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KINO | 08.04.2026

DAS DRAMA

Zwischen Liebesversprechen und latentem Schrecken entfaltet sich eine Parabel auf die Fragilität des Normalen. Ein Film, der die bürgerliche Fassade seziert und darunter ein verstörendes gesellschaftliches Unbewusstes freilegt. Mit bitterem Humor und kalkulierter Provokation wird Intimität zur politischen Arena. Ein Werk, das dort schmerzt, wo es am wahrhaftigsten ist: im Selbstbild der Gegenwartsgesellschaft.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LEONINE

Mit DAS DRAMA gelingt dem norwegischen Regisseur Kristoffer Borgli eine ebenso verstörende wie präzise gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme westlicher Gegenwartskulturen. Der Film, der am 02. April in den Kinos gestartet ist, tarnt sich zunächst als romantische Erzählung über zwei junge Menschen, nur um diese Oberfläche schrittweise zu unterminieren und in ein komplexes Geflecht aus moralischer Ambivalenz, verdrängter Gewalt und sozialer Performativität zu überführen. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Charlie, gespielt von Robert Pattinson, und Emma, verkörpert von Zendaya. Bereits ihre erste Begegnung ist formal bemerkenswert inszeniert: Was als klassische „Meet-Cute“-Situation beginnt, wird durch eine irritierende audiovisuelle Gestaltung gebrochen. Die Tonspur oszilliert zwischen Überpräsenz und Auslöschung, Nahaufnahmen erzeugen eine fast klaustrophobische Intimität – eine ästhetische Strategie, die das vermeintlich Leichte von Beginn an mit einer latenten Bedrohung auflädt. Borgli etabliert damit früh eine Poetik der Verunsicherung, die sich durch den gesamten Film zieht. Gesellschaftspolitisch entfaltet DAS DRAMA seine Brisanz in dem Moment, in dem das Private unweigerlich politisch wird. Die zentrale Enthüllung – eine jugendliche Gewaltfantasie mit realem Handlungspotenzial – fungiert dabei als Katalysator, der die fragile Ordnung der Figuren sprengt. Entscheidend ist weniger die Tat selbst als ihre Nicht-Ausführung: Der Film richtet seinen Blick auf jene Grauzonen menschlichen Handelns, die sich gängigen moralischen Kategorien entziehen. In dieser Perspektive wird eine beunruhigende These formuliert: Die Grenze zwischen sozialer Integration und potenzieller Gewalt ist poröser, als es die bürgerliche Selbstwahrnehmung zulassen möchte. Formal operiert Borgli mit einer hybriden Genrestruktur, die sich zwischen Satire und Psychothriller bewegt. Diese Ambivalenz ist kein Mangel an Klarheit, sondern ein bewusst eingesetztes Mittel, um die Zuschauer*innen in einen Zustand interpretativer Unsicherheit zu versetzen. Die Nähe zu Arbeiten wie Force Majeure von Ruben Östlund oder Festen von Thomas Vinterberg ist evident, doch DAS DRAMA verschiebt den Fokus stärker auf eine spezifisch amerikanische Problematik: die Allgegenwart von Waffengewalt als kulturelles Dispositiv.


© LEONINE

Dabei gelingt es dem Film, zwei scheinbar unvereinbare Diskurse miteinander zu verschränken: die ritualisierte Inszenierung romantischer Beziehungen im bürgerlichen Milieu und die strukturelle Realität von Gewaltfantasien in einer von medialen Bildern durchdrungenen Gesellschaft. Die geplante Hochzeit fungiert als symbolischer Ort maximaler sozialer Normierung – ein Ereignis, das Stabilität, Zukunft und moralische Integrität verspricht. Indem Borgli dieses Setting mit der Offenlegung eines zutiefst verstörenden Geheimnisses konfrontiert, dekonstruiert er die Vorstellung, dass soziale Rituale tatsächlich Sicherheit garantieren könnten. Besonders hervorzuheben ist die Art und Weise, wie der Film das Motiv der „Normalität“ problematisiert. Emma insistiert darauf, dass ihre Vergangenheit keine Relevanz mehr für ihre gegenwärtige Identität besitzt – eine Behauptung, die im Kontext neoliberaler Selbstoptimierungslogiken durchaus plausibel erscheint. Doch der Film zeigt, dass gesellschaftliche Akzeptanz nicht allein von individueller Transformation abhängt, sondern wesentlich von kollektiven Wahrnehmungsprozessen bestimmt wird. Das einmal Gehörte lässt sich nicht zurücknehmen; es wirkt fort als Störung im sozialen Gefüge. In dieser Hinsicht lässt sich DAS DRAMA als Reflexion über die Unmöglichkeit des Vergessens lesen – sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die Figuren sind gezwungen, sich zu einer Vergangenheit zu verhalten, die sich nicht in eindeutige Narrative überführen lässt. Gerade hierin liegt die politische Dimension des Films: Er verweigert einfache Antworten und insistiert stattdessen auf der Komplexität menschlicher Existenz in einer von Unsicherheit geprägten Welt. Ästhetisch kulminiert diese Haltung in einem Tonfall, der zwischen bitterem Humor und existenzieller Beklemmung changiert. Borgli scheut nicht vor geschmacklichen Grenzüberschreitungen zurück, doch gerade diese Provokationen eröffnen einen Reflexionsraum, der über bloße Empörung hinausgeht. Das Lachen, das der Film erzeugt, ist stets von einem Moment der Irritation begleitet – ein Lachen, das sich seiner eigenen Voraussetzungen nicht sicher sein kann. So erweist sich DAS DRAMA als ein bemerkenswertes Beispiel für ein Kino, das gesellschaftliche Konflikte nicht didaktisch ausstellt, sondern in narrative und ästhetische Strukturen übersetzt. Der Film fordert sein Publikum heraus, sich mit den dunkleren Aspekten kollektiver Normalitätsvorstellungen auseinanderzusetzen, ohne dabei die Ambivalenz seiner Figuren zu nivellieren. Gerade in dieser Offenheit liegt seine Stärke – und seine nachhaltige Relevanz.


DAS DRAMA

Start: 02.04.26 | FSK 12
R: Kristoffer Borgli | D: Zendaya, Robert Pattinson, Alana Haim
USA 2026 | Leonine


 


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