Isa Willingers
„No Mercy“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen
die Verharmlosung feministischer Filmästhetik. Ausgehend von
einer klugen Provokation entfaltet der Film eine vielstimmige Genealogie
weiblicher Wut, Lust und Analyse. Er zerlegt die Mythen vom „weichen
Frauenfilm“ und legt die strukturelle Härte patriarchaler
Bildordnungen frei.
Mit
„No Mercy“ legt Isa Willinger eine ebenso diskursive wie
affektive Kartografie feministischer Filmgeschichte vor. Der Film,
der am 05. März in den Kinos startet, begreift sich nicht als
lineare Chronik, sondern als essayistische Suchbewegung: eine Untersuchung
darüber, ob – und inwiefern – Regisseurinnen anders
erzählen, inszenieren, konfrontieren. Ausgangspunkt ist eine
selbstkritische Reflexion, die auf eine Erfahrung der sowjetisch-ukrainischen
Regisseurin Kira Muratova zurückgeht. Deren Einsicht, dass Filme
von Frauen in ihrer ästhetischen und thematischen Radikalität
oft „härter“ seien als das männlich dominierte
Kinonormativ, fungiert hier nicht als Essenzbehauptung, sondern als
diskursiver Zündfunke. Willinger transformiert diese Beobachtung
in eine offene Fragestellung, die sie in polyphoner Montage mit zeitgenössischen
Filmemacherinnen verhandelt. „No Mercy“ strukturiert sich
als dialogisches Geflecht aus Gesprächen, Filmausschnitten und
Archivmaterial. Regisseurinnen wie Catherine Breillat, Alice Diop,
Joey Soloway, Mouly Surya oder Apolline Traoré artikulieren
ihre ästhetischen Strategien und biografischen Erfahrungen mit
struktureller Diskriminierung, Demütigung und Gewalt. Diese Stimmen
stehen nicht additiv nebeneinander, sondern erzeugen ein Spannungsfeld,
in dem sich Differenzen und Gemeinsamkeiten gleichermaßen zeigen.
Wut und Rache als narrative Motoren treten neben Begehren, Solidarität
und queerer Selbstermächtigung. Der Film verweigert damit eine
vereinheitlichende Definition des „Frauenfilms“ und etabliert
stattdessen eine konflikthafte, lebendige Diskurslandschaft. Formal
übersetzt sich diese Haltung in eine dynamische Montage, die
Zitate und Bilder nicht illustriert, sondern konfrontiert. Willinger
operiert mit Brüchen und Wiederholungen, die den Prozesscharakter
feministischer Theorie reflektieren: Erkenntnis entsteht hier im Widerstreit,
nicht im Konsens.
Eine
zentrale theoretische Achse bildet die Auseinandersetzung mit der
von Nina Menkes entwickelten Kritik an der misogyn strukturierten
Mainstream-Bildsprache, wie sie insbesondere in ihrem Dokumentarfilm
„Brainwashed“ formuliert wurde. In der Rekapitulation
dieser Argumente wird deutlich, dass die vermeintliche „Härte“
vieler Regisseurinnen weniger aus expliziter Gewaltdarstellung resultiert
als aus der analytischen Präzision, mit der patriarchale Bildordnungen
offengelegt werden. Willingers Film macht sichtbar, wie sehr filmische
Grammatik – Kadrierung, Blickachsen, Montage – ideologisch
imprägniert ist. Feministische Ästhetik erscheint hier nicht
als bloße Themenwahl, sondern als strukturelle Intervention
in Sehgewohnheiten. Damit verschiebt „No Mercy“ die Debatte
von der Oberfläche des Inhalts zur Tiefenstruktur der Form. Mit
Jackie Buet, Gründerin des 1979 ins Leben gerufenen Festival
de Films des Femmes, erhält der Film eine historische Verankerung.
Buets kuratorische Praxis fungiert als institutionelles Rückgrat
feministischer Filmkultur. Archivaufnahmen
und Anekdoten aus mehreren Jahrzehnten machen deutlich, dass feministische
Intervention stets auch eine Frage von Sichtbarkeit und Infrastruktur
ist. Die Bewegung von frühen Rape-Revenge-Narrativen hin zu queeren
Identitätsentwürfen zeichnet nicht nur eine thematische
Verschiebung nach, sondern markiert die Ausweitung feministischer
Perspektiven. Die einstige Fokussierung auf Gewalt gegen Frauen transformiert
sich in eine komplexe Auseinandersetzung mit Begehren, Körperpolitik
und Intersektionalität. „No Mercy“ überzeugt
durch argumentative Schärfe und eine erfrischende Lust am Widerspruch.
Die Bereitschaft, innerfeministische Konflikte – etwa um Sexualität,
Pornografie oder SM – nicht zu glätten, sondern offen zu
benennen, zeugt von intellektueller Redlichkeit. Gleichwohl bleibt
der Film nicht frei von Asymmetrien. Das frankophone Kino erhält
breiten Raum, während frühere filmhistorische Epochen –
etwa das internationale Stummfilmkino jenseits einzelner Verweise
auf Alice Guy – nur am Rand erscheinen. Diese Schwerpunktsetzung
schmälert jedoch nicht die analytische Kraft des Projekts, sondern
verweist eher auf die Unabschließbarkeit feministischer Filmgeschichte.
NO MERCY
Start:
05.03.26 | FSK 12
R: Isa Willinger | Dokumentation
Deutschland, Österreich 2025 | Real Fiction