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KINO | 22.07.2026

DREAMS - Gefährliches Verlangen

Mit „Dreams – Gefährliches Verlangen“ legt Michel Franco eine ebenso verstörende wie faszinierende Studie über Macht, Begehren und Klassenverhältnisse vor. Jessica Chastain trägt das Drama mit einer ebenso kontrollierten wie schmerzlich ambivalenten Darstellung, die jede moralische Eindeutigkeit verweigert. Zwischen Melodram, Sozialsatire und psychologischem Kammerspiel entlarvt der Film die Mechanismen liberaler Selbstinszenierung ebenso präzise wie die kolonialen Kontinuitäten kultureller Eliten.

von Franziska Keil


© TEOREMA 2025

Das Kino Michel Francos hat sich stets den komfortablen Gewissheiten verweigert. Seine Filme operieren in moralischen Grauzonen, in denen gesellschaftliche Privilegien, emotionale Abhängigkeiten und Gewalt unauflöslich ineinandergreifen. „Dreams – Gefährliches Verlangen“ setzt diese Auseinandersetzung konsequent fort und entwickelt sich zu einer der komplexesten Arbeiten des mexikanischen Regisseurs. Vordergründig erzählt der Film die Geschichte einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen einer wohlhabenden amerikanischen Kunstmäzenin und einem mexikanischen Tänzer. Tatsächlich interessiert sich Franco jedoch weit weniger für die Dynamik romantischer Liebe als für jene asymmetrischen Machtverhältnisse, die selbst dort fortbestehen, wo sich Beziehungen als Ausdruck persönlicher Freiheit inszenieren. Das Ergebnis ist ein kühles, hochkonzentriertes Drama, das psychologische Intimität mit einer scharfen Analyse ökonomischer und kultureller Herrschaft verbindet. Gerade aus feministischer Perspektive eröffnet „Dreams – Gefährliches Verlangen“ ein bemerkenswert vielschichtiges Spannungsfeld, weil der Film weder einfache Täter-Opfer-Konstellationen etabliert noch traditionelle Geschlechterrollen bestätigt.

Das Melodram als Anatomie von Macht

Michel Franco greift auf die Struktur des klassischen Melodrams zurück, dekonstruiert dessen emotionale Mechanismen jedoch konsequent. Die Beziehung zwischen Jennifer und Fernando folgt zunächst vertrauten Mustern einer grenzüberschreitenden Liebesgeschichte. Doch jede romantische Erwartung wird frühzeitig durch soziale Realität unterlaufen. Die Figuren begegnen sich niemals als Gleichgestellte. Zwischen ihnen stehen Nationalität, Vermögen, Sprache, Aufenthaltsstatus und kulturelles Kapital. Liebe wird dadurch nicht zum Gegenentwurf gesellschaftlicher Macht, sondern zu ihrem sichtbarsten Ausdruck. Filmwissenschaftlich lässt sich diese Konstellation als bewusste Revision des romantischen Narrativs verstehen. Während klassische Melodramen soziale Unterschiede häufig durch individuelle Hingabe überwinden lassen, zeigt Franco, dass ökonomische Ungleichheit intime Beziehungen strukturell durchdringt. Emotionale Nähe hebt Machtverhältnisse nicht auf, sondern macht sie oft erst sichtbar.

Jennifer als widersprüchliche Protagonistin

Jessica Chastain gestaltet Jennifer als eine Figur, die sich konsequent einfachen Zuschreibungen entzieht. Sie ist weder klassische Antagonistin noch tragische Heldin. Vielmehr verkörpert sie eine liberale Elite, deren Selbstverständnis von moralischer Verantwortung geprägt ist, deren Handeln jedoch unbewusst bestehende Herrschaftsverhältnisse reproduziert. Gerade hierin liegt die Raffinesse ihrer Figur. Jennifer engagiert sich für Kunstförderung, unterstützt kulturelle Projekte und versteht sich als weltoffene Kosmopolitin. Dennoch bleibt ihre Beziehung zu Mexiko von Distanz geprägt. Ihre Kommunikation mit Menschen aus jener Kultur, deren Kunst sie finanziert, erfolgt häufig vermittelt über technische Hilfsmittel oder institutionelle Strukturen. Die kulturelle Nähe, die sie zu verkörpern glaubt, bleibt letztlich oberflächlich. Aus feministischer Sicht ist diese Figurenzeichnung besonders interessant, weil Franco weibliche Macht weder romantisiert noch dämonisiert. Jennifer besitzt Handlungsmacht, ökonomische Autonomie und gesellschaftlichen Einfluss. Gleichzeitig bleibt sie Gefangene jener patriarchalen und kapitalistischen Systeme, die ihren privilegierten Status überhaupt erst ermöglichen.

Feministische Ambivalenz statt moralischer Eindeutigkeit

Gerade hierin unterscheidet sich „Dreams – Gefährliches Verlangen“ von zahlreichen zeitgenössischen Dramen über Geschlechterverhältnisse. Der Film interessiert sich nicht für die Umkehr traditioneller Machtkonstellationen, sondern für ihre Komplexität. Jennifer verfügt zwar über finanzielles Kapital und institutionelle Autorität. Fernando hingegen besitzt eine Form körperlicher und emotionaler Attraktivität, die das Machtgefüge immer wieder verschiebt. Seine Weigerung, sich vollständig in Jennifers Lebenswelt integrieren zu lassen, destabilisiert ihre Position nachhaltig. Diese Dynamik erinnert an feministische Theorien intersektionaler Machtverhältnisse. Geschlecht allein bestimmt hier weder Dominanz noch Unterordnung. Vielmehr überlagern sich Klasse, Herkunft, Migration, kulturelle Zugehörigkeit und ökonomischer Status in wechselnden Konfigurationen. Franco zeigt damit, dass Macht niemals monolithisch organisiert ist.


© TEOREMA 2025

Der Blick auf weibliches Begehren

Besonders bemerkenswert ist die Inszenierung weiblicher Sexualität. Das Begehren der Protagonistin erscheint weder als romantische Sehnsucht noch als moralischer Makel. Jennifer entwickelt eine Obsession, deren Intensität zunehmend ihre Selbstkontrolle untergräbt. Franco behandelt diese Entwicklung jedoch nicht voyeuristisch. Die Kamera verweilt selten auf erotisierten Körperbildern. Stattdessen konzentriert sie sich auf Gesichter, räumliche Distanzen und emotionale Verschiebungen. Sexualität erscheint als Ausdruck von Verletzlichkeit, Kontrollverlust und sozialer Projektion. Filmtheoretisch lässt sich dies als bewusste Umkehrung des klassischen Male Gaze verstehen. Jennifer wird nicht zum Objekt männlicher Betrachtung. Vielmehr untersucht der Film ihren eigenen Blick – und damit auch die kolonialen und klassenbezogenen Projektionen, die ihr Begehren strukturieren. Fernando wird nicht ausschließlich geliebt. Er wird zugleich imaginiert.

Kunstförderung als postkoloniale Machtausübung

Eine der schärfsten Analysen des Films richtet sich gegen den liberalen Kulturbetrieb. Die von Jennifers Familie finanzierte Kunstförderung erscheint zunächst als Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung. Schrittweise offenbart Franco jedoch deren paternalistische Dimension. Kunst wird zur Form symbolischer Kontrolle. Die kulturelle Förderung benachteiligter Gruppen erzeugt zugleich Abhängigkeiten, Hierarchien und Erwartungen. Künstlerinnen und Künstler bleiben Empfänger großzügiger Unterstützung, deren Bedingungen sie nicht selbst definieren. Hier entwickelt „Dreams – Gefährliches Verlangen“ eine bemerkenswert präzise postkoloniale Perspektive. Der Film fragt nicht, ob kulturelle Förderung legitim ist, sondern welche Machtstrukturen sich hinter scheinbar altruistischen Gesten verbergen. Besonders deutlich wird dies im Verhältnis zu mexikanischen Kunstschaffenden, deren soziale Herkunft beinahe zum ästhetischen Qualitätsmerkmal verklärt wird. Armut erscheint als Authentizitätsversprechen, kulturelle Differenz als konsumierbare Ressource. Franco entlarvt diesen Mechanismus mit bitterer Ironie. Auch die Raumgestaltung besitzt erhebliche erzählerische Bedeutung. Jennifer bewegt sich durch weitläufige Museen, Galerien und repräsentative Gebäude moderner Architektur. Diese Räume wirken offen und transparent, erzeugen zugleich jedoch emotionale Distanz. Fernando erscheint innerhalb dieser Umgebung fast körperlich deplatziert. Die Architektur visualisiert gesellschaftliche Exklusion, lange bevor sie ausgesprochen wird. Diese Form räumlicher Dramaturgie gehört zu den größten inszenatorischen Qualitäten des Films. Franco verzichtet auf demonstrative Symbolik und entwickelt stattdessen eine subtile Choreografie sozialer Zugehörigkeit.

Jessica Chastain und Isaac Hernández

Jessica Chastain trägt den Film mit einer außerordentlich kontrollierten Darstellung. Ihre Jennifer lebt von minimalen mimischen Veränderungen, kurzen Momenten emotionaler Irritation und einer permanent spürbaren inneren Spannung. Gerade weil Chastain große Ausbrüche vermeidet, gewinnt ihre Figur an psychologischer Komplexität. Isaac Hernández ergänzt diese Präsenz mit beeindruckender Natürlichkeit. Als professioneller Tänzer bringt er eine körperliche Ausdruckskraft mit, die weit über Dialoge hinausreicht. Fernando kommuniziert häufig über Haltung, Bewegung und Distanz. Zwischen beiden entsteht eine Chemie, die weniger romantisch als konflikthaft wirkt. Gerade diese Reibung verleiht dem Film seine eigentümliche Intensität. Michel Franco arbeitet erneut mit jener reduzierten Inszenierung, die sein Werk seit Jahren kennzeichnet. Lange Einstellungen, präzise Bildkompositionen und eine auffallend zurückhaltende Montage erzeugen eine Atmosphäre permanenter Spannung. Der Film entwickelt früh das Gefühl einer unvermeidlichen Eskalation. Bemerkenswert ist dabei, dass Franco weniger auf Überraschungen setzt als auf psychologische Konsequenz. Das Ende wirkt deshalb schockierend, obwohl seine Richtung lange erkennbar bleibt. Nicht das Ereignis selbst erschüttert. Es ist die Erkenntnis seiner Unvermeidlichkeit.

FAZIT

„Dreams – Gefährliches Verlangen“ ist ein ebenso kompromissloses wie faszinierendes Drama über Begehren, Klassenprivilegien und die Grenzen liberaler Selbstbilder. Michel Franco verbindet psychologische Präzision mit gesellschaftlicher Analyse und entwickelt daraus einen Film, der weit über die Geschichte einer obsessiven Liebesbeziehung hinausweist. Aus feministischer Perspektive überzeugt insbesondere die konsequente Ambivalenz seiner Figuren. Jennifer ist weder Opfer noch Täterin im klassischen Sinn, sondern eine Frau, deren Emanzipation untrennbar mit den ökonomischen und kulturellen Machtstrukturen ihrer sozialen Position verknüpft bleibt. Gerade dadurch verweigert der Film vereinfachende Lesarten und eröffnet einen differenzierten Blick auf weibliche Handlungsmacht innerhalb patriarchaler und postkolonialer Ordnungen. Mit Jessica Chastains herausragender Darstellung, der formalen Strenge seiner Inszenierung und seiner klugen Reflexion über Kunst, Kapital und Intimität gehört „Dreams – Gefährliches Verlangen“ zu den anspruchsvollsten Gegenwartsdramen der letzten Jahre. Es ist ein Film, der seine Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mit Antworten entlässt, sondern mit einer Vielzahl unbequemer Fragen – über Liebe, Macht und die oft unsichtbaren Hierarchien, die selbst dort fortbestehen, wo wir Freiheit und Gleichheit zu erkennen glauben.


DREAMS - GEFÄHRLICHES VERLANGEN

Start: 23.07.26 | FSK 16
R: Michel Franco | D: Jessica Chastain, Isaac Hernández, Rupert Friend
USA, Mexiko 2025 | Weltkino Filmverleih


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