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KINO | 22.07.2026

Chéri, ich komme!
Die Erfindung der Lust

„Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ verwandelt ein ungewöhnliches Kapitel jüngerer Technikgeschichte in eine ebenso charmante wie kluge Beziehungskomödie. Reem Kherici nutzt den weiblichen Orgasmus nicht als Anlass für derbe Pointen, sondern als Ausgangspunkt einer Reflexion über Intimität, Kommunikation und geschlechtsspezifische Tabus. Dabei verbindet der Film feministische Fragestellungen mit leichtfüßigem Humor und einer bemerkenswert unaufgeregten Humanität.

von Richard-Heinrich Tarenz


© NEUE VISIONEN

Das populäre Kino hat sich über Jahrzehnte auffallend schwer damit getan, weibliche Sexualität als eigenständige Erfahrungswelt zu erzählen. Während männliches Begehren meist als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, erschien weibliche Lust häufig entweder als romantische Projektionsfläche oder als Gegenstand voyeuristischer Inszenierungen. Selbst Komödien, die sich offen mit Sexualität beschäftigten, reproduzierten oftmals stereotype Geschlechterbilder oder verlegten sich auf kalkulierte Peinlichkeiten. Reem Khericis „Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ schlägt einen anderen Weg ein. Inspiriert von der Entstehungsgeschichte eines innovativen Produkts zur sexuellen Selbstbestimmung von Frauen, interessiert sich der Film erstaunlich wenig für Provokation. Stattdessen entwickelt er eine warmherzige Beziehungskomödie, deren eigentliche Fragestellung lautet, warum Menschen selbst in langjährigen Partnerschaften oft unfähig sind, über ihre intimsten Bedürfnisse zu sprechen. Gerade diese Perspektivverschiebung macht den Film weit interessanter, als sein plakativ formulierter deutscher Titel zunächst vermuten lässt.

Der weibliche Orgasmus als erzählerisches Tabu

Filmwissenschaftlich bewegt sich „Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ an einer bemerkenswerten Schnittstelle zwischen romantischer Komödie, Körperpolitik und Alltagsrealismus. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis einer Frau, dass sie trotz einer über Jahrzehnte glücklichen Ehe niemals einen Orgasmus erlebt hat. Bemerkenswert ist weniger diese Offenbarung selbst als ihre erzählerische Behandlung. Reem Kherici vermeidet konsequent jede Skandalisierung. Die sexuelle Erfahrung ihrer Protagonistin wird weder pathologisiert noch moralisch bewertet. Vielmehr erscheint sie als Symptom einer Kommunikationskultur, in der weibliche Lust häufig implizit vorausgesetzt, aber selten tatsächlich thematisiert wird. Damit verweist der Film auf einen zentralen Befund feministischer Sexualitätsforschung: Die kulturelle Unsichtbarkeit weiblicher sexueller Bedürfnisse resultiert weniger aus biologischen Voraussetzungen als aus gesellschaftlich tradierten Diskursen, in denen männliches Begehren historisch den normativen Referenzpunkt bildet. Chéri, ich komme! übersetzt diese Erkenntnis in eine zugängliche Komödienform, ohne ihren analytischen Kern zu verlieren.

Beziehung statt Objekt

Eine der größten Qualitäten des Films besteht darin, dass das titelgebende technische Hilfsmittel niemals zum eigentlichen Protagonisten wird. Die Erfindung fungiert vielmehr als Katalysator einer Beziehung. Der Film erzählt nicht die Erfolgsgeschichte eines Produkts, sondern die Geschichte zweier Menschen, die lernen, ihre jahrzehntelang eingeübten Kommunikationsmuster zu hinterfragen. Gerade hierin unterscheidet sich Khericis Inszenierung von zahlreichen romantischen Komödien, deren Konflikte häufig auf Missverständnissen beruhen. Das zentrale Problem von Fanny und Tom ist kein Mangel an Liebe, sondern ein Mangel an sprachlicher Offenheit. Ihre Ehe ist geprägt von Vertrauen und Zuneigung – jedoch nicht von vollständiger Transparenz. Die narrative Konsequenz ist bemerkenswert: Nicht die Krise bedroht die Beziehung, sondern das Schweigen.

Feministische Perspektiven auf Fürsorge und Partnerschaft

Aus feministischer Sicht entwickelt der Film ein differenziertes Verständnis partnerschaftlicher Dynamiken. Zunächst scheint die Handlung einem klassischen Muster zu folgen: Ein Mann entwickelt eine technische Lösung für das Problem seiner Ehefrau. Oberflächlich betrachtet könnte dies als Fortschreibung patriarchaler Rollenbilder gelesen werden, in denen männliche Rationalität weibliche Körperlichkeit zu optimieren versucht. Bei genauerer Betrachtung unterläuft der Film diese Lesart jedoch. Tom eignet sich Fannys Erfahrung nicht an. Er spricht weder für sie noch definiert er ihre Bedürfnisse. Vielmehr reagiert er auf einen Impuls, den Fanny selbst formuliert. Seine Erfindung entsteht nicht aus Kontrollbedürfnis, sondern aus Empathie. Der Film erzählt damit eine Form partnerschaftlicher Solidarität, in der technisches Wissen und emotionale Fürsorge keine Gegensätze bilden. Zugleich bleibt Fanny die eigentliche Erzählinstanz ihres Begehrens. Sie testet, hinterfragt, scheitert und entscheidet selbst. Ihre sexuelle Selbstbestimmung wird nicht delegiert, sondern ausdrücklich gestärkt.


© NEUE VISIONEN

Komik als Mittel der Enttabuisierung

Die Komödie besitzt hier eine klar erkennbare gesellschaftliche Funktion. Lachen entsteht nicht auf Kosten weiblicher Sexualität, sondern gegen die kulturellen Hemmungen, über sie zu sprechen. Die humorvollen Situationen entwickeln sich überwiegend aus den Figuren selbst und ihren unterschiedlichen Strategien, mit ungewohnten Herausforderungen umzugehen. Ob therapeutische Übungen ungewollt zum Familienereignis werden oder improvisierte technische Experimente eine alltägliche Situation in burleske Körperkomik verwandeln – stets bleibt der Humor an die Charaktere gebunden. Gerade dadurch vermeidet der Film die Vulgarität, die vergleichbare Stoffe häufig kennzeichnet. Die Komik dient hier der Entdramatisierung eines gesellschaftlichen Tabus. In diesem Zusammenhang erinnert Khericis Inszenierung an die französische Tradition der comédie de mœurs, in der soziale Normen durch Humor sichtbar gemacht und zugleich hinterfragt werden.

Alexandra Lamy als emanzipierte Protagonistin

Den emotionalen Mittelpunkt bildet Alexandra Lamy, deren Darstellung wesentlich zum Gelingen des Films beiträgt. Ihre Fanny besitzt weder den naiven Charme klassischer Rom-Com-Heldinnen noch die überzeichnete Exzentrik moderner Komödienfiguren. Stattdessen entsteht eine glaubwürdige Frau mittleren Alters, deren Selbstironie ebenso präsent ist wie ihre Verletzlichkeit. Bemerkenswert ist Lamys kontrollierte Spielweise. Kleine mimische Veränderungen, kurze Pausen und präzise gesetzte Blicke vermitteln häufig mehr über Fannys innere Entwicklung als längere Dialoge. Gerade diese Zurückhaltung verhindert jede melodramatische Überhöhung. François Cluzet ergänzt sie mit jener sympathischen Mischung aus Beharrlichkeit, Erfindergeist und Unsicherheit, die seine Figuren seit Jahren auszeichnet. Sein Tom besitzt zwar den Drang, Probleme praktisch lösen zu wollen, bleibt dabei jedoch offen für die Bedürfnisse seiner Frau. Die Chemie zwischen beiden Darstellenden bildet das eigentliche Fundament des Films.

Körperpolitik ohne Voyeurismus

Bemerkenswert ist außerdem der visuelle Umgang mit Sexualität. Kherici entscheidet sich bewusst gegen eine objektivierende Bildsprache. Die Kamera verweilt weder auf erotisierten Körpern noch sucht sie voyeuristische Perspektiven. Sexualität erscheint als Bestandteil alltäglicher Intimität und nicht als Spektakel. Filmwissenschaftlich lässt sich diese Inszenierung als Annäherung an den von der Filmtheoretikerin Laura Mulvey kritisch beschriebenen Male Gaze lesen – allerdings gerade durch dessen bewusste Vermeidung. Die Kamera interessiert sich weniger für die Sichtbarkeit weiblicher Körper als für deren subjektive Erfahrungsdimension. Die Lust der Protagonistin wird nicht gezeigt, sondern erzählt. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom Körper als Objekt zur Erfahrung als subjektiver Wirklichkeit.

Zwischen feministischer Utopie und klassischer Romantik

Gleichzeitig bleibt „Chéri, ich komme!“ ein Film, der seine emanzipatorischen Impulse innerhalb vertrauter Genrekonventionen entwickelt. Er verzichtet bewusst auf grundsätzliche Kritik an Institutionen wie Ehe oder romantischer Liebe. Vielmehr versteht er Partnerschaft als offenen Prozess gegenseitigen Lernens. Diese Haltung mag aus radikal-feministischer Perspektive zurückhaltend erscheinen. Dennoch besitzt sie ihre eigene politische Qualität. Der Film behauptet nicht, dass weibliche Selbstbestimmung gegen romantische Beziehungen verwirklicht werden müsse. Stattdessen entwickelt er das Gegenmodell einer Partnerschaft, in der Kommunikation, Respekt und gegenseitige Unterstützung zur Grundlage sexueller Erfüllung werden. Gerade diese positive Vision unterscheidet ihn von zahlreichen zeitgenössischen Beziehungskomödien.

Dramaturgische Grenzen

Nicht sämtliche erzählerischen Elemente erreichen dieselbe Überzeugungskraft. Einige Nebenhandlungen wirken funktional und bleiben gegenüber dem zentralen Beziehungskonflikt deutlich unterentwickelt. Insbesondere die jüngere Generation erhält vergleichsweise wenig Gelegenheit, eigene Perspektiven zu entfalten. Auch einzelne komödiantische Episoden folgen vertrauten Mustern des französischen Mainstreamkinos und verlieren dadurch etwas an Originalität. Diese Schwächen beeinträchtigen jedoch kaum den Gesamteindruck, weil der Film seine emotionale Konzentration nie verliert.

FAZIT

„Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ erweist sich als überraschend kluge Beziehungskomödie, deren eigentliche Qualität weit über ihr scheinbar provokantes Sujet hinausreicht. Reem Kherici gelingt ein Film, der weibliche Sexualität weder mystifiziert noch trivialisert, sondern als selbstverständlichen Bestandteil partnerschaftlicher Kommunikation begreift. Statt antagonistische Geschlechterbilder zu reproduzieren, entwirft der Film eine partnerschaftliche Utopie gegenseitiger Fürsorge, in der technischer Einfallsreichtum, emotionale Offenheit und sexuelle Selbstbestimmung einander ergänzen. Gerade in seiner Leichtigkeit liegt die eigentliche Stärke des Films. Wo viele Werke über Sexualität entweder pädagogisch belehren oder kalkuliert provozieren wollen, vertraut „Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust“ auf Humor, Empathie und die Intelligenz seines Publikums.


CHÉRI, ICH KOMME! - DIE ERFINDUNG DER LUST

Start: 23.07.26 | FSK 12
R: Reem Kherici | D: Alexandra Lamy, François Cluzet
Frankreich 2026 | Neue Visionen


 

 

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