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KINO | 01.04.2026

ALPHA

Ein Film, der große Themen beschwört – und an ihnen zerbricht. Julia Ducournau verlässt das Genre und verliert dabei ihre stärkste Ausdrucksform. Zwischen Allegorie und Abstraktion versickert jede emotionale Dringlichkeit. Zurück bleibt ein Werk, das mehr behauptet als es erfahrbar macht.

von Richard-Heinrich Tarenz


© MANDARIN & COMPAGNIE KALLOUCHE CINEMA FRAKAS PRODUCTIONS FRANCE 3 CINEMA

Mit ALPHA, der am 2. April in den Kinos startet, unternimmt Julia Ducournau einen radikalen ästhetischen und thematischen Kurswechsel, der sich als ebenso ambitioniert wie problematisch erweist. Nach den körperlich-exzessiven Grenzüberschreitungen von Raw und Titane wendet sich Ducournau einem vermeintlich geerdeteren Sujet zu: einer allegorisch überformten Epidemie, die unübersehbar auf historische Erfahrungen mit AIDS rekurriert. Doch gerade in der Abkehr von jener expressiven Körperlichkeit, die ihr bisheriges Werk auszeichnete, offenbart sich eine Leerstelle, die ALPHA weder formal noch narrativ zu füllen vermag. Bereits die Exposition etabliert eine Welt, die weniger konkret erfahrbar als vielmehr diffus behauptet wird. Die von Mélissa Boros gespielte Titelfigur bewegt sich durch ein Szenario, das von einem rätselhaften, blutübertragbaren Virus geprägt ist, dessen gesellschaftliche und medizinische Implikationen jedoch auffallend unterbestimmt bleiben. Die Inszenierung verweigert systematisch jede Form der Kontextualisierung, wodurch die erzählte Welt ihre ontologische Stabilität verliert. Was als poetische Offenheit intendiert sein mag, gerät hier zur strukturellen Unschärfe. Zentral für das Scheitern des Films ist die Entscheidung, die virale Bedrohung primär als metaphorisches Konstrukt zu behandeln. Die visuelle Idee einer Versteinerung des Körpers – Haut, die sich in eine sandartige Substanz verwandelt – evoziert zwar ikonografisch aufgeladene Bilder zwischen Heiligenfigur und Verfall, bleibt jedoch in ihrer symbolischen Dimension erstaunlich flach. Ohne eine präzise Verankerung im sozialen oder psychologischen Kontext verliert die Metapher ihre analytische Schärfe und degeneriert zur bloßen ästhetischen Behauptung. Ducournaus Kino war stets dann am stärksten, wenn es das Innere ihrer Figuren über das Äußere artikulierte – wenn Transformation nicht nur Motiv, sondern Medium war. In ALPHA hingegen wird diese Verbindung gekappt. Die emotionale Entwicklung der Protagonistin bleibt fragmentarisch, ihre Handlungen erscheinen weniger als Resultat innerer Konflikte denn als willkürliche Setzungen innerhalb eines unklar definierten Diskurses. Die Frage nach Identität, Selbstzerstörung und sozialer Ausgrenzung wird zwar aufgerufen, aber nie konsequent durchdrungen.


© MANDARIN & COMPAGNIE KALLOUCHE CINEMA FRAKAS PRODUCTIONS FRANCE 3 CINEMA

Hinzu kommt eine narrative Struktur, die sich zunehmend in zeitlichen und räumlichen Verschiebungen verliert. Rückblenden, Erinnerungs-fragmente und gegenwärtige Handlungsebenen überlagern sich in einer Weise, die weniger produktive Mehrdeutigkeit erzeugt als vielmehr die emotionale Kohärenz unterminiert. Besonders die Figur des Onkels, verkörpert von Tahar Rahim, bleibt in einem Zwischenraum aus Abhängigkeitserzählung und Spiegelbild der viralen Bedrohung gefangen – eine Parallelführung, die eher verwischt als erhellt. Auch formal wirkt ALPHA erstaunlich uneinheitlich. Die visuelle Gestaltung operiert mit einer entsättigten Farbpalette, die eine Atmosphäre der Erstarrung erzeugen soll, dabei jedoch häufig in bloße Monotonie kippt. Die Kamera verweilt in statischen Kompositionen, die an das tableauhafte Kino eines Roy Andersson erinnern, ohne jedoch dessen präzise Balance zwischen Absurdität und existenzieller Tiefe zu erreichen. Gleichzeitig überlagert ein dominanter elektronischer Score die Dialoge und verstärkt den Eindruck einer Inszenierung, die ihren Figuren misstraut und stattdessen auf affektive Überwältigung setzt. Vereinzelt blitzen dennoch jene Qualitäten auf, die Ducournau zu einer der interessantesten Stimmen des zeitgenössischen europäischen Kinos gemacht haben. In Momenten gesteigerter Körperlichkeit – etwa wenn physische Zerfallsprozesse plötzlich eruptiv ins Bild drängen – gewinnt der Film eine Intensität, die seine konzeptionellen Defizite kurzzeitig überdeckt. Doch diese Momente bleiben isoliert, eingebettet in ein Werk, das insgesamt zu sehr um seine eigene Bedeutung kreist, ohne sie je einzulösen. Die Kontroverse um Alpha ist daher weniger Resultat provokanter Inhalte als vielmehr Ausdruck einer ästhetischen Dissoziation. Ducournau scheint hier gegen ihr eigenes filmisches Vokabular anzureden, indem sie jene genrehaften Strukturen zurückweist, die zuvor als Träger emotionaler und thematischer Verdichtung fungierten. Was bleibt, ist ein Film, der sich seiner Mittel nicht sicher ist und dessen ambitionierte Anlage in einer eigentümlichen Unentschlossenheit versandet. So erweist sich ALPHA letztlich als ein Werk des Ungleichgewichts: überladen mit Bedeutung, aber arm an Klarheit; durchdrungen von Gefühlen, doch unfähig, diese in eine überzeugende filmische Form zu übersetzen. Gerade weil Ducournau hier sichtbar an die Grenzen ihres bisherigen Schaffens stößt, ist das Ergebnis weniger ein produktiver Bruch als vielmehr eine ernüchternde Fehlzündung – ein Film, der viel will, aber erstaunlich wenig erreicht.


ALPHA

Start: 02.04.26 | FSK 16
R: Julia Ducournau | D: Mélissa Boros, Tahar Rahim, Golshifteh Farahani
Frankreich, Belgien 2025 | Plaion Pictures


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