FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


KINO | 24.06.2026

JACKASS: EINER GEHT NOCH
Schmerz, Spektakel und Selbstironie

Mit „Jackass 5: Einer geht noch“ kehrt eines der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Medienphänomene der vergangenen 25 Jahre auf die Kinoleinwand zurück. Die Dokumentation blickt auf eine Gruppe von Außenseitern, die Anarchie, Schmerz und Selbstironie zu einer eigenen Kunstform erhoben haben. Was einst als anarchisches MTV-Experiment begann, entwickelte sich zu einem globalen Kulturereignis, das Generationen von Zuschauern prägte. Zum Kinostart am 25. Juni lohnt ein Blick auf ein Franchise, das die Grenzen zwischen Performance, Komik und Körperkunst neu definierte.

von Franziska Keil


© 2026 Paramount Pictures

Als Ende der 1990er Jahre eine Gruppe junger Männer begann, sich vor laufender Kamera freiwillig in Einkaufswagen zu setzen, von Dächern zu springen, sich von Stieren attackieren zu lassen oder die Belastungsgrenzen ihrer Körper auf immer absurdere Weise auszutesten, konnte kaum jemand ahnen, dass daraus eines der prägendsten Popkulturphänomene des frühen 21. Jahrhunderts entstehen würde. Mit der Dokumentation „Jackass 5: Einer geht noch“, die am 25. Juni in die deutschen Kinos kommt, erhält das bemerkenswerte Kapitel der Unterhaltungsgeschichte nun ein weiteres filmisches Denkmal. Die Produktion blickt auf ein Franchise zurück, das über Jahrzehnte hinweg gleichermaßen Bewunderung, Irritation, moralische Debatten und kulturwissenschaftliches Interesse hervorrief. Die Geschichte von Jackass ist dabei weit mehr als die Geschichte spektakulärer Stunts. Sie erzählt auch von den Veränderungen populärer Medien, vom Wandel von Männlichkeitsbildern, von der Entstehung viraler Unterhaltung lange vor dem Zeitalter sozialer Netzwerke und von einer neuen Form körperlicher Performance, die zwischen Kunst, Komik und Selbstzerstörung oszilliert.

Die Geburt eines popkulturellen Ausnahmephänomens

Die Ursprünge von Jackass liegen in einer Medienlandschaft, die heute fast historisch erscheint. Zu Beginn der 2000er Jahre befand sich das Musikfernsehen auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Bedeutung. Insbesondere MTV fungierte als Laboratorium neuer Jugendkulturen und ästhetischer Experimente. In diesem Umfeld entstand eine Sendung, die sich jeder klassischen Kategorisierung entzog. Jackass verband Skateboard-Kultur, dokumentarische Elemente, Performancekunst, Slapstick, Reality-TV und anarchischen Humor zu einem Format, das radikal gegen die Konventionen des damaligen Fernsehens verstieß. Im Zentrum standen Persönlichkeiten wie Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O, Chris Pontius, Preston Lacy, Jason „Wee Man“ Acuña, Ehren McGhehey und Ryan Dunn. Anders als klassische Schauspieler verkörperten sie keine Rollen. Ihre Authentizität wurde zum eigentlichen Markenzeichen des Formats. Das Publikum sah keine fiktionalen Helden, sondern reale Menschen, die bereit waren, sich selbst zum Gegenstand der Komik zu machen.

Die Körperlichkeit als Spektakel

Jackass gehört zu den interessantesten Phänomenen seiner Epoche. Das Franchise operiert mit einer Form der Körperlichkeit, die in der modernen Unterhaltungsindustrie selten geworden war. Während das klassische Hollywood-Kino körperliche Risiken zunehmend durch Spezialeffekte ersetzte, stellte Jackass die physische Realität wieder in den Mittelpunkt. Jeder Sturz, jeder Zusammenprall und jede Verletzung war tatsächlich erfolgt. Gerade diese Unmittelbarkeit erzeugte jene eigentümliche Mischung aus Faszination und Unbehagen, die das Publikum weltweit anzog. Die Zuschauer wussten, dass sie keinem Trickfilm der digitalen Ära begegneten, sondern realen Konsequenzen körperlicher Entscheidungen. In dieser Hinsicht steht Jackass überraschend nahe an historischen Formen des Spektakels. Man kann Verbindungen zum Slapstick-Kino eines Buster Keaton oder Harold Lloyd erkennen, deren Kunst ebenfalls auf realen körperlichen Risiken beruhte. Ebenso lassen sich Parallelen zu Zirkuskunst, Vaudeville-Theater oder Performance-Art ziehen. Der entscheidende Unterschied bestand darin, dass Jackass diese Traditionen durch die Ästhetik der Skateboard- und Punkkultur neu interpretierte.

Johnny Knoxville und die Neuerfindung des Antihelden

Keine Figur verkörpert den Geist des Franchise stärker als Johnny Knoxville. Als Moderator, Initiator und Gesicht der Reihe entwickelte er eine Form des Antiheldentums, die sich fundamental von traditionellen Actionstars unterschied. Während klassische Helden Stärke, Kontrolle und Unverletzbarkeit demonstrieren, basiert Knoxvilles Persona auf Verletzlichkeit, Scheitern und Selbstironie. Er gewinnt nicht durch Überlegenheit, sondern durch seine Bereitschaft, Risiken einzugehen und die eigene Lächerlichkeit offenzulegen. Gerade hierin liegt eine der kulturell interessantesten Dimensionen von Jackass. Die Reihe unterläuft traditionelle Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit. Die Beteiligten präsentieren sich nicht als dominante Alphamänner, sondern als Menschen, die sich gegenseitig verspotten, scheitern und verletzlich zeigen. Hinter der oft grobschlächtigen Oberfläche verbirgt sich somit eine bemerkenswerte Dekonstruktion klassischer männlicher Rollenbilder.


© 2026 Paramount Pictures

Zwischen Kritik und Kultstatus

Von Beginn an war Jackass Gegenstand heftiger Kontroversen. Kritiker warfen dem Format vor, gefährliches Verhalten zu glorifizieren und insbesondere junge Zuschauer zu riskanten Nachahmungen zu verleiten. Elternverbände, Medienaufsichten und Politiker diskutierten wiederholt über Verantwortung und Grenzen der Unterhaltung. Diese Debatten waren keineswegs unbegründet. Gleichzeitig übersahen viele Kritiker einen wesentlichen Aspekt: Jackass funktionierte nicht primär als Anleitung, sondern als Spektakel der Übertreibung. Die Akteure inszenierten sich bewusst als Grenzgänger, deren Handlungen gerade deshalb faszinierend wirkten, weil sie außerhalb gesellschaftlicher Normalität lagen. Die Spannung zwischen Ablehnung und Faszination wurde zu einem zentralen Bestandteil des Erfolgs.

Die Kinofilme und die Expansion des Universums

Mit dem Wechsel auf die Kinoleinwand begann eine neue Phase des Franchise. Die Filme erweiterten das Konzept erheblich. Höhere Budgets ermöglichten aufwendigere Stunts, internationale Drehorte und technisch komplexere Inszenierungen. Gleichzeitig blieb der Kern unverändert: die Dynamik einer Gruppe von Freunden, die bereit war, für einen Lacher nahezu jede Form körperlicher Demütigung in Kauf zu nehmen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Filme trotz ihrer oft chaotischen Erscheinung eine erstaunlich präzise Dramaturgie besitzen. Sie funktionieren wie eine Serie sorgfältig komponierter Attraktionen, deren Wirkung aus Rhythmus, Überraschung und Eskalation entsteht. In gewisser Weise stehen sie damit in der Tradition früher Attraktionskinos, wie sie Filmhistoriker Tom Gunning beschrieben hat: Kino nicht primär als Erzählung, sondern als unmittelbares Ereignis.

Der Verlust und das Älterwerden

Zur Geschichte von Jackass gehört jedoch auch eine melancholische Dimension. Der Tod von Ryan Dunn im Jahr 2011 markierte einen tiefen Einschnitt für die Gruppe und ihre Anhängerschaft. Gleichzeitig machte das fortschreitende Alter der Beteiligten deutlich, dass die Zeit auch vor den Ikonen des Franchise nicht haltmacht. Spätere Produktionen entwickelten deshalb eine neue Tonlage. Neben den bekannten Stunts traten zunehmend Themen wie Freundschaft, Erinnerung und Vergänglichkeit in den Vordergrund. Die einstigen Rebellen wurden zu Veteranen ihrer eigenen Kulturgeschichte. Gerade diese Entwicklung verleiht der Dokumentation „Jackass 5: Einer geht noch“ besondere Relevanz.

Die popkulturelle Bedeutung von Jackass

Heute lässt sich der Einfluss von Jackass kaum überschätzen. Die Reihe prägte Generationen von Internetvideos, Reality-Formaten und Social-Media-Inhalten. Lange bevor Plattformen wie YouTube, TikTok oder Instagram existierten, etablierte Jackass eine Ästhetik spontaner Authentizität, die später zum Standard digitaler Unterhaltung werden sollte. Zahlreiche Influencer, Content-Creator und Online-Persönlichkeiten stehen bewusst oder unbewusst in dieser Tradition. Zugleich demonstrierte Jackass, dass populäre Kultur nicht zwangsläufig zwischen Hoch- und Massenkultur unterscheiden muss. Das Franchise wurde gleichermaßen Gegenstand akademischer Analysen und millionenfach konsumierter Unterhaltung. Kaum ein anderes Medienphänomen hat die Grenzen zwischen Subkultur und Mainstream so erfolgreich überschritten.

Eine Dokumentation als kulturelle Bestandsaufnahme

Auch ohne eine Vorab-Sichtung lässt sich festhalten, dass „Jackass 5: Einer geht noch“ zu einem günstigen Zeitpunkt erscheint. Das Franchise ist inzwischen alt genug geworden, um historisch betrachtet werden zu können. Die Dokumentation besitzt damit die Chance, nicht nur Erinnerungen an spektakuläre Stunts wachzurufen, sondern die kulturelle Bedeutung eines Phänomens sichtbar zu machen, das die Medienlandschaft nachhaltig verändert hat. Sie erscheint in einer Phase, in der die ersten Zuschauer der MTV-Serie längst erwachsen geworden sind und sich die Geschichte von Jackass zunehmend als Kapitel der Popkulturgeschichte lesen lässt.

Fazit

„Jackass 5: Einer geht noch“ markiert die Rückkehr eines Franchise, das über Jahrzehnte hinweg die Grenzen zwischen Unterhaltung, Performance und körperlichem Experiment neu definiert hat. Die Dokumentation bietet Anlass, auf ein Medienphänomen zurückzublicken, dessen Einfluss weit über spektakuläre Stunts hinausreicht. Jackass hat die Ästhetik digitaler Unterhaltung vorweggenommen, traditionelle Heldenbilder unterlaufen und eine einzigartige Form körperlicher Komik etabliert. Zum Kinostart am 25. Juni erscheint die Dokumentation daher nicht nur als nostalgischer Rückblick, sondern als Gelegenheit, die kulturelle Bedeutung eines der ungewöhnlichsten und einflussreichsten Franchises der modernen Popgeschichte neu zu bewerten. Denn hinter allen Explosionen, Stürzen und Schmerzen stand stets dieselbe Idee: Unterhaltung als radikale Form menschlicher Selbstinszenierung.


JACKASS: EINER GEHT NOCH

Start: 25.06.26 | FSK 16
R: Jeff Tremaine | D: Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O
USA 2026 | Paramount Pictures Germany


 


AGB | IMPRESSUM