzendowsky
Deutschland 2024 | Farbfilm


 


AGB | IMPRESSUM