Mit viel
kinetischer Energie und einem spielfreudigen Christian Clavier versucht
„Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“,
die Tradition der französischen Buddy-Komödie ins Gegenwartskino
zu überführen. Zwischen Kapitalismussatire, Großstadtfarce
und hektischem Krimiplot entfaltet sich jedoch ein Film, dessen narrative
Konstruktion nicht immer mit seinem Tempo Schritt halten kann. Gerade
in seinen Brüchen offenbart die Komödie jedoch ein interessantes
Bild neoliberaler Männlichkeit und sozialer Entfremdung im modernen
Frankreich.
Die
Geschichte des Buddy-Films lebt von Reibung. Seit jeher speist sich
das Genre aus der Kollision gegensätzlicher Temperamente, sozialer
Milieus und psychologischer Dispositionen. Gerade das französische
Kino hat diese Form der asymmetrischen Paarbildung immer wieder verfeinert
— häufig mit einer bitteren Grundierung unterhalb der komischen
Oberfläche. In dieser Tradition verortet sich auch Grégoire
Vignerons „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“,
der am 04. Juni in den Kinos startet und unverkennbar an jene rabenschwarzen
französischen Komödien anknüpfen möchte, in denen
Chaos, Kriminalität und soziale Satire ineinanderfallen. Der
Film besitzt zweifellos ein Gespür für Timing, urbane Dynamik
und groteske Eskalation. Gleichzeitig offenbart er aber erhebliche
dramaturgische Schwächen, die insbesondere aus der unausgewogenen
Konstruktion seiner beiden Hauptfiguren resultieren. So entsteht eine
Komödie, die zwar immer wieder komische Präzision erreicht,
ihr eigentliches Potential jedoch nur partiell ausschöpft.
Christian
Clavier als letzter großer Körperkomiker des französischen
Mainstreamkinos
Das Zentrum des
Films bildet Christian Clavier — und letztlich kreist nahezu
jede Szene um seine Präsenz. Als Hippolyte, ehemaliger Tresorknacker
und heutiger Betreiber eines Schlüsseldienstes, liefert Clavier
eine jener Performances, die zugleich kalkuliert und vollkommen entfesselt
wirken. Seine Kunst besteht weiterhin darin, soziale Überforderung
in physische Komik zu übersetzen: hektische Bewegungen, impulsive
Wortkaskaden, kontrollierte Nervosität. Clavier arbeitet dabei
mit einer Form des Spiels, die an klassische französische Boulevardtraditionen
erinnert, zugleich aber deutlich moderner codiert ist. Hippolyte verkörpert
eine proletarische Improvisationsintelligenz — einen Mann, der
sich in einer von Bürokratie und ökonomischer Kälte
bestimmten Welt nur durch Instinkt und Chuzpe behaupten kann. Interessanterweise
gewinnt der Film gerade dort an Schärfe, wo er Klassenunterschiede
sichtbar macht. Hippolyte fungiert als Gegenmodell zum neoliberalen
Karriereindividuum Stan, gespielt von Rayane Bensetti. Dieser ist
kein klassischer Antagonist, sondern eher ein Symptom spätkapitalistischer
Selbstoptimierung: geschniegelt, konfliktscheu, opportunistisch und
vollständig auf beruflichen Aufstieg konditioniert. Genau hier
eröffnet der Film eigentlich ein spannendes gesellschaftliches
Spannungsfeld. Denn Stan repräsentiert jene entkernte Managergeneration,
deren Identität fast ausschließlich aus beruflicher Funktionalität
besteht. Seine Loyalität gilt nicht Menschen, sondern Hierarchien.
Der
MacGuffin als Symptom narrativer Leere
Die Handlung
selbst wird von einem klassischen Krimi-Motiv angetrieben: einer Tasche
voller Geld, die möglichst schnell an ihren ursprünglichen
Platz zurückgebracht werden muss. Formal handelt es sich um einen
typischen MacGuffin — ein narratives Objekt, dessen eigentliche
Bedeutung sekundär bleibt und das primär dazu dient, Bewegung
und Konflikte zu erzeugen. Problematisch ist dabei weniger die Konstruktion
an sich als vielmehr ihre Überdehnung. Der Film verliert sich
zunehmend in komplizierten Wendungen und hektischen Ortswechseln,
ohne daraus echte narrative Verdichtung zu gewinnen. Während
große Vertreter des Genres aus simplen Prämissen maximale
Charakterdynamik entwickeln, gerät „Ab durch die Mitte
– Mit Vollgas durch Paris“ immer wieder in eine Art mechanischen
Erzählmodus. Besonders auffällig ist die Schwäche der
Figur Stan. Das Drehbuch stattet ihn kaum mit markanten Eigenheiten
aus. Er bleibt über lange Strecken eine funktionale Projektionsfläche
für Claviers komödiantische Energie. Dadurch entsteht ein
strukturelles Ungleichgewicht, das dem Buddy-Prinzip fundamental widerspricht.
Denn das Genre lebt gerade davon, dass beide Figuren einander destabilisieren.
Stan jedoch besitzt kaum Widerstandskraft. Weder entwickelt er eine
prägnante Neurose noch eine groteske Überzeichnung oder
ideologische Radikalität. Seine größte Charaktereigenschaft
scheint tatsächlich in seiner perfekten äußeren Erscheinung
zu liegen — ein interessanter, vermutlich unbeabsichtigter Kommentar
zur Oberflächenfixierung neoliberaler Arbeitskulturen.
Bemerkenswert ist allerdings die urbane Inszenierung.
Paris erscheint hier nicht als romantisierte Postkartenkulisse, sondern
als beschleunigter Funktionsraum permanenter Überforderung. Der
Film erzeugt ein Klima sozialer Hektik, in dem alle Figuren unter
Druck stehen: beruflich, emotional oder finanziell. Diese Rastlosigkeit
besitzt durchaus zeitdiagnostische Qualität. Die Komödie
zeigt Menschen, die ausschließlich reagieren, niemals reflektieren.
Entscheidungen entstehen aus Panik, Opportunismus oder ökonomischer
Angst. Selbst die Beziehungen wirken funktionalisiert. Stans Freundin
Marine, herrlich überzeichnet von Claire Chust gespielt, erscheint
wie eine Karikatur spätbürgerlicher Selbstmoral: sozial
engagiert, hyperaktiv und emotional vollkommen erschöpft. Gerade
die Nebenfiguren besitzen oft mehr komisches Eigenleben als die eigentliche
zweite Hauptfigur. Gilles Cohen wiederum verleiht dem korrupten Firmenchef
eine latente Bedrohlichkeit, die den Film zeitweise fast in Richtung
Wirtschaftssatire verschiebt. Hinter der Farce wird plötzlich
ein System sichtbar, in dem Korruption längst zum normalen Betriebsmodus
globaler Unternehmen geworden ist.
Zwischen Tradition und
Gegenwartsunsicherheit
Interessant bleibt zudem, wie der Film versucht,
klassische französische Komödientraditionen mit zeitgenössischen
Diskursen zu verbinden. Einige spätere Wendungen bemühen
sich sichtbar um Aktualität und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.
Allerdings wirken diese Momente eher angeklebt als organisch entwickelt.
Der Film scheint kurzzeitig Angst zu bekommen, lediglich Unterhaltung
zu sein, und sucht deshalb nach zusätzlicher Relevanz. Gerade
darin offenbart sich eine größere Krise des europäischen
Mainstreamkinos: die Unsicherheit darüber, wie politische Gegenwartskommentare
in populäre Genreformen integriert werden können, ohne künstlich
zu wirken. „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“
scheitert daran nicht vollständig, findet aber auch keine überzeugende
Lösung.
Komik als soziale Entladung
Trotz seiner erzählerischen Schwächen
bleibt der Film streckenweise ausgesprochen unterhaltsam. Das liegt
vor allem an Christian Clavier, der einmal mehr demonstriert, wie
präzise physische Komik gesellschaftliche Spannungen sichtbar
machen kann. Seine Figur wirkt wie ein anarchischer Störkörper
innerhalb einer Welt aus Business-Rhetorik, Karriereplanung und kontrollierter
Selbstdarstellung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität
des Films: weniger in seiner Krimihandlung als in seinem beiläufigen
Porträt einer Gesellschaft, deren soziale Rollen längst
zur Farce geworden sind. Die Reichen sind korrupt, die Aufsteiger
charakterlos, die Beziehungen hysterisch überfordert —
und nur der abgehalfterte Außenseiter besitzt noch eine gewisse
Vitalität. „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch
Paris“ erreicht nie die Eleganz oder Präzision seiner großen
französischen Vorbilder. Dafür bleibt die Dramaturgie zu
fahrig und die Figurenkonstellation zu unausgeglichen. Dennoch entwickelt
der Film in seinen besten Momenten eine durchaus reizvolle Mischung
aus Klassenkomödie, Großstadtneurose und absurdem Chaos.
Eine unperfekte, aber phasenweise sehr amüsante Buddy-Komödie,
die vor allem durch ihren Hauptdarsteller getragen wird — und
gerade in ihren Schwächen viel über die Erschöpfung
moderner Leistungsgesellschaften erzählt.
AB DURCH DIE MITTE - MIT VOLLGAS DURCH PARIS
Start:
04.06.26 | FSK 12
R: Grégoire Vigneron | D: Christian Clavier, Rayane Bensetti,
Gilles Cohen
Frankreich 2025 | Happy Entertainment