Zwischen
bröckelnder Urbanität und leuchtender Fantasie springt eine
Ziege gegen die Gesetze ihrer Welt an. „G.O.A.T. – Bock
auf große Sprünge“ variiert das Sportmärchen
mit hiphopgetränkter Energie und malerischer Kühnheit. Nicht
jede Volte sitzt, doch der Animationsfilm wagt ästhetisch mehr
als die Konkurrenz.
Mit
„G.O.A.T. - Bock auf große Sprünge“, der am
19. Februar in den deutschen Kinos gestartet ist, meldet sich das
US-amerikanische Studioanimationskino mit einem Werk zurück,
das die visuelle Orthodoxie der letzten zwei Jahrzehnte zumindest
partiell infrage stellt. Seit Toy Story hat sich eine spezifische,
von Pixar etablierte Ästhetik durchgesetzt: eine glatte, taktile
Digitaloberfläche, die Realität in schimmernde Kunststoffillusion
übersetzt. Was einst als Revolution erschien, wurde zur Norm
– technisch makellos, kommerziell dominant, aber zunehmend berechenbar.
Vergleichbar mit der Entwicklung der klassischen Disney-Handzeichnung
von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ bis „Peter
Pan“: Das Staunen wich der Gewöhnung. „G.O.A.T.“
– inszeniert von Tyree Dillihay – sucht bewusst die Abweichung.
Der Film entwirft mit Vineland eine Tiermetropole, die zwischen Verfall
und Vitalität oszilliert. Ranken überwuchern Beton, Fassaden
bröckeln, Innenräume wirken schäbig und zugleich bewohnt.
Diese Stadt besitzt eine malerische Textur, die bisweilen an impressionistische
Farbflächen erinnert – Hintergründe, die eher gemalt
als gerendert erscheinen. Die Bildräume sind von einer sinnlichen
Rauheit geprägt, die sich vom standardisierten Hochglanz vieler
Studioanimationen unterscheidet. Besonders die Sportarenen –
eine Spielfläche über brodelndem Lavauntergrund, eine andere
aus Eis – funktionieren als expressionistische Überhöhungen.
Das Setting wird nicht bloß Kulisse, sondern metaphorischer
Resonanzraum für ein Spiel, das hier „Roarball“ heißt:
eine hyperaggressive, beschleunigte Mutation des Basketballs, die
das urbane Überleben in ritualisierte Körperkonfrontation
übersetzt. Im Zentrum steht Will,
eine junge Buren-Ziege aus prekären Verhältnissen, gesprochen
von Caleb McLaughlin. In Vineland existiert eine implizite Hierarchie
der Körpergrößen: „Smalls“ gegen „Bigs“.
Dass eine Ziege im physischen Kraftzentrum des Roarballs reüssieren
will, erscheint als strukturelle Unmöglichkeit. Hier arbeitet
der Film mit einem klassischen Motiv des Sportkinos – dem Außenseiter,
der gegen institutionalisierte Machtstrukturen antritt.
Dramaturgisch
bleibt „G.O.A.T.“ in vertrauten Bahnen: virales Video,
überraschende Kaderaufnahme, skeptische Teamkollegen, Wiedererweckung
eines stagnierenden Vereins. Doch die narrative Konventionalität
wird durch die Tonlage und die Figurenzeichnung aufgebrochen. Die
Starspielerin Jett, ein Panther mit Aura und Attitüde –
gesprochen von Gabrielle Union – ist eine der komplexesten Animationsfiguren
der jüngeren Zeit. Sie vereint Selbstinszenierung und Verletzlichkeit.
Ihr übersteigerter Habitus wirkt wie eine Mischung aus Sportikone
und Drag-Performance; hinter der Pose liegt die Müdigkeit einer
Karriere, die ihren Zenit überschritten haben könnte. Der
Film pulsiert im Takt eines hiphopaffinen Sounddesigns. Dialoge besitzen
eine schnoddrige, oft ironische Schärfe. Nebenfiguren –
etwa der anarchische Komodowaran mit durchdringender Präsenz
oder die zur Verzweiflung neigende Straußenspielerin –
werden mit kleinen Exzentrizitäten ausgestattet, die sie über
stereotype Funktionsrollen hinausheben. Formal interessant ist, dass
Will nicht zur übermenschlichen Ausnahmefigur stilisiert wird.
Der Titel spielt mit der Abkürzung „Greatest of All Time“,
doch diese Ziege wird gerade nicht zum GOAT im sportlichen Sinn. Stattdessen
verschiebt der Film die Kategorie des Erfolgs: Es geht weniger um
individuelle Dominanz als um kollektive Wiederbelebung. Will bringt
der Mannschaft ihre verlorene Identität zurück – eine
beinahe klassische Gemeinschaftsmythologie, die im Gewand urbaner
Gegenwart daherkommt. So überzeugend die visuelle Konzeption
ist, so uneinheitlich bleibt die formale Radikalität. „G.O.A.T.“
erreicht nicht die stilistische Sprengkraft der Spider-Man: Into the
Spider-Verse-Filme, deren Hybridästhetik die Grenzen digitaler
Animation neu definierte. Dillihays Werk flirtet mit einer ähnlichen
Energie – mit grafischer Übertreibung, mit Texturbrüchen
–, bleibt aber stärker in einer kohärenten, wenn auch
eigenwilligen Welt verankert. Auch dramaturgisch verzichtet der Film
auf fundamentale Überraschungen. Die Stationen des Aufstiegs
sind kalkulierbar. Was ihn dennoch trägt, ist die Ernsthaftigkeit
seiner Emotionalität. Die Beziehung zwischen Will und seiner
Mutter, die fragile Solidarität im Team, die latente Melancholie
einer alternden Sportikone – all das wird mit einer Aufrichtigkeit
erzählt, die den Zynismus vermeidet.
G.O.A.T. - BOCK AUF GROSSE SPRÜNGE
Start:
19.02.26 | FSK 6
R: Tyree Dillihay, Adam Rosette | Animationsfilm
USA, 2026 | Sony Pictures Germany