Drei
Städte, drei Familien, drei Variationen über Nähe und
Unausgesprochenes. Jim Jarmusch komponiert mit „Father Mother
Sister Brother“ ein Triptychon der Stille. Ein Film, der erzählt,
indem er Menschen beim Erzählen zeigt – und darin das Unsichtbare
freilegt.
Mit
„Father Mother Sister Brother“, der am 26. Februar in
den Kinos startet, setzt Jim Jarmusch seine radikale Poetik der Reduktion
fort – und führt sie zugleich zu einer neuen formalen Klarheit.
Der Film besteht aus drei lose verbundenen Episoden, angesiedelt an
der amerikanischen Ostküste, in Dublin und in Paris. Was sie
eint, ist weniger Handlung als Haltung: eine beharrliche Aufmerksamkeit
für jene Momente, die das narrative Mainstream-Kino systematisch
ausspart. Jarmusch verweilt dort, wo andere schneiden würden.
Bereits in „Stranger Than Paradise“ oder „Mystery
Train“ etablierte Jarmusch eine Ästhetik des Innehaltens.
Menschen sitzen, fahren Auto, hören Musik, blättern in Zeitungen
– scheinbar ereignislose Tätigkeiten, die im konventionellen
Drehbuch als „Leerlauf“ gelten würden. Doch gerade
in dieser Dauer liegt eine philosophische Entscheidung: Das Leben
besteht nicht aus dramaturgischen Höhepunkten, sondern aus Zwischenräumen.
„Father Mother Sister Brother“ radikalisiert diese Strategie.
Die drei Episoden – jeweils Begegnungen zwischen erwachsenen
Kindern und ihren Eltern – verweigern klassische Exposition
und Katharsis. Wir werden in Situationen hineingeworfen, ohne Vorgeschichte,
ohne erklärende Rückblenden. Gespräche kreisen um Vergangenes,
das wir nie zu sehen bekommen. Fakten bleiben unscharf; was zählt,
ist die subjektive Färbung der Erinnerung. Das Kino zeigt hier
nicht Ereignisse, sondern das Sprechen über Ereignisse. Es „zeigt“,
indem es Menschen beim Erzählen zeigt. In der ersten Episode
fahren zwei Geschwister durch eine winterliche Landschaft, um ihren
verwitweten Vater zu besuchen. Gespielt von Adam Driver und Mayim
Bialik, nähern sie sich dem Haus des Vaters – verkörpert
von Tom Waits – mit einer Mischung aus Pflichtgefühl und
latenter Furcht. Die ersten Minuten bestehen nahezu ausschließlich
aus Autofahrt und Musik. Der Weg wird zum psychologischen Vorraum.
Vor der Tür sammeln die Geschwister Mut – eine minimale
Geste, die eine ganze Familiengeschichte impliziert. Im Haus entfaltet
sich ein Dialog, der höflich bleibt und gerade deshalb schmerzt.
Jede ernsthafte Annäherung fällt zwischen den Beteiligten
zu Boden. Kommunikation erscheint als scheiternder Akt. Und doch entsteht
aus diesen Versuchen eine zarte Komik – etwa wenn eine besorgte
Frage missverstanden wird und eine absurde Antwort hervorruft. Die
Szene funktioniert wie ein Beckett’sches Miniaturdrama: Tragik
und Groteske sind ununterscheidbar.
Die
mittlere Episode verlegt das Geschehen nach Dublin. Eine erfolgreiche
Schriftstellerin – gespielt von Charlotte Rampling – empfängt
ihre erwachsenen Töchter, dargestellt von Cate Blanchett und
Vicky Krieps. Der jährliche Besuch wirkt wie ein ritualisierter
Machtkampf. Hier wird besonders deutlich, wie Jarmusch Subtext inszeniert.
Dialoge sind höflich, fast klinisch. Doch unter der Oberfläche
brodelt Konkurrenz. Die Frage nach beruflichem Erfolg wird zur Chiffre
für Liebe. Die Mutter stellt Fragen, die wie Verhöre wirken
– oder ist es nur ihre Art zu sprechen? Die Kamera verweigert
moralische Kommentierung. Mark Friedbergs Szenografie, die Kameraarbeit
von Frederick Elmes und Yorick Le Saux sowie die Kostüme liefern
subtile Hinweise: Farbkorrespondenzen zwischen Mutter und einer Tochter,
kleine Abweichungen bei der anderen. Kleidung wird zum stummen Kommentar
über Zugehörigkeit und Ausschluss. Jarmusch vertraut auf
das Bild als semantisches Feld. Im Pariser Segment trauern Zwillinge
– gespielt von Indya Moore und Luka Sabbat – um ihre bei
einem Flugzeugabsturz verstorbenen Eltern. Sie räumen die Wohnung
aus, fahren durch die Stadt, betrachten Fotografien. Diese Episode
besitzt eine besondere Wärme. Die Dialoge sind schlicht, beinahe
prosaisch. Gerade deshalb treffen einzelne Sätze mit existenzieller
Wucht. Erinnerung wird hier nicht als Rekonstruktion, sondern als
Neuerschaffung erfahrbar: Indem die Geschwister sprechen, verändern
sie ihr Bild der Eltern – und ihr Bild von sich selbst. Die
leere Wohnung fungiert als Resonanzraum. Räume speichern Abwesenheit.
Das Kino registriert diese Abwesenheit mit einer Sensibilität,
die an minimalistisches Theater oder literarische Prosa erinnert.
Zwischen den Episoden erscheinen kurze, quasi-experimentelle Einschübe:
verfremdete Bilder, visuelle Artefakte, Anklänge an ausbleichendes
Zelluloid oder analoge Störungen. Unterlegt mit einem sphärischen
Drone-Score, den Jarmusch gemeinsam mit Annika Henderson komponierte,
wirken diese Passagen wie Übergangsrituale. Sie transportieren
nicht von Ort zu Ort, sondern von Bewusstseinszustand zu Bewusstseinszustand.
Wiederkehrende Motive – Skateboarder in Zeitlupe, identische
Luxusuhren – erzeugen lose Korrespondenzen. Keine Erklärung,
nur Resonanz. In Jarmuschs Werk schwingt stets eine leise metaphysische
Dimension mit – eine Mischung aus Zen-Buddhismus, existenzialistischer
Skepsis und liebevoller Beobachtung menschlicher Unzulänglichkeit.
„Father Mother Sister Brother“ predigt nichts, formuliert
keine These. Und doch entsteht das Gefühl, einer verborgenen
Erkenntnis nahe zu sein, wenn man sich auf das verlangsamte Tempo
einlässt. Das Werk verweigert Abschluss und Deutungshoheit. Es
entlässt uns mit offenen Fragen – und genau darin liegt
seine Großzügigkeit.
FATHER MOTHER SISTER BROTHER
Start:
26.02.26 | FSK 12
R: Jim Jarmusch | D: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik
USA, Frankreich, Italien, Deutschland, Irland 2025 | Weltkino Filmverleih