Komik als Mittel der Enttabuisierung
Die Komödie besitzt hier eine klar erkennbare
gesellschaftliche Funktion. Lachen entsteht nicht auf Kosten weiblicher
Sexualität, sondern gegen die kulturellen Hemmungen, über
sie zu sprechen. Die humorvollen Situationen entwickeln sich überwiegend
aus den Figuren selbst und ihren unterschiedlichen Strategien, mit
ungewohnten Herausforderungen umzugehen. Ob therapeutische Übungen
ungewollt zum Familienereignis werden oder improvisierte technische
Experimente eine alltägliche Situation in burleske Körperkomik
verwandeln – stets bleibt der Humor an die Charaktere gebunden.
Gerade dadurch vermeidet der Film die Vulgarität, die vergleichbare
Stoffe häufig kennzeichnet. Die Komik dient hier der Entdramatisierung
eines gesellschaftlichen Tabus. In diesem Zusammenhang erinnert Khericis
Inszenierung an die französische Tradition der comédie
de mœurs, in der soziale Normen durch Humor sichtbar gemacht
und zugleich hinterfragt werden.
Alexandra Lamy als emanzipierte
Protagonistin
Den emotionalen Mittelpunkt bildet Alexandra
Lamy, deren Darstellung wesentlich zum Gelingen des Films beiträgt.
Ihre Fanny besitzt weder den naiven Charme klassischer Rom-Com-Heldinnen
noch die überzeichnete Exzentrik moderner Komödienfiguren.
Stattdessen entsteht eine glaubwürdige Frau mittleren Alters,
deren Selbstironie ebenso präsent ist wie ihre Verletzlichkeit.
Bemerkenswert ist Lamys kontrollierte Spielweise. Kleine mimische
Veränderungen, kurze Pausen und präzise gesetzte Blicke
vermitteln häufig mehr über Fannys innere Entwicklung als
längere Dialoge. Gerade diese Zurückhaltung verhindert jede
melodramatische Überhöhung. François Cluzet ergänzt
sie mit jener sympathischen Mischung aus Beharrlichkeit, Erfindergeist
und Unsicherheit, die seine Figuren seit Jahren auszeichnet. Sein
Tom besitzt zwar den Drang, Probleme praktisch lösen zu wollen,
bleibt dabei jedoch offen für die Bedürfnisse seiner Frau.
Die Chemie zwischen beiden Darstellenden bildet das eigentliche Fundament
des Films.
Körperpolitik ohne
Voyeurismus
Bemerkenswert ist außerdem der visuelle
Umgang mit Sexualität. Kherici entscheidet sich bewusst gegen
eine objektivierende Bildsprache. Die Kamera verweilt weder auf erotisierten
Körpern noch sucht sie voyeuristische Perspektiven. Sexualität
erscheint als Bestandteil alltäglicher Intimität und nicht
als Spektakel. Filmwissenschaftlich lässt sich diese Inszenierung
als Annäherung an den von der Filmtheoretikerin Laura Mulvey
kritisch beschriebenen Male Gaze lesen – allerdings gerade durch
dessen bewusste Vermeidung. Die Kamera interessiert sich weniger für
die Sichtbarkeit weiblicher Körper als für deren subjektive
Erfahrungsdimension. Die Lust der Protagonistin wird nicht gezeigt,
sondern erzählt. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom Körper
als Objekt zur Erfahrung als subjektiver Wirklichkeit.
Zwischen feministischer
Utopie und klassischer Romantik
Gleichzeitig bleibt „Chéri, ich
komme!“ ein Film, der seine emanzipatorischen Impulse innerhalb
vertrauter Genrekonventionen entwickelt. Er verzichtet bewusst auf
grundsätzliche Kritik an Institutionen wie Ehe oder romantischer
Liebe. Vielmehr versteht er Partnerschaft als offenen Prozess gegenseitigen
Lernens. Diese Haltung mag aus radikal-feministischer Perspektive
zurückhaltend erscheinen. Dennoch besitzt sie ihre eigene politische
Qualität. Der Film behauptet nicht, dass weibliche Selbstbestimmung
gegen romantische Beziehungen verwirklicht werden müsse. Stattdessen
entwickelt er das Gegenmodell einer Partnerschaft, in der Kommunikation,
Respekt und gegenseitige Unterstützung zur Grundlage sexueller
Erfüllung werden. Gerade diese positive Vision unterscheidet
ihn von zahlreichen zeitgenössischen Beziehungskomödien.
Dramaturgische Grenzen
Nicht sämtliche erzählerischen Elemente
erreichen dieselbe Überzeugungskraft. Einige Nebenhandlungen
wirken funktional und bleiben gegenüber dem zentralen Beziehungskonflikt
deutlich unterentwickelt. Insbesondere die jüngere Generation
erhält vergleichsweise wenig Gelegenheit, eigene Perspektiven
zu entfalten. Auch einzelne komödiantische Episoden folgen vertrauten
Mustern des französischen Mainstreamkinos und verlieren dadurch
etwas an Originalität. Diese Schwächen beeinträchtigen
jedoch kaum den Gesamteindruck, weil der Film seine emotionale Konzentration
nie verliert.
FAZIT
„Chéri, ich komme! – Die
Erfindung der Lust“ erweist sich als überraschend kluge
Beziehungskomödie, deren eigentliche Qualität weit über
ihr scheinbar provokantes Sujet hinausreicht. Reem Kherici gelingt
ein Film, der weibliche Sexualität weder mystifiziert noch trivialisert,
sondern als selbstverständlichen Bestandteil partnerschaftlicher
Kommunikation begreift. Statt antagonistische Geschlechterbilder zu
reproduzieren, entwirft der Film eine partnerschaftliche Utopie gegenseitiger
Fürsorge, in der technischer Einfallsreichtum, emotionale Offenheit
und sexuelle Selbstbestimmung einander ergänzen. Gerade in seiner
Leichtigkeit liegt die eigentliche Stärke des Films. Wo viele
Werke über Sexualität entweder pädagogisch belehren
oder kalkuliert provozieren wollen, vertraut „Chéri,
ich komme! – Die Erfindung der Lust“ auf Humor, Empathie
und die Intelligenz seines Publikums.