Ein Film,
der große Themen beschwört – und an ihnen zerbricht.
Julia Ducournau verlässt das Genre und verliert dabei ihre stärkste
Ausdrucksform. Zwischen Allegorie und Abstraktion versickert jede
emotionale Dringlichkeit. Zurück bleibt ein Werk, das mehr behauptet
als es erfahrbar macht.
Mit
ALPHA, der am 2. April in den Kinos startet, unternimmt Julia Ducournau
einen radikalen ästhetischen und thematischen Kurswechsel, der
sich als ebenso ambitioniert wie problematisch erweist. Nach den körperlich-exzessiven
Grenzüberschreitungen von Raw und Titane wendet sich Ducournau
einem vermeintlich geerdeteren Sujet zu: einer allegorisch überformten
Epidemie, die unübersehbar auf historische Erfahrungen mit AIDS
rekurriert. Doch gerade in der Abkehr von jener expressiven Körperlichkeit,
die ihr bisheriges Werk auszeichnete, offenbart sich eine Leerstelle,
die ALPHA weder formal noch narrativ zu füllen vermag. Bereits
die Exposition etabliert eine Welt, die weniger konkret erfahrbar
als vielmehr diffus behauptet wird. Die von Mélissa Boros gespielte
Titelfigur bewegt sich durch ein Szenario, das von einem rätselhaften,
blutübertragbaren Virus geprägt ist, dessen gesellschaftliche
und medizinische Implikationen jedoch auffallend unterbestimmt bleiben.
Die Inszenierung verweigert systematisch jede Form der Kontextualisierung,
wodurch die erzählte Welt ihre ontologische Stabilität verliert.
Was als poetische Offenheit intendiert sein mag, gerät hier zur
strukturellen Unschärfe. Zentral für das Scheitern des Films
ist die Entscheidung, die virale Bedrohung primär als metaphorisches
Konstrukt zu behandeln. Die visuelle Idee einer Versteinerung des
Körpers – Haut, die sich in eine sandartige Substanz verwandelt
– evoziert zwar ikonografisch aufgeladene Bilder zwischen Heiligenfigur
und Verfall, bleibt jedoch in ihrer symbolischen Dimension erstaunlich
flach. Ohne eine präzise Verankerung im sozialen oder psychologischen
Kontext verliert die Metapher ihre analytische Schärfe und degeneriert
zur bloßen ästhetischen Behauptung. Ducournaus Kino war
stets dann am stärksten, wenn es das Innere ihrer Figuren über
das Äußere artikulierte – wenn Transformation nicht
nur Motiv, sondern Medium war. In ALPHA hingegen wird diese Verbindung
gekappt. Die emotionale Entwicklung der Protagonistin bleibt fragmentarisch,
ihre Handlungen erscheinen weniger als Resultat innerer Konflikte
denn als willkürliche Setzungen innerhalb eines unklar definierten
Diskurses. Die Frage nach Identität, Selbstzerstörung und
sozialer Ausgrenzung wird zwar aufgerufen, aber nie konsequent durchdrungen.
Hinzu
kommt eine narrative Struktur, die sich zunehmend in zeitlichen und
räumlichen Verschiebungen verliert. Rückblenden, Erinnerungs-fragmente
und gegenwärtige Handlungsebenen überlagern sich in einer
Weise, die weniger produktive Mehrdeutigkeit erzeugt als vielmehr
die emotionale Kohärenz unterminiert. Besonders die Figur des
Onkels, verkörpert von Tahar Rahim, bleibt in einem Zwischenraum
aus Abhängigkeitserzählung und Spiegelbild der viralen Bedrohung
gefangen – eine Parallelführung, die eher verwischt als
erhellt. Auch formal wirkt ALPHA erstaunlich uneinheitlich. Die visuelle
Gestaltung operiert mit einer entsättigten Farbpalette, die eine
Atmosphäre der Erstarrung erzeugen soll, dabei jedoch häufig
in bloße Monotonie kippt. Die Kamera verweilt in statischen
Kompositionen, die an das tableauhafte Kino eines Roy Andersson erinnern,
ohne jedoch dessen präzise Balance zwischen Absurdität und
existenzieller Tiefe zu erreichen. Gleichzeitig überlagert ein
dominanter elektronischer Score die Dialoge und verstärkt den
Eindruck einer Inszenierung, die ihren Figuren misstraut und stattdessen
auf affektive Überwältigung setzt. Vereinzelt blitzen dennoch
jene Qualitäten auf, die Ducournau zu einer der interessantesten
Stimmen des zeitgenössischen europäischen Kinos gemacht
haben. In Momenten gesteigerter Körperlichkeit – etwa wenn
physische Zerfallsprozesse plötzlich eruptiv ins Bild drängen
– gewinnt der Film eine Intensität, die seine konzeptionellen
Defizite kurzzeitig überdeckt. Doch diese Momente bleiben isoliert,
eingebettet in ein Werk, das insgesamt zu sehr um seine eigene Bedeutung
kreist, ohne sie je einzulösen. Die Kontroverse um Alpha ist
daher weniger Resultat provokanter Inhalte als vielmehr Ausdruck einer
ästhetischen Dissoziation. Ducournau scheint hier gegen ihr eigenes
filmisches Vokabular anzureden, indem sie jene genrehaften Strukturen
zurückweist, die zuvor als Träger emotionaler und thematischer
Verdichtung fungierten. Was bleibt, ist ein Film, der sich seiner
Mittel nicht sicher ist und dessen ambitionierte Anlage in einer eigentümlichen
Unentschlossenheit versandet. So erweist sich ALPHA letztlich als
ein Werk des Ungleichgewichts: überladen mit Bedeutung, aber
arm an Klarheit; durchdrungen von Gefühlen, doch unfähig,
diese in eine überzeugende filmische Form zu übersetzen.
Gerade weil Ducournau hier sichtbar an die Grenzen ihres bisherigen
Schaffens stößt, ist das Ergebnis weniger ein produktiver
Bruch als vielmehr eine ernüchternde Fehlzündung –
ein Film, der viel will, aber erstaunlich wenig erreicht.