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KINO | 25.02.2026

EPiC: Elvis Presley in Concert

Ein Mythos wird neu belichtet – nicht als Kitschfigur von Las Vegas, sondern als elektrisierender Bühnenkünstler von singulärer Wucht. Baz Luhrmann destilliert aus Archivmaterial ein Konzerterlebnis von geradezu physischer Intensität. „EPiC: Elvis Presley in Concert“ zeigt den King in seiner vielleicht radikalsten Phase: als Meister der zweiten Geburt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Universal Pictures

Mit „EPiC: Elvis Presley in Concert“, der am 26. Februar in den Kinos startet, legt Baz Luhrmann keine bloße Ergänzung zu seinem Spielfilm „Elvis“ vor, sondern eine eigenständige ästhetische Intervention in die Ikonografie des King. Der Dokumentarfilm ist weniger ein historiografisches Projekt als eine sinnliche Rekonstruktion – eine filmische Versuchsanordnung, die die eruptive Bühnenenergie von Elvis Presley in den frühen Las-Vegas-Jahren erfahrbar macht. Luhrmann gelingt hier etwas Seltenes: Er befreit das Bild des späten Elvis aus der Erstarrung des Klischees. Über Jahrzehnte haftete der Las-Vegas-Phase ein Geruch des Provinziellen an – überbordende Kostüme, bombastische Einmärsche, martialische Pathosgesten. Der weiße Jumpsuit mit Cape, die funkelnden Ringe, die Sonnenbrillen im Kühlergrill-Design – sie galten als Symbole einer Selbstparodie. Rock gehörte ins Stadion oder in die Arena, nicht in die klimatisierte Glitzerwelt des Strip. Luhrmanns Film zeigt hingegen, wie radikal modern diese Residency war. In einer Zeit, in der Popstars mehrjährige Aufenthalte in Vegas als kreative Plattform begreifen, erscheint Elvis’ Engagement ab 1969 nicht als Abstieg, sondern als Vorwegnahme einer neuen Ökonomie des Live-Entertainments. Die kulturelle Verschiebung unserer Wahrnehmung wird im Film nicht explizit behauptet – sie ereignet sich im Akt des Sehens. Grundlage des Films ist ein beeindruckender Fundus bislang kaum genutzter Aufnahmen aus den frühen 1970er-Jahren: Probenmaterial, Outtakes der Konzertfilme jener Zeit, Interviewtonspuren. Ein erheblicher Teil des Materials lag stumm vor und musste technisch aufwendig mit existierenden Tonaufnahmen synchronisiert werden – ein restauratorischer Kraftakt, der dem Film eine auratische Qualität verleiht. Die Montage – präzise strukturiert, rhythmisch atmend – erzeugt kein museales Dokument, sondern eine unmittelbare Präsenz. Der Film dauert knapp anderthalb Stunden, doch er entfaltet die dramaturgische Intensität eines perfekt kuratierten Sets. Elvis fungiert über Interviewfragmente selbst als Erzähler – ein kluger Kniff, der Subjektivität und Selbstreflexion integriert, ohne in Hagiografie zu verfallen. Die vielleicht größte Überraschung liegt in der stimmlichen Kraft dieser Phase. Elvis’ Timbre besitzt eine fast perlmuttartige Qualität: Jede Note schwingt mit einem charakteristischen Vibrato, das zwischen Zärtlichkeit und Autorität changiert. Die Stimme steigt, gleitet, bricht und fängt sich – stets getragen von technischer Kontrolle. Vergleicht man diese Bühnenpräsenz mit der oft beschworenen elektrischen Aura von Freddie Mercury, wird deutlich: Elvis’ Energie speist sich weniger aus expliziter Exzentrik als aus einer souveränen Verdichtung von Körper und Klang.


© Universal Pictures

Er flirtet mit dem Publikum, spielt mit Ironie, parodiert sich selbst – und bleibt doch stets Herr der Situation. Seine Gesten sind ökonomischer geworden als in den 1950ern, aber nicht weniger erotisch aufgeladen. Ein entscheidender Faktor ist die TCB Band – „Taking Care of Business“ –, deren Spielweise die Songs mit neuer Dringlichkeit versieht. Gitarrenlinien schneiden scharf durch den Raum, das Schlagzeug treibt mit fast proto-punkiger Geschwindigkeit. Ein „Hound Dog“, das hier in atemberaubendem Tempo vorgetragen wird, wirkt weniger retrospektiv als futuristisch. Wenn Elvis „Burning Love“ erstmals auf der Bühne probiert – noch mit Textblatt in der Hand –, entsteht jener seltene Moment, in dem Popgeschichte im Entstehen begriffen ist. Man spürt das Risiko, die Unsicherheit, die explosive Möglichkeit des Scheiterns – und genau daraus erwächst die Magie. Der Film eröffnet mit einer komprimierten, visuell fulminanten Rückschau auf Elvis’ Karriere – einschließlich der oft geschmähten Hollywood-Produktionen. Luhrmann behandelt sie nicht als peinlichen Irrweg, sondern als Bestandteil eines kulturellen Systems, das Kitsch und Charisma miteinander verschränkt. Entscheidend ist jedoch die Zäsur von 1968: Mit dem legendären Comeback-Special begann die zweite Geburt des King. Er war kein jugendlicher Revoluzzer mehr; er hatte die kulturelle Landschaft bereits transformiert. In Vegas tritt er nun als gereifter Performer auf – nicht als Revolutionär, sondern als Meister seines Handwerks. Das Politische weicht nicht, es verschiebt sich: von der Subversion zur Souveränität. Die finale Interpretation von „Suspicious Minds“ wirkt wie eine Hymne auf die fragile Institution der Ehe im Zeitalter wachsender Scheidungsraten – eine Popballade als Kommentar zur emotionalen Architektur Amerikas. Luhrmann inszeniert diesen Höhepunkt ohne überflüssigen Zierrat. Die Kamera vertraut auf das Gesicht, den Schweiß, den Atem. Bemerkenswert ist, dass Luhrmann – bekannt für visuelle Exzesse – hier eine unerwartete Disziplin zeigt. Der Schnitt ist dynamisch, aber nie selbstverliebt; die Montage feiert Elvis, nicht den Regisseur. Das Resultat ist ein Konzertfilm von frappierender Klarheit. „EPiC: Elvis Presley in Concert“ ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Re-Lektüre. Er zeigt Elvis nicht als Karikatur einer untergehenden Ära, sondern als Künstler auf dem Höhepunkt seiner performativen Intelligenz. Wenn am 26. Februar das Licht im Kinosaal erlischt, beginnt keine Reise in ein verklärtes Gestern, sondern eine Begegnung mit einer Präsenz, die auch heute noch den Raum elektrisiert. Was bleibt, ist der Impuls zu applaudieren – nicht nur dem King, sondern auch der filmischen Präzision, mit der Baz Luhrmann ihm ein neues, leuchtendes Podium schafft.


EPIC: ELVIS PRESLEY IN CONCERT

Start: 26.02.26 | FSK 6
R: Baz Luhrmann | Dokumentarfilm
USA, Australien 2025 | Universal Pictures Germany


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