FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


KINO | 15.07.2026

Was haben wir gelacht
Das Lachen als Widerstand

Humor ist niemals bloß Unterhaltung – er ist Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zugleich ein Instrument ihrer Infragestellung. „Was haben wir gelacht“ zeichnet die Geschichte weiblicher Comedy im deutschen Fernsehen als Geschichte kultureller Emanzipation nach. Die Dokumentation verbindet Mediengeschichte mit feministischer Gesellschaftsanalyse und eröffnet einen neuen Blick auf Jahrzehnte bundesdeutscher Unterhaltungskultur. So entsteht ein ebenso kluger wie bewegender Film über Frauen, die den Mut hatten, den öffentlichen Raum des Lachens neu zu besetzen.

von Richard-Heinrich Tarenz


© BASIS BERLIN Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz
Archiv: Radio Bremen, Nachtschwester Kroymann, 04.11.1994

Mit „Was haben wir gelacht“ gelingt den Regisseurinnen Eva Müller und Isabel Schneider weit mehr als eine historische Bestandsaufnahme weiblicher Unterhaltungs-kultur. Ihr Dokumentarfilm entwickelt sich vielmehr zu einer ebenso präzisen wie vielschichtigen Analyse der bundesdeutschen Mediengeschichte, in deren Zentrum die Frage steht, wer überhaupt das Recht besitzt, öffentlich zu sprechen, zu provozieren und – vielleicht am wichtigsten – über wen gelacht wird. Die Dokumentation versteht Humor nicht als harmloses Freizeitvergnügen, sondern als gesellschaftliche Praxis. Lachen erscheint hier als kultureller Code, der Macht verteilt, Hierarchien stabilisiert oder eben auch unterläuft. Gerade aus dieser Perspektive entfaltet der Film seine außerordentliche Relevanz. Er erzählt nicht lediglich die Geschichte erfolgreicher Komödiantinnen, sondern rekonstruiert die Bedingungen, unter denen Frauen den traditionell männlich dominierten Raum der Fernsehunterhaltung überhaupt erst betreten konnten.

Humor als patriarchale Ordnung

Die feministische Filmtheorie hat seit den Arbeiten von Denkerinnen wie Laura Mulvey immer wieder darauf hingewiesen, dass audiovisuelle Medien keineswegs neutrale Abbilder gesellschaftlicher Wirklichkeit darstellen. Vielmehr reproduzieren sie kulturelle Blickordnungen, Geschlechterrollen und Macht-verhältnisse. „Was haben wir gelacht“ überträgt dies Erkenntnis auf die Geschichte der deutschen Fernsehunterhaltung. Die klassische Samstag-abendshow erscheint nicht länger als nostalgischer Ort gemeinschaftlicher Unterhaltung, sondern als Bühne einer klar definierten Geschlechterordnung. Männer moderierten, kommentierten und bestimmten die Regeln des Humors; Frauen erschienen vielfach als dekorative Ergänzung oder als Zielscheibe komischer Mechanismen. Gerade darin liegt die eigentliche analytische Stärke des Films. Er verzichtet auf moralische Vereinfachungen und rekonstruiert stattdessen jene kulturellen Strukturen, innerhalb derer Sexismus über Jahrzehnte als Selbstverständlichkeit funktionierte. Humor wurde häufig genutzt, um gesellschaftliche Dominanzverhältnisse zu normalisieren. Wer sich ihnen widersetzte, riskierte, selbst zum Gegenstand des Gelächters zu werden.

Die Aneignung des komischen Raumes

Vor diesem Hintergrund erhalten die Karrieren von Hella von Sinnen, Maren Kroymann, Esther Schweins, Gaby Köster und Bettina Böttinger eine weit größere Bedeutung als bloße Erfolgsgeschichten einzelner Künstlerinnen. Die Dokumentation zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich diese Frauen auf vergleichbare strukturelle Herausforderungen reagierten. Jede entwickelte ihre eigene Form komischer Selbst-behauptung. Mal geschah dies über radikale Direktheit, mal über satirische Präzision, mal über bewusst volkstümliche Figuren oder subtile Ironie. Gemeinsam war ihnen jedoch der Umstand, dass sie einen öffentlichen Raum betraten, der lange Zeit nahezu ausschließlich von männlichen Stimmen geprägt worden war. Filmwissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei um einen Prozess kultureller Raumaneignung. Die Bühne wird nicht lediglich betreten; sie wird verändert. Weibliche Komik entwickelt eigene Perspektiven auf Körper, Sprache, Sexualität und gesellschaftliche Rollenbilder und erweitert dadurch das ästhetische Spektrum deutscher Fernsehunterhaltung grundlegend.

Die Montage als demokratischer Dialog

Eine besondere Qualität des Films liegt in seiner formalen Gestaltung. Eva Müller und Isabel Schneider verzichten bewusst auf einen autoritär erklärenden Dokumentarstil. Stattdessen entwickeln sie durch Montage einen vielstimmigen Dialog zwischen den Protagonistinnen. Die Gespräche entstehen weniger durch direkte Begegnungen als durch klug arrangierte Bildfolgen, Archivmaterial und ineinandergreifende Erinnerungen. Aussagen kommentieren einander, widersprechen sich gelegentlich oder vertiefen frühere Gedanken. Dadurch entsteht eine filmische Struktur, die selbst feministische Prinzipien verkörpert: Hier dominiert keine einzelne Stimme; vielmehr entwickelt sich Erkenntnis aus Vielstimmigkeit. Dieses Verfahren erinnert an dokumentarische Ansätze des essayistischen Kinos, bei denen Montage nicht lediglich Informationen ordnet, sondern eigenständiges Denken hervorbringt. Die Regisseurinnen vertrauen darauf, dass Bedeutung aus der Beziehung der Bilder entsteht – eine Entscheidung, die den Film intellektuell außerordentlich reizvoll macht.

Fernsehen als Spiegel gesellschaftlicher Macht

Besonders eindrucksvoll arbeitet die Dokumentation heraus, wie eng Fernsehgeschichte und gesellschaftliche Geschlechterordnung miteinander verbunden waren. Die großen Unterhaltungsshows der Bundesrepublik erscheinen im Rückblick nicht nur als populäre Fernsehformate, sondern als kulturelle Institutionen, in denen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit öffentlich verhandelt wurden. Charmant gemeinte Grenzüberschreitungen, körperliche Übergriffigkeiten oder scheinbar harmlose Herrenwitze werden dabei nicht nachträglich skandalisiert, sondern historisch eingeordnet. Gerade diese Differenzierung gehört zu den größten Qualitäten des Films. Er verzichtet auf vereinfachende Gegenwartsurteile und rekonstruiert stattdessen die kulturellen Bedingungen, unter denen bestimmte Verhaltensweisen jahrzehntelang gesellschaftliche Akzeptanz fanden. Dadurch wird sichtbar, wie sehr sich öffentliche Wahrnehmungen inzwischen verändert haben.


© BASIS BERLIN Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz

Feministische Komik als Form gesellschaftlicher Erkenntnis

Von besonderem Interesse ist die Analyse der Funktion des Humors selbst. Insbesondere Maren Kroymann verweist auf einen zentralen Mechanismus patriarchaler Kommunikation: Wer sexistische Witze kritisiert, wird häufig nicht argumentativ widerlegt, sondern als humorlos etikettiert. Die Dokumentation macht deutlich, dass Humor keineswegs außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse existiert. Vielmehr entscheidet sich gerade im Komischen, welche Stimmen ernst genommen werden und welche nicht. Aus feministischer Perspektive besitzt weibliche Comedy deshalb eine doppelte Funktion. Sie erzeugt Unterhaltung und gleichzeitig Erkenntnis. Sie macht Unsichtbares sichtbar, indem sie alltägliche Absurditäten überzeichnet und gesellschaftliche Routinen offenlegt. Das Lachen wird dadurch zu einer Form kultureller Kritik.

Generationen weiblicher Solidarität

Besonders bewegend sind jene Passagen, in denen die porträtierten Künstlerinnen über ihre persönlichen Vorbilder sprechen. Wiederholt wird deutlich, dass viele ihre ersten Erfahrungen weiblicher Selbstbehauptung innerhalb der eigenen Familie machten. Diese biografischen Erinnerungen erweitern den Film um eine weitere Dimension. Feminismus erscheint hier nicht ausschließlich als politische Bewegung, sondern ebenso als generationsübergreifende Weitergabe von Mut, Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit. Gerade dadurch gelingt der Dokumentation eine bemerkenswerte Balance zwischen struktureller Gesellschaftsanalyse und persönlicher Lebensgeschichte. Die individuellen Erfahrungen werden niemals isoliert erzählt, sondern stets als Teil größerer kultureller Entwicklungen verstanden.

Von der Ausnahme zur Normalität

Ein besonders kluger Gedanke durchzieht den gesamten Film: Für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer mag weibliche Comedy heute beinahe selbstverständlich erscheinen. Formate wie Ladies Night oder die Karrieren von Anke Engelke und Carolin Kebekus vermitteln den Eindruck, Frauen hätten im deutschen Fernsehen schon immer selbstverständlich komische Autorität besessen. Die Dokumentation erinnert daran, dass diese Selbstverständlichkeit das Ergebnis jahrzehntelanger kultureller Kämpfe ist. Jede Generation weiblicher Komikerinnen musste den öffentlichen Raum des Humors ein Stück weiter öffnen, bevor die nächste Generation ihn selbstverständlich betreten konnte. Gerade diese historische Perspektive macht „Was haben wir gelacht“ zu einem wichtigen Dokument deutscher Mediengeschichte.

Filmische Erinnerung als kulturelle Intervention

Die Dokumentation versteht sich letztlich auch als Akt kultureller Erinnerung. Sie bewahrt nicht nur einzelne Karrieren vor dem Vergessen, sondern rekonstruiert einen Teil bundesrepublikanischer Fernsehgeschichte aus einer Perspektive, die lange Zeit kaum Beachtung fand. Filmwissenschaftlich lässt sich dies als Revision eines tradierten Medienkanons lesen. Die Geschichte deutscher Unterhaltung wird nicht neu geschrieben, indem bekannte Figuren verdrängt werden, sondern indem bislang marginalisierte Perspektiven gleichberechtigt integriert werden. Gerade hierin liegt die nachhaltige kulturpolitische Bedeutung des Films.

FAZIT: Ein ebenso kluger wie notwendiger Dokumentarfilm

„Was haben wir gelacht“ ist weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Geschichte weiblicher Comedy. Eva Müller und Isabel Schneider gelingt eine außergewöhnlich differenzierte Verbindung aus Dokumentarfilm, Mediengeschichte und feministischer Kulturtheorie. Ihr Film zeigt eindrucksvoll, dass Humor niemals bloß Unterhaltung ist, sondern stets Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zugleich deren mögliches Korrektiv. Indem die Dokumentation die Lebens- und Arbeitswege ihrer Protagonistinnen mit den strukturellen Bedingungen deutscher Fernsehgeschichte verschränkt, entsteht ein Werk von großer analytischer Präzision und emotionaler Kraft. „Was haben wir gelacht“ erinnert daran, dass jede Pointe auch eine gesellschaftliche Position markieren kann – und dass das befreiende Lachen der Frauen im deutschen Fernsehen nicht selbstverständlich war, sondern über Jahrzehnte hinweg mutig erkämpft werden musste. Gerade deshalb gehört dieser Dokumentarfilm zu den wichtigsten filmischen Reflexionen über Geschlecht, Medien und Öffentlichkeit der jüngeren Zeit.


WAS HABEN WIR GELACHT

Start: 16.07.26 | FSK 12
R: Eva Müller, Isabel Schneider | Dokumentation
Deutschland 2026 | Port au Prince Pictures GmbH


AGB | IMPRESSUM