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KINO | 04.03.2026

NO MERCY

Isa Willingers „No Mercy“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Verharmlosung feministischer Filmästhetik. Ausgehend von einer klugen Provokation entfaltet der Film eine vielstimmige Genealogie weiblicher Wut, Lust und Analyse. Er zerlegt die Mythen vom „weichen Frauenfilm“ und legt die strukturelle Härte patriarchaler Bildordnungen frei.

von Franziska Keil


© Real Fiction Filmverleih

Mit „No Mercy“ legt Isa Willinger eine ebenso diskursive wie affektive Kartografie feministischer Filmgeschichte vor. Der Film, der am 05. März in den Kinos startet, begreift sich nicht als lineare Chronik, sondern als essayistische Suchbewegung: eine Untersuchung darüber, ob – und inwiefern – Regisseurinnen anders erzählen, inszenieren, konfrontieren. Ausgangspunkt ist eine selbstkritische Reflexion, die auf eine Erfahrung der sowjetisch-ukrainischen Regisseurin Kira Muratova zurückgeht. Deren Einsicht, dass Filme von Frauen in ihrer ästhetischen und thematischen Radikalität oft „härter“ seien als das männlich dominierte Kinonormativ, fungiert hier nicht als Essenzbehauptung, sondern als diskursiver Zündfunke. Willinger transformiert diese Beobachtung in eine offene Fragestellung, die sie in polyphoner Montage mit zeitgenössischen Filmemacherinnen verhandelt. „No Mercy“ strukturiert sich als dialogisches Geflecht aus Gesprächen, Filmausschnitten und Archivmaterial. Regisseurinnen wie Catherine Breillat, Alice Diop, Joey Soloway, Mouly Surya oder Apolline Traoré artikulieren ihre ästhetischen Strategien und biografischen Erfahrungen mit struktureller Diskriminierung, Demütigung und Gewalt. Diese Stimmen stehen nicht additiv nebeneinander, sondern erzeugen ein Spannungsfeld, in dem sich Differenzen und Gemeinsamkeiten gleichermaßen zeigen. Wut und Rache als narrative Motoren treten neben Begehren, Solidarität und queerer Selbstermächtigung. Der Film verweigert damit eine vereinheitlichende Definition des „Frauenfilms“ und etabliert stattdessen eine konflikthafte, lebendige Diskurslandschaft. Formal übersetzt sich diese Haltung in eine dynamische Montage, die Zitate und Bilder nicht illustriert, sondern konfrontiert. Willinger operiert mit Brüchen und Wiederholungen, die den Prozesscharakter feministischer Theorie reflektieren: Erkenntnis entsteht hier im Widerstreit, nicht im Konsens.


© Real Fiction Filmverleih

Eine zentrale theoretische Achse bildet die Auseinandersetzung mit der von Nina Menkes entwickelten Kritik an der misogyn strukturierten Mainstream-Bildsprache, wie sie insbesondere in ihrem Dokumentarfilm „Brainwashed“ formuliert wurde. In der Rekapitulation dieser Argumente wird deutlich, dass die vermeintliche „Härte“ vieler Regisseurinnen weniger aus expliziter Gewaltdarstellung resultiert als aus der analytischen Präzision, mit der patriarchale Bildordnungen offengelegt werden. Willingers Film macht sichtbar, wie sehr filmische Grammatik – Kadrierung, Blickachsen, Montage – ideologisch imprägniert ist. Feministische Ästhetik erscheint hier nicht als bloße Themenwahl, sondern als strukturelle Intervention in Sehgewohnheiten. Damit verschiebt „No Mercy“ die Debatte von der Oberfläche des Inhalts zur Tiefenstruktur der Form. Mit Jackie Buet, Gründerin des 1979 ins Leben gerufenen Festival de Films des Femmes, erhält der Film eine historische Verankerung. Buets kuratorische Praxis fungiert als institutionelles Rückgrat feministischer Filmkultur. Archivaufnahmen und Anekdoten aus mehreren Jahrzehnten machen deutlich, dass feministische Intervention stets auch eine Frage von Sichtbarkeit und Infrastruktur ist. Die Bewegung von frühen Rape-Revenge-Narrativen hin zu queeren Identitätsentwürfen zeichnet nicht nur eine thematische Verschiebung nach, sondern markiert die Ausweitung feministischer Perspektiven. Die einstige Fokussierung auf Gewalt gegen Frauen transformiert sich in eine komplexe Auseinandersetzung mit Begehren, Körperpolitik und Intersektionalität. „No Mercy“ überzeugt durch argumentative Schärfe und eine erfrischende Lust am Widerspruch. Die Bereitschaft, innerfeministische Konflikte – etwa um Sexualität, Pornografie oder SM – nicht zu glätten, sondern offen zu benennen, zeugt von intellektueller Redlichkeit. Gleichwohl bleibt der Film nicht frei von Asymmetrien. Das frankophone Kino erhält breiten Raum, während frühere filmhistorische Epochen – etwa das internationale Stummfilmkino jenseits einzelner Verweise auf Alice Guy – nur am Rand erscheinen. Diese Schwerpunktsetzung schmälert jedoch nicht die analytische Kraft des Projekts, sondern verweist eher auf die Unabschließbarkeit feministischer Filmgeschichte.


NO MERCY

Start: 05.03.26 | FSK 12
R: Isa Willinger | Dokumentation
Deutschland, Österreich 2025 | Real Fiction


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