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KINO | 04.03.2026

Das geheime Stockwerk

Eine Mit „Das geheime Stockwerk“ gelingt Norbert Lechner ein ebenso sensibles wie spannungsreiches Erinnerungsdrama für ein junges Publikum. Der Film verbindet Zeitreise-Motiv und historische Präzision zu einer eindringlichen Reflexion über Verantwortung und Zivilcourage. Statt Pathos setzt er auf Perspektive – und macht die Bruchstellen des Jahres 1938 im Alltag erfahrbar.

von Franziska Keil


© KEVIN LEE - AMOUR FOU 2025

Mit „Das geheime Stockwerk“ stellt sich Norbert Lechner einer filmisch wie gesellschaftlich heiklen Aufgabe: der Vermittlung nationalsozialistischer Vergangenheit an Kinder und Jugendliche, ohne didaktische Überwältigung, sentimentale Verharmlosung oder traumatisierende Direktheit. Dass ihm dies gelingt, liegt weniger an spektakulären dramaturgischen Setzungen als an einer klugen ästhetischen Reduktion und der konsequent gewählten Perspektive seiner jungen Protagonisten. Am 12. März startet der Film im Kino – und markiert bereits jetzt einen bemerkenswerten Beitrag zur gegenwärtigen Erinnerungskultur. Im Zentrum steht der zwölfjährige Karli, Sohn von Hotelbesitzern, der in einem alten Lastenaufzug eine Passage in das Jahr 1938 entdeckt. Dieser erzählerische Kunstgriff eröffnet nicht nur eine narrative Parallelwelt, sondern fungiert als epistemologisches Instrument: Die Vergangenheit wird nicht ausgestellt, sondern betreten. Historisch markiert 1938 einen Wendepunkt – zunehmende Entrechtung jüdischer Bürgerinnen und Bürger, eine Eskalation offener Gewalt. Doch Lechner verzichtet auf ikonische Großereignisse. Stattdessen fokussiert er Mikrogesten des Alltags: veränderte Blicke, subtile Ausgrenzungen, die Normalisierung von Gerüchten und Denunziationen. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt die politische Präzision des Films. Er zeigt, wie autoritäre Ideologien sich nicht nur durch Verordnungen, sondern durch soziale Praktiken sedimentieren. Die Freundschaft zwischen Karli, dem jüdischen Mädchen Hannah und dem Schuhputzer Georg bildet dabei ein emotionales Dreieck, in dem Solidarität und Ohnmacht zugleich erfahrbar werden. Die heraufziehende Bedrohung wird nicht als plötzlicher Schock inszeniert, sondern als schleichende Verschiebung gesellschaftlicher Normen. Damit verweigert sich der Film der Dramatisierung um ihrer selbst willen – und gewinnt an historischer Glaubwürdigkeit. Das Motiv der Zeitreise erweist sich als weit mehr denn als phantastisches Ornament. Es schafft eine doppelte Perspektive: Karli verfügt über ein Vorwissen um die Katastrophe, ist jedoch in seiner Handlungsfähigkeit begrenzt. Diese Konstellation transformiert die narrative Spannung in eine ethische Versuchsanordnung. Was bedeutet es, Unrecht zu erkennen – und dennoch nicht in der Lage zu sein, es strukturell zu verhindern? Der Film formuliert hier eine implizite Kritik an einem rein kognitiven Verständnis von Erinnerung. Wissen allein genügt nicht; entscheidend ist die Haltung, die aus diesem Wissen erwächst.


© KEVIN LEE - AMOUR FOU 2025

In Karlis tastenden, manchmal widersprüchlichen Entscheidungen wird Erinnerung als Prozess erfahrbar, nicht als abgeschlossene Lehre. Diese Dramaturgie reflektiert zugleich die Gegenwart: In einer Zeit, in der Zeitzeuginnen zunehmend fehlen, verschiebt sich die Verantwortung der Vermittlung auf mediale Formen. „Das geheime Stockwerk“ antwortet darauf mit einer erzählenden Struktur, die Identifikation ermöglicht, ohne historische Komplexität zu simplifizieren. Der Schauplatz des Grandhotels fungiert als Mikrokosmos gesellschaftlicher Dynamiken. In seinen Fluren kreuzen sich Klassen, Biografien und politische Haltungen. Die Architektur – zwischen Repräsentation und verborgenen Räumen – spiegelt die ideologische Doppelbödigkeit der Epoche. Oberflächlich herrscht Routine; darunter gären Ressentiments. Die Ausstattung und Kameraarbeit balancieren dabei zwischen Abenteuerfilm und latentem Bedrohungsszenario. Licht und Raumkomposition erzeugen eine Atmosphäre, die zugleich kindliche Neugier und historisches Unbehagen evoziert. Die Musik bleibt zurückhaltend und unterstreicht eher die innere Entwicklung der Figuren als äußere Effekte. Besonders hervorzuheben ist die Leistung der jungen Darstellerinnen und Darsteller. Silas John und Annika Benzin – in ihren ersten Filmrollen – agieren mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit. Ihre Figuren sind weder moralische Übermenschen noch bloße Projektionsflächen pädagogischer Absichten. Vielmehr verkörpern sie eine kindliche Sensibilität, die den moralischen Kern der Erzählung trägt. Gerade diese Authentizität verhindert, dass der Film in belehrenden Ton verfällt. Er vertraut auf die narrative Kraft von Begegnungen und Entscheidungen – ein Ansatz, der die Zuschauerinnen und Zuschauer als reflektierende Subjekte ernst nimmt. Im Kontext der deutschen Erinnerungskultur seit den 1990er Jahren lässt sich Lechners Werk als Teil einer Bewegung lesen, die verstärkt auf fiktionale, identifikationsstiftende Formate setzt. Während frühe Auseinandersetzungen häufig dokumentarisch oder explizit mahnend angelegt waren, zielt „Das geheime Stockwerk“ auf Empathie und Selbstverortung. Der Film formuliert eine implizite These: Erinnerung ist kein statisches Archivwissen, sondern ein relationaler Akt. Sie entsteht im Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen historischem Faktum und individueller Haltung. Indem er das Jahr 1938 als Erfahrungsraum inszeniert, macht Lechner deutlich, dass Geschichte nicht fern und abgeschlossen ist, sondern in gesellschaftlichen Mechanismen fortwirkt.


DAS GEHEIME STOCKWERK

Start: 12.03.26 | FSK 6
R: Norbert Lechner | D: Silas John, Annika Benzin, Maximilian Reinwald
Deutschland, Österreich, Luxemburg 2025| Farbfilm


 


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