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KINO | 03.06.2026

Ab durch die Mitte
Mit Vollgas durch Paris

Mit viel kinetischer Energie und einem spielfreudigen Christian Clavier versucht „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“, die Tradition der französischen Buddy-Komödie ins Gegenwartskino zu überführen. Zwischen Kapitalismussatire, Großstadtfarce und hektischem Krimiplot entfaltet sich jedoch ein Film, dessen narrative Konstruktion nicht immer mit seinem Tempo Schritt halten kann. Gerade in seinen Brüchen offenbart die Komödie jedoch ein interessantes Bild neoliberaler Männlichkeit und sozialer Entfremdung im modernen Frankreich.

von Franziska Keil


© Happy Entertainment

Die Geschichte des Buddy-Films lebt von Reibung. Seit jeher speist sich das Genre aus der Kollision gegensätzlicher Temperamente, sozialer Milieus und psychologischer Dispositionen. Gerade das französische Kino hat diese Form der asymmetrischen Paarbildung immer wieder verfeinert — häufig mit einer bitteren Grundierung unterhalb der komischen Oberfläche. In dieser Tradition verortet sich auch Grégoire Vignerons „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“, der am 04. Juni in den Kinos startet und unverkennbar an jene rabenschwarzen französischen Komödien anknüpfen möchte, in denen Chaos, Kriminalität und soziale Satire ineinanderfallen. Der Film besitzt zweifellos ein Gespür für Timing, urbane Dynamik und groteske Eskalation. Gleichzeitig offenbart er aber erhebliche dramaturgische Schwächen, die insbesondere aus der unausgewogenen Konstruktion seiner beiden Hauptfiguren resultieren. So entsteht eine Komödie, die zwar immer wieder komische Präzision erreicht, ihr eigentliches Potential jedoch nur partiell ausschöpft.

Christian Clavier als letzter großer Körperkomiker des französischen Mainstreamkinos

Das Zentrum des Films bildet Christian Clavier — und letztlich kreist nahezu jede Szene um seine Präsenz. Als Hippolyte, ehemaliger Tresorknacker und heutiger Betreiber eines Schlüsseldienstes, liefert Clavier eine jener Performances, die zugleich kalkuliert und vollkommen entfesselt wirken. Seine Kunst besteht weiterhin darin, soziale Überforderung in physische Komik zu übersetzen: hektische Bewegungen, impulsive Wortkaskaden, kontrollierte Nervosität. Clavier arbeitet dabei mit einer Form des Spiels, die an klassische französische Boulevardtraditionen erinnert, zugleich aber deutlich moderner codiert ist. Hippolyte verkörpert eine proletarische Improvisationsintelligenz — einen Mann, der sich in einer von Bürokratie und ökonomischer Kälte bestimmten Welt nur durch Instinkt und Chuzpe behaupten kann. Interessanterweise gewinnt der Film gerade dort an Schärfe, wo er Klassenunterschiede sichtbar macht. Hippolyte fungiert als Gegenmodell zum neoliberalen Karriereindividuum Stan, gespielt von Rayane Bensetti. Dieser ist kein klassischer Antagonist, sondern eher ein Symptom spätkapitalistischer Selbstoptimierung: geschniegelt, konfliktscheu, opportunistisch und vollständig auf beruflichen Aufstieg konditioniert. Genau hier eröffnet der Film eigentlich ein spannendes gesellschaftliches Spannungsfeld. Denn Stan repräsentiert jene entkernte Managergeneration, deren Identität fast ausschließlich aus beruflicher Funktionalität besteht. Seine Loyalität gilt nicht Menschen, sondern Hierarchien.

Der MacGuffin als Symptom narrativer Leere

Die Handlung selbst wird von einem klassischen Krimi-Motiv angetrieben: einer Tasche voller Geld, die möglichst schnell an ihren ursprünglichen Platz zurückgebracht werden muss. Formal handelt es sich um einen typischen MacGuffin — ein narratives Objekt, dessen eigentliche Bedeutung sekundär bleibt und das primär dazu dient, Bewegung und Konflikte zu erzeugen. Problematisch ist dabei weniger die Konstruktion an sich als vielmehr ihre Überdehnung. Der Film verliert sich zunehmend in komplizierten Wendungen und hektischen Ortswechseln, ohne daraus echte narrative Verdichtung zu gewinnen. Während große Vertreter des Genres aus simplen Prämissen maximale Charakterdynamik entwickeln, gerät „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“ immer wieder in eine Art mechanischen Erzählmodus. Besonders auffällig ist die Schwäche der Figur Stan. Das Drehbuch stattet ihn kaum mit markanten Eigenheiten aus. Er bleibt über lange Strecken eine funktionale Projektionsfläche für Claviers komödiantische Energie. Dadurch entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht, das dem Buddy-Prinzip fundamental widerspricht. Denn das Genre lebt gerade davon, dass beide Figuren einander destabilisieren. Stan jedoch besitzt kaum Widerstandskraft. Weder entwickelt er eine prägnante Neurose noch eine groteske Überzeichnung oder ideologische Radikalität. Seine größte Charaktereigenschaft scheint tatsächlich in seiner perfekten äußeren Erscheinung zu liegen — ein interessanter, vermutlich unbeabsichtigter Kommentar zur Oberflächenfixierung neoliberaler Arbeitskulturen.


© Happy Entertainment

Paris als Raum permanenter Überforderung

Bemerkenswert ist allerdings die urbane Inszenierung. Paris erscheint hier nicht als romantisierte Postkartenkulisse, sondern als beschleunigter Funktionsraum permanenter Überforderung. Der Film erzeugt ein Klima sozialer Hektik, in dem alle Figuren unter Druck stehen: beruflich, emotional oder finanziell. Diese Rastlosigkeit besitzt durchaus zeitdiagnostische Qualität. Die Komödie zeigt Menschen, die ausschließlich reagieren, niemals reflektieren. Entscheidungen entstehen aus Panik, Opportunismus oder ökonomischer Angst. Selbst die Beziehungen wirken funktionalisiert. Stans Freundin Marine, herrlich überzeichnet von Claire Chust gespielt, erscheint wie eine Karikatur spätbürgerlicher Selbstmoral: sozial engagiert, hyperaktiv und emotional vollkommen erschöpft. Gerade die Nebenfiguren besitzen oft mehr komisches Eigenleben als die eigentliche zweite Hauptfigur. Gilles Cohen wiederum verleiht dem korrupten Firmenchef eine latente Bedrohlichkeit, die den Film zeitweise fast in Richtung Wirtschaftssatire verschiebt. Hinter der Farce wird plötzlich ein System sichtbar, in dem Korruption längst zum normalen Betriebsmodus globaler Unternehmen geworden ist.

Zwischen Tradition und Gegenwartsunsicherheit

Interessant bleibt zudem, wie der Film versucht, klassische französische Komödientraditionen mit zeitgenössischen Diskursen zu verbinden. Einige spätere Wendungen bemühen sich sichtbar um Aktualität und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit. Allerdings wirken diese Momente eher angeklebt als organisch entwickelt. Der Film scheint kurzzeitig Angst zu bekommen, lediglich Unterhaltung zu sein, und sucht deshalb nach zusätzlicher Relevanz. Gerade darin offenbart sich eine größere Krise des europäischen Mainstreamkinos: die Unsicherheit darüber, wie politische Gegenwartskommentare in populäre Genreformen integriert werden können, ohne künstlich zu wirken. „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“ scheitert daran nicht vollständig, findet aber auch keine überzeugende Lösung.

Komik als soziale Entladung

Trotz seiner erzählerischen Schwächen bleibt der Film streckenweise ausgesprochen unterhaltsam. Das liegt vor allem an Christian Clavier, der einmal mehr demonstriert, wie präzise physische Komik gesellschaftliche Spannungen sichtbar machen kann. Seine Figur wirkt wie ein anarchischer Störkörper innerhalb einer Welt aus Business-Rhetorik, Karriereplanung und kontrollierter Selbstdarstellung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität des Films: weniger in seiner Krimihandlung als in seinem beiläufigen Porträt einer Gesellschaft, deren soziale Rollen längst zur Farce geworden sind. Die Reichen sind korrupt, die Aufsteiger charakterlos, die Beziehungen hysterisch überfordert — und nur der abgehalfterte Außenseiter besitzt noch eine gewisse Vitalität. „Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris“ erreicht nie die Eleganz oder Präzision seiner großen französischen Vorbilder. Dafür bleibt die Dramaturgie zu fahrig und die Figurenkonstellation zu unausgeglichen. Dennoch entwickelt der Film in seinen besten Momenten eine durchaus reizvolle Mischung aus Klassenkomödie, Großstadtneurose und absurdem Chaos. Eine unperfekte, aber phasenweise sehr amüsante Buddy-Komödie, die vor allem durch ihren Hauptdarsteller getragen wird — und gerade in ihren Schwächen viel über die Erschöpfung moderner Leistungsgesellschaften erzählt.


AB DURCH DIE MITTE - MIT VOLLGAS DURCH PARIS

Start: 04.06.26 | FSK 12
R: Grégoire Vigneron | D: Christian Clavier, Rayane Bensetti, Gilles Cohen
Frankreich 2025 | Happy Entertainment


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