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KINO | 04.03.2026

UN POETA
Scheitern als Struktur

Simón Mesa Sotos UN POETA zerlegt den Mythos vom männlichen Künstlergenie mit beißendem Humor und zärtlicher Melancholie. Zwischen Medellíns Straßen und den Salons der Hochkultur entfaltet sich eine Satire über Klasse, Kunst und symbolische Ausbeutung. Im Zentrum steht eine unerwartete Beziehung, die patriarchale Mentorenfantasien ins Wanken bringt.

von Franziska Keil


© Epicentre Films

Mit UN POETA gelingt Simón Mesa Soto eine Tragikomödie, die sich der Figur des gescheiterten Dichters widmet – und sie zugleich dekonstruiert. Der Film, der im Wettbewerb von Un Certain Regard in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde, erweist sich weniger als lyrische Meditation denn als subversive Fabel über Männlichkeitsentwürfe, kulturelles Kapital und die prekäre Ökonomie des Kunstbetriebs. Am 12. März startet der Spielfilm in den Kinos. Im Zentrum steht Óscar Restrepo, einst ein hoffnungsvoller Lyriker, nun ein arbeitsloser Mittvierziger, der bei seiner Mutter lebt, von Gelegenheitsjobs abhängig ist und in alkoholgetränkten Debatten über literarische Rangordnungen Zuflucht sucht. Die Inszenierung seines Alltags changiert zwischen Groteske und Pathos. Óscar sabotiert öffentliche Auftritte, verheddert sich in Tiraden gegen die Aussichtslosigkeit des Künstlerdaseins und offenbart dabei eine Mischung aus Stolz und Selbstmitleid. Feministisch betrachtet fungiert diese Figur als Demontage des romantischen Geniekults. Óscar verkörpert ein Relikt jener männlichen Autorschaft, die Autonomie und Leidensfähigkeit als Ausweis künstlerischer Authentizität begreift. Der Film zeigt jedoch, wie brüchig dieses Modell geworden ist: Ökonomische Abhängigkeit, familiäre Spannungen und soziale Isolation unterminieren die Pose des souveränen Außenseiters. Gleichzeitig wird Óscar nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Darstellung – eindringlich verkörpert von Ubeimar Rios – verleiht ihm Würde und Verletzlichkeit. Gerade diese Ambivalenz verhindert eine eindimensionale Satire und öffnet den Raum für eine differenzierte Geschlechteranalyse. Mit Yurlady, einer talentierten Jugendlichen aus prekären Verhältnissen, tritt eine Figur in die Handlung, die Óscars Selbstverständnis herausfordert. Sie schreibt mit bemerkenswerter Klarheit, ohne sich dem Pathos des Dichterberufs zu verschreiben. Für sie ist Literatur kein Selbstzweck, sondern potenzielles Mittel sozialer Mobilität. Hier entfaltet der Film seine feministische Schärfe: Die traditionelle Konstellation des männlichen Mentors und der weiblichen Muse wird unterlaufen. Óscar versucht, in Yurlady die Wiedergeburt seines eigenen künstlerischen Traums zu inszenieren – ein Akt symbolischer Aneignung. Doch Yurlady entzieht sich dieser Projektion. Ihr Interesse gilt nicht der ästhetischen Selbstverwirklichung um jeden Preis, sondern der konkreten Verbesserung ihrer Lebensumstände. Damit verschiebt sich das Machtgefüge. Nicht Yurlady bedarf der künstlerischen Weihe, sondern Óscar benötigt sie, um seinem bröckelnden Selbstbild Sinn zu verleihen.


© Epicentre Films

Der Film legt offen, wie schnell Förderung in Instrumentali-sierung umschlagen kann – selbst dann, wenn sie wohlmeinend erscheint. Eine weitere Ebene der Kritik eröffnet sich, als Yurlady Zugang zu einer renommierten Dichterschule erhält. Dort wird sie weniger als individuelle Autorin wahrgenommen denn als Symbolfigur: eine junge Schwarze Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich als Aushängeschild für Diversität eignet. Mäzeninnen und Kulturfunktionärinnen überbieten sich in progressiver Rhetorik, während sie zugleich ihre eigene Machtposition festigen. Diese satirische Zuspitzung entlarvt die Mechanismen kultureller Institutionen, die Inklusion performativ inszenieren, ohne strukturelle Ungleichheiten substanziell zu verändern. Aus feministischer Perspektive verbindet sich hier Geschlechter- mit Klassen- und Rassismuskritik. Yurladys Körper und Biografie werden zur Projektionsfläche eines liberalen Begehrens nach moralischer Legitimation. Mesa Sotos Inszenierung bleibt dabei präzise und unbarmherzig. Die Kamera – gedreht auf körnigem 16mm-Material von Juan Sarmiento G. – verleiht den Bildern eine zeitlose Textur, die den Kontrast zwischen Straßenrealität und kulturbetrieblicher Bühne noch verstärkt. Die visuelle Körnung fungiert gleichsam als ästhetischer Widerstand gegen glatte Erfolgserzählungen. Trotz seiner analytischen Schärfe verliert UN POETA nie den Sinn für Komik. Situationen eskalieren, Missverständnisse häufen sich, und Óscars Ungeschicklichkeit erzeugt eine fast slapstickhafte Dynamik. Doch die Musik von Trio Ramberget und Matti Bye moduliert diese Momente, indem sie zwischen ironischer Überhöhung und leiser Empathie oszilliert. Gerade im Wechselspiel zwischen Lächerlichkeit und Zärtlichkeit liegt die Stärke des Films. Er verweigert sowohl die Heroisierung des männlichen Künstlers als auch dessen moralische Verdammung. Stattdessen zeigt er, wie sehr patriarchale Rollenmuster auch diejenigen beschädigen, die von ihnen profitieren sollten. Aus feministischer Perspektive erweist sich UN POETA als Studie über das Scheitern hegemonialer Männlichkeit im neoliberalen Kunstbetrieb. Óscar hält an einem Ideal fest, das ökonomisch nicht mehr tragfähig ist und emotional isoliert. Yurlady hingegen verkörpert eine pragmatische, zukunftsorientierte Haltung, die Kreativität nicht romantisiert, sondern kontextualisiert. Der Film plädiert damit implizit für eine Entkoppelung von Kunst und männlichem Opfermythos. Kreatives Schaffen erscheint nicht als heroischer Einzelkampf, sondern als soziales Geflecht aus Abhängigkeiten, Erwartungen und Machtstrukturen. Dass sich zwischen Óscar und Yurlady dennoch eine genuine Verbindung entwickelt, verleiht dem Film seine humanistische Dimension.


UN POETA

Start: 12.03.26
R: Simón Mesa Soto | D: Ubeimar Rios, Rebeca Andrade
Kolumbien, Deutschland, Schweden 2025 | jip film & verleih


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