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KINO | 15.04.2026

GIRLS DON’T CRY

Sechs Leben, sechs Kämpfe – und ein gemeinsamer Widerstand. Ein Dokumentarfilm, der nicht nur zeigt, sondern zuhört. Zwischen Intimität und politischer Dringlichkeit entfaltet sich ein globales Panorama weiblicher Selbstbehauptung. „Girls Don’t Cry“ ist ein Plädoyer für Sichtbarkeit, Solidarität und Selbstbestimmung.

von Franziska Keil


© SCHNEEGANS PRODUCTIONS

Mit „Girls Don’t Cry“ legen die Regisseurinnen Sigrid Klausmann und Lina Luzyte einen Dokumentarfilm vor, der sich der globalen Lebensrealität junger Frauen mit bemerkenswerter Sensibilität und politischer Klarheit nähert. Der Film, der am 30. April im Kino startet, entfaltet dabei ein vielschichtiges Tableau weiblicher Erfahrung, das zugleich individuell konkret und strukturell exemplarisch ist. Im Zentrum stehen sechs Protagonistinnen, deren Biografien geografisch weit auseinanderliegen und doch durch gemeinsame Linien verbunden sind: Nancy in Tansania, die sich der drohenden Genitalverstümmelung entzieht; Sheelan, die nach der Flucht aus dem Nordirak in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen versucht; Selenna in Chile, die als trans Mädchen ihren Platz in einer normativen Gesellschaft behauptet; sowie weitere junge Frauen, deren Alltag von sozialen, kulturellen und politischen Restriktionen geprägt ist. Diese Konstellation bildet die Grundlage für eine dezidiert intersektionale Perspektive, die unterschiedliche Formen von Unterdrückung – patriarchale Gewalt, transphobe Diskriminierung, kriegsbedingte Traumata – nicht isoliert, sondern in ihrem Zusammenwirken sichtbar macht. Formal überzeugt der Film durch eine beobachtende, nicht-intrusive Inszenierung, die auf Nähe statt auf Dramatisierung setzt. Die Kamera bleibt präsent, ohne sich aufzudrängen; sie schafft Räume, in denen die Protagonistinnen ihre eigenen Narrative artikulieren können. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine zentrale Stärke des Films: Er verzichtet auf eine autoritative Kommentierung und überlässt die Deutungshoheit weitgehend den dargestellten Subjekten selbst. Aus feministischer Perspektive lässt sich dies als bewusste Abkehr von einem traditionell hierarchischen Dokumentarfilmverständnis lesen, das häufig von einer externen, meist männlich codierten Perspektive dominiert wird. Die Montage fungiert als verbindendes Element zwischen den einzelnen Lebenswelten und erzeugt eine transnationale Resonanzstruktur.


© SCHNEEGANS PRODUCTIONS

Indem der Film zwischen unterschiedlichen Schauplätzen und Erfahrungsräumen oszilliert, entsteht ein Bewusstsein dafür, dass die individuellen Kämpfe der Mädchen Teil eines globalen Gefüges sind. Diese ästhetische Strategie verhindert eine exotisierende Betrachtung des „Anderen“ und betont stattdessen die strukturellen Parallelen in den Lebensrealitäten junger Frauen weltweit. Besonders hervorzuheben ist die Art und Weise, wie Girls Don’t Cry Empowerment inszeniert, ohne in affirmative Simplifizierungen zu verfallen. Der Film zeigt nicht nur Widerstand als heroischen Akt, sondern auch als alltägliche Praxis: in kleinen Entscheidungen, in Momenten des Zweifelns, in der Artikulation von Wünschen und Ängsten. Diese differenzierte Darstellung unterläuft gängige Narrative von Stärke, die häufig an Leistungs- oder Erfolgskriterien gebunden sind, und eröffnet stattdessen ein Verständnis von Selbstermächtigung, das auch Verletzlichkeit einschließt. Gleichzeitig bleibt der Film politisch präzise. Er macht deutlich, dass die Lebenssituationen der Protagonistinnen keine individuellen Ausnahmen darstellen, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheiten sind. Bildung, körperliche Selbstbestimmung, geschlechtliche Identität – all diese Aspekte werden als umkämpfte Terrains sichtbar, deren Zugang keineswegs selbstverständlich ist. In diesem Sinne fungiert der Film nicht nur als Beobachtung, sondern auch als Intervention: Er fordert dazu auf, die eigenen gesellschaftlichen Positionen zu reflektieren und die bestehenden Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen. „Girls Don’t Cry“ ist damit weit mehr als ein klassischer Dokumentarfilm. Er ist ein filmisches Manifest, das die Stimmen junger Frauen in den Mittelpunkt rückt und ihnen eine Bühne verschafft, die im globalen Diskurs oft fehlt. In seiner Verbindung von ästhetischer Zurückhaltung und politischer Dringlichkeit gelingt es dem Film, ein ebenso berührendes wie analytisch scharfes Porträt weiblicher Lebensrealitäten zu zeichnen. Gerade in einer Zeit, in der Fragen von Geschlecht, Identität und sozialer Gerechtigkeit zunehmend polarisiert verhandelt werden, setzt dieser Film ein klares Zeichen: für Solidarität, für Sichtbarkeit – und für das uneingeschränkte Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.


GIRLS DON’T CRY

Start: 30.04.26 | FSK 12
R: Sigrid Klausmann-Sittler, Lina Lužyte | Dokumentation
Deutschland 2026 | Farbfilm


 


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