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KINO | 04.03.2026

JEUNES MÉRES - JUNGE MÜTTER

Vier Mädchen, vier Kinder – und ein System, das Verantwortung delegiert. Die Dardenne-Brüder richten den Blick auf eine Generation zwischen Fürsorge und Überforderung. „Jeunes Mères – Junge Mütter“ ist leise, präzise und gesellschaftlich brisant.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Christine Plenus

Mit „Jeunes Mères – Junge Mütter“ setzen die Brüder Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne ihre jahrzehntelange Auseinandersetzung mit sozialen Randzonen fort – und verschieben sie zugleich. Während ihre früheren Arbeiten häufig die prekäre Arbeitswelt oder moralische Dilemmata im Erwachsenenalter fokussierten, richtet sich der Blick nun auf minderjährige Mütter, die in einem betreuten Wohnheim leben. Der Film startet am 05. März im Kino – und erweist sich als eine ihrer konzentriertesten, zugleich emotional offensten Arbeiten der letzten Jahre. Im Zentrum stehen Perla, Jessica, Ariane und Julie – vier Jugendliche, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eine existentielle Gemeinsamkeit teilen: Sie tragen Verantwortung für ein Kind, während sie selbst noch in einem Alter sind, das Fürsorge voraussetzt. Das Frauenhaus, in dem sie leben, fungiert dabei weniger als dramaturgischer Schauplatz denn als soziales Labor. Hier lernen sie, wie man ein Baby versorgt, Behördenkontakte bewältigt, Entscheidungen über Adoption oder Selbstaufzucht trifft – kurz: wie man in einer Welt navigiert, die ihnen strukturell kaum Halt bietet. Formal bleiben die Dardennes ihrer Handschrift treu. Die Handkamera ist dicht an den Gesichtern, folgt Bewegungen ohne ornamental zu werden, vermeidet melodramatische Überhöhungen. Diese Ästhetik der Unmittelbarkeit erzeugt eine dokumentarische Intensität, die den Zuschauer nicht distanziert, sondern involviert. Das Elend wird nicht ausgestellt; es wird beobachtet. Bemerkenswert ist die narrative Struktur: Der Film entfaltet vier längere und eine kürzere Geschichte, die nur lose miteinander verbunden sind. Übergänge geschehen organisch – ein Blick im Flur, ein gemeinsames Essen, ein flüchtiger Dialog – und dennoch bleiben die individuellen Lebenswege eigenständig. Diese Entscheidung wirkt weniger wie dramaturgische Zerfaserung, sondern vielmehr wie ein bewusstes Abbild sozialer Realität: Solidarität entsteht situativ, nicht programmatisch. Gemeinschaft ist hier kein romantischer Schutzraum, sondern ein fragiles Geflecht aus geteilten Erfahrungen. In gesellschaftspolitischer Hinsicht entfaltet der Film seine größte Schärfe. „Jeunes Mères – Junge Mütter“ verhandelt nicht nur individuelle Schicksale, sondern strukturelle Zuschreibungen. Auffällig ist, wie konsequent die Verantwortung für das Kind den jungen Frauen zugeschrieben wird.


© Christine Plenus

Die Väter bleiben randständig, abwesend oder konfliktbeladen – und das soziale Umfeld scheint diese Asymmetrie stillschweigend zu akzeptieren. Hier liegt eine zentrale gesellschaftskritische Pointe: Die Entscheidung gegen einen Schwangerschaftsabbruch wird implizit als endgültige Selbstverpflichtung der Mutter interpretiert – als moralischer Vertrag, der ausschließlich sie bindet. Der Film stellt diese Logik nicht plakativ an den Pranger, sondern lässt sie im Alltag sichtbar werden. Die jungen Frauen müssen Behördengänge absolvieren, Beziehungsabbrüche verkraften, emotionale Schwankungen durchleben – während die männliche Verantwortung diffus bleibt. Diese Beobachtung ist von hoher politischer Relevanz. Sie verweist auf eine Gesellschaft, die reproduktive Entscheidungen zwar individualisiert, ihre sozialen Konsequenzen jedoch ungleich verteilt. Die Dardennes verweigern einfache Antworten; sie zeigen vielmehr die strukturelle Schieflage als Normalität. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Ambivalenz der Figuren. Die jungen Mütter handeln nicht immer rational, nicht immer reif. Sie sind eifersüchtig, impulsiv, schwankend in ihren Entscheidungen. Gerade hierin liegt die Wahrhaftigkeit des Films. Er romantisiert weder die Mutterschaft noch dämonisiert er jugendliche Unreife. Vielmehr zeigt er, dass diese beiden Zustände gleichzeitig existieren können. Die Schauspielerinnen – allen voran Lucie Laruelle und Babette Verbeek – verkörpern diese Spannung mit bemerkenswerter Authentizität. Ihre Performances sind zurückgenommen, fast spröde, und gewinnen gerade dadurch an Glaubwürdigkeit. Die Kamera hält aus, wenn Tränen nicht sofort fließen, wenn Wut sich in Schweigen verwandelt. Es ist ein Kino des Ausharrens. Dass die Geschichten nicht vollständig ineinandergreifen, kann man als formale Unentschlossenheit deuten – oder als konsequente Weigerung, soziale Komplexität narrativ zu glätten. Die kürzere Episode um eine der jungen Frauen wirkt wie ein Schlaglicht: ein Hinweis darauf, dass das Heim Durchgangsstation ist, kein finales Kapitel. Biografien verlaufen asynchron, Erfolg und Scheitern existieren nebeneinander. Gerade diese Offenheit macht „Jeunes Mères – Junge Mütter“ zu einem wichtigen Beitrag im zeitgenössischen europäischen Autorenkino. Der Film beansprucht nicht, definitive Lösungen anzubieten. Er insistiert vielmehr darauf, dass soziale Arbeit, staatliche Unterstützung und individuelle Entscheidungen in einem prekären Gleichgewicht stehen.


JEUNES MÉRES - JUNGE MÜTTER

Start: 05.03.26 | FSK 12
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne | D: Babette Verbeek, Elsa Houben
Belgien, Frankreich 2025 | Wild Bunch Germany


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