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KINO | 22.07.2026

TO MY SISTERS
Zeugenschaft, Solidarität und die
Rekonstruktion weiblicher Subjektivität

TO MY SISTERS ist weit mehr als eine Dokumentation über Krieg, Flucht und Terrorismus – der Film versteht sich als Archiv weiblicher Erinnerung und als filmischer Akt der Solidarität. Regisseur Mohamad Falak verbindet drei außergewöhnliche Biografien zu einer vielschichtigen Reflexion über Gewalt, Widerstand und die politischen Konsequenzen patriarchaler Herrschaftssysteme. Dabei entstehen Bilder von großer Intimität, die den dokumentarischen Blick nicht auf das Spektakuläre, sondern auf die Würde der Überlebenden richten.

von Franziska Keil


© CineGlobal

Es gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen des gegenwärtigen Dokumentarfilms, dass sich immer mehr Werke von einer journalistischen Chronologie bewaffneter Konflikte lösen und stattdessen jene individuellen Erfahrungsräume sichtbar machen, die in politischen und militärhistorischen Diskursen allzu häufig marginalisiert werden. TO MY SISTERS reiht sich in diese Bewegung ein, überschreitet sie jedoch zugleich, indem der Film Krieg nicht primär als geopolitisches Ereignis, sondern als tiefgreifende Intervention in weibliche Biografien begreift und damit eine Perspektive eröffnet, die gleichermaßen dokumentarisch, erinnerungspolitisch und feministischer Natur ist. Regisseur Mohamad Falak, der selbst aus Syrien stammt und nach Deutschland emigrierte, macht seine politische Haltung niemals zum Geheimnis. Bereits der Titel formuliert den Film als Geste der Verbundenheit mit Frauen, deren Lebenswege durch den sogenannten Islamischen Staat, den syrischen Bürgerkrieg und die fortdauernden Konflikte im Nahen Osten auf radikale Weise geprägt wurden. Dennoch erschöpft sich To My Sisters nicht in politischer Parteinahme. Vielmehr entwickelt der Film eine bemerkenswerte Sensibilität für die Komplexität weiblicher Erfahrung und entwirft ein vielschichtiges Panorama von Widerstand, Traumatisierung und Selbstbehauptung.

Dokumentarische Polyphonie statt exemplarischer Biografie

Anstatt sich ausschließlich auf eine Protagonistin zu konzentrieren, entscheidet sich Falak für eine tripartistische Erzählstruktur, die drei sehr unterschiedliche Frauen miteinander verschränkt, deren Biografien sich niemals unmittelbar kreuzen und dennoch durch dieselben historischen Gewaltverhältnisse miteinander verbunden sind. Diese alternierende Montage erzeugt eine Form dokumentarischer Polyphonie, bei der individuelle Erfahrungen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als unterschiedliche Manifestationen desselben politischen Systems lesbar werden. Die kurdische Kommandantin einer Frauenverteidigungseinheit, eine jesidische Überlebende jahrelanger Gefangenschaft und eine deutsche Frau, die infolge der Radikalisierung ihres Ehemannes in den Herrschaftsbereich des sogenannten Islamischen Staates geriet, verkörpern keine exemplarischen Figuren, sondern höchst unterschiedliche Positionen innerhalb desselben historischen Katastrophenraums. Gerade diese Entscheidung verhindert eine Vereinfachung komplexer Realitäten. Der Film interessiert sich nicht für eindeutige Identitätszuschreibungen, sondern für die Widersprüchlichkeit individueller Lebenswege.

Feministische Zeugenschaft

Aus feministischer Perspektive liegt die größte Stärke des Films in seiner konsequenten Zentrierung weiblicher Erfahrungsräume. Kriege werden in audiovisuellen Medien traditionell durch männliche Akteure erzählt – durch Generäle, Politiker, Soldaten oder militärische Strategen. Frauen erscheinen oftmals lediglich als Opfer oder Angehörige. TO MY SISTERS verschiebt diese Perspektive grundlegend. Die Frauen sind hier nicht Objekte historischer Ereignisse, sondern deren Erzählerinnen. Besonders eindrucksvoll gelingt dies durch den Umgang mit Zeugenschaft. Die Kamera zwingt ihre Protagonistinnen niemals zur Selbstoffenbarung, sondern entwickelt Schritt für Schritt einen Raum des Vertrauens, innerhalb dessen Erinnerungen ausgesprochen werden können. Gerade die Entscheidung, zwei der Frauen zunächst ausschließlich über ihre Stimme sprechen zu lassen, bevor sie später direkt in die Kamera blicken, besitzt erhebliche filmästhetische Konsequenzen. Die anfängliche Trennung von Stimme und Blick erzeugt eine produktive Distanz, welche die Erinnerung zunächst als inneren Raum erfahrbar macht. Erst mit der allmählichen Sichtbarkeit der Sprecherinnen transformiert sich die Erzählung zur unmittelbaren Begegnung. Filmwissenschaftlich lässt sich diese Entwicklung als bewusste Wiederaneignung visueller Subjektivität verstehen. Die Frauen werden nicht betrachtet. Sie beginnen selbst zurückzublicken.

Der dokumentarische Blick jenseits des Voyeurismus

Besonders bemerkenswert erscheint Falaks Umgang mit sexualisierter Gewalt. Die Geschichte der jesidischen Protagonistin gehört zu den erschütterndsten Elementen des Films. Dennoch verweigert sich die Inszenierung konsequent jeder Form dokumentarischer Sensationalisierung. Der Film zeigt keine rekonstruierenden Bilder. Er illustriert das Unsagbare nicht. Die Gewalt bleibt in den Worten der Überlebenden aufgehoben. Gerade dadurch entsteht eine ethisch verantwortungsvolle Form dokumentarischer Repräsentation. Falak respektiert die Integrität seiner Gesprächspartnerinnen und vermeidet jene Ästhetisierung traumatischer Erfahrungen, die Susan Sontag oder Judith Butler in ihren Analysen medialer Gewaltbilder kritisch beschrieben haben. Das Trauma erscheint nicht als Spektakel. Es bleibt Erfahrung.


© CineGlobal

Weiblicher Widerstand als politische Praxis

Bemerkenswert ist zugleich die Darstellung der kurdischen Kämpferinnen. Das Kino hat bewaffnete Frauen häufig zwischen zwei Polen inszeniert: als exotisierte Amazonen oder als maskulinisierte Ausnahmefiguren. TO MY SISTERS verweigert beide Lesarten. Berxwedan erscheint weder als martialische Heldin noch als romantisierte Ikone des Widerstands. Die Kamera beobachtet sie ebenso bei militärischen Aufgaben wie in Momenten gemeinschaftlicher Ruhe, des Tanzes oder Gesangs. Gerade diese Szenen gehören zu den poetischsten des Films. Sie erinnern daran, dass selbst innerhalb permanenter Bedrohung kulturelle Praxis, Gemeinschaft und Lebensfreude fortbestehen können. Aus feministischer Perspektive besitzt dies erhebliche Bedeutung. Der Film reduziert weibliche Handlungsmacht nicht auf militärische Stärke. Widerstand manifestiert sich ebenso in Fürsorge, Solidarität, Erinnerung und kultureller Kontinuität.

Die Ambivalenz von Schuld und Verantwortung

Eine besondere Komplexität erhält der Film durch die Figur Zakias. Ihre Geschichte verweigert sich einfachen moralischen Kategorien. Anders als die beiden anderen Frauen erscheint sie nicht ausschließlich als Opfer terroristischer Gewalt. Ihre Biografie ist untrennbar mit den Entscheidungen ihres radikalisierten Ehemannes und ihrer eigenen Verstrickung in dessen Lebenswelt verbunden. Gerade diese Ambivalenz verleiht TO MY SISTERS dokumentarische Glaubwürdigkeit. Falak verzichtet auf moralische Simplifizierungen. Die Kamera hört zu. Sie verurteilt nicht. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Verantwortung, Reue und Hoffnung nebeneinander existieren können. Formal bewegt sich TO MY SISTERS zwischen beobachtendem Dokumentarfilm und essayistischer Geschichts-erzählung. Die ausführlichen Schrifteinblendungen übernehmen dabei eine doppelte Funktion. Einerseits liefern sie unverzichtbare historische Orientierung innerhalb eines hochkomplexen politischen Konflikts. Andererseits unterbrechen sie gelegentlich den emotionalen Fluss der Erzählung. Hier zeigt sich zugleich die größte formale Schwäche des Films. Manche Informationen hätten sich möglicherweise eleganter innerhalb der Montage oder über Gespräche vermitteln lassen. Dennoch überwiegt der Eindruck einer sorgfältig komponierten dokumentarischen Struktur, die politische Analyse und persönliche Erinnerung überzeugend miteinander verbindet.

Schwesterlichkeit als transnationale Kategorie

Der Titel TO MY SISTERS besitzt schließlich eine weitreichende feministische Dimension. Schwesternschaft bezeichnet hier keine biologische Verwandtschaft. Sie beschreibt eine politische Solidarität. Die drei Frauen stammen aus unterschiedlichen kulturellen, religiösen und sozialen Zusammenhängen. Dennoch verbindet sie die Erfahrung patriarchaler Gewalt ebenso wie der Wille, ihre Geschichte selbst zu erzählen. Damit knüpft der Film an Konzepte transnationaler feministischer Theorie an, welche weibliche Solidarität nicht aus kultureller Homogenität, sondern aus gemeinsamen Erfahrungen struktureller Unterdrückung entwickeln. Gerade hierin liegt die eigentliche Universalität des Films. Er erzählt keine ausschließlich syrische Geschichte. Er erzählt von den globalen Folgen ideologischer Gewalt gegen Frauen. Bemerkenswert ist schließlich der Blick in die Gegenwart. Der Film verweigert die beruhigende Vorstellung eines abgeschlossenen historischen Kapitels. Vielmehr macht er deutlich, dass militärische Niederlagen extremistischer Organisationen keineswegs das Ende ihrer Ideologien bedeuten. Die Erfahrungen seiner Protagonistinnen bleiben deshalb nicht bloße Vergangenheit, sondern besitzen unmittelbare politische Relevanz für gegenwärtige Debatten über Sicherheit, Flucht, Radikalisierung und internationale Verantwortung. Gerade diese Verbindung individueller Erinnerung mit gegenwärtiger Politik verleiht TO MY SISTERS seine nachhaltige gesellschaftliche Bedeutung.

FAZIT

TO MY SISTERS gehört zu jenen seltenen Dokumentarfilmen, denen es gelingt, politische Analyse und persönliche Erfahrung in ein außergewöhnlich sensibles Gleichgewicht zu bringen. Faek Falak entwickelt kein Panorama militärischer Ereignisse, sondern eine eindringliche Studie weiblicher Zeugenschaft, deren Kraft gerade aus der Ruhe und dem Respekt ihrer filmischen Form erwächst. Aus feministischer Perspektive überzeugt der Film insbesondere durch seine konsequente Zentrierung weiblicher Subjektivität. Die Protagonistinnen erscheinen weder als bloße Opfer noch als heroisierte Symbolfiguren, sondern als komplexe Individuen, deren Erfahrungen von Widerstand, Trauma, Ambivalenz und Hoffnung gleichermaßen geprägt sind. So wird TO MY SISTERS zu weit mehr als einer Dokumentation über den Krieg in Syrien oder den Terror des sogenannten Islamischen Staates. Der Film entwickelt sich zu einem eindringlichen Erinnerungsraum, in dem weibliche Stimmen historische Deutungshoheit zurückgewinnen und zugleich ein kraftvolles Plädoyer für Solidarität, Menschenwürde und die politische Bedeutung des Zuhörens formulieren.


TO MY SISTERS

Start: 23.07.26 | FSK 12
R: Faek Falak | Dokumentation
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