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KINO | 25.02.2026

G.O.A.T.
Bock auf große Sprünge

Zwischen bröckelnder Urbanität und leuchtender Fantasie springt eine Ziege gegen die Gesetze ihrer Welt an. „G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge“ variiert das Sportmärchen mit hiphopgetränkter Energie und malerischer Kühnheit. Nicht jede Volte sitzt, doch der Animationsfilm wagt ästhetisch mehr als die Konkurrenz.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

Mit „G.O.A.T. - Bock auf große Sprünge“, der am 19. Februar in den deutschen Kinos gestartet ist, meldet sich das US-amerikanische Studioanimationskino mit einem Werk zurück, das die visuelle Orthodoxie der letzten zwei Jahrzehnte zumindest partiell infrage stellt. Seit Toy Story hat sich eine spezifische, von Pixar etablierte Ästhetik durchgesetzt: eine glatte, taktile Digitaloberfläche, die Realität in schimmernde Kunststoffillusion übersetzt. Was einst als Revolution erschien, wurde zur Norm – technisch makellos, kommerziell dominant, aber zunehmend berechenbar. Vergleichbar mit der Entwicklung der klassischen Disney-Handzeichnung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ bis „Peter Pan“: Das Staunen wich der Gewöhnung. „G.O.A.T.“ – inszeniert von Tyree Dillihay – sucht bewusst die Abweichung. Der Film entwirft mit Vineland eine Tiermetropole, die zwischen Verfall und Vitalität oszilliert. Ranken überwuchern Beton, Fassaden bröckeln, Innenräume wirken schäbig und zugleich bewohnt. Diese Stadt besitzt eine malerische Textur, die bisweilen an impressionistische Farbflächen erinnert – Hintergründe, die eher gemalt als gerendert erscheinen. Die Bildräume sind von einer sinnlichen Rauheit geprägt, die sich vom standardisierten Hochglanz vieler Studioanimationen unterscheidet. Besonders die Sportarenen – eine Spielfläche über brodelndem Lavauntergrund, eine andere aus Eis – funktionieren als expressionistische Überhöhungen. Das Setting wird nicht bloß Kulisse, sondern metaphorischer Resonanzraum für ein Spiel, das hier „Roarball“ heißt: eine hyperaggressive, beschleunigte Mutation des Basketballs, die das urbane Überleben in ritualisierte Körperkonfrontation übersetzt. Im Zentrum steht Will, eine junge Buren-Ziege aus prekären Verhältnissen, gesprochen von Caleb McLaughlin. In Vineland existiert eine implizite Hierarchie der Körpergrößen: „Smalls“ gegen „Bigs“. Dass eine Ziege im physischen Kraftzentrum des Roarballs reüssieren will, erscheint als strukturelle Unmöglichkeit. Hier arbeitet der Film mit einem klassischen Motiv des Sportkinos – dem Außenseiter, der gegen institutionalisierte Machtstrukturen antritt.


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

Dramaturgisch bleibt „G.O.A.T.“ in vertrauten Bahnen: virales Video, überraschende Kaderaufnahme, skeptische Teamkollegen, Wiedererweckung eines stagnierenden Vereins. Doch die narrative Konventionalität wird durch die Tonlage und die Figurenzeichnung aufgebrochen. Die Starspielerin Jett, ein Panther mit Aura und Attitüde – gesprochen von Gabrielle Union – ist eine der komplexesten Animationsfiguren der jüngeren Zeit. Sie vereint Selbstinszenierung und Verletzlichkeit. Ihr übersteigerter Habitus wirkt wie eine Mischung aus Sportikone und Drag-Performance; hinter der Pose liegt die Müdigkeit einer Karriere, die ihren Zenit überschritten haben könnte. Der Film pulsiert im Takt eines hiphopaffinen Sounddesigns. Dialoge besitzen eine schnoddrige, oft ironische Schärfe. Nebenfiguren – etwa der anarchische Komodowaran mit durchdringender Präsenz oder die zur Verzweiflung neigende Straußenspielerin – werden mit kleinen Exzentrizitäten ausgestattet, die sie über stereotype Funktionsrollen hinausheben. Formal interessant ist, dass Will nicht zur übermenschlichen Ausnahmefigur stilisiert wird. Der Titel spielt mit der Abkürzung „Greatest of All Time“, doch diese Ziege wird gerade nicht zum GOAT im sportlichen Sinn. Stattdessen verschiebt der Film die Kategorie des Erfolgs: Es geht weniger um individuelle Dominanz als um kollektive Wiederbelebung. Will bringt der Mannschaft ihre verlorene Identität zurück – eine beinahe klassische Gemeinschaftsmythologie, die im Gewand urbaner Gegenwart daherkommt. So überzeugend die visuelle Konzeption ist, so uneinheitlich bleibt die formale Radikalität. „G.O.A.T.“ erreicht nicht die stilistische Sprengkraft der Spider-Man: Into the Spider-Verse-Filme, deren Hybridästhetik die Grenzen digitaler Animation neu definierte. Dillihays Werk flirtet mit einer ähnlichen Energie – mit grafischer Übertreibung, mit Texturbrüchen –, bleibt aber stärker in einer kohärenten, wenn auch eigenwilligen Welt verankert. Auch dramaturgisch verzichtet der Film auf fundamentale Überraschungen. Die Stationen des Aufstiegs sind kalkulierbar. Was ihn dennoch trägt, ist die Ernsthaftigkeit seiner Emotionalität. Die Beziehung zwischen Will und seiner Mutter, die fragile Solidarität im Team, die latente Melancholie einer alternden Sportikone – all das wird mit einer Aufrichtigkeit erzählt, die den Zynismus vermeidet.


G.O.A.T. - BOCK AUF GROSSE SPRÜNGE

Start: 19.02.26 | FSK 6
R: Tyree Dillihay, Adam Rosette | Animationsfilm
USA, 2026 | Sony Pictures Germany


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